Andrea Camilleri: Das Spiel des Poeten

Hochspannender, vielschichtiger Thriller mit explosivem Finale

Mit Das Spiel des Poeten präsentiert uns Andrea Camilleri einen weiteren raffiniert ausgeklügelten, hochspannenden Thriller mit unverwechselbar italienischer Note aus seiner berühmten Krimireihe um den sizilianischen Commissario Salvo Montalbano, der im fiktiven Küstenort Vigàta/Sizilien spielt. Ich habe schon einige Montalbano-Romane gelesen, aber dieser ist mit Abstand der beste. Camilleri lässt den Spannungsbogen äußerst geschickt variieren, er baut ihn auf und wieder ab, bis es dann zum finalen Showdown kommt. Das Buch ist ein Lesegenuss und Spannung pur und daher absolut empfehlenswert.

Mysteriöse Puppen

Die Geschichte beginnt mit einem Horror-Szenario: Als die Polizei unter der Leitung von Commissario Montalbano die Wohnung der Geschwister Gregorio und Caterina Palmisano, zwei greise religiöse Fanatiker, stürmt, nachdem diese auf die Polizei geschossen hatten, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens: Die Wohnung – übersät mit Kreuzen – ist völlig verwahrlost – genau wie ihre skeletthaften Bewohner, die dort vollkommen wirr und völlig isoliert gelebt haben. Der bizarrste Fund ist eine große verschlissene Gummipuppe, der Haare und ein Auge fehlen. Beide Angreifer können schließlich überwältigt werden, und man bringt sie in die Psychiatrie. Obwohl Montalbano dieses befremdliche Erlebnis noch nachhängt, geht er schnell wieder zur Tagesordnung über, bis eine völlig hysterische Frau auf dem Kommissariat einen Leichenfund meldet. Bei seinem Eintreffen am Fundort muss Montalbano verärgert feststellen, dass die vermeintliche Leiche ebenfalls eine Gummipuppe ist. Als er jedoch sieht, dass diese Puppe der im Haus der beiden Alten gefundenen bis aufs Detail gleicht, beschleicht Montalbano ein ungutes Gefühl.

Perfides Spiel eines psychopathischen Poeten

Zeitgleich erhält Montalbano anonyme Briefe mit der Aufschrift Schatzsuche, die jeweils ein rätselhaftes Gedicht enthalten, das sich mehr schlecht als recht reimt. Die merkwürdige Wortwahl des selbsternannten Dichters lassen den Commissario nichts Gutes vermuten. Er lässt sich schließlich auf die bizarre Schatzsuche ein und versucht, die diversen Rätsel zu lösen, um so hinter die Identität des Verfassers zu kommen. Doch schnell merkt er, dass dieses perfide Spiel ein viel schlimmeres Ausmaß annimmt als er ahnen konnte und dass er ins Visier eines Psychopathen geraten ist.

Wettlauf mit der Zeit

Als dann Giuseppe Bonmarito seine Tochter Ninetta als vermisst meldet, entdeckt der Commissario zu seiner großen Beunruhigung Zusammenhänge mit den Rätseln des Poeten und den greisen Fanatikern, die er jedoch noch nicht einordnen kann. Ihm wird schlagartig klar, dass das Mädchens in großer Gefahr schwebt und es jetzt an ihm ist, die immer verworrener werdenden Rätsel zu lösen. Doch der Gejagte erweist sich als äußerst intelligent, und so muss Montalbano alles auf eine Karte setzen, wenn er das Spiel gewinnen will – sogar sein Leben…

Kauziger Kult-Kommissar mit italienischem Charme

Camilleris mittlerweile 57-jähriger Protagonist Salvo Montalbano zählt für mich zu den besten Kriminalkommissaren, die je erdacht wurden. Er ist ein ausgezeichneter Polizist, der primär seinem Instinkt vertraut. Er ist zwar launisch, dickköpfig und hadert mit seinem Alter, aber er liebt das Leben und vor allem die italienische Küche. So geht er oft und gerne essen und zelebriert die sizilianischen Spezialitäten. Besonders unterhaltsam ist Montalbanos On-/Off-Beziehung mit seiner temperamentvollen Freundin Livia, die durch seine Freundschaft mit der Schwedin Ingrid arg strapaziert wird. Sein Team bestehend aus den völlig unterschiedlichen Charakteren Augello, Fazio, Gallo, Galluzzo und Catarella ist ebenfalls brillant skizziert und sorgt – meist unfreiwillig – für die humoristische Note. Alles in allem lebt der Roman in erster Linie von seinem unverwechselbaren Commissario Montalbano, der die Romane dieser Krimireihe so lesenswert macht.

Andrea Camilleri: Preisgekrönter sizilianischer Schriftsteller und berühmter Vater von Commissario Montalbano

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle/Sizilien geboren und zählt mit seinen mehr als 60 Romanen zu den erfolgreichsten und beliebtesten Schriftstellern Italiens. Seine Karriere begann er als Regisseur und Drehbuchautor am Theater, wo er u.a. Werke von T.S. Eliot, Samuel Beckett und August Strindberg für das italienische Publikum inszenierte. Mit 20 veröffentlichte er seine ersten Gedichte und schrieb darüber hinaus Erzählungen/Artikel für Zeitschriften. Seine erfolgreiche Krimireihe mit dem von ihm erschaffenen Commissario Montalbano, den er nach dem von ihm sehr geschätzten spanischen Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán benannte, startete 1994 mit dem Roman La Forma dell’Acqua (Die Form des Wassers) und wurde ein phänomenaler internationaler Erfolg. Der Autor erhielt für seine Werke zahlreiche Preise wie z.B. den Premio Gela, den Premio Vittorini und den International Dagger der britischen Crime Writers‘ Organisation.

Seit mehr als 20 Jahren lehrt Andrea Camilleri als Professor an der Nationalakademie der Dramatischen Künste Silvio D’Amico in Rom, wo er auch lebt.

Weitere Informationen zu Andrea Camilleri findet ihr auf seiner Website www.andreacamilleri.net, die leider nur in italienischer Sprache verfügbar ist.


Originalausgabe: Camilleri, Andrea. La Caccia al Tesoro. Palermo: Sellerio Editore srl, 2010.
Deutsche Ausgabe: Camilleri, Andrea. Das Spiel des Poeten. Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler. Köln: Bastei Lübbe AG, 2015.
Buchcover: www.luebbe.de

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