Endstation Hollywood: Der Abstieg des „Golden Boys“

Stewart O’Nan: Westlich des Sunset

Nachdem Emily Walton in ihrem originellen Kurzroman Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte, bereits den berühmten amerikanischen Schriftsteller und seine Frau zu ihren Protagonisten machte, hat nun auch der renommierte Autor Stewart O’Nan den Golden Boy, wie man Fitzgerald nannte, in den Fokus seines neuen, sehr beeindruckenden Buches gestellt. Während sich Walton auf die glamouröse Zeit der Fitzgeralds in Südfrankreich konzentriert, handelt O’Nans Roman Westlich des Sunset von Fitzgeralds letzten Jahren als Drehbuchautor in Hollywood. Nach seinem „Crack-up“, wie er selbst seinen Zusammenbruch bezeichnete, befindet sich Fitzgerald zu Beginn des Romans im Jahre 1937 auf dem Tiefpunkt seiner Karriere, lange nachdem er mit Meisterwerken wie This Side of Paradise und The Great Gatsby zum Darling der amerikanischen Moderne avancierte. Er ist hoch verschuldet, schwer alkoholabhängig, und seine schriftstellerische Brillanz scheint mehr und mehr zu verblassen. Und auch in seinem Privatleben liegt vieles im Argen: Seine Frau Zelda lebt in einer psychiatrischen Klinik, seine Tochter Scottie wohnt aufgrund des instabilen Elternumfeldes in einem Internat. Fitzgerald ist von seinem einstigen Glamour nicht viel geblieben – die Rechnungen für Zeldas Behandlung und Scotties Schule sind horrend hoch -, und er muss dringend Geld verdienen, um seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können.

Vergänglicher Glanz

Als man ihm einen Job als Drehbuchautor beim berühmten Hollywood-Filmstudio Metro Goldwyn Mayer anbietet, sagt er sofort zu und hofft auf einen Neuanfang – vor allem aber hofft er auf eine Wiederbelebung seiner schriftstellerischen Kreativität. In der luxuriösen Villenanlage Garden of Allah, in die er einzieht, erlebt er noch einmal ein flüchtiges Aufflackern seines einstigen glanzvollen Lebens, denn dort trifft er viele schillernde Persönlichkeiten des Show Business: Humphrey Bogart, Joan Crawford, Gloria Swanson und die Schriftstellerin und Kritikerin Dorothy „Dotty“ Parker, mit der er vor vielen Jahren eine Affäre hatte. Im Mondschein am palmengesäumten Pool tratschen die VIPs über alles und jeden in Hollywood und tanzen zu den Klängen der angesagtesten Musik. Hierbei darf natürlich der Alkohol nicht fehlen – ein großes Problem für Fitzgerald, der fast nie „Nein“ sagen kann und ständig abstürzt.

Neubeginn und Niedergang

Doch bei seinem neuen Job soll alles anders werden, und er beißt sich tatsächlich durch – man lässt ihn sogar am Drehbuch zur Verfilmung von Margret Mitchells Klassiker Vom Winde verweht mitarbeiten. Als er sich dann unerwartet in die recht bodenständige Klatschreporterin Sheilah Graham verliebt, scheint einem Neubeginn nichts mehr im Wege zu stehen. Doch Fitzgerald kann mit einem geregelten Leben nicht umgehen, geschweige denn mit dem ständigen Erfolgsdruck in Hollywood, und so obsiegt seine Sucht, die ihn mit Anfang 40 zu einem körperlichen Wrack gemacht hat. Obwohl sein Niedergang aufgrund seines Lebenswandels vorprogrammiert zu sein scheint, will er noch ein weiteres Mal seinem Schicksal trotzen und beginnt mit einem neuen Roman, Der letzte Tycoon, der schließlich sein Vermächtnis wird…

Ein großartiger biografischer Roman voller Tiefsinn und Poesie

Die Geschichte der letzten Jahre von F. Scott Fitzgerald, die O’Nan mit Westlich des Sunset so beeindruckend erdacht hat, ist eine Klasse für sich. Der Autor macht die künstlerische und persönliche Agonie des exzentrischen Schriftstellers beinahe fühlbar, so dass man fast vergisst, dass es sich hierbei um Fiktion handelt. Wenn O’Nan die mondänen Stars der damaligen Zeit, Fitzgerald eingeschlossen, unter den Sternen am Pool des legendären Garden of Allah feiern und tanzen lässt, gelingt es ihm scheinbar mühelos, die ganz spezielle Atmosphäre dieser glanzvollen Zeit und ihre glamourösen VIPs, für die das Leben eine einzige Champagnerparty zu sein schien, wieder zu erwecken.

Mit Tiefgang und Poesie rekonstruiert der Autor Fitzgeralds letztes Aufbegehren gegen seinen unausweichlichen Abstieg und stellt dabei dessen eisernen Willen, trotz widriger Umstände und trotz aller Verzweiflung niemals aufzugeben, in den Vordergrund. In einem Interview, das Bruce Ingram, Chicago Tribune1, mit O’Nan führte, betonte dieser, dass es für ihn wichtig war, herauszustellen, wie Fitzgerald angesichts der privaten und künstlerischen Rückschläge, die er erfahren musste, nicht aufgibt, weitermacht und sogar – gegen jede Chance – einen Neubeginn in Hollywood wagt, obwohl ihm von vorneherein klar ist, dass er dort nur sein Talent vergeudet. Diese Thematik der Endurance, die Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit der Menschen in schwierigen Situationen, taucht immer wieder in O’Nans Werken auf, denn sie ist existentieller Natur. Und es ist genau dieser unzerstörbare Überlebenswille, der O’Nans Protagonisten Fitzgerald letztendlich doch zu einem Sieger macht – wenn auch nur in kurzen Augenblicken. Mein Fazit: Sehr empfehlens- und lesenswert!

F. Scott Fitzgerald: Amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits einige Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil Fitzgerald angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während Scott mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920 in kurzer Zeit zu einem Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, Scott zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Partys und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die Crème de la crème der bedeutenden Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie das Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

Ein Jahr später erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentlichtes Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern zunächst nicht gebührend gewürdigt, was sich auch im unerwartet geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann Fitzgerald, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt zwischenzeitlich mehrere schwere Nervenzusammenbrüche und zeigte erste Anzeichen gravierender psychischer Probleme, so dass sie viele Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb sie ihren einzigen Roman Save Me The Waltz, der von Scribner 1932 veröffentlicht wurde und der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur das luxusbesessene Glamour-Weibchen an seiner Seite.

Als Scotts 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er daraufhin gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In den letzten Jahren seines Lebens lernte er die Society-Reporterin Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod blieb.

F. Scott Fitzgerald starb im Alter von nur 44 Jahren an einem Herzinfarkt im Jahre 1940, als er an seinem neuen Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 auf tragische Weise bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Fitzgeralds einzigartige Romane und ihr literarisches Gewicht wurden erst nach seinem Tode wiederentdeckt, und so erhielt er als einer der besten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten postum den Ruhm, den man ihm zu Lebzeiten versagte.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation2, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein („You are all a lost generation“) im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des 1. Weltkriegs prägte und den schon Hemingway als Epigraph in seinem Roman The Sun Also Rises nutzte. F. Scott Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem großartigen Roman This Side of Paradise: „Here was a generation…grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“3

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: „…My God, I am a forgotten man“4. Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie Unrecht er hatte.

Stewart O’Nan: Namhafter amerikanischer Schriftsteller mit einem Faible für das Obskure

Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Nach seinem ersten Studium arbeitete er zunächst als Flugzeugingenieur in New York. Anschließend studierte er an der Cornell University Literaturwissenschaften und dozierte nach seinem Abschluss an den Universitäten in Central Oklahoma, New Mexico und am Trinity College in Hartford/Connecticut. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in seiner Geburtsstadt Pittsburgh.

O’Nan hat eine Vielzahl von Romanen und Kurzgeschichten, aber auch einige Sachbücher verfasst. Für seinen zweiten Roman, Snow Angels (Engel im Schnee), erhielt er 1993 sogar den renommierten Pirate’s Alley Faulkner Prize. In Kooperation mit Stephen King, den O’Nan schon als Figur in sein rasantes Buch The Speed Queen einbaute, schrieb er die 2012 publizierte Erzählung A Face in the Crowd, bei der er sein Faible für dunkle, mysteriöse Geschichten offenbart.

Sein neuestes Buch, City of Secrets, ist im April dieses Jahres in den USA erschienen und handelt vom jüdischen Untergrund-Widerstand in Jerusalem nach dem 2. Weltkrieg. Ich bin sehr gespannt und werde es auf jeden Fall lesen.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website des Autors https://stewart-onan.com oder auf der deutschen Fansite http://www.stewart-onan.de.

Die biografischen und bibliografischen Angaben sind den o.g. Websites und den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: O’Nan, Stewart. West of Sunset. New York: Viking/Penguin Group, 2015.
Deutsche Ausgabe: O’Nan, Stewart. Westlich des Sunset. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2016.
Buchcover: www.rowohlt.de

Quelle1: Ingram, Bruce. Interview with Stewart O’Nan: How F. Scott Fitzgerald went from washed up to winner again. Chicago Tribune, 17. März 2015. Link: http://www.chicagotribune.com/suburbs/elmwood-park/lifestyles/ct-oak-go-writing-matters-tl-0319-20150317-story.html
Quelle2http://www.britannica.com/topic/Lost-Generation
Quelle3: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010. Seite 259.
Quelle4: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.

Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.

Gegen den Strom: Eine ganz besondere Film-Blogparade

Nach längerer Zeit bin ich dank Bee mal wieder auf eine ganz besondere Blogparade gestoßen, die von der singenden Lehrerin initiiert wurde. Unter dem Motto Gegen den Strom sollen die Teilnehmer zehn ihrer Lieblingsfilme auflisten, die in ihren Augen entweder unbekannt oder unbeliebt sind. Meine Auswahl der Top Ten beinhaltet ausschließlich Filme, von denen ich denke, dass sie außergewöhnlich gut, aber leider nicht so bekannt sind, wie sie sein sollten. Hier nun meine zehn Favoriten, die meines Erachtens unbedingt sehenswert sind:

© polyband Medien GmbH/WVG

1. Wreckers 

Dieser Film mit Sherlock-Darsteller Benedict Cumberbatch, Claire Foy und Shaun Evans in den Hauptrollen ist ein leises, aber emotional gewaltiges Meisterstück. Wreckers erzählt die Geschichte des Lehrerehepaares David (Benedict Cumberbatch) und Dawn (Claire Foy), die in ein Cottage auf dem Land ziehen, um der Stadthektik zu entfliehen und eine Familie zu gründen. Dass es mit dem Baby zunächst nicht klappt, tut ihrer harmonischen, von Nähe und Wärme geprägten Beziehung keinen Abbruch. Die friedvolle Idylle ändert sich jedoch schlagartig, als Davids Bruder Nick (Shaun Evans), der von der Army geflüchtet ist, dort auftaucht und eine Bleibe sucht. Alte Konflikte und Aggressionen der Brüder, die noch aus der Kindheit rühren, brechen auf, und Dawn entdeckt unbekannte, dunkle Seiten an David, die er bis dato gut verbergen konnte. Schließlich hat sie sogar das Gefühl, den Mann, den sie heiratete, überhaupt nicht zu kennen. Hinzu kommt, dass sich Dawn mehr und mehr zu Nick hingezogen fühlt, was die explosive Stimmung noch verstärkt. Bald weiß sie nicht mehr, wem sie vertrauen soll, sie ahnt nur, dass die Brüder ein düsteres Geheimnis verbindet, das David auf keinen Fall preisgeben will…

Was Wreckers für mich so besonders macht, ist neben der aufwühlenden Geschichte die schauspielerische Leistung der Hauptakteure, allen voran Benedict Cumberbatch. Er verleiht seinem Protagonisten David eine derart zwiespältige Persönlichkeit, dass es dem Zuschauer unmöglich ist, ihn einzuschätzen. Man ahnt zwar, dass es hinter seiner netten Fassade brodelt, aber wirklich sicher ist man sich nie. Auch als er aufgrund der permanenten Anschuldigungen seines Bruders, die er immer zurückweist, des Öfteren die Beherrschung verliert, weigert man sich zu glauben, dass David ein anderer ist als er vorgibt. Mich hat dieses ambigue Charakterspiel sehr angesprochen – es macht diesen klug konzipierten Film sehr beachtens- und absolut sehenswert.

© Koch Media GmbH

2. Portrait of a Lady

Diese Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans des englischen Schriftstellers Henry James mit Nicole Kidman, John Malkovich und Martin Donavan in den Hauptrollen hat meiner Meinung nach leider viel zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. Die Protagonistin von Portrait of a Lady ist die Amerikanerin Isabel Archer (Nicole Kidman), die Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer Tante durch Europa reist. Mit ihrem kranken Cousin, Ralph Touchett (Martin Donavan), den sie dort erstmalig kennenlernt, verbindet sie sofort eine ganz besondere Freundschaft, denn obwohl sie sehr unterschiedlich sind, scheinen sie seltsam seelenverwandt. Als Isabel nach dem Tod ihres Onkels zur reichen, unabhängigen Erbin wird, genießt sie ihre Freiheit und reist weiter durch Europa. In Florenz begegnet sie dem Amerikaner Gilbert Osmond, der sie vom ersten Moment an fasziniert. Sie willigt schließlich ein, ihn zu heiraten, doch Osmond entpuppt sich als Taugenichts und leidenschaftsloser Ehemann, der in erster Linie ihr Geld liebt. Als sie zu ihrem Cousin Ralph reisen möchte, weil sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechtert hat, kommt es zur Konfrontation mit ihrem Gatten, der dies auf jeden Fall verhindern will. Doch Isabel ist schon längst nicht mehr bereit, Kompromisse einzugehen…

Ich mag den Film sehr, weil er meiner Meinung nach die Atmosphäre des Romans wunderbar einfängt. Er lebt von schönen Bildern und natürlich von seinen Hauptdarstellern. Nicole Kidman ist brillant als freiheitsliebende Isabel Archer, die auf einen Blender hereinfällt und zu spät erkennt, welcher Mensch ihr am meisten bedeutet. John Malkovich ist ebenso exzellent als zynischer und schikanöser Bonvivant Gilbert Osmond, aber das ist er ja in jeder seiner „Schurkenrollen“, die keiner besser beherrscht als er. Mein Prädikat: Sehr wertvoll – unbedingt anschauen.

© Sony Pictures Home Entertainment

3. Was vom Tage übrigblieb 

Und noch eine weitere Literaturverfilmung, die ich sehr gelungen finde: US-Regisseur James Ivory adaptierte den mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman The Remains of the Day des Schriftstellers Kazuo Ishiguro mit den britischen Superstars Anthony Hopkins und Emma Thompson. In Rückblenden von 1956 auf die Zeit vor dem 2. Weltkrieg erzählt Was vom Tage übrigblieb die Geschichte von James Stevens (Anthony Hopkins), der auf Darlington Hall, dem Landsitz des Politikers Lord Darlington, als Butler arbeitet. Äußerst wort- und gefühlskarg, liegt sein einziger Lebenssinn darin, seinem Arbeitgeber zu dienen und seine Tätigkeit stetig zu perfektionieren. Seine wohlgeordnete Welt gerät aus den Fugen, als die lebhafte und schlagfertige Miss Kenton (Emma Thompson) an seiner Seite eine Stelle als Haushälterin annimmt. Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung, denn Stevens kommt mit Kentons Selbstbewusstsein, ihrer Art, Dinge zu hinterfragen und mit ihrer Fähigkeit, oftmals hinter seine Fassade zu schauen, überhaupt nicht klar. Doch trotz seiner Gefühlsstarre verliebt sich Miss Kenton in Stevens und versucht, zu ihm durchzudringen. Aber Stevens, dem Miss Kenton auch nicht gleichgültig ist, findet schwerlich einen Weg aus seiner reglosen Existenz, und so entschließt sich Miss Kenton letztendlich zu einem für sie sehr schweren Schritt, den sie so nie geplant hatte…

Selten fand ich zwei Hauptdarsteller so brillant besetzt, wie in diesem leisen Film (ihr merkt schon, ich habe ein Faible für „ruhige“ Filme mit großen Emotionen). Anthony Hopkins spielt Stevens mit großer Zurückhaltung, Gefühlsarmut und Unterwürfigkeit. Die wenigen Emotionen, die bei seinem Protagonisten aufblitzen, transferiert er allein durch Blicke und Gesten, was einmal mehr seine einzigartige Schauspielkunst beweist. Emma Thomson als sein quirliges Pendant, Miss Kenton, ist ebenfalls eine Meisterin ihres Fachs. Kentons behutsame Annäherung an einen Mann, der emotional verkümmert ist, spielt sie mit sehr viel Einfühlungsvermögen und einem Gespür für Momentum. Das ist großes Kino!

© Sony Pictures Home Entertainment

4. Pollock

Dieser Film über das Leben und Werk des amerikanischen Malers Jackson Pollock ist für mich die beste Künstlerbiografie, die je gedreht wurde. Der amerikanische Ausnahmeschauspieler Ed Harris spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern führte auch Regie. Herausgekommen ist ein vielschichtiger Film der Extraklasse und eine sehr beachtenswerte Annäherung an einen Exzentriker, der, wie wenige vor ihm, die amerikanische und europäische Kunstwelt maßgeblich beeinflusst hat. Der Film beginnt 1941 auf einer Vernissage, als Jackson Pollock (Ed Harris) die Nachwuchskünstlerin Lee Krasner (Marcia Gay Harden) kennenlernt. Sie ist so fasziniert von Pollock und seinem überragenden künstlerischen Talent, dass sie fortan ihre Karriere hinten anstellt, um ihm zum Durchbruch zu verhelfen. Als die schwerreiche Kunstmäzenin Peggy Guggenheim (Amy Madigan) schließlich seine Werke in ihrer Galerie in Manhattan ausstellt, wird Pollock auf einen Schlag berühmt. Er avanciert zum Superstar unter den Malern des abstrakten Expressionismus der New School, sein Action Painting und die eigens von ihm entwickelte Dripping-Technik machen ihn zu einem der herausragendsten Maler der Moderne. Doch Pollock kann mit dem Erfolg, den er immer angestrebt hatte, nicht umgehen: Seine Alkoholexzesse, seine wachsenden psychischen Probleme sowie seine diversen Affären kosten ihn schließlich seine Beziehung zu Lee. Er verliert völlig die Bodenhaftung und gerät in eine existentielle Abwärtsspirale, aus der es für ihn kein Entrinnen mehr gibt…

Ich habe Ed Harris schon in vielen Rollen gesehen, aber dies ist mit Abstand seine beste. Wie er die Figur des Jackson Pollock in all ihrer künstlerischen Besessenheit und mit all ihren Exzessen derart lebensecht auf die Leinwand bringt, ist schon eine herausragende Leistung. Pollocks Manie macht Harris förmlich spürbar und gewährt so nicht nur einen profunden Einblick in Pollocks künstlerisches Schaffen und in die Kunstwelt im besonderen, sondern auch in die verstörende Gefühlswelt eines Malers, dessen Obsession und Getriebenheit ihn schließlich zerstörten.

© Sony Pictures Home Entertainment

5. Anonymous

Wer des Öfteren meinen Blog liest, weiß, dass ich ein großer Shakespeare-Fan bin. Als dann auch noch Kult-Regisseur Roland Emmerich einen opulenten elisabethanischen Kostümfilm rund um das Thema Shakespeare auf die Leinwand brachte, war ich natürlich sehr gespannt. Doch der Film verursachte zunächst erst einmal einen handfesten Skandal: Viele Fans des großen englischen Barden und vor allem die Bewohner von Shakespeares Geburtsstadt Stratford-upon-Avon waren empört, denn Emmerichs Werk beschäftigt sich neben allen politischen Intrigen, Wirren und Ausschweifungen vor allem mit der Frage, ob der Autor seine Werke selbst verfasst hat. Emmerich verneint dies in Anonymous und stellt sich damit auf die Seite der Anti-Stratforder und Oxforder, die Shakespeares Urheberschaft bezweifeln, da der Dramatiker aufgrund seiner Herkunft und Bildung dazu eigentlich gar nicht in der Lage hätte sein können. Im Film wird Shakespeare vor diesem Hintergrund sehr provokant als fauler Trunkenbold dargestellt, der lediglich als Strohmann für Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, den vermuteten wahren Verfasser, dient.

Wenn wir mal die ganze Aufregung um die Urheberschaft beiseite lassen (denn die Wahrheit werden wir sicher nie erfahren), ist der Film ein großartiges Spektakel, das sehr sehenswert ist. Rafe Spall ist als Shakespeare zwar hervorragend, aber gewöhnungsbedürftig, wenn man ein Fan des Dramatikers ist. Noch besser ist allerdings Rhys Ifans als Edward de Vere – er liefert ein äußerst gelungenes Porträt des kontroversen Adligen, der seinerzeit vieler Verbrechen beschuldigt wurde, was ihn schließlich die Gunst von Königin Elisabeth I kostete. Mein Fazit: Unbedingt anschauen, auch wenn man, wie ich, Shakespeares Urheberschaft nicht in Frage stellt.

© Koch Media GmbH

6. Coco & Igor

Auch dieser außergewöhnliche Film ist wieder eine Literaturverfilmung. Regisseur Jan Kounen adaptierte Peter Greenhalghs Roman Coco & Igor in wunderbaren Bildern. Er handelt von der stürmischen Affäre der Modeschöpferin Coco Chanel und dem Komponisten Igor Strawinsky im Paris der zwanziger Jahre. Als Coco als junge Modeschöpferin im Jahre 1913 die Premiere des Balletts von Strawinskys Le sacre du printemps miterlebt, ist sie fasziniert von dieser für die damalige Zeit radikalen musikalischen Revolution, für die das Publikum jedoch noch nicht reif ist. Die Uraufführung endet in einem Skandal, der Komponist wird für seine Dissonanzen ausgepfiffen. Nach sieben Jahren lernt Coco Chanel den introvertierten Komponisten erstmals persönlich kennen und fühlt sich sofort sehr von ihm angezogen. Sie lädt den im französischen Exil lebenden mittellosen Strawinsky, seine Frau und Kinder in ihre Villa in Garches ein. Dort beginnt die leidenschaftliche Affäre der beiden exzentrischen Persönlichkeiten, die Coco zu ihrem weltberühmten Parfum Chanel No. 5 inspiriert und Strawinsky neue Kreativität verleiht.

Der Film ist ein absoluter Augenschmaus: Er schwelgt in schönen Bildern und ist nicht nur für Chanel-Fans ein Must See. Mit dem Chanel-Model Anna Mouglalis und dem dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen, der schon in James Bond – Casino Royale brillierte, sind die Hauptrollen perfekt besetzt. Besonders Mikkelsen überzeugt als verschlossenes Musikgenie, das so gar nicht in Coco Chanels Glamour-Welt passt.

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7. Camille Claudel

Diese ganz besondere Künstlerbiografie, die Regisseur Bruno Nuytten mit Isabelle Adjani und Gérard Depardieu in den Hauptrollen sehr erfolgreich inszenierte, hat mich sehr beeindruckt. Im Fokus steht eine der wohl berühmtesten Bildhauerinnen aller Zeiten, die Französin Camille Claudel (1864-1943). Ihre Marmorskulptur Vertumnus und Pomona, die im Musée Rodin in Paris steht, zählt übrigens für mich zu den schönsten künstlerischen Werken, die ich je gesehen habe. Das Liebesmelodram handelt von der leidenschaftlichen Affäre zwischen Camille Claudel und dem 24 Jahre älteren Auguste Rodin, der wohl bedeutendste französische Bildhauer, dessen Schülerin sie war. Rodin, dem Claudels schöpferische Kraft und ihr außergewöhnliches Talent sehr imponierte, hatte jedoch nie vor, seine Frau zu verlassen. Die Beziehung der beiden, die Claudel beendete, stürzte die Ausnahmekünstlerin in eine tiefe Krise. Ihre emotionale Instabilität, ihre gefürchteten Wutausbrüche, bei denen sie viele ihre Werke selbst zerstörte, und ihr Verfolgungswahn führten schließlich dazu, dass man sie gegen ihren Willen in eine psychiatrische Anstalt einwies – ein tragisches Ende für eine Künstlerin, die mit ihren Werken in der Kunstwelt große Beachtung fand.

Der Film ist aufwühlend, intensiv und lebt vom furiosen Zusammenspiel der beiden Hauptakteure. Isabelle Adjani, die für ihre ausgezeichnete Darstellung der Camille Claudel den renommierten französischen Filmpreis César erhielt, zeigt die ganze konfuse Gefühlspalette einer vielversprechenden Künstlerin, die sich am Ende selbst zerstörte.

© Sony Pictures Home Entertainment

8. The Invisible Woman

Diesen beachtenswerten, sehr poetischen Film inszenierte der britische Schauspieler und Regisseur Ralph Fiennes nach dem gleichnamigen Roman von Claire Tomalin. Im Fokus der Adaption steht Ellen „Nelly“ Ternan (Felicity Jones), die langjährige heimliche Lebenspartnerin des berühmten englischen Schriftstellers Charles Dickens (Ralph Fiennes). Als Dickens die 27 Jahre jüngere Schauspielerin bei einer ihrer Aufführungen kennenlernt, ist er fasziniert. Kurze Zeit später bietet er ihr eine Rolle in „The Frozen Deep“, ein Stück seines Freundes und Kollegen Wilkie Collins, an. Nelly akzeptiert und fortan sucht Dickens ständig ihre Nähe. Sie bewundert ihn und teilte seine Passion für Literatur und Schriftstellerei – ganz im Gegensatz zu Dickens‘ Frau Catherine, die seiner Profession nichts abgewinnen kann. Ganz langsam nähern sich die beiden an, doch Nelly möchte auf keinen Fall die in ihren Augen entehrende Rolle der Geliebten einnehmen. Als Dickens dann ohne Absprache mit seiner Frau die einvernehmliche Trennung bekanntgibt, ist diese schockiert, aber es bleibt ihr nichts anderes übrig, als seine Entscheidung zu akzeptieren. Und auch Nelly muss einen Entschluss fassen, der ihr weiteres Leben maßgeblich prägen wird…

Diese zweite Regiearbeit von Ralph Fiennes ist erstklassig, sehr bewegend und mit viel Feingefühl für besondere Momentaufnahmen in Szene gesetzt. Der ruhig dahinfließende Film zeichnet sich insbesondere durch das intensive Zusammenspiel der beiden Hauptakteure aus, denen es hervorragend gelingt, das emotionale Dilemma ihrer Charaktere sichtbar zu machen, ohne dabei ins allzu Rührselige zu verfallen. Mein Fazit: Ein wunderschöner, stimmungsvoller Film, den man gesehen haben sollte.

© Kaleidoscope Home Entertainment

9. NOW: In the Wings on a World Stage

Als Richard III 2011 am Londoner Old Vic Theatre Premiere hatte, überschlugen sich die Kritiker mit Lobeshymnen für Hauptdarsteller Kevin Spacey und Regisseur Sam Mendes. Nach American Beauty war dies die zweite erfolggekrönte Zusammenarbeit der beiden Film- und Theatergiganten. Anschließend gingen Spacey, Mendes und The Bridge Project Company, ein transatlantisches Bündnis amerikanischer und britischer Schauspieler, mit diesem Shakespeare Drama auf Welttournee. Hieraus entstand NOW: In the Wings on a World Stage, eine einzigartige Theaterdokumentation, die diese spezielle Theatertruppe über drei Kontinente und über 200 Vorstellungen lang begleitet. Man hat als Titel „NOW“ gewählt, weil es das erste Wort des Dramas ist. Die Dokumentation zeigt die Schauspieler und den Regisseur bei der Vorbereitung bzw. den Rehearsals sowie live auf der Bühne und fängt die Atmosphäre backstage so gekonnt ein, als sei man als Zuschauer hautnah dabei.

Das Besondere an dieser Dokumentation ist für mich, dass sie nicht nur die schönen Momente einfängt, sondern auch die unglamourösen. Sie zeigt auch, wie körperlich fordernd der Job eines Theaterschauspielers ist und welche enorme Konzentration und Disziplin er erfordert. Die Hauptlast liegt hier eindeutig auf Spacey, der jeden Abend sein Bein in ein Stahlkonstrukt zwängt, seinen Buckelsuit über die Schulter schnallt, um dann über 3 Stunden lang Shakespeares deformierten Schurken zu geben – das ist schon eine körperliche Tour de Force. Ich habe Spacey schon zwei Mal auf der Bühne gesehen, und kann nur sagen, dass mich seine überragende Schauspielkunst und seine starke Präsenz immer wieder aufs Neue begeistern. Daher ist für mich auch diese Dokumentation mit einem Blick hinter die Kulissen ein absolutes Must See!!!

© Sony Pictures Home Entertainment

10. Mary Reilly

Und abschließend nochmals eine Literaturverfilmung: Der britische Regisseur Stephen Frears (u.a. Gefährliche Liebschaften) verfilmte Valerie Martins Roman Mary Reilly mit Julia Roberts und John Malkovich in den Hauptrollen, der die Geschichte der schüchternen Mary Reilly (Julia Roberts), die als Dienstmädchen im Haushalt des angesehenen Londoner Arztes Dr. Henry Jekyll (John Malkovich) tätig ist, erzählt. Zwischen dem reservierten, introvertierten Jekyll und der scheuen Mary besteht ein ganz besonderes Band. Mary fühlt sich in Dr. Jekylls Haus sicher und geborgen, bis er den dämonischen Edward Hyde (John Malkovich) als seinen Assistenten einstellt. Sie fürchtet sich vor Hyde, fühlt sich aber auf der anderen Seite magisch von ihm angezogen. Hyde stellt Mary nach, er ist direkt, aufdringlich und unverschämt, und doch sieht Mary etwas in ihm, dass ihr bekannt vorkommt. Mary ahnt, dass etwas Schreckliches vorgeht, aber sie tut alles, um Dr. Jekyll und seinen guten Namen zu schützen. Doch nach einem brutalen Mord geraten die Dinge völlig außer Kontrolle, denn Hyde wird zum Hauptverdächtigen, und somit gerät auch Dr. Jekyll ins Visier der Polizei. Mary weiß nicht mehr, wem sie trauen kann, aber sie hält an ihrer Loyalität zu Dr. Jekyll fest. Doch tief in ihrem Inneren weiß sie, dass es aus diesem Alptraum kein Erwachen gibt…

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie oft ich diesen Film schon gesehen habe, und trotzdem finde ich ihn jedes Mal wieder großartig, denn er ist spannungsgeladen, hochdramatisch und nervenaufreibend. John Malkovich brilliert in seiner Doppelrolle als Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er spielt bei beiden Charakteren derart gekonnt mit den Gegensätzen Gut – Böse, dass Jekyll manchmal wie ein Langweiler und Hyde wie sein aufregendes Alter Ego wahrgenommen wird. Die größte Überraschung war für mich allerdings Julia Roberts. Ihre von großer Zurückhaltung geprägte Darstellung der Mary Reilly ist wirklich beeindruckend. Blass, ungeschminkt und absolut farblos in ihrem Dienstmädchen-Outfit gibt sie der Figur der Mary Reilly eine berührende Tiefe. Mein Fazit: Ein toller Film – allerdings nichts für Zuschauer mit schwachen Nerven!

*****

Das ist mit Abstand der längste Post, den ich je geschrieben habe, aber beim Thema Filme kann ich mich nur sehr schwer bremsen. Es hat mir großen Spaß gemacht, an dieser Blogparade teilzunehmen, und ich freue mich schon auf viele weitere so ansprechende Initiativen.


Mein herzlicher Dank gilt:

Kaleidoscope Home Entertainment (www.kaleidoscopehomeentertainment.com), die mir das DVD-Cover von NOW: In the Wings on a World Stage zur Verfügung gestellt haben.

Koch Films GmbH, Planegg/München (www.kochmedia.com), die mir die DVD-Cover von Portrait of a Lady und Coco & Igor zur Verfügung gestellt haben.

polyband Medien GmbH/WVG, München (www.polyband,de), die mir das DVD-Cover von Wreckers zur Verfügung gestellt haben.

Sony Pictures Home Entertainment GmbH, München (www.sphe.de), die mir die DVD-Cover von Was vom Tage übrigblieb, PollockAnonymous, The Invisible Woman und Mary Reilly zur Verfügung gestellt haben.

STUDIOCANAL GmbH, Berlin (www.studiocanal.de), die mir das DVD-Cover von Camille Claudel zur Verfügung gestellt haben.

Grandiose Neuverfilmung eines Shakespeare-Klassikers:
„Macbeth“ mit Michael Fassbender und Marion Cotillard

© STUDIOCANAL GmbH

Wagnis Shakespeare

Macbeth war das erste Shakespeare-Drama, das ich in der Schule gelesen habe, und ich muss gestehen, dass ich zunächst nicht viel damit anfangen konnte. Ich empfand das elisabethanische Englisch als viel zu schwierig und verschachtelt, um mich mit der Tragödie eingehend zu beschäftigen. Als ich es dann jedoch einige Jahre später in einem Shakespeare-Seminar an der Uni nochmals lesen musste und wir Shakespeare, seine Zeit und auch die Strukturen und Besonderheiten des elisabethanischen Englisch im Detail beleuchtet hatten, fiel es mir sehr viel leichter, mich auf das Wagnis Shakespeare einzulassen, und seit damals hat es mich einfach gepackt. Ich las Macbeth – und später noch viele andere Werke des Dramatikers – und war fasziniert von Shakespeares profunder Kenntnis der menschlichen Natur, die meines Erachtens auch ein essentieller Grund dafür ist, dass seine Dramen die Zeit überdauern.

Justin Kurzels Macbeth: Eine beeindruckende Adaption der Extraklasse

Die erste Macbeth-Verfilmung, die ich gesehen habe, war Roman Polanskis Version aus dem Jahre 1971, die mich allerdings in keiner Weise angesprochen hat – für meinen Geschmack war sie viel zu blutrünstig und auf Schockeffekte ausgelegt. Angesichts dieses Hintergrundes war ich sehr gespannt auf die hier vorgestellte Neuverfilmung, die eine gänzlich divergierende Annäherung an dieses herausragende Drama versprach. Schon als ich den Trailer sah, wusste ich, dass dem renommierten australischen Regisseur Justin Kurzel hier etwas ganz Einmaliges gelungen ist – nämlich Shakespeares Werk mit zwei Ausnahmeakteuren in beeindruckenden, verstörenden und zugleich sehr berührenden Bildern neues Leben einzuhauchen und es somit auch einer Generation zugänglich zu machen, die mit dem meines Erachtens besten Dramatiker aller Zeiten heute nicht mehr viel anfangen kann.

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Macbeth (Michael Fassbender) und Lady Macbeth (Marion Cotillard)

Diese brillante Neuverfilmung mit Michael Fassbender und Marion Cotillard in den Hauptrollen ist eine beeindruckende und visuell einzigartige Adaption der Extraklasse. Ich habe in diesem Jahr keinen Film gesehen, der mich derart begeistert hat wie diese meisterhafte Realisierung des weltberühmten Dramas, das zu meinen favorisierten Tragödien des Bard of Avon zählt. Macbeth ist nicht nur ein faszinierend-bewegendes Filmepos von großer Bildgewalt und Leidenschaft, sondern ebenso eine großartige Neuerzählung einer zeitlosen literarischen Vorlage über den Aufstieg und Niedergang zweier Tyrannen, deren Machthunger, Skrupellosigkeit und Größenwahn sie schließlich ins Verderben führen.

Macbeth: Kurzer Abriss des Plots

Macbeth wurde um 1606 von William Shakespeare verfasst und spielt in Schottland und England des 11. Jahrhunderts.  Nach Rückkehr von einer Schlacht, die er für König Duncan erfolgreich geschlagen hat, trifft der königliche Heerführer Macbeth in der Heide auf drei Hexen, die ihm prophezeien, dass er der nächste Thane of Cawdor (Thane = Fürst) und bald darauf König von Schottland wird. Macbeth kann sich zunächst keinen Reim darauf machen und berichtet seiner Frau, der ehrgeizigen Lady Macbeth, von dieser äußerst mysteriösen Begebenheit. Als die erste Prophezeiung eintrifft und Duncan ihm den Titel des Thane of Cawdor verleiht, wittert Lady Macbeth sofort die einmalige Chance zur absoluten Macht, die sich ihr und ihrem Mann hier bietet und legt ihrem Gatten unumwunden nahe, König Duncan bei dessen anstehenden Besuch in Macbeths Burg in Inverness zu ermorden, da es ihres Erachtens ansonsten so schnell keine Möglichkeit für ihren Mann gibt, den Thron auf normalem Wege zu besteigen. Macbeth reagiert äußerst zögerlich und kann sich mit dem Gedanken eines Königsmords in keiner Weise anfreunden. Als seine Frau daraufhin jedoch seine Männlichkeit in Frage stellt, willigt er schließlich ein. Lady Macbeth betäubt die Wachen, und Macbeth ersticht den König mit einem Dolch. Seine Tat verstört ihn jedoch dermaßen, dass er nicht in der Lage ist, den blutbefleckten Dolch, wie von seiner Frau geplant, den schlafenden Wachen unterzuschieben. Lady Macbeth erledigt dies für ihn, und beide kehren mit blutgetränkten Händen in ihre Gemächer zurück.

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Macbeth (Michael Fassbender) und Lady Macbeth (Marion Cotillard)

Nachdem der Fund des toten Königs einen Tumult ausgelöst hat, geht Macbeth noch einen Schritt weiter: Er erschlägt die Wachen des Königs, die er zuvor als Königsmörder tituliert hat. Die Söhne des Königs, Donalbain und Malcom, fliehen nach Irland bzw. England, da sie sich nicht sicher fühlen und fürchten, ebenfalls getötet zu werden. Somit sehen sich Macbeth und Lady Macbeth am Ziel ihrer Wünsche: Macbeth wird angesichts dieser Umstände zum König gekrönt. Doch seine Tat lässt ihn nicht los: Von Schuldhalluzinationen und Paranoia geplagt, sieht Macbeth seine Königsherrschaft permanent bedroht. Er beseitigt jeden, der für ihn eine Gefahr darstellt und hält sich für unbesiegbar, während seine Frau – erdrückt von ihrer Schuld und dem Größenwahn ihres Mannes – langsam den Verstand verliert. Doch Macbeth, zum unnachgiebigen und verbitterten Tyrannen mutiert, will auch weiterhin seinem Schicksal trotzen, nicht ahnend, dass es schon längst besiegelt ist…

Schauspielerische Brillanz: Fassbender und Cotillard als beispielloses Tyrannenpaar

© STUDIOCANAL GmbH – Macbeth (Michael Fassbender)

Dieser erstrangige Film wird primär von der schauspielerischen Brillanz der beiden Hauptdarsteller getragen. Michael Fassbender zählt zweifelsohne zu den exzellentesten Schauspielern seiner Generation. Ich habe ihn schon in den unterschiedlichsten Rollen gesehen – z.B. als brutaler Plantagenbesitzer in Twelve Years a Slave, als düsterer Byronscher Antiheld in Jane Eyre oder als undurchsichtiger, namenloser Protagonist in The Counselor -, aber in keiner hat er mich so überzeugt wie in Macbeth. Seine physische Präsenz und Intensität, die gefährlich-unberechenbare Aura, die er seiner Hauptfigur verleiht, sind eindrucksvoll und beängstigend zugleich. Die Entwicklung Macbeths vom machthungrigen Heerführer zum größenwahnsinnigen, blutrünstigen König gelingt ihm beunruhigend glaubhaft. Wenn er als Macbeth seiner Frau mit wirrem Lachen zuflüstert „O, full of scorpions is my mind, dear wife!“1, läuft es einem kalt den Rücken herunter.

© STUDIOCANAL GmbH – Lady Macbeth (Marion Cotillard)

Fassbenders Filmpartnerin, die Französin Marion Cotillard, die mit ihrer großartigen Darstellung der Chansonette Édith Piaf in Olivier Dahans preisgekröntem Film La Vie En Rose internationalen Ruhm erlangte, ist das perfekte Pendant. Ihre Verkörperung der Lady Macbeth ist eindringlich und sehr berührend. Die Entwicklung ihrer Protagonistin von der ambitionierten, skrupellosen Mordanstifterin zur schuldbeladenen Wahnsinnigen porträtiert sie sehr überzeugend und voller Empathie. Eine außergewöhnliche Szene ist mir hier besonders im Gedächtnis geblieben: Als Macbeth einen äußerst brutalen Mord an der Frau und den beiden Kindern seines Feindes Macduff befehligt, blickt sie sprach- und fassungslos auf ihren Mann, das blutrünstige Monster, das sie im wahrsten Sinne des Wortes erschaffen hat, und es reicht ein Blick, um auszudrücken, dass ihr Verstand nicht mehr greifen kann, was vor sich geht.

Bildgewaltiges Glanzstück: Facetten des Menschlichen in intensiven Momentaufnahmen

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Macbeth (Michael Fassbender) und Lady Macbeth (Marion Cotillard)

Obwohl Shakespeares Macbeth gemeinhin als Drama gilt, das in erster Linie Machthunger, Opportunismus und Skrupellosigkeit sowie Gewissen und Schuld thematisiert, halte ich die Beziehung der beiden Hauptcharaktere zueinander für ebenso essentiell. Diesen Aspekt, der bei vielen Betrachtungen des Dramas nur marginal gestreift wird, greift Regisseur Kurzel auf und zeigt uns in den herausragenden gemeinsamen Szenen der Protagonisten ein tiefgehendes emotionales Portfolio, das unter die Haut geht. So sieht man die beiden in inniger Verbundenheit und vertrauter Nähe, aber ebenso im völligen Unverständnis für die Haltung des anderen und am Ende zutiefst verloren in ihrem Wahn und ihrer Einsamkeit. Diese Facetten des Menschlichen, die Shakespeare seinen Antagonisten trotz aller Gräueltaten attribuiert, zeigen sich in intensiven Momentaufnahmen, die Kurzel erstklassig inszeniert hat und machen seinen Film in all seiner Sprach- und Bildgewalt zu einem Glanzstück unter den Shakespeare-Adaptionen, das seinesgleichen sucht.


MACBETH
Regie: Justin Kurzel
Produktionsland: UK
Erscheinungsjahr: 2015

Mein herzlicher Dank gilt der STUDIOCANAL GmbH, Berlin, www.studiocanal.de, die mir alle oben aufgeführten Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

1 Watts, Cedric (Hrsg.). Shakespeare, William. Macbeth. London: Wordsworth Editions Limited, 2005. S. 65.

Die einzige Zeugin

Mary Louise Kelly: Vor ihren Augen

Nach einer krankheitsbedingten Auszeit melde ich mich heute mit einem Kriminalroman der Extraklasse zurück. Der zweite Thriller der amerikanischen Schriftstellerin Mary Louise Kelly mit dem Titel Vor ihren Augen hat mich mit seiner ungewöhnlichen Geschichte völlig in seinen Bann gezogen – und das ganz ohne die in der heutigen Zeit scheinbar so notwendigen brutalen Mordszenarien, psychopathischen Serienkiller und sonstigen grausamen Special Effects. Kelly schafft es allein mit ihrem ausgeklügelten Plot, die Leser in Atem zu halten und lässt bereits zu Beginn die wohl behütete Welt ihrer Protagonistin auf einen Schlag einstürzen – völlig unerwartet, scheinbar zeitlupenhaft und trotzdem mit so viel existentieller Wucht, dass wir genau wie sie nicht glauben können, was gerade vor sich geht. Und ohne Vorwarnung finden wir uns in einer Spirale aus Gewalt, Leidenschaft und Eifersucht wieder, die längst vergangen schien und doch in der Gegenwart alles mit sich reißt und zerstört, das in ihren Sog gerät.

Ein schockierender Befund

Caroline Cashion, 37-jährige Dozentin für französische Literatur und Linguistik, führt ein eher beschauliches Single-Leben in Washington. Umgeben von den Büchern ihrer Lieblingsschriftsteller des 19. Jahrhunderts – Balzac, Flaubert, Stendhal und Zola – lebt sie für ihren Job, in dem sie völlig aufgeht. Als sie eines Tages aufgrund von Schmerzen im Handgelenk und Taubheitsgefühlen in ihrem Arm mit ungutem Gefühl zum Arzt geht, trifft sie der Befund wie ein Schock: In ihrem Nacken befindet sich eine Kugel, die zunächst verkapselt war, aber nun langsam zu wandern beginnt und – so die Ärzte – plötzlich einen lebensbedrohlichen Zustand auslösen kann.

Ein nie geklärter Mord

Caroline kann sich das alles absolut nicht erklären, sie kann sich vor allem nicht daran erinnern, dass sie je angeschossen wurde. Als sie ihren Eltern und Brüdern völlig aufgelöst davon berichtet, verhalten sich diese äußerst seltsam. Erst nach beharrlichem Nachhaken erzählen sie ihr schließlich, dass sie ein Adoptivkind ist. Ihre leiblichen Eltern, Boone und Sadie Rawson Smith, wurden auf brutalste Weise in ihrem Haus in Atlanta ermordet, nur sie als kleines Mädchen überlebte die Tat mit schwersten Verletzungen. Der Täter wurde nie gefasst. 

Im Visier des Killers

Caroline ist wie paralysiert und begreift das ganze Ausmaß der Tragödie überhaupt nicht. Alle Menschen, die ihr vertraut waren, sind ihr plötzlich fremd, nichts ist mehr so wie es war. Doch schließlich siegt ihre Neugier über den anfänglichen Schock, und sie fasst den Entschluss, nach Atlanta an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Sie stellt weitere Nachforschungen zum Mord an ihren Eltern an, der ein absolutes Mysterium zu sein scheint. Als sie merkt, dass sie nicht weiterkommt, lässt sie sich von dem aufdringlichen Reporter Leland Brett von der Atlanta Journal-Constitution zu einem Interview/Artikel überreden, der auch ein aktuelles Foto von ihr beinhaltet. Ein fataler Fehler, denn so wird auch der nie identifizierte Killer auf Caroline aufmerksam, was sie in höchste Gefahr bringt. Und auch die Kugel in ihrem Nacken wird zu einer tickenden Bedrohung und führt zu einem Wettlauf mit der Zeit, den sie um jeden Preis gewinnen muss…

Spannungsgeladener Thriller mit überraschendem Ende

Mit Vor ihren Augen ist Mary Louise Kelly ein exzellenter Thriller gelungen, der auf ganzer Linie überzeugt. Ihre Protagonistin Caroline Cashion sowie sämtliche Haupt- und Nebenfiguren sind bis ins Detail überzeugend gezeichnet. Auch Carolines Entwicklung von der introvertierten Dozentin hin zur beinahe unerschrockenen „Ermittlerin“ auf der Suche nach dem Mörder ihrer Eltern ist glaubwürdig und nachvollziehbar. Der spannungsgeladene Plot nimmt den Leser bis zum Schluss gefangen und garantiert beste Krimiunterhaltung mit einem völlig überraschenden Ende. Alles in allem: Sehr empfehlenswert!

Mary Louise Kelly: Engagierte Reporterin und schriftstellerische Neuentdeckung

Mary Louise Kelly wurde in Georgia/USA geboren. Sie studierte u.a. französische Literatur an der berühmten Harvard University, wo sie 1993 mit magna cum laude graduierte, und absolvierte darüber hinaus ein Studium (European Studies) an der renommierten Cambridge University in England, was sie 1995 abschloss. Bereits während ihres ersten Studiums berichtete sie als leitende Redakteurin über den spannenden US-Wahlkampf im Jahre 1992 und Bill Clintons Amtsantritt.

In ihren ersten Jahren als Journalistin pendelte sie ständig zwischen den USA und England und arbeitete u.a. für die Atlanta Journal-Constitution, die BBC und CNN und berichtete hier von internationalen (Kriegs-)Schauplätzen, wie z.B. von der afghanisch-pakistanischen Grenze, Flüchtlingslagern im Kosovo oder Nordirland.

Ab 2001 arbeitete Kelly dann für das NRP (National Public Radio) in Washington und berichtete u.a. auch über heikle Themen wie z. B. Geheimdienste. Danach arbeitete sie als Korrespondentin im Pentagon, wo sie sich primär mit außenpolitischen Belangen auseinandersetzte.

Ab 2011 widmete sich Kelly dann der Schriftstellerei. 2013 erschien ihr erstes Buch, Anonymous Sources, ein spannender Spionagethriller. Ihr zweiter Roman, der hier vorgestellte Vor ihren Augen (The Bullet), ist auf dem besten Wege, ein Bestseller zu werden. Derzeit arbeitet die Autorin an ihrem dritten Roman. Ich bin schon sehr gespannt, welche außergewöhnliche Story sie sich dieses Mal einfallen lässt.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website www.marylouisekellybooks.com, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Originalausgabe: Kelly, Mary Louise. The Bullet. New York: Gallery Books/Simon & Schuster, Inc., 2015.
Deutsche Ausgabe: Kelly, Mary Louise. Vor ihren Augen. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. München: Goldmann Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2016.
Buchcover: www.randomhouse.de