Philosophenmorde

Ingo Bott: Das Recht zu strafen

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Er ist einer der toughsten Strafverteidiger Deutschlands und renommierter Berater des Europarats, der sich auch auf internationaler Ebene einen Namen als versierter Jurist gemacht hat. Ein rundum ausfüllender Job, könnte man meinen, doch dann hat Ingo Bott die Schriftstellerei für sich entdeckt – und offenbart ein weiteres seiner Talente. Mit seinem Erstlingswerk Das Recht zu strafen ist ihm ein sehr vielversprechendes, klug konzipiertes Thriller-Debüt gelungen, das bis zum fulminanten Ende in Atem hält. Sein Protagonist, der erfolgsverwöhnte Strafverteidiger und Womanizer Max Faber, hat das Zeug zur Serienfigur – in jeder Hinsicht. Obwohl Bott den smarten, gutaussehenden Advokaten zunächst in das übliche aalglatte Rechtsanwalts-Klischee steckt, bemerkt man als Leser sehr schnell, dass Faber vielschichtiger ist, als es den Anschein hat. Allerdings ist es äußerst schwierig, ihn zu mögen, denn er ist nicht gerade ein Sympathieträger. Seine Kaltschnäuzigkeit, sein steinzeitliches Frauenbild und seine Selbstverliebtheit sind grenzwertig – doch er ist ein Typ, dessen Lebensfährte man als Leser einfach aufnehmen muss, weil man ahnt, dass unter seiner Oberfläche etwas Ungreifbares lauert. Doch zunächst zur Story:

Wie ein Schlaf ohne Traum1: Mord im Zeichen der Philosophie

Als die junge griechische Philosophiestudentin Anastasia Marafakis ermordet und verstümmelt in einem Gewölbe in Berlin gefunden wird, steht das Ermittlerteam um Kommissar Lutz Hennings vor einem Rätsel. Die Leiche wurde wie ein antikes Gemälde inszeniert, Spuren gibt es keine. Nach der Obduktion ist lediglich klar, dass die Frau an einer Vergiftung starb. Staatsanwältin Anna Sánchez-Amann ist schockiert über die Brutalität der Tat und versucht mit Hochdruck, den Fall voranzubringen. Doch dies gestaltet sich mehr als problematisch, denn die Suche nach Hinweisen und Anhaltspunkten, die zum Täter und seinem Motiv führen könnten, bleibt erfolglos – bis Sánchez-Amann ein anonymes Schreiben mit einem Zitat von Sokrates erhält.

Ein geeigneter Verdächtiger?

Aber noch bevor die Ermittler zu neuen Erkenntnissen gelangen, geschieht der zweite, noch bizarrere Mord: Das Opfer ist die französische Philosophielehrerin Fabienne Wiltord, die ebenfalls vergiftet wurde. Und auch dieses Mal macht der Killer die Staatsanwältin mit einem philosophischen Zitat von Descartes auf sich aufmerksam. Die abscheulichen Taten rufen die Presse auf den Plan, die die Philosophenmorde nur allzu gerne öffentlichkeitswirksam ausschlachtet. Nach dem Auffinden einer dritten Leiche und weitergehenden intensiven Recherchen rückt ein Philosophieprofessor in den Fokus von Staatsanwältin Sánchez-Amann, die trotz lediglich schwacher Indizien einen Haftbefehl erwirkt.

Ein Fall für Faber

Doch sie hat die Rechnung ohne den gerissenen Strafverteidiger und Mediendarling Max Faber gemacht, der sich wie ein Besessener auf den spektakulären Fall stürzt und den Angeklagten verteidigt. Dies natürlich nicht nur, weil er so ein guter Mensch ist und an die Unschuld seines Mandanten glaubt, sondern vor allem, um sich und seine Kanzlei medienwirksam zu inszenieren und weitere Mandate zu akquirieren. Der Staranwalt und die Staatsanwältin kommen sich allerdings nicht nur ins Gehege – sie landen auch zusammen im Bett. Faber ist von sich schwer begeistert und sonnt sich in seinem persönlichen und beruflichen Erfolg, bis Staatsanwältin Sánchez-Amann zum Entsetzen ihrer Soko-Kollegen vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwindet.

Wettlauf gegen die Zeit

Die Spur führt zu Faber, der plötzlich als Beschuldigter ins Visier der Ermittler gerät. Ihm ist klar, dass er sich aus dieser brenzligen Lage nicht mit seinem üblichen Charme und seiner juristischen Finesse befreien kann, sondern dass er auf eigene Faust ermitteln muss, wenn er sich und seinen Ruf retten will. Doch ihm läuft die Zeit davon, denn alles spricht dafür, dass Sánchez-Amann in nur wenigen Tagen das nächste Opfer des phantomhaften Serienkillers werden wird…

Fesselndes Thriller-Debüt mit dramatischem Show-down

Nach längerer Zeit habe ich mit Das Recht zu strafen endlich mal wieder einen qualitativ hochwertigen Thriller gelesen, der nicht nur durch ein einzigartiges Plot überzeugt. Neben Hochspannung, vielen geschickt eingestreuten falschen Fährten und einem dramatischen Show-Down-Finale, das seinesgleichen sucht, hat Bott mit Max Faber einen Protagonisten erschaffen, der im Gedächtnis bleibt – und das obwohl oder gerade weil er angesichts seiner Überheblichkeit und Egozentrik nur schwer zu ertragen ist. Die Bukowsky-eske Ausdrucksweise, mit der der Autor uns an der Gedankenwelt seiner Hauptfigur teilhaben lässt, insbesondere in Bezug auf Frauen, tut ihr Übriges, um Faber als archaischen Männertypus zu etablieren, den selbst seine männliche Kollegen als Arschloch bezeichnen. Doch das allein wäre zu einfach und klischeebehaftet. Man spürt Fabers Einsamkeit trotz vieler Affären und erfolgreicher Auftritte im Rampenlicht und seine innere Unruhe, die ihn umtreibt und vermuten lässt, dass hinter seiner schillernden Fassade etwas verborgen liegt, das er nicht ans Licht kommen lassen kann und darf.

Gleiches gilt für Botts zentrale weibliche Hauptfigur, Anna Sánchez-Amann, die ebenfalls hervorragend gezeichnet ist und deren verhängnisvolles Geheimnis am Ende auf so dramatische Weise zutage tritt. Ihr Ehrgeiz und ihr damit verbundener unbedingter Wille, sich als erfolgreiche Staatsanwältin zu behaupten, machen sie zu einem Spiegel ihres männlichen Pendants, aber im Gegensatz zu Faber gibt sie ihrer Verletzlichkeit und ihrer Verzweiflung Raum – auch wenn sie es nur im Verborgenen und nicht vor ihren Kollegen  tut.

Zusammenfassend hat Das Recht zu strafen alles, was einen hervorragenden Thriller ausmacht: Eine ausgefallene Story mit Sogwirkung, singuläre Charaktere und ein absolut überraschendes, schockierendes Ende. Zudem gibt es auch noch einen kurzen hochinteressanten philosophischen Exkurs über Sokrates, Descartes und Camus. Daher mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen packenden Thriller, der meines Erachtens schon längst auf der Bestseller-Liste stehen müsste.

Im Übrigen haben Das Recht zu strafen und sein gewöhnungsbedürftiger Protagonist Max Faber meines Erachtens unbedingtes Verfilmungspotential. Clemens Schick, der gerade in der Nordic Noir-Serie Arctic Circle als undurchsichtiger Pharmaboss Eiben brilliert, wäre hier sicherlich die Idealbesetzung für den egozentrischen Staranwalt..

Dr. Ingo Bott: Erfolgreicher Strafverteidiger und Schriftsteller

Dr. Ingo Bott wurde 1983 in Rastatt geboren. Nach einem abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaften – u.a. in Freiburg, Sevilla, Montevideo, Passau – promovierte er über das Thema In dubio pro Straffreiheit – Untersuchungen zum Lebensnotstand. Nach seiner Zulassung als Anwalt 2012 war er zunächst in einer auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisierten Kanzlei in Düsseldorf tätig, bis er schließlich im Mai 2018 seine eigene Kanzlei Plan A gründete. So war er u.a. auch im kontroversen Loveparade-Prozess als Verteidiger erfolgreich tätig.

Darüber hinaus berät Bott, wie bereits erwähnt, den Europarat und ist außerdem als Dozent tätig.

Neben der Juristerei ist die Schriftstellerei sein zweites Steckenpferd. Sein erster Roman, der hier vorgestellte Das Recht zu strafen, erschien 2017 im GRAFIT Verlag. Derzeit arbeitet Bott am zweiten Roman seiner Serie um Protagonist Max Faber. Ich bin sehr gespannt, wie es hier weitergeht…


Originalausgabe: Bott, Ingo. Das Recht zu strafen. Dortmund: GRAFIT Verlag GmbH, 2017.
Buchcover:  © GRAFIT Verlag GmbH
Autorenfoto: © Dr. Ingo Bott
Bildnachweis Philosophenbüsten: © morhamedufmg, Pixabay
1Quelle – Sokrates über den Tod. In: Des Sokrates Verteidigung (Apologie): „32. Hoffnungen für den Tod“, Übersetzung Schleiermacher 1805.

Tödliches Erbe

Ruth Ware: Der Tod der Mrs. Westaway

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Seit ihrem allerersten Roman bin ich ein großer Fan der britischen Thrillerautorin Ruth Ware, denn ihre Geschichten sind nicht nur qualitätsmäßig auf hohem Niveau, sondern generieren auch Hochspannung bis in die Haarspitzen. Und daher habe ich es auch noch nie geschafft, eines ihrer Werke in mehreren Etappen zu lesen – es musste immer eine komplette Lesenacht sein. Gleiches trifft ebenfalls wieder auf ihren neuesten Pageturner, Der Tod der Mrs. Westaway, zu, mit dem sie sich meines Erachtens selbst übertroffen hat, denn sie tritt hier sehr erfolgreich in die großen Fußstapfen der renommierten Schriftstellerin Daphne du Maurier, die mit ihrem Meisterwerk Rebecca Weltruhm erlangte. Wie schon du Maurier, vereint Ware in ihrem aktuellen Spannungsdrama äußerst gekonnt Elemente des Schauer- und psychologischen Romans. Ein Herrenhaus à la Manderley und eine angsteinflößende Haushälterin im Stil von Mrs. Danvers machen das Déjà Vu komplett.

Doch das ist auch schon alles, was die beiden Romane gemeinsam haben. Wares Story hat eine komplett andere Dimension, ihre Protagonisten sind ambivalent, und sie arbeitet mit unterschiedlichen Spannungsebenen, was den besonderen Reiz des Ganzen ausmacht. Hinzu kommt ihr zweisträngiger Erzählstil, wobei in Strang 1 die Vergangenheit in Tagebuchform präsentiert wird, während Strang 2 in der Gegenwart des Romans spielt. Am meisten beeindruckt jedoch die junge Hauptfigur, die die Autorin so tiefgehend menschlich und lebensecht erdacht hat und deren große Verzweiflung, aber gleichermaßen auch unzerstörbaren Überlebenswillen sie deutlich spürbar macht. Fieberhaft folgen wir als Leser ihren Nachforschungen, begleiten sie bei ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit – immer mit dem unheimlichen, beklemmenden Gefühl, dass jeden Moment etwas Schreckliches passieren kann. Atempausen gönnt uns Ware nur selten – und das ist auch gut so, denn es ist gerade dieser Aspekt, der die Brillanz ihres Thrillers ausmacht.

Eine folgenschwere Verwechslung

Als die 22-jährige Harriet „Hal“ Westaway ein Schreiben von einem Anwalt in Cornwall erhält, das besagt, dass ihre Großmutter Hester verstorben und sie eine der Erben ist, könnte der Zeitpunkt nicht besser sein. Nach dem tragischen Tod ihrer Mutter, die von einem Auto überfahren wurde, schlägt sich Hal mehr schlecht als recht durchs Leben. In ihrer kleine Bude auf dem Pier in Brighton, die sie von ihrer Mutter übernommen hat, hält sie sich mit Tarot-Kartenlegen über Wasser, obwohl sie es für ausgemachten Humbug hält. Ihr schäbiges Mini-Apartment ist ihr einziger Zufluchtsort, doch auch dort ist sie nicht mehr sicher, denn der Kredithai, bei dem sie Schulden hat, ist ihr auf den Fersen und schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Somit kommt die Einladung nach Cornwall wie gerufen, wenn es da nicht ein größeres Problem gäbe: Ihre Oma ist schon seit 20 Jahren tot und hieß auch nicht Hester…

Ein dunkler Ort

Hal ist klar, dass es nur eine Verwechslung sein kann. Sie hadert zwar mit sich, doch sie geht das Risiko ein: Völlig abgebrannt macht sie sich auf den Weg nach Trepassen House, das sich als großes, aber heruntergekommenes Herrenhaus und ehemals feudaler Landsitz der Westaways entpuppt. Die Familie, die keine Ahnung von Hals Existenz hatte, ist mehr als überrascht, versucht aber, sich nichts anmerken zu lassen. Nachdem Hal die Westaways bereits gegoogelt hatte, um besser vorbereitet zu sein, lernt sie nun alle Familienmitglieder persönlich kennen: Harding Westaway, seine Gattin Mitzi und deren Kinder Kitty und Freddie, Abel Westaway und seinen Partner Edward und Ezra Westaway. Maud, die einzige Tochter und ihre angebliche Mutter, gilt als spurlos verschwunden.

Ein schreckliches Geheimnis

Hal kann alle Eindrücke gar nicht so schnell verarbeiten, wie sie auf sie einprasseln. Sie beginnt weiter nachzuforschen, und es scheint tatsächlich eine Verbindung zwischen ihr und den Westaways zu geben. Insbesondere die alte, furchteinflößende Haushälterin Mrs. Warren steht ihr feindselig gegenüber und gibt ihr mehr als einmal deutlich zu verstehen, dass es besser für sie wäre, wenn sie verschwindet.  Als das Testament schließlich verlesen wird und Hal daraus als Alleinerbin hervorgeht, sind alle außer sich, insbesondere Harding macht aus seinem Ärger keinen Hehl. Hal kann es nicht fassen und hat ein denkbar schlechtes Gewissen, weil sie sich als Betrügerin fühlt. Und so spielt sie ernsthaft mit dem Gedanken, allen die Wahrheit zu sagen. Doch dann stößt sie auf ein schreckliches Geheimnis, dass den Unfalltod ihrer Mutter in einem anderen Licht erscheinen lässt und sie auf die Spur eines kaltblütigen Killers führt, der lange im Verborgenen ein ganz normales Leben führte und nun bereit ist, ein weiteres Mal über Leichen zu gehen, damit es auch so bleibt…

Nervenaufreibender Thriller mit effektvollen Schauerelementen

Was für ein hochspannendes Thriller-Highlight! Nach Woman in Cabin 10 und Im dunklen, dunklen Wald ist Ruth Ware mit ihrem neuesten Werk Der Tod der Mrs. Westaway wieder ein brillanter Pageturner gelungen, der bis zum fulminanten Ende in Atem hält. Besonders gefallen haben mir die effektvollen Schauerelemente à la Daphne du Maurier, die die Autorin gekonnt in die moderne Zeit transferiert hat. Neben der fesselnden Story sind ihr auch die vielschichtigen Hauptfiguren, allen voran die junge Hal, wieder sehr gut gelungen. Ware versteht es meisterhaft, die Leser in die Irre zu führen, das wechselhafte Zusammenspiel der Protagonisten ad extremum zu führen und am Ende eine Lösung zu präsentieren, die nicht vorhersehbar ist und uns geschockt zurücklässt. Daher mein Fazit: Ruth Ware ist Großbritanniens neue Queen of Crime. Jeder Roman von ihr ist eine unbedingte Leseempfehlung!

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im dunklen, dunklen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und in den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, Wie tief ist deine Schuld, wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen und soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erschien dann ihr vierter Thriller in Großbritannien, Der Tod der Mrs. Westaway, der – wie nicht anders zu erwarten – auch wieder ein Bestseller wurde.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Death of Mrs. Westaway. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2018.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Der Tod der Mrs. Westaway. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: ©  dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bildnachweis: ©  Free-Photos, Pixabay

Im Auge des Betrachters

Julian Barnes: Kunst sehen

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Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten, denn sie und ihre Wirkung – ebenso wie die Schönheit – liegen im Auge des Betrachters. Doch wie betrachtet man ein Gemälde? Wie s i e h t man Kunst? Dieser und anderen Frage(n) widmet sich der englische Schriftsteller Julian Barnes in seiner inspirierenden Kurzgeschichten-Sammlung Kunst sehen. In seinen 17 erfrischenden Stories nimmt er uns mit auf einen spannenden und äußerst lehrreichen Streifzug durch Epochen und Stilrichtungen – von der Romantik über den Realismus, Impressionismus, Symbolismus bis hin zur Klassischen Moderne mit Schwerpunkt auf Surrealismus und Pop Art. Im Vordergrund stehen dabei nicht nur berühmte Gemälde, ihre Betrachtungsweise und Entschlüsselung, sondern auch und vor allem die jeweiligen genialen Künstlerpersönlichkeiten, ihre individuelle Lebensart, ihre oftmals wunderlichen Eigenarten und ebenso ihre Skandale, die sie durch ihre Kunst oder ihr Privatleben verursachten.

Barnes‘ umfassendes Expertenwissen, das er auf so kluge, charmante Weise und mit einem augenzwinkernden Humor übermittelt, ist eine Klasse für sich und macht diese Tour de l’Art zu einem ganz besonderen, sehr dynamischen Erlebnis. Ehe wir uns versehen, sind wir nicht nur mitten im künstlerischen Gestern,  in Gesellschaft der alten Meister, Möchte-gern Rebellen und Dandys, sondern auch im sich rasant verändernden Heute mit seinen radikalen kreativen Erneuerern, in deren Werken oftmals – wenn auch verzerrt – Spuren der Kunstkonzepte ihrer traditionellen Vorreiter zu finden sind. Barnes zeigt auf, wie Kunst sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und in welcher jeweiligen Ausdrucksform sich dieser stetige Wandel niederschlägt. Das klingt recht theoretisch, aber der Autor weiß genau, wie er diese Informationen am besten übermittelt, um seine Leser zu fesseln: Mit Geschichten um Künstler und ihre Gemälde, die so außergewöhnlich sind, dass sie im Gedächtnis bleiben…

Kunst und Wahrheit

Kunst und Wahrheit sind der Themenschwerpunkt der ersten von drei Geschichten, die ich ausgewählt habe und kurz vorstellen möchte. Als Beispiel führt Barnes hier Théodore Gericault, einen der wichtigsten Vertreter der französischen Romantik, und sein wohl berühmtestes Werk, Das Floß der Medusa, an. Der tragische Schiffsbruch der Fregatte Medusa und der auf einem Floß verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Passagiere ist die menschliche Tragödie, die er nach eingehenden Recherchen und nach Lektüre des Berichtes des überlebenden Arztes Henri Savigny auf die Leinwand bringt. Er schert sich den Kopf kahl, um seine Konzentration zu forcieren und macht sich mit maßloser Akribie an die Arbeit. Das Bild, das er 1819 fertigstellt, wird der größte Erfolg seines Lebens – und sein größter Fluch, denn es findet zu seinen Lebzeiten nicht die Anerkennung, die es verdient. Dies hat nicht nur politische Gründe, sondern beruht auch auf der Tatsache, dass der Horror der Katastrophe, den er so lebensecht zum Ausdruck gebracht hat, seine Zeitgenossen abstößt.

Doch wie steht es um die Wahrheit? Wie hat Gericault diese Katastrophe in seiner Kunst verarbeitet? Realitätsgetreu? Sicher nicht, so Barnes, denn Gericaults Darstellung der Passagiere beispielsweise, die allesamt muskulös und gut genährt sind, hat nichts mit den ausgemergelten und halbtoten Menschen zu tun, die sich auf dem Floß befanden und nach einem fürchterlichen Martyrium überlebten. Auch der Kanibalismus untereinander ist nur ganz vage sichtbar und zeigt nicht das wahre Ausmaß der Katastrophe, die Menschen zu Tieren machte. Aber all dies ist auch nicht notwendig, denn Gericaults Kunst besteht darin, dass er das Unglück auf eine andere Ebene transzendiert. Die Situation zwischen Hoffen und Aufgeben, als die Passagiere merken, dass die Rettung, die sich andeutet, nichts als ein Trugschluss ist, spiegelt Gericault als Situation der Conditio Humana wider, der Schiffsbruch wird zu Höherem stilisiert. Und genau darin liegt das Großartige seines einzigartigen Werkes.

Künstler und Selbstinszenierung

Als Selbstinszenierer unter den Künstlern par excellence hat Barnes das Skandalon des Realismus, Gustave Courbet, in den Fokus gestellt, der vor allem aufgrund seines damals als anstößig geltenden Werks L’Origine du Monde (Der Ursprung der Welt) in Erinnerung bleibt. Der Maler, der sich als „stolzesten und arrogantesten Mann Frankreichs“1 bezeichnete, schien das Self-Marketing, so Barnes, erfunden zu haben. Er erschuf seinen eigenen Mythos als ungehobelter Revoluzzer, der nicht nur seine künstlerischen Erfolge, sondern auch seine angefachten Eklats monetär ausschlachtete. Und seine Rechnung ging auf: Verkauften sich seine Bilder zu immensen Preisen, ließ er es das ganze Land wissen, lief das Geschäft mit der Kunst nicht so gut, malte er ein Bild, von dem er wusste, dass man es ablehnen würde, nur damit er im Gespräch blieb und seine künstlerische Attraktivität stieg. Better bad publicity than no publicity – dieses Motto galt wohl auch schon für Courbet, der damit gut leben konnte. Nicht umsonst porträtierte er sich in seinem berühmten Werk L’Atelier du Peintre als gottähnlicher Kreator, der sich – natürlich mit einer schönen Frau im Arm – die Welt malt, wie sie ihm gefällt.

Das Ende des egomanischen Draufgängers war jedoch ganz und gar nicht rühmlich: Courbet verscherzte es sich mit den politischen Entscheidungsträgern seiner Zeit, so dass ihm nur das Schweizer Exil blieb. Und auch sein Leben im Übermaß forderte schließlich seinen Tribut: Er starb einen schrecklichen Tod an durch starken Alkoholismus verursachter Wassersucht. Posthum wurde ihm, dem großspurigen Teufelskerl, jedoch eine besondere Ehre zuteil: Sein o.g. Skandalbild hängt nun im renommierten Musée d’Orsay in Paris.

Pop Art oder „Kunst, die etwas anderes tut, als in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen“

Eine leichte, nicht allzu ernste Form der Kunst ist Pop Art, die in den 50er Jahren in Großbritannien und in den USA als Reaktion auf den stetig steigenden Konsum und die Dominanz der Massenmedien entstand, und zu deren wichtigsten Vertretern Andy Warhol,  Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg zählen. Letzterem widmet Barnes seine Kurzgeschichte Schöne weiche Witzigkeit – und witzig ist sie allemal. Oldenburg, der sich tongue-in-cheek als kreativer Rebell definiert und als Performance-Künstler startete, machte sich mit alltagsgebräuchlichen Objekten bzw. Skulpturen einen Namen, die aufgrund der Weichheit ihrer einfachen Materialien nach etwas völlig anderem aussahen, z.B. ein Münztelefon, das zu einer Golftasche mutiert2.

Oldenburgs Kunst sollte sich von den traditionellen Konzepten insofern unterscheiden, als dass sie anfassbar und lebendig ist und darüber hinaus auch noch Spaß macht, anstatt – wie er es ausdrückte – in einem Museum auf dem Arsch zu sitzen3. Großes Nachdenken ist hier nicht angesagt, weitreichende Interpretationen – ebenfalls Fehlanzeige. Anschauen, gut oder nicht gut finden und ein Lächeln zum Vorschein bringen, wenn es gefällt – das ist das simple Ziel dieser spielerischen künstlerischen Ausdrucksform, die in unserer schnelllebigen Zeit immer noch wahrgenommen wird, ob man sie nun mag oder nicht. Unabhängig von der allgemeinen Kunstbetrachtung oder der eigenen Präferenz, hat Pop Art Kunst ein – wenn auch skurriles – Spaßelement hinzugefügt, und dies ist ebenfalls eine wichtige Errungenschaft.

Erfrischender und äußerst lehrreicher Streifzug durch die Welt der Kunst

Julian Barnes‘ Kurzgeschichtensammlung Kunst sehen hat mich wirklich begeistert. Man muss kein Kunstexperte sein, um die Stories zu verstehen bzw. genießen zu können. Für Laien wie mich waren sie eine gelungene Einführung in die unterschiedlichen Kunstrichtungen und eine sehr interessante Annäherung an verschiedene Künstlerpersönlichkeiten und ihre wichtigsten Werke. Ich habe mir während der Lektüre immer das jeweilige Bild auf den Museumsseiten angeschaut, und die Betrachtung in Kombination mit den Geschichten war wirklich sehr spannend und aufschlussreich. Daher mein Fazit: Barnes ist ein grandioser Erzähler, der seinen Lesern Kunst auf sehr unterhaltsame Weise näherbringt. Kunst sehen ist eine echte literarische Bereicherung und äußerst lesenswert!

Julian Barnes: Preisgekrönter Schriftsteller und Übersetzer

Julian Barnes wurde 1946 in Leicester/England geboren. Nach einem mit Auszeichnung absolvierten Sprachenstudium in Oxford arbeitete er zunächst als Lexikograph für das Oxford English Dictionary Supplement. Danach war er als Rezensent, Literatur- und Fernsehkritiker für den New Statesman, den New Review und den Observer tätig.

In den 80er Jahren wandte er sich der Schriftstellerei zu und veröffentlichte zunächst Kriminalromane unter dem Pseudonym Dan Kavanagh. Der internationale Durchbruch gelang ihm schließlich mit seinem herausragenden postmodernen Werk Flauberts Papagei (1984). Es folgten weitere große literarische Romanerfolge wie Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln (1990) und Vom Ende einer Geschichte (2011), für den er mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet und der zu den 100 bedeutendsten britischen Romanen gewählt wurde.

Barnes hat zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Darüber hinaus ist er auch als Übersetzer tätig und übertrug u.a. Werke der französischen Schriftsteller Alphonse Daudet und Gustave Flaubert sowie eine Sammlung deutscher Cartoons von Volker Kriegel ins Englische.

Für sein literarisches Schaffen wurde Barnes 2004 mit dem berühmten französischen L’Ordre des Arts et des Lettres (Orden der Künste und der Literatur) ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er den renommierten Somerset Maugham Award und den Geoffrey Faber Memorial Prize. In den USA wurde der Autor 2013 zum auswärtigen Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt, in Deutschland verlieh man ihm 2016 den Siegfried Lenz Preis


Originalausgabe: Barnes, Julian. Keeping an Eye Open: Essays on Art. London: Jonathan Cape, 2015.
Deutsche Ausgabe
: Barnes, Julian. Kunst sehen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, 2019.

1 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 79
2 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 285
3 Barnes, Julian. Kunst sehen. S. 278

Buchcover: © Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © Ana Thira (privat)