#liebu – Mein Lieblingsbuch

Janine von Kapri-ziös hat mich auf diese außergewöhnliche Blogparade mit dem Titel Lieblingsbuch aufmerksam gemacht. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Blogger von Lilienlicht, BücherKaffee und Teekesselchen. Weitere Informationen findet ihr unter http://lilienlicht.de/ankuendigung-blogparade-lieblingsbuch.

Gerne nehme ich an dieser schönen Aktion teil und stelle euch nachfolgend mein Lieblingsbuch vor:

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F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

Dieser Roman war der erste Klassiker der amerikanischen Moderne, der mich derart begeistert hat, dass ich nach und nach sämtliche Werke von F. Scott Fitzgerald gelesen habe. Sein einzigartiger Sinn für Sprache, sein außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie Fitzgerald. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Sinnleere härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

Nick Carraway: Yale-Absolvent im neureichen West Egg

Der Erzähler des Romans ist Nick Carraway, ein junger Mann aus Minnesota, der im Sommer 1922 nach New York zieht, um dort als Wertpapierhändler Karriere zu machen. Er mietet ein Haus in West Egg/Long Island, eine recht unpopuläre Gegend, in der hauptsächlich Neureiche leben, die ihren Luxus ungeniert zur Schau stellen. Nicks Nachbar ist der undurchsichtige, megareiche Jay Gatsby, um dessen Herkunft sich zahlreiche Gerüchte ranken. Seine extravaganten, glamourösen Partys, die er auf seinem gigantischen Anwesen ausrichtet, sind legendär.

Familienbande der gehobenen Klasse

Nick fühlt sich wie ein Misfit, der eigentlich gar nicht dort hinpasst. Er hat einen Abschluss in Yale und darüber hinaus Verbindungen zur etablierten gehobenen Klasse in East Egg/Long Island, die über die Neureichen die Nase rümpft. Dort besucht er seine Cousine Daisy und ihren reichen Mann, Tom Buchanan, ein Studienkollege von Nick, und lernt außerdem Jordan Baker kennen, eine erfolgreiche Golferin und bildschöne Zynikerin. Jordan verrät Nick, dass Tom eine Geliebte namens Myrtle Wilson hat, die mit ihrem Mann in einer schäbigen Industriegegend, Valley of Ashes, lebt.

Der mysteriöse Nachbar auf Long Island

Eines Tages erhält Nick zu seiner großen Überraschung eine Einladung zu einer von Gatsbys Partys, wo er auch Jordan Baker wiedersieht, mit der er eine romantische Affäre beginnt. Und dann endlich trifft er auch den mysteriösen Gatsby, ein überraschend junger Mann mit englischem Akzent, der jeden „Old Sport“ nennt. Er lässt Nick durch Jordan ausrichten, dass er Daisy von früher kennt und sie seine große Liebe ist. Er möchte sie unbedingt wiedersehen und bittet Nick, ein Treffen zu arrangieren. Nick lädt Daisy zu sich zum Tee ein, erwähnt aber nicht, dass Gatsby auch dort sein wird. Als die beiden aufeinandertreffen, ist Daisy zunächst schockiert, aber ihre Gefühle für Gatsby erwachen erneut, und sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre.

Jay und Daisy: Eine schicksalhafte Verbindung

Doch das geheime Verhältnis der beiden bleibt nicht lange unentdeckt. Daisys gewalttätiger, misstrauischer Mann Tom schöpft bei einem gemeinsamen Essen sofort Verdacht, als er sieht, welche Blicke die beiden austauschen. Bei einem Trip nach New York stellt er Gatsby wutentbrannt zur Rede und erzählt Daisy, dass Gatsby ein Krimineller sei, der sein Vermögen mit Alkoholschmuggel und anderen dubiosen Aktivitäten gemacht hat. Daisy wendet sich daraufhin wieder Tom zu, da er der Upper Class angehört, was ihr letztendlich am wichtigsten ist. Tom teilt ihr jedoch unwirsch mit, sie solle mit Gatsby nach West Egg zurückfahren, während er sich mit Nick und Jordan auf den Weg macht. Doch dann geschieht ein folgenschwerer Unfall, der alles zunichtemacht und Gatsbys Schicksal besiegelt…

Gatsby: Undurchsichtiger Self-Made Man und sein verklärter Traum von Liebe

Mit Jay Gatsby ist Fitzgerald eine einzigartige Romanfigur gelungen, die auf den ersten Blick die Verkörperung des American Dream zu sein scheint. Jung, gut aussehend und erfolgreich hat sich Gatsby, der Junge aus ärmlichen Verhältnissen mit zweifelhafter Herkunft, einfach neu erfunden. Doch was macht Gatsby „groß“? Es ist nicht nur sein kometenhafter Aufstieg von Rags to Riches, sondern seine Fähigkeit, seine Träume in die Realität umzusetzen. Aber trotz seines unermesslichen Reichtums ist die innere Leere geblieben wie auch die Hoffnung auf Liebe, die er mit Daisy zu finden glaubt. Doch die Frau seiner Träume ist oberflächlich und wählt ihre Männer nach Reichtum und gesellschaftlichem Standing aus. Ein trauriges Fazit, dass er bis zum Ende nicht ziehen will, sondern sich lieber an die Traumvorstellung klammert, die er von Daisy hat. Dies markiert für Gatsby den Anfang vom Ende, denn wie der einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierende amerikanische Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde, so scheitert auch Gatsby letztlich an seiner verklärten Sicht eines Traums von Liebe, den die Wirklichkeit längst eingeholt hat.

F. Scott Fitzgerald: Amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil er angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während er mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920 in kurzer Zeit ein Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, ihn zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Partys und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die Crème de la crème der bedeutenden Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie ihr Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

1922 erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentlichtes Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern kaum gewürdigt, was sich auch im geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann er, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt diverse Nervenzusammenbrüche und zeigte gravierende psychische Probleme, so dass sie viele Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb sie ihren einzigen Roman, Save Me The Waltz, der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur die luxusbesessene Glamour-Frau an seiner Seite.

Als Fitzgeralds 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In seinen letzten Lebensjahren lernte er Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod war.

Fitzgerald starb 1940 an einem Herzinfarkt, als er an seinem Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation1, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des Ersten Weltkriegs prägte. Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem Roman This Side of Paradise: „Here was a generation…grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“2

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: „My God, I am a forgotten man.“3 Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie unrecht er hatte.


Originalausgabe: Fitzgerald. F. Scott. The Great Gatsby. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010.
Deutsche Ausgabe: Fitzgerald. F. Scott. Der große Gatsby. Aus dem Amerikanischen von Kai Kilian. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2011.
Quelle1http://www.britannica.com/topic/Lost-Generation
Quelle2: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010. Seite 259.
Quelle3: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.
Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.
Bildnachweis: Shutterstock – Urheberrecht: Gorbash Varvara

Die Frage nach dem „Warum“

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht

Auf die profilierte niederländische Schriftstellerin Margriet de Moor bin ich durch ihren brillanten Roman Der Maler und das Mädchen aufmerksam geworden, der mich sehr beeindruckt hat. Ihr einnehmender, klarer und poetisch-sinnlicher Erzählstil hat mich sofort gefangen genommen. Insofern war ich auch schon sehr gespannt auf ihre jüngst vom Hanser Verlag veröffentlichte Novelle Schlaflose Nacht, die in den 70er/80er Jahren in Holland spielt. Mit diesem Werk offenbart uns de Moor eine weitere Facette ihres schriftstellerischen Könnens: Mittels ihres profunden psychologischen Verständnisses katapultiert sie uns in die Gedankenwelt der namenlosen Ich-Erzählerin, eine junge Witwe, die in einer Nacht, in der sie wieder einmal keinen Schlaf findet, ihre kurze Ehe mit ihrem Mann Ton fragmentarisch Revue passieren lässt. Nach nur 14 Monaten des gemeinsamen Glücks hatte sich Ton plötzlich und ohne Vorzeichen im Gewächshaus erschossen – ein furchtbarer Schock für seine Familie und insbesondere für seine junge Frau, die am Boden zerstört ist und keine Erklärung für den Suizid ihres Mannes finden kann – zumal er auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat. Schlimmer als das Mitleid ist der unausgesprochene Vorwurf in ihre Richtung, den sie in jedem Blick der Dorfbewohner zu erkennen meint. Sie, die Zugezogene, die stets eine Fremde blieb, obwohl sie als Lehrerin der Dorfschule äußerst beliebt ist, fühlt sich plötzlich verloren und unsagbar allein. Doch entgegen aller Erwartungen zieht sie nicht fort, sondern bleibt in dem Haus, das Ton mit viel Liebe und Bedacht für sie beide eingerichtet hat, als ob sie hofft, doch irgendwann Tons geheimen Grund für seinen Selbstmord zu entdecken.

Eine Erklärung für das Unerklärliche

Einzig Tons resolute Schwester Lucia schafft es, sie aus ihrer Lethargie und Trauer zu reißen und rät ihr, nachdem einige Zeit vergangen ist, sich nicht abzukapseln, sondern einen neuen Mann zu suchen. Obwohl sie diesen Vorschlag zunächst für nicht angebracht hält, gibt sie mit Lucias Hilfe eine Anzeige auf – und arrangiert ein Treffen mit einem Mann, der in der Redaktion einer historischen Enzyklopädie arbeitet. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht macht sie das, was sie immer tut, wenn sie nicht mehr schlafen kann: Sie backt Kuchen und lässt sich dabei von Erinnerungen an die Zeit des Kennenlernens und den Beginn ihrer Liebe zu Ton übermannen. Schließlich kommt sie zu der bitteren Erkenntnis, dass sie von ihrem Mann eigentlich nur sehr wenig wusste, denn warum sonst konnte sie seine Tat nicht erahnen, geschweige denn verhindern? Für sie war es eine stille Liebe von zwei Menschen, die sich auf Anhieb und ohne viele Worte verstanden – doch vielleicht war sie ja auch zu still? Die Frage nach dem „Warum“ lässt sie nicht los, und sie beschließt, eigene Nachforschungen anzustellen. So spricht sie u.a. mit Tons Stiefmutter Mieke, die ihn nach dem frühen Tod seiner Mutter stets liebevoll umsorgte, und hofft, bei ihr eine Erklärung zu finden. Doch auch hier kommt sie nicht weiter. Aus lauter Verzweiflung durchsucht sie schließlich Tons Sachen und stößt dabei auf einen merkwürdigen Parkschein und eine mysteriöse Unbekannte. Voller Enttäuschung und Wut folgt sie dieser letzten Spur ihres Mannes, aber wird sie ihr die Erklärung bringen, auf die sie so verzweifelt hofft?

Eine tiefgründige Novelle, die unter die Haut geht

Mit Schlaflose Nacht ist Margriet de Moor eine bemerkenswerte, sehr berührende Erzählung gelungen, die ihresgleichen sucht. Sehr behutsam nähert sie sich in ihrer kleinen Novelle den großen Themen des Lebens an: Liebe, Verlust, Trauer und Neuanfang. Über allem schwebt die stets wiederkehrende Frage nach dem „Warum“, die wir in so vielen Phasen unserer Existenz stellen und auf die wir in den seltensten Fällen eine Antwort erhalten. Mit einem Mosaik aus Rückblenden, Gedankenfragmenten und Momentaufnahmen ihrer Protagonistin lässt de Moor uns an einer ganz unspektakulären und doch so innigen Beziehung zweier Menschen teilhaben, die durch Tons nicht nachvollziehbaren Freitod ein jähes Ende findet. Sie nimmt uns mit durch das Gefühlslabyrinth ihrer Erzählerin, die nach einem Fall ins Bodenlose ganz langsam ins Leben zurückfindet.

Und in vielen kleinen Dingen finden wir uns sogar wieder, insbesondere dann, wenn uns Trauer und Wut schon einmal sprach- und mutlos gemacht haben. De Moor zeigt uns auch, was den Menschen in solch dunklen Momenten ausmacht: Die Fähigkeit, nach vorne zu schauen, sich der Liebe zu erinnern, sich mit Vergangenem zu versöhnen und einen Neuanfang zu wagen. All dies offenbart uns de Moor in dieser kurzen Novelle mit einer expressiven und stimmungsvollen Sprache, die ins Herz trifft und die Essenz unseres Menschseins bewegt. Mein Fazit: Sehr lesenswert!

Margriet de Moor: Vom Künstlersalon zur Schriftstellerei

Die Schriftstellerin Margriet de Moor wurde 1941 in Noordwijk/Niederlande geboren. Im Erstudium studierte sie zunächst Klavier und Gesang, im Zweitstudium Kunstgeschichte und Archäologie. Im Jahre 1984 eröffnete sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Bildhauer Heppe de Moor, einen Künstlersalon bei Hilversum, wo diverse Künstler ihre Werke ausstellten, von denen de Moor auch Film- und Videoporträts produzierte. Als die Subventionen für dieses außergewöhnliche Projekt nicht mehr flossen, widmete sich de Moor, die übrigens fließend Deutsch spricht, der Schriftstellerei.

Bereits ihr Erstlingswerk Rückenansichten, eine Erzählungssammlung, wurde ein großer Erfolg und mit dem Goldenen Eselsohr als meist verkauftes Debüt ausgezeichnet. Mit ihrem ersten Roman Erst grau dann weiß dann blau, der 1991 erschien und für den sie den renommierten niederländischen AKO Literatuurprijs erhielt, gelang ihr endgültig der Durchbruch als Schriftstellerin. Mittlerweile ist sie als Autorin auch international sehr erfolgreich, so dass ihre Werke in diverse Sprachen übersetzt wurden. Zu den bekanntesten Romanen von de Moor, die in Amsterdam lebt und arbeitet, zählen Die Verabredung (2000), Der Jongleur (2008), Der Maler und das Mädchen (2011) und Mélodie d’amour (2014), die alle ebenfalls im Hanser Verlag erschienen sind.


Originalausgabe: Moor, Margriet de. Op het eerste gezicht. In: Dubbelportret. Drie novellen. Contact: Amsterdam, 1989.
Deutsche Ausgabe: Moor, Margriet de. Schlaflose Nacht. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. München: Carl Hanser Verlag, 2016.
Buchcover: www.hanser.de

#buchpassion – Mein Bekenntnis zum Buch

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Janine vom Bücher- und Literaturblog Kapri-ziös hat diese wunderbare Literatur-Onlineaktion ins Leben gerufen, um, wie sie schreibt, „das Buch zu feiern“. Ich finde, das ist eine ganz großartige Idee, bei der man sich einfach einbringen muss. An dieser einzigartigen Aktion beteiligen sich Autoren, Blogger und Verlage mit dem gemeinsamen Ziel, Nichtlesern Bücher bzw. Literatur näherzubringen und darüber hinaus aufzuzeigen, dass es neben dem sicherlich spannenden digitalen Smartphone- und Games-Kosmos noch eine aufregende Welt der Geschichten gibt, die es zu entdecken lohnt.

Vom 9. bis 11. September 2016 veröffentlicht jeder Teilnehmer seinen ganz persönlichen Artikel unter dem Motto #buchpassion – Mein Bekenntnis zum Buch auf seiner Website bzw. auf seinem Blog. Wie ihr das Thema behandelt, bleibt euch überlassen: Ihr könnt frei schreiben oder euch an Janines Fragen orientieren, die sie zusammengestellt hat. Darüber hinaus findet auf Twitter vom 10. September ab 10.00 h bis zum 11. September 2016, 18.00 h, ein Lesemarathon unter #buchpassion statt, zu dem alle Buchbegeisterten herzlich eingeladen sind.

Hier nun mein Beitrag zu dieser außergewöhnlichen Literaturaktion:

Wie alles begann…

Die Leidenschaft für Bücher liegt bei uns in der Familie. Niemand, den ich kenne, liest auch nur annähernd so viel wie meine Mutter. Und so hat sie denn auch mit mir schon als ganz kleines Kind viele schöne Bilderbücher angeschaut und mir die unterschiedlichsten Geschichten vorgelesen. Als ich dann etwas größer war, gehörten Märchen zu meinen Lieblingserzählungen. Hier hatte es mir Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau besonders angetan – und bis heute ist es mein bevorzugtes Märchen geblieben. Nachdem dann die Märchenzeit vorüber war und das Mädchenzeitalter begann, zählten Pippi Langstrumpf (Astrid Lindgren), Professors Zwillinge (Else Ury), Pucki (Magda Trott) und Heidi (Johanna Spyri) zu meinen literarischen Heldinnen. Später folgten dann noch Hanni und Nanni und Fünf Freunde (Enid Blyton), Die drei ??? (Robert Arthur), TKKG (Stefan Wolf) u.v.m. Meine Kindheit und Jugend war somit geprägt von vielen tollen Storys und aufregenden Abenteuern, die die Bücherwelt zu bieten hatte. Gelesen habe ich am liebsten unter der Bettdecke – natürlich mit Taschenlampe -, weil es so geheimnisvoll war und ich mich ganz ungestört in meine Lektüre vertiefen konnte.

Von der Pflichtlektüre zum Lesespaß

Als ich dann aufs Gymnasium kam, war es zunächst erst einmal vorbei mit der unbekümmerten Leseauswahl. Standardromane und Klassiker standen in Deutsch, Englisch und Französisch auf dem Programm – Zeit für privates Lesevergnügen blieb da kaum. Durch viele Werke habe ich mich regelrecht gequält, die einzigen Autoren, die mir damals gefielen, waren Hermann Hesse, Thomas Mann, Albert Camus und Arthur Miller. Insbesondere zu Shakespeare, dessen Werke ich heute liebe, fand ich damals gar keinen Zugang – ich empfand das elisabethanische Englisch als viel zu schwierig und verschachtelt. Angesichts dieser ganzen Pflichtlektüren ging meine Lesefreude ein wenig verloren – doch nicht für lange Zeit. An der Uni kehrte sie ganz schnell zurück, denn ich konnte meine Kurse und damit auch die Werke, die behandelt wurden, zum größten Teil frei wählen. Und so entdeckte ich nicht nur viele einzigartige Romane und Autoren, sondern auch meine Begeisterung für die Klassiker, speziell für Shakespeare, und Poesie. Alles in allem möchte ich dieses Studium nicht missen – es hat mich geprägt, meine Leseleidenschaft neu entfacht und mir einfach Spaß an Literatur vermittelt.

Ein wunderbarer Ausgleich: Mein Literatur- und Filmblog

Nach meinem Studium habe ich einen Job in der freien Wirtschaft angenommen, bei dem meine Fremdsprachen im Fokus stehen. Doch die Literatur hat mir bei meiner beruflichen Tätigkeit immer gefehlt, denn sie ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Als mir dann meine beste Freundin Bee begeistert von ihrem neuen Hobby, dem Bloggen, berichtete und mich motivierte, es doch einfach auch mal zu probieren und meine Lieblingsromane vorzustellen, war ich zunächst sehr skeptisch, weil ich dachte, dass ich es zeitlich bestimmt nicht schaffen würde. Aber mit meinem Blog A Million Pages habe ich es gewagt, und es hat sich gelohnt: Bloggen ist ein wunderbarer Ausgleich zu meinem Job. Nach einem hektischen Arbeitstag entspannt mich das Schreiben von Posts ungemein. Ich kann in die unterschiedlichsten literarischen und filmischen Welten abtauchen und meine Erlebnisse mit anderen Bloggern teilen.

Mein Traum ist nach wie vor, im literarischen Bereich zu arbeiten – sei es als Dozentin, im Verlag o.ä. -, aber bis es soweit ist, widme ich mich weiterhin meinem Blog und erfreue mich an dem Austausch mit vielen inspirierenden Bücherbloggern. So bin ich schon auf tolle Lesetipps bzw. auf Romane gestoßen, die ich angesichts der jährlichen Flut an Bücher-Neuerscheinungen ansonsten gar nicht entdeckt hätte. Und allein dafür lohnt sich das Bloggen und das Lesen anderer Blogs schon.

Meine All-Time Favourites und Neuentdeckungen

Hier greife ich gerne Janines Frage – Ohne welches Buch bzw. welchen Autoren könntest du nicht leben?  – auf und habe in der nachstehenden Liste mal einige bunt zusammengewürfelte Beispiele meiner literarischen All-Time Favourites, aber auch meiner Neuentdeckungen zusammengestellt. Es ist eine kleine Selektion meiner Lieblingsautoren bzw. Lieblingsromane, die ich nicht missen möchte. Mir ist es wirklich schwergefallen, diese Liste zu begrenzen, denn es gibt noch so viele andere Schriftsteller und Bücher, die ich aufführen möchte, aber das würde dann doch den Rahmen sprengen  😉 .

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Ein Plädoyer für das Lesen

Ein Leben ohne Lesen könnte ich mir nicht vorstellen, denn Bücher begleiten mich seit meiner Kindheit. Ich lese in der Mittagspause, in der Bahn, im Bett oder in der Mayerschen bei einem leckeren Cappuccino – aber am meisten genieße ich das Lesen am Meer, nirgendwo ist es so herrlich ruhig und an keinem anderen Ort habe ich so viel Muße wie dort. Mein Büchergeschmack ist dabei recht vielfältig: Ich habe kein bestimmtes Lieblingsgenre, sondern lese querbeet. Es müssen auch nicht immer Romane mit hohem Anspruch sein, gerne greife ich auch mal zu einem nervenaufreibenden Thriller oder einem herrlich herzerweichenden Liebesroman. Das kommt ganz auf meine Stimmung an.

Mit Büchern kann ich mich wunderbar aus der Realität ausklinken und dabei in fiktionale Welten abtauchen. Romane bereichern und berühren mich, sie rütteln auf und erhellen, aber sie erschrecken und schockieren auch, insbesondere dann, wenn sie uns bzw. der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vorhalten. Ich kann aus Geschichten lernen, ohne dabei belehrt zu werden, ich erhalte ein besseres Verständnis für viele Dinge des Lebens, die sich mir vielleicht vorher nicht erschlossen haben, und ich gewinne Einblicke in viele Facetten der menschlichen Natur, die aufschlussreich sind. Aus jedem Roman, den ich lese und der mich anspricht, nehme ich etwas mit – seien es Glücksmomente, traurige Augenblicke, beängstigende Wahrheiten oder wertvolle Lebenseinsichten – all dies macht Lesen zu dem, was es für mich ist – ein Erlebnis, ein Genuss, eine Erfahrung!

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Es hat großen Spaß gemacht, meinen Beitrag zur #buchpassion beizusteuern. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, noch spontan mitzumachen und eure Geschichte zum o.g. Thema zu erzählen? Schaut mal auf Janines o.g. Website und lasst euch inspirieren…


Bildnachweis: Shutterstock Urheberrecht: Yellowj

Kampf der Buchgenres – Fokus: Historische Romane

Auch in diesem Monat mache ich gerne wieder bei der einzigartigen Blogparade Kampf der Buchgenres, die Nicole von Smalltownadventure und Jana von Lifetime Hours ins Leben gerufen haben, mit. Jeden Monat wird ein bestimmtes Buchgenre thematisiert – hier nochmals die entsprechende Übersicht bis zum Jahresende:

Wie ihr an das Thema herangeht, bleibt euch überlassen. Ob ihr generell über das Genre schreibt oder eure Lieblingsbücher dieses speziellen Literaturbereichs vorstellt, könnt ihr selbst entscheiden. Immer am 15. eines Monats wird über das entsprechende Genre gebloggt, und ihr habt dann vier Wochen Zeit, um euren Beitrag zu veröffentlichen – natürlich mit Verlinkung zu Nicoles und Janas Blogs. Am 15. Januar 2017 ziehen die beiden Initiatorinnen dann ein Fazit und berichten u.a., welches Genre das beliebteste unter den Bloggern ist und welche genrespezifischen Bücher bzw. welche Autoren empfohlen wurden. Ich bin schon sehr gespannt auf die Auswertung.

Das Thema im August ist, wie oben aufgeführt, Historische Romane. Dieses Genre trifft nur sehr selten meinen Geschmack, da müssen es wirklich schon spezielle, sehr gute Bücher sein.  Wenn ich Werke aus diesem Segment auswähle, dann sind es zumeist historische Krimis, denn hier gibt es einige brillante Romane mit Lokalkolorit, die sehr beachtenswert sind. Nachstehend stelle ich euch drei meiner absoluten Favoriten vor, die für mich zu den besten ihres Genres zählen:

© HAYMONtb Verlag

Edith Kneifl: Die Tote von Schönbrunn

Dieser Roman ist einer meiner Favoriten unter den historischen Krimis und dies nicht nur, weil er in meiner Lieblingsstadt Wien spielt. Er hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, was zum einen an der von der renommierten österreichischen Autorin Edith Kneifl so spannend konzipierten Story, aber vor allem an den außergewöhnlichen Charakteren liegt, die dem Leser schon nach kurzer Lektüre sehr vertraut sind. Schauplatz der Geschichte ist Wien um die Jahrhundertwende. Nach dem brutalen Mord an Kaiserin Sissi steht das Land unter Schock. Besonders erschüttert über diese Untat ist auch Protagonist Gustav von Karoly, der ein heimlicher Verehrer der schönen Kaiserin war. Der 36-jährige Von Karoly, der nach acht Jahren Armee nunmehr als Privatdetektiv arbeitet, ist der uneheliche Sohn des Grafen Batheny, der ihn jedoch offiziell nicht als Sohn anerkennt, da seine kurze Beziehung mit Gustavs Mutter, einer bekannten Opernsängerin, nicht standesgemäß war. Vor diesem Hintergrund meidet Gustav seinen Vater und möchte mit ihm so wenig wie möglich zu tun haben.

Da Gustav als Privatdetektiv nicht sehr viel verdient, teilt er sich eine Wohnung mit seiner Tante Vera von Karoly und Dorothea Palme, der 25-jährigen Tochter von Veras jüngst verstorbener Freundin Valerie, die sie nach deren Tod aufgenommen hat. Dorothea ist für die damalige Zeit äußerst emanzipiert und möchte – wie ihr verstorbener Vater – unbedingt Ärztin werden, was sich als nahezu unmöglich erweist, denn Frauen sind nicht zum Studium zugelassen. Doch Dorothea ist eine Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt und sich noch dazu von Männern ungern etwas sagen lässt – das bekommt auch Gustav zu spüren, der mit ihr des Öfteren aneinander gerät. Zum Glück ist da noch Gustavs guter Freund Rudi Kasper, Polizei-Oberkommissar, mit dem er sich regelmäßig trifft und dem er sein Leid im Hinblick auf seinen „2-Frauen-Haushalt“ klagen kann.

Nach dem Mord an Kaiserin Sissi ist ein normaler Alltag nur schwer möglich – überall gibt es Gerüchte und die wildesten Verschwörungstheorien. Auch der Tag ihrer Beerdigung steht unter keinem guten Stern. Nach ihrer Beisetzung findet man in ihrem Toilettenzimmer die fürchterlich zugerichtete Leiche der Gräfin Clementine von Reichenbach, die zur Entourage der Kaiserin gehörte. Rudi Kasper wird mit der Untersuchung dieses mysteriösen Falls beauftragt, welche sich als äußerst diffizil erweist, denn der Mord gibt viele Rätsel auf. Zeitgleich bittet Graf von Batheny seinen Sohn Gustav, den Überfall auf seine Tochter Marie Luise zu untersuchen. Da diese eine sehr lebhafte Fantasie hat, glaubt Graf von Batheny ihr nicht und ist überzeugt, dass sie den ganzen Vorfall nur erfunden hat. Aus Geldnot nimmt Gustav den Fall widerwillig an, doch inmitten seiner Recherchen wird Wien in immer kürzer werdenden Abständen von weiteren brutalen Mordfällen erschüttert – und wieder sind es adlige Frauen, die, wie man zwischenzeitlich feststellt, alle Ähnlichkeit mit Kaiserin Sissi aufweisen.

Indes wächst seinem Freund Rudi alles über den Kopf – zumal sich die Presse auf jeden Mord des Jack the Ripper von Schönbrunn stürzt. Als dann auch noch Dorothea, die Gustav mehr und mehr ans Herz wächst, brutal überfallen wird und gerade noch mit dem Leben davon kommt, riskiert er alles, um den Täter zu entlarven und aus der Reserve zu locken – ein gefährliches Unterfangen, denn der Mörder gerät völlig außer Kontrolle…

Was für ein Krimi im beschaulichen Wien! Dieser Roman ist wirklich ein absolutes Leseerlebnis, denn hier stimmt einfach alles: Die Story, der exzellent recherchierte geschichtliche Kontext und natürlich primär die Hauptfiguren, die dem Leser schnell ans Herz wachsen. Edith Kneifl, die erfolgreichste österreichische Kriminalschriftstellerin, hat mit ihrem Protagonisten Gustav von Karoly einen literarischen Charakter geschaffen, der absolut lebensecht in seinem zeitlichen Rahmen ist. Auch sein weibliches Pendant Dorothea ist sehr gut gelungen und frischt die ein wenig verstaubte k.u.k.-Ära auf. Darüber hinaus gelingt es Kneifl auf eindrucksvolle Weise, das Wien der Jahrhundertwende wieder zum Leben zu erwecken. Mein Fazit: Ein absolutes Must Read!

In dieser Reihe sind übrigens noch zwei weitere Bände erschienen, die ich demnächst ebenfalls lesen werde: Der Tod fährt Riesenrad und Totentanz im Stephansdom. Ich bin schon sehr gespannt.

© Rowohlt Taschenbuch Verlag

Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes

Dieser historische Kriminalroman, der zugleich auch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte beinhaltet, ist für mich ein weiteres Highlight seines Genres. Er spielt Mitte des 19. Jahrhunderts in Duisburg-Ruhrort, als die beginnende Industrialisierung der Rhein-Ruhr-Region den Fortschritt bringt. Unter erfolgreichen Unternehmerfamilien wie Haniel und Stinnes blüht das ärmliche Gebiet auf und gewinnt an Attraktivität für ausländische Investoren. Die Protagonistin des Romans, Carolina, genannt „Lina“, Kaufmeister, ist die Tochter einer wohlhabenden Händlerfamilie. Aufgrund einer Hüftversteifung hinkt sie und gilt somit als nicht verheiratbar. Nach dem Tod ihrer Mutter pflegt sie ihren schwerkranken Vater Josef, mit dem sie in einem großen Haus gemeinsam mit Bruder Georg und Schwägerin Aaltje wohnt. Als „alte Jungfer“ wird sie von Georg und seiner Frau wie eine Dienstmagd behandelt, für ihren Vater ist sie allerdings das Lieblingskind.

Lina ist eine hervorragende Näherin mit einem Faible für Mode. Sie muss ein Kleid nur ansehen, um es auf Anhieb nachschneidern zu können. So bessert sie des Öfteren die Garderobe ihrer weniger wohlhabenden Freundinnen mit ein paar Tricks auf und orientiert sich dabei an den neuesten Trends aus Paris, die sie aus Zeitschriften kopiert. Somit zählt sie denn auch zu den guten Kundinnen der Witwe Clara Dahlmann, die in Ruhrort ein gutgehendes Tuchgeschäft betreibt und die Linas Talent und ihr untrügbares Gespür für Mode auf Anhieb erkennt.

Eines Abends als Lina nach einem Besuch bei ihrer besten Freundin Luise mit Hausdiener Simon im dichten Nebel auf dem Weg nach Hause ist, macht sie eine grausige Entdeckung: Sie findet die schrecklich zugerichteten Leichen zweier Mädchen, Hanna und Lene Hensberg, denen man das Herz entfernt hat. Als Lina ihren ersten Schock überwunden hat, erinnert sie sich an eine Kutsche, die rasend schnell an ihr vorbeifuhr. Als sie dem invaliden Ex-Leutnant und neuen Kommissar Robert Borghoff davon erzählt und noch anmerkt, dass der Kutscher für seine Position sehr teuer gekleidet war, wird dieser hellhörig, denn Linas Beobachtung lässt nur einen Schluss zu: Der Mörder gehört zur gehobenen Gesellschaft von Ruhrort. Doch der Bürgermeister will von dieser Theorie nichts hören und verbietet Borghoff, die ehrbaren Bürger der Stadt zu befragen.

Die Nachricht vom grausamen Mord an den beiden Mädchen spricht sich herum wie ein Lauffeuer. Als dann weitere Frauen auf die gleiche furchtbare Weise getötet werden, gehen Angst und Schrecken in Ruhrort um. Die verrückte Kätt spricht sogar von einem Werk des Teufels. Doch Lina lässt sich von der allgemeinen Panik nicht anstecken und stößt schließlich durch Zufall auf eine unglaubliche Spur, die zu einer angesehenen Familie führt. Robert, der sich mehr und mehr zu Lina hingezogen fühlt, glaubt ihr und ermittelt auf eigene Faust und ohne Genehmigung des Bürgermeisters. Auch Lina stellt mittels ihrer guten Kontakte eigene Recherchen an. Doch beide unterschätzen die immense Gefahr, in der sie schweben, als sie einer dunklen Verschwörung auf die Spur kommen. Denn ihre Gegner sind mächtig und schrecken vor nichts und niemandem zurück, um ihre grausigen Ziele zu erreichen…

Dieser Roman ist definitiv nichts für schwache Nerven. Mysteriös, nicht auflösbar und daher hochspannend bis zum fulminanten Ende, verlangt er dem Leser einiges ab. Die Duisburger Autorin Silvia Kaffke, die im Jahr 2000 den Kulturförderpreis für Literatur der Landeshauptstadt Düsseldorf erhielt, hat mit diesem historischen Krimi meines Erachtens ein ganz besonderes Werk geschaffen, das uns in eine interessante Zeit des Aufbruchs zurückversetzt. Als Kind des Ruhrgebiets habe ich die fundierten Informationen über die damaligen Lebensumstände, die uns die Autorin im Zuge der Geschichte übermittelt, förmlich aufgesogen.

Darüber hinaus präsentiert uns Kaffke mit ihren beiden Hauptfiguren Lina und Robert zwei Protagonisten, die man sofort ins Herz schließen muss: Die freiheitsliebende Lina, die trotz der Einschränkungen für Frauen in der damaligen Zeit ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen will, und der vom Krieg gezeichnete Robert, der mit seinem neuen Job im Leben wieder Fuß fassen möchte und der für damalige Verhältnisse eine relativ moderne Auffassung von der Rolle der Frau hat, scheinen wie gemacht füreinander. Diese ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sehr berührend ist, erzählt die Autorin sehr behutsam, ohne Kitsch und Pathos und verleiht ihr somit die nötige Glaubwürdigkeit. Mein Fazit: Ein Pageturner sondergleichen – sehr lesenswert!

In dieser Reihe ist ein weiterer Band erschienen, Das dunkle Netz der Lügen, der bereits auf meinem SuB liegt, denn ich möchte unbedingt wissen, wie es mit Lina und Robert weitergeht bzw. welcher spannende Fall sie dieses Mal erwartet.

© Page&Turner/
Verlagsgruppe Random House

John Matthews: Stadt in Angst

Abschließend möchte ich euch noch diesen wirklich brillanten historischen Kriminalroman vorstellen, der in New York im Jahre 1891 spielt und das Thema Jack the Ripper aufgreift. Somit ist schon im Vorhinein klar, dass dieser Thriller nichts für Zartbesaitete ist, aber er ist derart gut geschrieben, ungemein spannend und, wie obige Werke, geschichtlich sehr informativ, dass man ihn meines Erachtens unbedingt gelesen habe sollte. Auch die Story, die der britische Autor John Matthews um den berüchtigten Serienmörder aller Zeiten erdacht hat, ist eine Klasse für sich. Dies gilt ebenso für seine Protagonisten, den britischen Kriminalanalytiker Finley Jameson und den hartgesottenen New Yorker Cop Joseph Argenti, deren Wege sich auf schicksalhafte Weise kreuzen. Als die Prostituierte Camille Green auf brutalste Weise ermordet wird und diese grausame Tat eindeutig die Handschrift des Serienkillers Jack the Ripper trägt, wendet sich die New Yorker Polizei an Scotland Yard, die sich sofort einschalten. Da Sir Thomas Colby, renommierter britischer Chirurg und führender Rechtsmediziner seiner Zeit, terminbedingt nicht nach New York reisen kann, schickt er seinen besten Studenten, Finley Jameson, der alle Fälle des Serienkillers bis ins Detail kennt. Er soll gemeinsam mit dem toughen US-Detective Joseph Argenti ermitteln und schnellstmöglich herausfinden, ob es sich bei dem Killer tatsächlich um Jack the Ripper oder um einen Nachahmungstäter handelt.

Die Zusammenarbeit von Jameson und Argenti gestaltet sich anfänglich schwierig, denn beide könnten nicht unterschiedlicher sein: Der dandyhafte Jameson hat eine sehr gute Ausbildung genossen, während Argenti als Sohn italienischer Einwanderer in bitterer Armut aufwuchs. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Jameson jegliche Sozialkompetenz fehlt, sein Umgang mit Menschen, insbesondere bei Befragungen, lässt zu wünschen übrig – sehr zum Missfallen von Argenti, dem Standesdünkel zuwider sind. Was der New Yorker Cop darüber hinaus nicht weiß, ist, dass Jameson opiumsüchtig ist und daher oftmals mit Blackouts zu kämpfen hat, von denen er sich nur langsam erholt und die ihn seltsam abwesend und teilnahmslos wirken lassen.

Direkt nach dem Mord an Camille Green adressiert der Killer einen Brief an Jameson, den er aber an die Presse schickt. Er scheint beängstigend viel über Jameson zu wissen, was diesen jedoch anfänglich nicht weiter belastet – ganz im Gegensatz zu Argenti, der nicht verstehen kann, warum Jameson trotz allem so unaufgeregt bleibt. Doch dann folgen weitere entsetzliche Morde an Prostituierten, in deren Leichen jeweils ein schlecht deutbares Zeichen eingeritzt wurde und die alle auf seltsame Weise mit der Farbe Rot verbunden sind.  Mit den Morden folgen weitere Briefe, die Jameson zunehmend beunruhigen. Als der Killer insbesondere Jameson dann eines Tages regelrecht vorführt und während eines Opernbesuchs in dessen Anwesenheit sein nächstes Opfer tötet, ist für Jameson das Maß voll, und er setzt alles daran, den Täter zur Strecke zu bringen. Aber der Killer ist ihm stets einen Schritt voraus, und schließlich wird sogar Jameson als Ripper verhaftet. Alles spricht gegen ihn, und wie soll er seine Unschuld beweisen, wenn seine Blackouts sein Erinnerungsvermögen trüben? Doch er hat nicht mit Argentis Hartnäckigkeit gerechnet, der Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um den wahren Ripper zur Strecke zu bringen…

Dieser Roman ist eine gewaltige Tour de Force, die den Leser bis zum hochspannenden Showdown in Atem hält. Der Autor John Matthews hat seiner Story um das schon oft in Romanen behandelte Thema Jack the Ripper einen nervenzerreissenden und vor allem glaubwürdigen Neuanstrich gegeben, der mich gefesselt hat. Insbesondere das Ermittlerduo Jameson/Argenti ist hervorragend gelungen. Die detaillierte Skizzierung der o.g. Protagonisten, die beide ein schmerzliches Geheimnis hüten, sowie das verstörende Psychogramm des Täters machen die Geschichte zu einem ganz besonderen Glanzpunkt unter den historischen Krimis. Darüber hinaus erfährt man auch sehr viel Wissenswertes über die Anfänge der Kriminaltechnik, die zwar mühsam waren, aber die – wenn auch mit enormem Zeitaufwand – sehr brauchbare Resultate zu Tage brachten. Mein Fazit: Ein historischer Thriller der Extraklasse – sehr empfehlenswert!

In dieser Reihe ist ein weiterer Band erschienen, Duell der Mörder, den ich mir für die Herbstferien zurückgelegt habe. Ich kann es kaum erwarten, die Fortsetzung dieser packenden Krimireihe bzw. einen weiteren aufregenden Fall des Kult-Ermittlerduos Finley Jameson und Joseph Argenti zu lesen.

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Dies waren meine Ausführungen zum Thema Historische Romane. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, bei dieser außergewöhnlichen Blogparade mitzumachen. Ich habe schon viele Beiträge zu den unterschiedlichsten Genres gelesen und bin immer wieder überrascht, wie viele eurer Empfehlungen ich vorher noch nicht kannte. Auf diese Weise habe ich schon einige wirklich gute Lesetipps erhalten, wofür ich immer sehr dankbar bin.


Kaffke, Silvia. Das rote Licht des Mondes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag (www.rowohlt.de), 2010.

Kneifl, Edith. Die Tote von Schönbrunn. Innsbruck-Wien: HAYMONtb Verlag (www.haymonverlag.at), 2013.

Matthews, John. Stadt in Angst. München: Page & Turner/Verlagsgruppe Random House GmbH (www.randomhouse.de), 2014.