Die Hölle der Mrs. Rochester

Jean Rhys: Die weite Sargassosee

Dieser einzigartige Klassiker, den ich euch heute vorstellen möchte, hat meine Sicht auf einen meiner Lieblingsromane des Viktorianismus – Jane Eyre von Charlotte Brontë – grundlegend verändert, denn bis dato zählte der düstere Protagonist mit der romantischen Seele, Edward Rochester, in den Jane Eyre sich hoffnungslos verliebt, zu meinen favorisierten literarischen Anti-Helden. Charlotte Brontë zeichnete ihn als einsamen, verbitterten Mann, der seine wahnsinnige Frau Bertha auf dem Dachboden seines Herrenhauses Thornfield Hall vor aller Welt versteckt hält, um sie vor sich selbst zu beschützen. Bertha, die aus der Karibik stammt, beschreibt Brontë als völlig außer Kontrolle geratene, gewalttätige Frau, die Rochester das Leben zur Hölle macht.  Mehr erfährt der Leser über diese mysteriöse Frau nicht.

Die tragische Geschichte der Mrs. Rochester

In ihrem großartigen Roman Die weite Sargassosee gibt Jean Rhys Rochesters wahnsinniger Frau, der „Mad Woman in the Attic“1, eine Stimme und erzählt ihre tragische Lebensgeschichte, die sowohl Bertha als auch Rochester in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Als ich den Roman das erste Mal las, war ich von Jean Rhys‘ literarischer Ausdruckskraft begeistert: Sie ist eine geniale Erzählerin, die diese Vorgeschichte von Jane Eyre so brillant konzipiert hat, dass man als Leser das Gefühl hat, die beiden Romane seien parallel zueinander entstanden, obwohl dies nicht der Fall ist (Jane Eyre wurde 1847 veröffentlicht, Wide Sargasso Sea 1966).

Traumatisiertes Kind und willensstarke Heranwachsende

Der Bewußtseinsroman, der im Jamaika des 19. Jahrhunderts und in England spielt, besteht aus drei Teilen: Teil 1 entfaltet sich auf Coulibri, einer einst glanzvollen, aber nun heruntergekommenen Plantage auf Jamaika. Die Protagonistin Antoinette Cosway (so lautet der richtige Name von Bertha, Rochester hatte ihr diesen weniger wohlklingenden Namen gegeben, weil ihm Antoinette nicht gefiel) erzählt von tragischen und unglücklichen Ereignissen ihrer Kindheit und Jugend, die von der Krankheit ihres kleinen Bruders und der mentalen Instabilität ihrer Mutter geprägt waren. Darüber hinaus fühlt sich Antoinettes Familie von der wachsenden Feindseligkeit der Schwarzen, die nach der Abschaffung der Sklaverei zu Recht aufbegehren, mehr und mehr bedroht, bis schließlich eine Katastrophe über sie hereinbricht, nach der nichts mehr so ist wie es war.

Die fremde karibische Ehefrau

In Teil 2 lässt Rhys die Leser abwechselnd in Rochesters, dessen Namen Rhys nie erwähnt, und Antoinettes Gedankenwelt eintauchen. Beide berichten von ihren unterschiedlichen Eindrücken ihrer Hochzeitsreise nach Granbois/Dominica. Für Rochester war es keine Liebesheirat, und er gibt zu, dass seine Frau für ihn eine Fremde ist, deren Ansichten und Umfeld er nicht versteht. Für ihn ist sie ein „Produkt“ der Karibik, das absolut unenglisch ist und mit dem er nicht das Geringste gemeinsam hat. Als er dann auch noch einen Brief erhält, in dem Antoinette und ihre Mutter auf das Übelste diffamiert werden, steht seine Meinung fest: Er muss diese ungezähmte Wilde, deren Sinnlichkeit ihm unheimlich ist, in ihre Schranken weisen. Doch Antoinette, die sich in Rochester verliebt hat, ist nicht gewillt, so schnell aufzugeben. Sie bittet ihre alte Nanny Christophine, die Vodoo praktiziert und Antoinettes Ehemann verabscheut, ihm ein Mittel unterzumischen, das ihn in leidenschaftlicher Liebe zu ihr entbrennen lässt. Doch ihr Plan geht schief und Rochester setzt alles daran, um seine Frau endgültig zu brechen.

Die Gefangene

Teil 3 ist der kürzeste und für mich berührendste Teil des Romans, der besonders unter die Haut geht. Rhys lässt uns in Antoinettes Bewußtseinsstrom eintauchen, die von Rochester nach England gebracht wurde und nun in einem geheimen kalten Dachzimmer auf seinem englischen Landsitz vor sich hin vegetiert. Erinnerungsfetzen an die besonderen Blumendüfte, das Meer, die Wärme und die wunderbaren Farben der Karibik vermischen sich mit abgrundtiefer Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Doch ein Funke Rebellion in ihr ist geblieben:  Immer wenn ihre strenge Aufpasserin, die Dienstmagd Grace Poole, schläft, verlässt sie ihr Gefängnis und erkundet das Haus, obwohl sie weiß, dass es für sie kein Entkommen gibt. Und so entschließt sie sich letztendlich, den einzigen Ausweg auf Selbstbestimmung zu wählen, der ihr geblieben ist..

Ein Meisterwerk von berührender psychologischer Tiefe

Dieser Roman ist ein großartiges Psychogramm einer Frau des 19. Jahrhunderts, deren innere Zerrissenheit durch die destruktiven Mechanismen ihres gleichgültigen und vorurteilsbehafteten Ehemanns forciert wird und sie schließlich zu einem einsamen und verzweifelten Wesen macht, dem man nur allzu gerne das Etikett „wahnsinnig“ anheftet. Von der leidenschaftlichen Frau, die ihr leuchtend rotes Kleid mit so viel Stolz trug, ist nichts geblieben – außer der Erinnerung an glückliche Momente, die mehr und mehr verblassen. Die weite Sargassosee ist aber auch ein ebenso gelungenes Psychogramm Rochesters, das ungewöhnliche Einblicke in die männliche Gedankenwelt der damaligen Zeit eröffnet und dieser literarischen Figur eine ganz andere Dimension gibt. Alles in allem ist Jean Rhys mit diesem Roman ein Meisterwerk gelungen, das für mich ein absolutes Must Read ist – auch wenn ihr Jane Eyre nicht gelesen habt.

Jean Rhys: Das bewegte Leben einer ungewöhnlichen Schriftstellerin

Jean Rhys wurde als Ella Gwendolyn Rhys Williams 1890 in Roseau auf der Karibikinsel Dominica als Tochter eines walisischen Arztes und einer kreolischen Mutter geboren. Im Alter von 16 Jahren schickten ihre Eltern sie nach England, wo sie bei ihrer Tante lebte und in Cambridge zur Schule ging. Aufgrund ihres Akzents wurde sie ausgegrenzt und zur Außenseiterin. Als ihr Traum, Schauspielerin zu werden, scheiterte, arbeitete sie zunächst als Revuegirl. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1910 lebte sie am existentiellen Limit und arbeitete u.a. als Aktmodell, um sich zu finanzieren.

1919 heiratete Rhys ihren ersten Mann (insgesamt war sie drei Mal verheiratet), den französisch-holländischen Journalisten Willem Lenglet, mit dem sie Europa bereiste. Sie hatten zwei Kinder –  einen Sohn, der jung starb, und eine Tochter. In den 20er Jahren, in denen sie u.a. auch in Paris lebte, begann sie zu schreiben. Der renommierte englische Schriftsteller/Verleger Ford Madox Ford, mit dem sie eine Affäre hatte, förderte sie. 1927 veröffentlichte sie ihre Kurzgeschichten The Left Bank and Other Stories, 1929 ihr Buch Quartet. Es folgten Romane wie After Leaving Mr. Mackenzie, Voyage in the Dark. Good Morning Midnight und Let Them Call it Jazz, von denen viele autobiografisch geprägt sind. Ich habe fast alle ihre Romane gelesen, denn ich mag ihre Art zu schreiben sehr. Besonders Voyage in the Dark kann ich euch sehr empfehlen.

Nachdem Rhys in den 40er Jahren komplett von der Bildfläche verschwand und nach Cornwall bzw. Devon in England gezogen war, gelang ihr 1966 mit dem hier vorgestellten Die weite Sargassosee (Wide Sargasso Sea) der endgültige Durchbruch als Schriftstellerin. Mit ihrem Erfolg, der in ihren Augen viel zu spät kam, haderte sie stets und blieb unbeeindruckt. Sie starb 1979 im Alter von 88 Jahren in Exeter, bevor sie ihre Autobiografie Smile Please: An Unfinished Autobiography vollenden konnte.

Weitere Einzelheiten über Jean Rhys findet ihr in der exzellenten Biografie Jean Rhys von Sanford Sternlicht (Syracuse University), die in der Reihe Twayne’s English Authors Series 1997 publiziert wurde und der ich die biografischen Details über die Schriftstellerin entnommen habe.


Originalausgabe: Rhys, Jean. Wide Sargasso Sea. London: André Deutsch Limited, 1966.
Deutsche Ausgabe: Rhys, Jean. Die weite Sargassosee. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. Frankfurt: Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, 2015.
Buchcover:
www.schoeffling.de

1Titel des Buches von Sandra Gilbert und Susan Gubar: The Mad Woman in the Attic: The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination. New Haven: Yale University Press, 2000.

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