Die fatale Liebe der Primadonna Assoluta

Michelle Marly: Die Diva

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Sie war eine der größten Sopranistinnen aller Zeiten mit einer einzigartigen Stimme, die mitten ins Mark traf und gleichermaßen verzauberte wie verstörte. Maria Callas, die Primadonna assoluta, deren Eigenwilligkeit und legendären Wutausbrüche ihr den geliebt-gehassten Ruf als schwierige Diva einbrachten. Nur wenige kannten die wahre Maria, die schüchterne, komplexbeladene Frau hinter der glamourösen Fassade der göttlichen Callas, die sie so hervorragend verbarg. Ihr Leben, einer griechischen Tragödie gleich, kreiste um ihre einzige große Liebe, an deren Scheitern sie zerbrach. Der griechische Reeder und Milliardär Aristoteles Onassis, der sich gern mit berühmten Frauen schmückte, eroberte das Herz der singulären Opernsängerin im Sturm und bettete sie auf Rosen – nur um sie am Ende für eine noch prominentere Frau, Jacqueline Kennedy, zu verlassen.

In ihrem neuesten Roman Die Diva erzählt Michelle Marly die Liebesgeschichte der beiden Ausnahmepersönlichkeiten ohne Kitsch und romantisches Pathos – von ihrer ersten Begegnung auf einer von Elsa Maxwells prunkvollen Partys im exklusiven Nobelhotel Danieli in Venedig bis hin zu ihrer dramatischen Trennung 1968 als Onassis zum Entsetzen aller JFKs Witwe auf Skorpios heiratete – ein Dolchstoß für Maria, die stets darauf gehofft hatte, seine Frau zu werden. Doch Marly belässt es nicht bei dem dramatischen Verlauf der skandalösen Love Story, die ein gefundenes Fressen für die internationale Presse war. Mit großem Einfühlungsvermögen gewährt sie einen Blick unter die glamouröse Star-Oberfläche der Operndiva und versucht, die Frau zu entdecken, die im Verborgenen liegt. Dies gelingt Marly angesichts ihrer brillanten Recherche so gut, dass man als Leser fast vergisst, dass es sich hierbei um Fiktion handelt.

Schicksalhafte Begegnung: La Divina und der griechische Tycoon

Als sich die Callas und Onassis in Venedig im Jahre 1957 zum ersten Mal begegnen, ist die 34-jährige auf dem Zenit ihrer Karriere. Die Opernwelt liegt ihr zu Füßen, sie gehört zum Who is Who der Reichen und Schönen. Unter den strengen Augen ihres 30 Jahre älteren Gatten Giovanni Battista Meneghini, ein vermögender Bauunternehmer, feiert sie einen Triumph nach dem anderen. Doch die Strapazen der anstrengenden Opernaufführungen machen ihr zu schaffen. Sie fühlt sich ausgebrannt und wünscht sich nichts sehnlicher als Urlaub, um zu relaxen und wieder zu sich selbst zu finden. Aber das ist mit ihrem Mann nicht zu machen: Er treibt sie immer weiter an und fordert Höchstleistungen – angeblich damit sie ihr künstlerisches Niveau halten kann. In Wahrheit geht es ihm jedoch in erster Linie ums Geld, ihr Geld, das er mit vollen Händen ausgibt.

Wie wohltuend ist da Aristoteles Onassis, ihr Tischnachbar auf der o.g. Luxus-Party. Er ist griechischer Abstammung wie Maria und hat sich von ganz unten zu einem der reichsten Männer der Welt hochgearbeitet – eine weitere Gemeinsamkeit, denn auch sie stammt aus einfachen Verhältnissen und hat es bis an die Spitze geschafft. Und doch könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein: Er ist ein großspuriger Macho wie er im Buche steht und ist an Kultur, insbesondere Oper, überhaupt nicht interessiert. Sie ist ein freiheitsliebender Feingeist, der seine Privatsphäre über alles liebt.

Eine skandalöse Affäre

Als Onassis die Callas und ihren Mann auf seine Jacht einlädt, kommen sich die beiden allmählich näher. Maria fühlt sich zum ersten Mal als Frau wahrgenommen und nicht als Geldmaschine, die funktionieren muss. Onassis umschmeichelt sie, zeigt ihr, was es heißt, das Leben zu genießen und legt ihr die Welt zu Füßen – sehr zum Mißfallen ihres Mannes, der Marias Karriere unbedingt weiter voranbringen möchte und von Urlaub gar nichts hält. Doch Maria hört zum ersten Mal auf ihr Herz: Sie lässt sich nicht drängen und nimmt sich immer mehr Auszeiten. Onassis unterstützt sie dabei – es ist ihm egal, dass sie ihre Profession vernachlässigt.

Erste Gerüchte kommen auf und rücken insbesondere die Callas in ein schlechtes Licht. Beide sind noch verheiratet und beteuern, dass sie nur gute Freunde seien. Doch lange können sie die Scharade nicht aufrechterhalten, und so kommt es wie es kommen muss: Maria und Aristo, wie sie ihn liebevoll nennt, trennen sich von ihren Ehepartnern und zeigen sich fortan als Paar.

Ein dramatisches Ende

Maria genießt ihre Liebe mit Onassis, doch schnell erkennt sie, dass er schon wieder nach weiteren Eroberungen Ausschau hält. Neues Objekt seiner Begierde soll, so munkelt man, die stylische Kennedy-Witwe sein. Die Callas schäumt vor Wut und verlässt ihn in einer Nacht- und Nebelaktion. Insgeheim hofft sie jedoch, dass er sie um Verzeihung bittet und zu ihr zurückkehrt. Doch da kann sie lange warten. Maria ist verzweifelt und wendet sich nach einer Karriereflaute wieder der Oper zu. Und ihr gelingt ein grandioses Comeback mit endlich wieder positiven Schlagzeilen, von denen sie hofft, dass auch Onassis sie liest. Aber er meldet sich nicht. Als sie schließlich aus der Zeitung von seiner Hochzeit mit Jackie Kennedy erfährt, ist sie am Boden zerstört und versinkt in einer Depression.

Hoffnung auf einen Neubeginn?

Aber auch Onassis muss erkennen, dass er sich für die falsche Frau entschieden hat. Seine berühmte Trophäe ist nicht wirklich an einem gemeinsamen Leben mit ihm interessiert. Jackie zieht von einer Einkaufstour zur nächsten und genießt die Freiheit, die sein Geld ihr bietet. Ihm wird klar, dass sie vor allem die schrecklichen Erinnerungen und den mächtigen Kennedy-Clan hinter sich lassen wollte und angesichts ihrer Lage in ihm den sichersten Ausweg sah.

Onassis sucht wieder Marias Nähe, aber sie weist ihn ab.  Zu tief sitzt ihr Schmerz, zu verletztend waren die Demütigungen, die sie durch ihn erdulden musste. Aber schließlich gewinnt ihre Liebe zu Aristo wieder die Oberhand – doch reicht sie aus, um einen Neuanfang zu wagen?

Brillant recherchierter Roman über eine außergewöhnliche Frau und ihre tragische Liebe

Mit Die Diva ist Michelle Marly meines Erachtens ihr bislang bester Roman gelungen. Sehr eindrucksvoll schildert sie nicht nur die schicksalhafte Liebe der Gesangsikone, sondern streut in ihre sehr berührende Geschichte auch sehr viele Informationen über das Leben und die Persönlichkeit der Callas mit ein. Da ich bereits einige Biografien über die Operndiva gelesen habe, war ich begeistert, wie gekonnt die Autorin die wichtigsten Stationen der Callas – von ihren zaghaften Anfängen unter der Fuchtel ihrer strengen Mutter bis hin zu ihrem kometenhaften Aufstieg zur unangefochtenen Meisterin ihres Fachs und schließlich zu ihrem traurigen Absturz – eingebaut hat.

Somit setzt Marly einer außergewöhnlichen Frau ein Denkmal, die von ihren Zeitgenossen und Bewunderern viel Liebe, aber ebenso viel Ablehnung erfuhr. Ihr für die damalige Zeit viel zu emanzipiertes Verhalten für eine Frau, d.h. ihr Leben nach ihren Regeln zu leben, stieß vielen als unpassend auf und ließ sie auch bei der Crème de la crème in Ungnade fallen. Doch sie ließ sich nicht beirren, ging weiter ihren Weg und stand immer wieder auf, wenn sie am Boden war, bis sie schließlich nach und nach ihre Stimme verlor. Das Publikum klatscht nicht für das, was einmal war soll die Callas am Ende ihrer Karriere gesagt haben. Es ist Ironie des Schicksals, dass sie nicht mehr erleben konnte, wie sie mit ihrer einzigartigen Gesangskunst und außergewöhnlichen Persönlichkeit zu einem Mythos wurde, der die Zeit überdauert.

Mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für diesen wunderbaren Roman!

Michelle Marly: Von der Redakteurin zur Bestseller-Autorin

Michelle Marly ist das Pseudonym von Micaela Jary, Tochter der Komponisten-Legende Michael Jary. Sie wuchs in Hamburg inmitten von namhaften Musikern und Künstlern auf. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Redakteurin, u.a. auch am Theater. Schließlich zog es sie nach Paris, wo sie sich fortan der Schriftstellerei widmete. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich herausstellte, denn mit ihren Romanen schrieb sie sich in die Herzen der Leserinnen und Leser und avancierte zur Bestseller-Autorin. 

In ihren Werken im Rahmen der Serie Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe widmet sich Marly zumeist starken weiblichen Persönlichkeiten, die sie faszinieren und in denen sie manchmal auch etwas von sich selbst wiederfindet, wie sie auf ihrer Website offenbart: Coco Chanel, Edith Piaf und zuletzt Maria Callas erweckt sie mit ihrem ganz eigenen, wunderbar leichten Schreibstil wieder zum Leben und lässt uns teilhaben an ihrer Geschichte, ihrer Liebe und ihren Schicksalsschlägen. Ich bin schon sehr gespannt darauf, welche weibliche Berühmtheit die Protagonistin ihres nächsten Romans wird…

Darüber hinaus schreibt Marly unter ihrem richtigen Namen Micaela Jary diverse Sagas wie z.B. Das Kino am Jungfernstieg (Kino-Saga) oder Sterne über der Alster (Alsterufer-Saga).

Die Autorin lebt und arbeitet abwechselnd in Berlin und München.


Originalausgabe: Marly, Michelle. Die Diva. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2020.
Buchcover:  © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Bildnachweis: © letitiamperry (pixabay)

Philosophenmorde

Ingo Bott: Das Recht zu strafen

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Er ist einer der toughsten Strafverteidiger Deutschlands und renommierter Berater des Europarats, der sich auch auf internationaler Ebene einen Namen als versierter Jurist gemacht hat. Ein rundum ausfüllender Job, könnte man meinen, doch dann hat Ingo Bott die Schriftstellerei für sich entdeckt – und offenbart ein weiteres seiner Talente. Mit seinem Erstlingswerk Das Recht zu strafen ist ihm ein sehr vielversprechendes, klug konzipiertes Thriller-Debüt gelungen, das bis zum fulminanten Ende in Atem hält. Sein Protagonist, der erfolgsverwöhnte Strafverteidiger und Womanizer Max Faber, hat das Zeug zur Serienfigur – in jeder Hinsicht. Obwohl Bott den smarten, gutaussehenden Advokaten zunächst in das übliche aalglatte Rechtsanwalts-Klischee steckt, bemerkt man als Leser sehr schnell, dass Faber vielschichtiger ist, als es den Anschein hat. Allerdings ist es äußerst schwierig, ihn zu mögen, denn er ist nicht gerade ein Sympathieträger. Seine Kaltschnäuzigkeit, sein steinzeitliches Frauenbild und seine Selbstverliebtheit sind grenzwertig – doch er ist ein Typ, dessen Lebensfährte man als Leser einfach aufnehmen muss, weil man ahnt, dass unter seiner Oberfläche etwas Ungreifbares lauert. Doch zunächst zur Story:

Wie ein Schlaf ohne Traum1: Mord im Zeichen der Philosophie

Als die junge griechische Philosophiestudentin Anastasia Marafakis ermordet und verstümmelt in einem Gewölbe in Berlin gefunden wird, steht das Ermittlerteam um Kommissar Lutz Hennings vor einem Rätsel. Die Leiche wurde wie ein antikes Gemälde inszeniert, Spuren gibt es keine. Nach der Obduktion ist lediglich klar, dass die Frau an einer Vergiftung starb. Staatsanwältin Anna Sánchez-Amann ist schockiert über die Brutalität der Tat und versucht mit Hochdruck, den Fall voranzubringen. Doch dies gestaltet sich mehr als problematisch, denn die Suche nach Hinweisen und Anhaltspunkten, die zum Täter und seinem Motiv führen könnten, bleibt erfolglos – bis Sánchez-Amann ein anonymes Schreiben mit einem Zitat von Sokrates erhält.

Ein geeigneter Verdächtiger?

Aber noch bevor die Ermittler zu neuen Erkenntnissen gelangen, geschieht der zweite, noch bizarrere Mord: Das Opfer ist die französische Philosophielehrerin Fabienne Wiltord, die ebenfalls vergiftet wurde. Und auch dieses Mal macht der Killer die Staatsanwältin mit einem philosophischen Zitat von Descartes auf sich aufmerksam. Die abscheulichen Taten rufen die Presse auf den Plan, die die Philosophenmorde nur allzu gerne öffentlichkeitswirksam ausschlachtet. Nach dem Auffinden einer dritten Leiche und weitergehenden intensiven Recherchen rückt ein Philosophieprofessor in den Fokus von Staatsanwältin Sánchez-Amann, die trotz lediglich schwacher Indizien einen Haftbefehl erwirkt.

Ein Fall für Faber

Doch sie hat die Rechnung ohne den gerissenen Strafverteidiger und Mediendarling Max Faber gemacht, der sich wie ein Besessener auf den spektakulären Fall stürzt und den Angeklagten verteidigt. Dies natürlich nicht nur, weil er so ein guter Mensch ist und an die Unschuld seines Mandanten glaubt, sondern vor allem, um sich und seine Kanzlei medienwirksam zu inszenieren und weitere Mandate zu akquirieren. Der Staranwalt und die Staatsanwältin kommen sich allerdings nicht nur ins Gehege – sie landen auch zusammen im Bett. Faber ist von sich schwer begeistert und sonnt sich in seinem persönlichen und beruflichen Erfolg, bis Staatsanwältin Sánchez-Amann zum Entsetzen ihrer Soko-Kollegen vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwindet.

Wettlauf gegen die Zeit

Die Spur führt zu Faber, der plötzlich als Beschuldigter ins Visier der Ermittler gerät. Ihm ist klar, dass er sich aus dieser brenzligen Lage nicht mit seinem üblichen Charme und seiner juristischen Finesse befreien kann, sondern dass er auf eigene Faust ermitteln muss, wenn er sich und seinen Ruf retten will. Doch ihm läuft die Zeit davon, denn alles spricht dafür, dass Sánchez-Amann in nur wenigen Tagen das nächste Opfer des phantomhaften Serienkillers werden wird…

Fesselndes Thriller-Debüt mit dramatischem Show-down

Nach längerer Zeit habe ich mit Das Recht zu strafen endlich mal wieder einen qualitativ hochwertigen Thriller gelesen, der nicht nur durch ein einzigartiges Plot überzeugt. Neben Hochspannung, vielen geschickt eingestreuten falschen Fährten und einem dramatischen Show-Down-Finale, das seinesgleichen sucht, hat Bott mit Max Faber einen Protagonisten erschaffen, der im Gedächtnis bleibt – und das obwohl oder gerade weil er angesichts seiner Überheblichkeit und Egozentrik nur schwer zu ertragen ist. Die Bukowsky-eske Ausdrucksweise, mit der der Autor uns an der Gedankenwelt seiner Hauptfigur teilhaben lässt, insbesondere in Bezug auf Frauen, tut ihr Übriges, um Faber als archaischen Männertypus zu etablieren, den selbst seine männliche Kollegen als Arschloch bezeichnen. Doch das allein wäre zu einfach und klischeebehaftet. Man spürt Fabers Einsamkeit trotz vieler Affären und erfolgreicher Auftritte im Rampenlicht und seine innere Unruhe, die ihn umtreibt und vermuten lässt, dass hinter seiner schillernden Fassade etwas verborgen liegt, das er nicht ans Licht kommen lassen kann und darf.

Gleiches gilt für Botts zentrale weibliche Hauptfigur, Anna Sánchez-Amann, die ebenfalls hervorragend gezeichnet ist und deren verhängnisvolles Geheimnis am Ende auf so dramatische Weise zutage tritt. Ihr Ehrgeiz und ihr damit verbundener unbedingter Wille, sich als erfolgreiche Staatsanwältin zu behaupten, machen sie zu einem Spiegel ihres männlichen Pendants, aber im Gegensatz zu Faber gibt sie ihrer Verletzlichkeit und ihrer Verzweiflung Raum – auch wenn sie es nur im Verborgenen und nicht vor ihren Kollegen  tut.

Zusammenfassend hat Das Recht zu strafen alles, was einen hervorragenden Thriller ausmacht: Eine ausgefallene Story mit Sogwirkung, singuläre Charaktere und ein absolut überraschendes, schockierendes Ende. Zudem gibt es auch noch einen kurzen hochinteressanten philosophischen Exkurs über Sokrates, Descartes und Camus. Daher mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen packenden Thriller, der meines Erachtens schon längst auf der Bestseller-Liste stehen müsste.

Im Übrigen haben Das Recht zu strafen und sein gewöhnungsbedürftiger Protagonist Max Faber meines Erachtens unbedingtes Verfilmungspotential. Clemens Schick, der gerade in der Nordic Noir-Serie Arctic Circle als undurchsichtiger Pharmaboss Eiben brilliert, wäre hier sicherlich die Idealbesetzung für den egozentrischen Staranwalt..

Dr. Ingo Bott: Erfolgreicher Strafverteidiger und Schriftsteller

Dr. Ingo Bott wurde 1983 in Rastatt geboren. Nach einem abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaften – u.a. in Freiburg, Sevilla, Montevideo, Passau – promovierte er über das Thema In dubio pro Straffreiheit – Untersuchungen zum Lebensnotstand. Nach seiner Zulassung als Anwalt 2012 war er zunächst in einer auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisierten Kanzlei in Düsseldorf tätig, bis er schließlich im Mai 2018 seine eigene Kanzlei Plan A gründete. So war er u.a. auch im kontroversen Loveparade-Prozess als Verteidiger erfolgreich tätig.

Darüber hinaus berät Bott, wie bereits erwähnt, den Europarat und ist außerdem als Dozent tätig.

Neben der Juristerei ist die Schriftstellerei sein zweites Steckenpferd. Sein erster Roman, der hier vorgestellte Das Recht zu strafen, erschien 2017 im GRAFIT Verlag. Derzeit arbeitet Bott am zweiten Roman seiner Serie um Protagonist Max Faber. Ich bin sehr gespannt, wie es hier weitergeht…


Originalausgabe: Bott, Ingo. Das Recht zu strafen. Dortmund: GRAFIT Verlag GmbH, 2017.
Buchcover:  © GRAFIT Verlag GmbH
Autorenfoto: © Dr. Ingo Bott
Bildnachweis Philosophenbüsten: © morhamedufmg, Pixabay
1Quelle – Sokrates über den Tod. In: Des Sokrates Verteidigung (Apologie): „32. Hoffnungen für den Tod“, Übersetzung Schleiermacher 1805.

Tödliches Erbe

Ruth Ware: Der Tod der Mrs. Westaway

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Seit ihrem allerersten Roman bin ich ein großer Fan der britischen Thrillerautorin Ruth Ware, denn ihre Geschichten sind nicht nur qualitätsmäßig auf hohem Niveau, sondern generieren auch Hochspannung bis in die Haarspitzen. Und daher habe ich es auch noch nie geschafft, eines ihrer Werke in mehreren Etappen zu lesen – es musste immer eine komplette Lesenacht sein. Gleiches trifft ebenfalls wieder auf ihren neuesten Pageturner, Der Tod der Mrs. Westaway, zu, mit dem sie sich meines Erachtens selbst übertroffen hat, denn sie tritt hier sehr erfolgreich in die großen Fußstapfen der renommierten Schriftstellerin Daphne du Maurier, die mit ihrem Meisterwerk Rebecca Weltruhm erlangte. Wie schon du Maurier, vereint Ware in ihrem aktuellen Spannungsdrama äußerst gekonnt Elemente des Schauer- und psychologischen Romans. Ein Herrenhaus à la Manderley und eine angsteinflößende Haushälterin im Stil von Mrs. Danvers machen das Déjà Vu komplett.

Doch das ist auch schon alles, was die beiden Romane gemeinsam haben. Wares Story hat eine komplett andere Dimension, ihre Protagonisten sind ambivalent, und sie arbeitet mit unterschiedlichen Spannungsebenen, was den besonderen Reiz des Ganzen ausmacht. Hinzu kommt ihr zweisträngiger Erzählstil, wobei in Strang 1 die Vergangenheit in Tagebuchform präsentiert wird, während Strang 2 in der Gegenwart des Romans spielt. Am meisten beeindruckt jedoch die junge Hauptfigur, die die Autorin so tiefgehend menschlich und lebensecht erdacht hat und deren große Verzweiflung, aber gleichermaßen auch unzerstörbaren Überlebenswillen sie deutlich spürbar macht. Fieberhaft folgen wir als Leser ihren Nachforschungen, begleiten sie bei ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit – immer mit dem unheimlichen, beklemmenden Gefühl, dass jeden Moment etwas Schreckliches passieren kann. Atempausen gönnt uns Ware nur selten – und das ist auch gut so, denn es ist gerade dieser Aspekt, der die Brillanz ihres Thrillers ausmacht.

Eine folgenschwere Verwechslung

Als die 22-jährige Harriet „Hal“ Westaway ein Schreiben von einem Anwalt in Cornwall erhält, das besagt, dass ihre Großmutter Hester verstorben und sie eine der Erben ist, könnte der Zeitpunkt nicht besser sein. Nach dem tragischen Tod ihrer Mutter, die von einem Auto überfahren wurde, schlägt sich Hal mehr schlecht als recht durchs Leben. In ihrer kleine Bude auf dem Pier in Brighton, die sie von ihrer Mutter übernommen hat, hält sie sich mit Tarot-Kartenlegen über Wasser, obwohl sie es für ausgemachten Humbug hält. Ihr schäbiges Mini-Apartment ist ihr einziger Zufluchtsort, doch auch dort ist sie nicht mehr sicher, denn der Kredithai, bei dem sie Schulden hat, ist ihr auf den Fersen und schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Somit kommt die Einladung nach Cornwall wie gerufen, wenn es da nicht ein größeres Problem gäbe: Ihre Oma ist schon seit 20 Jahren tot und hieß auch nicht Hester…

Ein dunkler Ort

Hal ist klar, dass es nur eine Verwechslung sein kann. Sie hadert zwar mit sich, doch sie geht das Risiko ein: Völlig abgebrannt macht sie sich auf den Weg nach Trepassen House, das sich als großes, aber heruntergekommenes Herrenhaus und ehemals feudaler Landsitz der Westaways entpuppt. Die Familie, die keine Ahnung von Hals Existenz hatte, ist mehr als überrascht, versucht aber, sich nichts anmerken zu lassen. Nachdem Hal die Westaways bereits gegoogelt hatte, um besser vorbereitet zu sein, lernt sie nun alle Familienmitglieder persönlich kennen: Harding Westaway, seine Gattin Mitzi und deren Kinder Kitty und Freddie, Abel Westaway und seinen Partner Edward und Ezra Westaway. Maud, die einzige Tochter und ihre angebliche Mutter, gilt als spurlos verschwunden.

Ein schreckliches Geheimnis

Hal kann alle Eindrücke gar nicht so schnell verarbeiten, wie sie auf sie einprasseln. Sie beginnt weiter nachzuforschen, und es scheint tatsächlich eine Verbindung zwischen ihr und den Westaways zu geben. Insbesondere die alte, furchteinflößende Haushälterin Mrs. Warren steht ihr feindselig gegenüber und gibt ihr mehr als einmal deutlich zu verstehen, dass es besser für sie wäre, wenn sie verschwindet.  Als das Testament schließlich verlesen wird und Hal daraus als Alleinerbin hervorgeht, sind alle außer sich, insbesondere Harding macht aus seinem Ärger keinen Hehl. Hal kann es nicht fassen und hat ein denkbar schlechtes Gewissen, weil sie sich als Betrügerin fühlt. Und so spielt sie ernsthaft mit dem Gedanken, allen die Wahrheit zu sagen. Doch dann stößt sie auf ein schreckliches Geheimnis, dass den Unfalltod ihrer Mutter in einem anderen Licht erscheinen lässt und sie auf die Spur eines kaltblütigen Killers führt, der lange im Verborgenen ein ganz normales Leben führte und nun bereit ist, ein weiteres Mal über Leichen zu gehen, damit es auch so bleibt…

Nervenaufreibender Thriller mit effektvollen Schauerelementen

Was für ein hochspannendes Thriller-Highlight! Nach Woman in Cabin 10 und Im dunklen, dunklen Wald ist Ruth Ware mit ihrem neuesten Werk Der Tod der Mrs. Westaway wieder ein brillanter Pageturner gelungen, der bis zum fulminanten Ende in Atem hält. Besonders gefallen haben mir die effektvollen Schauerelemente à la Daphne du Maurier, die die Autorin gekonnt in die moderne Zeit transferiert hat. Neben der fesselnden Story sind ihr auch die vielschichtigen Hauptfiguren, allen voran die junge Hal, wieder sehr gut gelungen. Ware versteht es meisterhaft, die Leser in die Irre zu führen, das wechselhafte Zusammenspiel der Protagonisten ad extremum zu führen und am Ende eine Lösung zu präsentieren, die nicht vorhersehbar ist und uns geschockt zurücklässt. Daher mein Fazit: Ruth Ware ist Großbritanniens neue Queen of Crime. Jeder Roman von ihr ist eine unbedingte Leseempfehlung!

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im dunklen, dunklen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und in den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, Wie tief ist deine Schuld, wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen und soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erschien dann ihr vierter Thriller in Großbritannien, Der Tod der Mrs. Westaway, der – wie nicht anders zu erwarten – auch wieder ein Bestseller wurde.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Death of Mrs. Westaway. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2018.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Der Tod der Mrs. Westaway. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2019.

Buchcover: ©  dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
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