Eine Liebe für die Ewigkeit

AllendeIsabel Allende: Der japanische Liebhaber

Seit ihrem ersten Roman Das Geisterhaus zählt Isabel Allende zu meinen Lieblingsschriftstellerinnen, weil sie eine wunderbare Erzählerin ist und ihre Werke, die sich um zeitlose Themen wie Liebe, Freundschaft, Familie, Verlust, Trauer u.ä. drehen, von großer Lebensklugheit, Menschen-kenntnis und Weltoffenheit zeugen. Was mir darüber hinaus besonders gut gefällt, ist, dass sie ihre Erzählungen fast immer in ein politisches Umfeld bettet und man somit als Leser auch sehr viel über Geschichte, insbesondere von Lateinamerika – Chile und Venezuela – oder z. B. über den Sklavenaufstand in Haiti im 18. Jahrhundert, den Vietnamkrieg etc. erfährt. In ihre Romane lässt sie darüber hinaus oftmals auch kulturell-spirituelle Eigenarten wie z.B. die lateinamerikanische Geisterwelt mit einfließen. All diese Komponenten machen Allendes Romane zu außergewöhnlichen Leseabenteuern, die man so schnell nicht vergisst, weil sie so wahrhaftig und berührend sind.

Retrospektive einer ungewöhnlichen Protagonistin

Auch ihr neuestes Werk Der japanische Liebhaber, das ich euch heute empfehlen möchte, steht wieder ganz in Allendes großartiger Erzähltradition. Ich hatte angesichts des Titels eine tragisch-schöne Liebesgeschichte erwartet. Dies ist auch der Fall, aber sie ist nur eine Facette dieser brillanten Erzählung, die die Höhen und Tiefen des bewegten Lebens der ungewöhnlichen Protagonistin des Buches, Alma Belasco, in all ihrer Intensität schildert. Meines Erachtens schaffen es nur ganz wenige Schriftsteller/innen, dass die von ihnen konzipierten fiktiven Figuren dem Leser ans Herz wachsen. Allende gelingt dies mühelos mit Alma Belasco, dieser kreativen, exzentrischen alten Dame, die nie auf ihren roten Lippenstift verzichtet. Sie wird dem Leser im Laufe des Buches so vertraut, dass man sich am Ende des Buches nur schwer von ihr verabschieden kann, denn man hätte gerne noch so viel mehr über sie erfahren. Aber diese ganz besondere Geschichte ist perfekt so wie sie ist – ein stimmiges Ganzes.

Die Neue in Lark House

Nach diversen Jobs in unterschiedlichen Städten ist die 23-jährige Irina Bazili froh, eine neue Tätigkeit in der Seniorenresidenz Lark House, ein eindrucksvolles Anwesen in Berkeley/Kalifornien, gefunden zu haben. Die zurückhaltende Moldawierin, die Computerspiele liebt, findet schnell Kontakt zu den alten Menschen, eine bunte Mischung aus Alt-Hippies, Esoterikern, Spirituellen und Individualisten. Und auch die Senioren schließen Irina sofort ins Herz, denn sie spüren schnell, wie viel Zuneigung sie ihnen entgegenbringt und mit welcher Fürsorge sie ihnen bei den kleinen Dingen des Alltags behilflich ist. Irina blüht auf und stellt erstaunt fest, wie jung, kreativ und begeisterungsfähig die unangepassten Alten sind. Besonders beeindruckt ist Irina von der jüngsten Bewohnerin der Residenz, der 68-jährigen Ärztin Dr. Catherine Hope, die nach einem schweren Unfall im Rollstuhl sitzt, aber alle mit ihrer positiven Art mitzieht. Und auch den 90-jährigen Jacques Devine, der Tanzen liebt und ihr unverhohlen nachstellt, findet Irina sehr erfrischend. Nur zu Alma Belasco, der reichen und unnahbaren Künstlerin mit dem feuerroten Lippenstift, findet Irina keinen Zugang. Dies ändert sich jedoch, als Irina das beträchtliche Erbe, das Jacques ihr vor seinem plötzlichen Tod noch vermacht hat, ausschlägt, weil sie es für falsch hält, Geld anzunehmen, das nicht ihr, sondern den rechtmäßgen Erben zusteht.

Ein bewegtes Leben

Alma ist beeindruckt von Irinas Standhaftigkeit und bietet ihr eine Stelle als Assistentin an. Irina akzeptiert das Angebot und nach anfänglichem Kennenlernen entsteht zwischen den beiden Frauen eine tiefe Freundschaft. Irina lernt Almas Enkel Seth kennen, der sich bei jedem Treffen mehr in sie verliebt. Doch Irina reagiert abweisend auf seine Avancen und zieht sich immer mehr zurück. Aber Seth lässt nicht locker und schlägt seiner Großmutter schließlich vor, ihre Lebensgeschichte in einer Autobiographie mit ihrer und Irinas Hilfe aufzuschreiben. Alma willigt zum Erstaunen der beiden auch tatsächlich ein, weil sie längst gemerkt hat, wie viel Irina ihrem Enkel bedeutet. Und so erfährt Irina immer mehr von Almas bewegtem Leben, die als kleines Mädchen von ihren polnischen Eltern jüdischen Glaubens zu ihrem reichen Onkel und ihrer Tante, Isaac und Lilian Belasco, nach San Francisco geschickt wurde, um sie angesichts des drohenden Krieges in Sicherheit zu bringen. Obwohl Alma an dieser Trennung fast zerbrochen wäre, schafft es ihre neue Familie, ihr Halt und Geborgenheit zu geben.

Geheimnisvolle Briefe

Eines Tages entdecken Seth und Irina, dass Alma regelmäßig geheimnisvolle Briefe erhält, deren spezielle Kuverts auf Liebesbotschaften schließen lassen. Dazu bekommt sie stets ein Kistchen mit drei Gardenien. Alma gibt sich zunächst sehr wortkarg und will nichts preisgeben, doch schließlich erzählt sie den beiden von dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben, dem Japaner Ichimei Fukuda, mit dem sie eine leidenschaftliche Liebe verband, die anscheinend immer noch nicht erloschen ist. Seth ist sehr verwundert, denn bisher hatte er immer angenommen, dass sein verstorbener Großvater Nathaniel Almas große Liebe war. Die Geschichte, die Alma ihm und Irina daraufhin erzählt, zeigt seine Großmutter in einem neuen, bisher unbekannten Licht und macht viele ihrer Verhaltensweisen und Eigenarten erklärlich.

Irinas dunkle Vergangenheit

Gerade als Almas Autobiografie Form annimmt und Irina sich Seth mehr und mehr öffnet, wird Irina von ihrer Vergangenheit eingeholt. Ein FBI-Agent hat sie aufgespürt und stellt ihr unangenehme Fragen zu ihrem früheren Leben, das sie glaubte, hinter sich gelassen zu haben. Nach und nach gewinnen die Dämonen ihrer alten Existenz wieder die Oberhand, doch sie hat nicht den Mut, sich Alma und Seth zu öffnen. Als ihre schmerzlichen Erinnerungen sie jedoch wieder zu einer Gefangenen ihrer selbst machen, wird ihr bewusst, dass sie diesen Teufelskreis durchbrechen und Alma und Seth ins Vertrauen ziehen muss, wenn sie ihr neues Leben nicht verlieren möchte…

Ein Roman so reichhaltig wie das Leben

Isabel Allende hat die ganz besondere Gabe, in einem Roman alles zu thematisieren, was das Leben und die Menschen ausmacht. Ihre Lebensweisheit und ihr Menschenweitblick spiegeln sich in vielen Aussagen ihrer Protagonisten wider. Allendes Geschichten wecken Emotionen, denen man sich als Leser nur schwer entziehen kann: Sie machen glücklich und traurig, sie bringen uns zum Lachen, sie regen zum Nachdenken an und rütteln uns auf. Diese Höhen und Tiefen, durch die die Autorin die Leser mittels ihrer Hauptfiguren führt, sind es auch, die uns mit den Charakteren vertraut werden lassen, so dass wir am Ende des Romans schließlich mit dem Eindruck zurückbleiben, dass sie für eine kleine Weile auch ein Teil unseres Lebens waren.

Isabel Allende: Renommierte Schriftstellerin, engagierte Journalistin und progressive Frauenrechtlerin

Isabel Allende wurde 1942 in Lima/Peru als Tochter des chilenischen Diplomaten Tomás Allende geboren. Ihr Vater war der Cousin des Sozialisten und Demokraten Salvador Allende, der 1970 Präsident von Chile wurde, sich jedoch im Zuge des brutalen Militärputsches von Diktator Augusto Pinochet 1973 erschoss, um seinen Widersachern nicht in die Hände zu fallen.

Junge Weltenbummlerin mit internationaler Ausbildung

Nach der Scheidung von Tomás Allende heiratete Isabel Allendes Mutter erneut – ebenfalls einen chilenischen Diplomaten – und so wuchs sie in einem internationalen Umfeld auf und besuchte die besten Schulen in Lateinamerika, Europa und der arabischen Welt.

Sie arbeitete von 1959 – 1965 zunächst als Fernsehjournalistin für die Vereinten Nationen in Santiago de Chile und machte sich hier vor allem durch eine von ihr moderierte Fernsehsendung über eine mondiale Kampagne gegen den Hunger einen Namen. 1962 heiratete sie ihren ersten Mann, Bauingenieur Miguel Friás. 1963 kam ihre Tochter Paula zur Welt, 1966 folgte ihr Sohn Nicolás.

Mitbegründerin der ersten feministischen Zeitschrift in Chile

In dieser Zeit wurde aus der renommierten Journalistin auch eine engagierte Frauenrechtlerin, die gemeinsam mit anderen Mitstreiterinnen die erste feministische Zeitschrift Chiles, Paula, gründete. Hier schrieb sie sowohl politische als auch humoristische Kolumnen. Darüber hinaus war sie Initiatorin einer Kinder- und einer Filmzeitschrift. Im chilenischen Fernsehen war sie eine überaus beliebte Moderatorin mit eigener Talk-Show und eigenen Reportagen.

Leben im Exil und internationaler Durchbruch mit Das Geisterhaus

Nach dem o.g. Putsch und Selbstmord ihres Onkels floh Isabel Allende mit ihrer Familie ins Exil. In Venezuela fanden sie 13 Jahre lang ein neues Zuhause. Auch hier arbeitete sie weiter als Journalistin und war außerdem als Lehrerin tätig.

Ein einschneidendes Erlebnis in Isabel Allendes Leben war der Tod ihres Großvaters im Jahre 1981, der noch immer in Chile lebte. Sie schrieb ihm einen Brief über ihre Kindheitserinnerungen im Hause ihrer Großeltern, doch er starb noch bevor er den Brief lesen konnte. Auf der Grundlage dieses Briefes entstand dann ihr erster Roman Das Geisterhaus, der 1982 erschien und mit dem ihr im Alter von 40 Jahren der Durchbruch als Schriftstellerin gelang. Das Buch wurde ein phänomenaler Erfolg. Die brillante Verfilmung der politischen Familiensaga mit Meryl Streep, Glenn Close, Jeremy Irons, Antonio Banderas u.v.m. war ebenfalls sehr erfolgreich.

1988 lernte sie ihren zweiten und jetzigen Ehemann, den Rechtsanwalt und Schriftsteller, Willie C. Gordon, bei einem Aufenthalt in den USA kennen, mit dem sie heute in San Rafael/Kalifornien lebt. Mittlerweile hat sie auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Ein schwerer Verlust

1992 traf Isabel Allende der wohl härteste Schicksalsschlag ihres Lebens: Ihre Tochter Paula starb im Alter von nur 29 Jahren an einer seltenen Stoffwechselkrankheit. In ihrem wohl persönlichsten, sehr berührenden Roman Paula (1994) berichtet sie vom Sterben ihrer geliebten Tochter, die aufgrund ihrer schweren Erkrankung schließlich ins Koma fiel. Am Bett ihrer Tochter erzählt ihre Mutter ihr die Geschichte ihrer Familie – von ihrer Kindheit bis zur Gegenwart – und hofft, dass sie wieder wach wird. Doch all ihr Hoffen ist vergebens, und so sieht sich Allende mit dem wohl schwersten Verlust ihres Lebens konfrontiert, der ihr alles abverlangt. Aber die Autorin gibt nicht auf und stürzt sich in die Arbeit, das einzige Mittel, das ihr durch die schmerzliche Trauerphase hilft.

Einfühlsame Botschafterin Lateinamerikas

Zu Allendes außergewöhnlichen Romanen zählen u.a. Von Liebe und Schatten, Eva LunaFortunas Tochter, Zorro, Inès meines Herzens, Die Insel unter dem Meer, Mayas Tagebuch und in jüngster Zeit Amandas Suche und der hier vorgestellte Roman Der japanische Liebhaber, mit denen sie ihre Leser immer wieder aufs Neue begeistert(e) und die alle zu Bestsellern avancierten oder auf dem Wege dorthin sind. Von ihren Büchern, die man in über 35 Sprachen übersetzte, wurden weltweit mehr als 65 Mio. Exemplare verkauft.

Isabel Allende wurde für ihre einzigartige Erzählkunst mit einer Vielzahl von internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie gilt als eine der weltbesten lateinamerikanischen Schriftstellerinnen, die auf einfühlsame Weise von der Geschichte und Kultur ihres Landes sowie von der Mentalität der Menschen erzählt. Somit ist sie zugleich auch eine ausgezeichnete Botschafterin für Lateinamerika, die sich darüber hinaus auch sehr engagiert für die Menschenrechte einsetzt.

Weitere Informationen über Isabel Allende findet ihr auf ihrer Website: www.isabelallende.com.


Originalausgabe: Allende, Isabel. El amante japonés. Barcelona: Plaza & Janés, 2015.
Deutsche Ausgabe: Allende, Isabel. Der japanische Liebhaber. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2015.
Buchcover: http://www.suhrkamp.de/isabel-allende-/der-japanische-liebhaber_1319.html
Informationsquellen zu Isabel Allende:
Allende, Isabel. Mein Leben, meine Geister. Gespräche mit Celia Correas Zapata. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2004.
Interview mit Alfred Starkmann: Hör mir zu, Paula. In. FOCUS, 20.3.1995 – http://www.focus.de/auto/neuheiten/interview-hoer-mir-zu-paula_aid_152239.html

Mein herzlicher Dank gilt dem Suhrkamp Verlag, Berlin, der mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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