Mary Shelley: Frankenstein

Genialer Schauerroman einer bemerkenswerten Schriftstellerin

Mary Shelleys Frankenstein oder Der neue Prometheus zählt zu den Klassikern der Weltliteratur, und doch wird das Buch heute kaum noch gelesen. Viele assoziieren mit dem Namen Frankenstein fälschlicherweise das bekannte Monster mit grünlichem Gesicht und überdimensionalem eckigem Kopf, wie es von Boris Karloff 1931 erstmals im Film verkörpert wurde und in Abwandlungen auch heute noch im TV zu sehen ist, und nicht den Arzt und Protagonisten, dessen Namen der Roman trägt. Die Wenigsten kennen diesen erstklassigen, effektvollen Schauerroman und seine einzigartige Autorin Mary Shelley, die das Buch 1818 im Alter von nur 21 Jahren anonym veröffentlichte. Vor diesem Hintergrund möchte ich euch heute dieses spannungsreiche, außergewöhnliche Buch vorstellen, denn es ist einfach zu ideenreich, lebendig und geistvoll, um in Vergessenheit zu geraten.

Viktor Frankenstein: Zwischen Ehrgeiz und Größenwahn

Der Roman schildert die dramatische Lebensgeschichte des Schweizer Arztes Viktor Frankenstein, die in Rückblicken erzählt wird – teils im Stil eines Briefromans und teils in der Ich-Erzählung. Der ambitionierte Forscher Robert Walton, der zu einer Expedition in die Arktis aufgebrochen war, um eine Passage zum Nordpol zu finden, wird mit seinem Schiff und seiner Crew vom Eis eingeschlossen. Während sie darauf warten, ihre Forschungsreise fortsetzen zu können, nähert sich ein völlig entkräfteter Mann ihrem Schiff: Viktor Frankenstein. Walton nimmt ihn an Bord und pflegt ihn, bis es ihm wieder etwas besser geht. Alarmiert durch den maßlosen Ehrgeiz, den Walton an den Tag legt, erzählt ihm Frankenstein seine Geschichte, die ebenfalls von unbändigem Ehrgeiz geprägt war, der ihn schließlich ins Verderben stürzte.

Experiment mit grausigem Resultat

Viktor Frankenstein war ein hochintelligentes Kind mit einem enormen Wissensdrang, das sehr behütet aufwuchs. Mit 17 Jahren studiert er an der Universität in Ingolstadt Naturwissenschaften. Von unglaublichem Ehrgeiz getrieben, findet er schließlich heraus, wie man tote Materie wieder zum Leben erweckt. Doch das ist ihm nicht genug, und er möchte dieses Experiment unbedingt an Menschen ausprobieren. Er arbeitet bis zur totalen Erschöpfung an diesem wahnwitzigen Plan und näht schließlich Leichenteile zu einem Körper zusammen, den er – gottgleich – mit Elektrizität u.ä. wieder zum Leben erwecken will. Das Experiment gelingt, doch das Resultat ist grausig: Seine Kreatur ist so abstoßend häßlich und angsteinflößend, dass Viktor voller Panik aus seinem Labor flieht. Er erkrankt an Nervenfieber, wird aber von seinem Freund Henry gesund gepflegt. Seine Kreatur scheint verschwunden, und Viktor versucht, sein normales Leben wieder aufzunehmen.

Unbarmherzige Rache der verstoßenen Kreatur

Da erreicht ihn die Nachricht, dass sein kleiner Bruder William ermordet wurde. Völlig verzweifelt kehrt Viktor nach Hause zurück und erblickt bei seiner Ankunft zu seinem Entsetzen seine Kreatur. Er weiß sofort, dass nur sie den Mord begangen haben kann. Doch dies ist erst der Beginn des ungleichen Kampfes zwischen Frankenstein und seinem Geschöpf, denn es tötet in unbändiger Wut auf den „Vater“, der es verstieß, alle Menschen, die Frankenstein liebt. Frankenstein, der nur noch Rache und seine Kreatur totsehen will, jagt sie bis in die Eiswüsten der Arktis, wo es dann zur finalen Begegnung von Schöpfer und Geschöpf kommt, die in einer Katastrophe endet…

Grenzen der Wissenschaft

Mary Shelleys Roman Frankenstein mit seiner kontroversen Thematik hat auch heute nichts von seiner Brisanz und Aktualität verloren. Fragen im Hinblick auf die Grenzen der Wissenschaft unter Berücksichtigung moralischer und ethischer Aspekte stehen nach wie vor im Fokus der Öffentlichkeit. Mary Shelley zeichnet Viktor Frankenstein als Inbegriff des von seiner Idee, Gott zu spielen, besessenen Forschers, der in keiner Sekunde die Folgen seines Handelns reflektiert und den seine Selbstüberschätzung und sein Hochmut schließlich zu Fall bringen. Einzig seine Schuldgefühle und seine Reue sprechen für ihn, aber er kann seine Tat nicht mehr ungeschehen machen. Er verstößt seine ihn abstoßende Kreatur, wie ein Vater sein ungeliebtes Kind, das sich schließlich aus Enttäuschung und Wut gegen seinen Schöpfer wendet. Frankenstein ist somit auch ein moderner Prometheus, wie es auch im Titel des Buches heißt, der sich wie die mythologische Gestalt über Zeus bzw. Gott stellt und dafür hart bestraft wird. Am Ende bezahlt auch Frankenstein einen hohen Preis für seine Hybris, denn er verliert nicht nur die Menschen, die er liebt, sondern auch sein Leben.

Mary Shelley: Tochter eines berühmten Paares und unangepasster Freigeist

Mary Shelley wurde 1797 als Tochter des englischen Philosophen und politischen Schriftstellers William Godwin und der berühmten Feministin Mary Wollstonecraft in London geboren. Ihre Mutter lernte sie nie kennen, denn sie starb kurz nach Marys Geburt. Sie wurde von ihrem Vater aufgezogen, in dessen umfangreicher Bibliothek die begeisterte Leserin genügend Lesestoff fand, um ihren Wissensdurst zu stillen.

Skandalöse Liebe

Renommierte Dichter und Denker wie Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth gingen im Haus des Vaters ein und aus und so lernte sie auch den jungen non-konformistischen Dichter Percy Bysshe Shelley, einen Studenten ihres Vaters, kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte. Beide brannten durch und verließen England – ein Skandal, denn Shelley war verheiratet. Ihr Vater brach daraufhin für einige Zeit den Kontakt zu Mary ab. Mary und Percy bereisten Europa, waren jedoch stets von Geldproblemen geplagt.

Die Villa Diodati am Genfer See: Hier entstand Frankenstein

Den Sommer 1816 verbrachten Mary, ihre Stiefschwester Claire, Percy, der berühmte Dichter Lord Byron und sein Leibarzt John Polidori in der Villa Diodati am Genfer See. Da das Wetter aufgrund eines Vulkanausbruchs äußerst schlecht war, hielten sich alle im Haus auf. Um sich die Zeit zu vertreiben, beschlossen sie, dass jeder von ihnen eine Schauergeschichte schreiben sollte, die dann in der illustren Runde vorgelesen würde. Während die anderen Dichter nicht sehr erfolgreich waren, verfasste Mary ihren unvergleichlichen Roman Frankenstein, der ein sensationeller Erfolg wurde.

Herbe Schicksalsschläge

Nach dem Selbstmord seiner Frau heiratete Percy Mary. 1818 veröffentlichte Mary dann anonym ihr Werk Frankenstein, das begeistert aufgenommen wurde. Mary musste im Laufe ihres kurzen Lebens viele Schicksalsschläge verkraften: Sie verlor drei Kinder und schließlich auch noch ihren Ehemann, der bei einem Segelausflug ertrank. Mary Shelley widmete die letzten Jahres ihres Lebens dem Nachlass ihres Mannes und schrieb noch einige Romane, um sich und ihren einzigen Sohn zu finanzieren. Sie starb im Jahr 1851 an einem Gehirntumor.

Die beste Informationsquelle über Mary Shelley ist für mich Miranda Seymours gleichlautende Biografie http://www.mirandaseymour.com/maryshelley.htm.


Originalausgabe: Shelley, Mary. Frankenstein, or The Modern Prometheus. London: Wordsworth Editions Ltd., 1999.
Deutsche Ausgabe: Shelley, Mary. Frankenstein oder Der neue Prometheus. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2009.
Buchcover: www.anacondaverlag.com

4 Antworten

  1. Ich auch – sie sind und bleiben spannend und gruselig. Von Dracula bin ich auch begeistert – die neue TV-Serie mit Jonathan Rhys Meyers ist klasse 🙂

  2. Ein ganz toller Post, Rosa.
    Dieses Buch kenne ich nicht, nur die Verfilmung, die ehrlich gesagt nicht so ganz meins war ; ) Bin aber ein großer Freund von Bram Stoker's Dracula.
    Liebe Grüße, Bee

  3. Liebe Bee,

    vielen Dank, es freut mich, dass dir mein Post gefallen hat. Bei meinem nächsten Post bin ich mir da nicht so sicher, denn ich bespreche Kenneth Branaghs gleichnamige Verfilmung 🙂

    Liebe Grüße Rosa

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