Unter dem Eis

CuriosityPBKStephen P. Kiernan: The Curiosity

Ein grandioser Roman mit vielen Wahrheiten

Selten habe ich in jüngster Zeit einen Roman gelesen, der mich derart beeindruckt und nachdenklich gestimmt hat wie Stephen P. Kiernans The Curiosity. Er ist so brillant geschrieben, dass ich ihn nach der ersten Lektüre sofort ein zweites Mal gelesen habe, was ich sonst nie tue. Und es hat sich gelohnt: Mir sind noch einige versteckte Details aufgefallen, die mir beim ersten Lesen entgangen sind, denn dieser grandiose Roman enthält so viele Wahrheiten, dass man ihn gelesen haben muss, um meine Begeisterung nachzuvollziehen. Das Großartige einiger Werke kann man manchmal einfach nicht in Worte fassen. Man muss es bei der Lektüre selbst erleben.

Science Fiction mit erstaunlichen Einsichten

Obwohl mich Science-Fiction-Geschichten eigentlich nicht sonderlich ansprechen, hat mich diese Story sofort gepackt. Dies liegt u.a. daran, dass sie nicht, wie viele andere SF-Romane, in einem Universum fernab unserer Zeit, sondern in relativ naher Zukunft in den USA spielt. Dies macht die Handlung so glaubwürdig und bewegend. Der sich langsam aber stetig aufbauende Spannungsbogen tut sein Übriges dazu und macht den Roman zu einem Abenteuer, das den Leser gleichermaßen schockiert und berührt, ihn aber vor allem zur Reflexion anregt. Die Themen, die Kiernan mit dieser realitätsnahen und zugleich fantasievollen Erzählung in den Vordergrund stellt, sind zutiefst existentiell: Der Autor hält uns, die wir in einer medien- und sensationsgeprägten Gesellschaft fest verankert sind, schonungslos den Spiegel vor und zeigt uns auf seine ganz eigene unnachahmliche Weise, wie wichtig es ist, an Grundprinzipien und Werten wie Moral, Ethik und Anstand gegen alle Widerstände festzuhalten. Es ist eine großartige Parabel über den Wert des Lebens und die Würde des Menschen, die uns vor Augen führt, was wir in unserer Welt bewahren müssen.

The Frozen Man: Sensationsfund unter dem Eis

Die renommierte Biologin Dr. Kate Philo und ihr Team befinden sich im Auftrag des exzentrischen Wissenschaftlers und Leiters des berühmten Carthage Institute, Erastus Carthage, auf einer Forschungsreise in der Arktis, um ein geheimes Projekt weiter voranzubringen. Nachdem es bereits gelungen ist, im (Hart-)-Eis gefrorene tote Krabben, Plankton, Krill u.ä. mittels spezieller elektro-magnetischer Verfahren – wenn auch nur kurzzeitig – wieder zum Leben zu erwecken, soll diese Forschungsreihe nun mit Hochdruck weiter forciert und an größeren Lebewesen (zunächst Tieren) getestet werden. Als man nahe eines Eisbergs ein größeres Objekt in einem übergroßen Eisstück entdeckt, glaubt man zunächst an einen toten Wal, der ein einzigartiges Versuchsobjekt wäre und bereitet die Bergung vor. Dr. Philo und ihr Team sind mehr als schockiert als sich bei der schwierigen Hebung herausstellt, dass es sich bei dem Fund um eine männliche Leiche handelt, die aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheint, wie es bereits die Kleidung verrät.

Subject One: Versuchsobjekt Mensch

Der Sensationsfund ist Musik in den Ohren des zynischen Forschungsleiters Carthage, dessen unerträgliche Hybris nur noch von seiner Gier nach Erfolg übertroffen wird. Parallelen zu Mary Shelleys Victor Frankenstein Figur werden hier überdeutlich. Carthage ist jedoch um Längen ehrgeiziger und verschlagener. Er gefällt sich in der Rolle des gottgleichen Wissenschaftlers, geschickten Manipulators und unsichtbaren Puppenspielers, der der Masse stets überlegen ist und vor allem die Presse geschickt zu seinen Gunsten beeinflusst. Für ihn ist Subject One, wie er den gefrorenen Mann nennt, nichts weiter als ein Versuchsobjekt, das er zu Forschungszwecken benutzt. Natürlich schlachtet er seinen Fund auch medial aus. Er informiert jede ihm bekannte Zeitung und jeden Radio- und TV-Sender, bis sein Ruf als glorreicher Forscher schließlich zum Präsidenten durchsickert.

Gegen die ethischen Bedenken von Dr. Philo und den anderen Wissenschaftlern geht Carthage schließlich bis zum Äußersten bzw. an die Grenzen der wissenschaftlichen Methodik, um Subject One wieder zum Leben zu erwecken. Zum großen Erstaunen und Entsetzen aller gelingt dies tatsächlich, und Carthage sieht sich am Ziel seiner Träume. Er nennt das Experiment Lazarus-Projekt und zeigt auf einer eigens dafür eingerichteten Website die 24-Stunden-Überwachung des völlig entkräfteten Mannes. Wütende Proteste von aufgebrachten religiösen Gruppen und Gegnern des Experimentes finden daraufhin täglich vor Carthages Institut statt. Ebenso kritisieren einige Wissenschaftler das Projekt in aller Offenheit und melden große ethische Bedenken an. Doch Carthage könnte es nicht weniger interessieren.

Ein zweites Leben

Dr. Kate Philo kommen immer häufiger Zweifel an der moralisch-ethischen Richtigkeit des Experimentes, das schon längst alle Grenzen überschritten hat. Als Subject One nach und nach zu Kräften kommt, öffnet er sich nur Dr. Philo, deren Gesicht er als erstes beim Wiedererwachen sah und der er vertraut wie keinem anderen Menschen. Als er ihr seine Geschichte erzählt, kann sie es kaum glauben: Sein Name ist Jeremiah Rice, und er war Richter um die Jahrhundertwende. Mit seiner Frau Joan und Tochter Agnes lebte er in Lynn, bis er bei einer Expedition in der Arktis, die außer Kontrolle geriet, über Bord fiel und sein Leben verlor.

An sein zweites Leben gewöhnt sich Richter Rice nur sehr langsam, doch es gelingt ihm dank Dr. Philo, sich bald zurechtzufinden. Er avanciert zum Medienstar, zu einem Kuriosum, das man in Talk Shows herumreicht. In seiner anfänglichen Naivität ist Rice dankbar für die Aufmerksamkeit und all die Freundlichkeit, die man ihm entgegenbringt, doch schon bald kommt er sich wie ein Tier im Zoo vor, denn Carthage erlaubt ihm nur selten, sein Zimmer im Institut zu verlassen – zumeist nur für mediale Auftritte. Aber Dr. Philo widersetzt sich heimlich ihrem dominanten Chef und nimmt Rice immer häufiger mit auf Entdeckungstour in die normale Welt. Rice und Philo fühlen sich mehr und mehr zueinander hingezogen, doch die ständige Überwachung macht eine Annäherung kaum möglich.

Vom Kuriosum zum Gejagten

Als Rice beschließt, bei dem Experiment nicht mehr länger mitzumachen, eskaliert die ohnehin angespannte Situation und das einstige Kuriosum wird zum Gejagten. Nur Kate bleibt an seiner Seite, um ihn vor der Presse und Carthage zu beschützen, der alle Hebel in Bewegung setzt, um Rice zu finden. Aber Kate ahnt nicht, dass Carthage und Rice ihr ein alles veränderndes Geheimnis vorenthalten, das sie den Boden unter den Füßen verlieren lässt…

Die moderne Welt aus altem Blickwinkel

Was mir an diesem wunderbaren Roman, der aus vier Perspektiven (Dr. Philo, Carthage, Rice und Dixon/Journalist) erzählt wird, so gut gefallen hat, ist vor allem die Reaktion des Protagonisten, Richter Jeremiah Rice, auf unsere moderne Welt. Es gibt so viele Szenen, die ich sofort nachvollziehen konnte, wie z.B. als er sich voller Freude sein Lieblingsobst, eine Orange, kauft und dann enttäuscht feststellen muss, dass sie eigentlich gar keinen Geschmack hat, seine Abscheu vor Fast Food, seine Bestürzung über all die vereinsamten Menschen, die entweder vor dem Computer sitzen oder auf ihr Handy starren anstatt sich miteinander auszutauschen. Doch letztendlich überwiegt für Rice die Schönheit, die er in allem, insbesondere in der Natur, sieht. Sein zweites Leben empfindet er als Geschenk, wie es kostbarer nicht sein könnte. In seine Gedankenwelt einzutauchen, ist mehr als bewegend und führt uns zu einer Erkenntnis, die simpler nicht sein könnte, nämlich dass es nichts Kostbareres gibt als das Leben.

Multitalent Stephen P. Kiernan: Preisgekrönter Journalist, Schriftsteller, Redner und Musiker

Stephen Kiernan wurde in Newtonville/NY geboren. Als sechstes von sieben Kindern wuchs er in einer Großfamilie auf. Wie er in einem Interview mit The Qwillery1 verriet, war es primär seine Großmutter (ebenfalls Autorin), die ihn inspirierte und motivierte, Geschichten zu erzählen. Nach seinem Abschluss am Middlebury College machte er den Master of Arts an der John Hopkins University und den Master of Fine Arts an der University of Iowa (Writers‘ Workshop). Seine journalistische Karriere begann 1980 bei der Tageszeitung Daily Iowan. Anschließend arbeitete er viele Jahre für die Burlington Free Press, Vermont, und den Boston Globe. Für seine brillanten journalistischen Leistungen erhielt er über 40 Preise, wie z.B. den George Polk Award, den Gerald Loeb Award und den Scripps Howard Award.

Erste schriftstellerische Aufmerksamkeit mit Sachbüchern

Seine ersten beiden Bücher – Last Rights (2007) und Authentic Patriotism (2010) – sind in der Sachliteratur angesiedelt. In Last Rights kritisiert Kiernan den seines Erachtens hoffnungslos veralteten Zustand des Gesundheitssystems in seinem Land. Gleichzeitig verweist er auf die immense Wichtigkeit der Palliativ-Medizin und plädiert für würdevolles Sterben. In Authentic Patriotism thematisiert er die große Bedeutung von aktivem Bürgerengagement und präsentiert 60 Menschen, die diesbezüglich ihre ganz spezielle Geschichte erzählen.

Internationaler Erfolg mit The Curiosity

Die beiden o.g. Bücher wurden zwar von den Lesern sehr gut angenommen, doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Der internationale Durchbruch gelang ihm 2013 mit seinem hier vorgestellten ersten Roman The Curiosity, der zwar in viele Sprachen, aber leider nicht ins Deutsche, übersetzt wurde. Dies ist mir völlig unverständlich, denn meines Erachtens würde es dieser einzigartige Roman mühelos auch in unsere Bestseller-Listen schaffen. Sein neuestes Werk The Hummingbird ist in diesem Jahr erschienen und steht bereits ganz oben auf meiner Leseliste.

Gefragter Vortragsredner und begeisterter Musiker

Darüber hinaus ist Kiernan ein gefragter Vortragsredner in den USA. Er referiert u.a. über das amerikanische Gesundheitssystem, die Bedeutung von Palliativmedizin und Hospizen sowie über die Wichtigkeit von aktivem Bürgerengagement, ehrenamtlicher Tätigkeit und Philanthropie.

Zudem ist auch Musik eine besondere Passion des Autors. Bereits im Alter von 10 Jahren spielte er Gitarre und hat mittlerweile 3 CDs mit Solo Instrumentals veröffentlicht. Er hat außerdem Musik für Dokumentarfilme, TV Specials u.v.m. komponiert.

Weitere Informationen über Stephen P. Kiernan findet ihr auf seiner Website stephenpkiernan.com.


Kiernan, Stephen P. The Curiosity. New York: William Morrow Paperback Edition / HarperCollinsPublishers, 2014.
1Interview mit Stephen Kiernan in The Qwillery, 9. Juli 2013: http://qwillery.blogspot.de/2013/07/interview-with-stephen-p-kiernan-author.html
Book Cover  www.harpercollins.com

Mein herzlicher Dank gilt HarperCollinsPublishers, die mir das o.g. Buchcover zur Verfügung gestellt haben. My sincere thanks go to HarperCollinsPublishers for kindly providing the above book cover.

2 Antworten

  1. Hallo Rosa,

    das hört sich ja toll an. Und dass du das Buch zwei Mal hintereinander gelesen hast 🙂
    Ehrlich gesagt, kenne ich den Autor nicht. Aber das hat ja in der Literturszene nicht viel zu sagen.

    Liebe Grüße, Bee

  2. Hallo Bee,

    vielen Dank für Dein Feedback. Ja, es ist wirklich eine ganz außergewöhnliche Geschichte.

    Ich hatte vorher auch noch nie etwas von Stephen Kiernan gehört, bin aber durch meine Twitter Chats auf ihn gestoßen.

    Viele Grüße

    Rosa

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