Ein liebenswerter Kleriker auf Mörderjagd

James Runcie: Der Schatten des Todes – Sidney Chambers ermittelt

Dieser neue aus sechs Storys bestehende Roman des britischen Schriftstellers James Runcie hat so viel Charme, das man sich ihm nicht entziehen kann. Obwohl es sich hier in erster Linie um einen Kriminalroman handelt, der im literarischen Subgenre Cozy Mystery angesiedelt ist, gelingt es Runcie scheinbar mühelos, britisches Lokalkolorit inklusive des unverwechselbaren britischen Humors und gut dosierte Spannung mit Poesie, Moral, Ethik und Glauben zu verknüpfen. Und dies liegt in erster Linie an seinem außergewöhnlichen Protagonisten, Canon Sidney Chambers, ein junger Landpfarrer, der sich im Grantchester (Grafschaft Cambridgeshire) der 50er Jahre nicht nur um das Wohl seiner Schäfchen kümmert, sondern sich mehr oder weniger freiwillig auch als Ermittler betätigt. Wem jetzt der gute alte Father Brown in den Sinn kommt, liegt falsch, denn Chambers ist keine Neuauflage des pfiffigen, aber ein wenig altbackenen Vorgängers. Er ist 32, attraktiv und elegant, liebt Bier, Jazz, Cricket und Literatur. Vor allem aber liebt er – im Geheimen – seine langjährige Freundin, die Kunsthistorikerin und Juniorkuratorin Amanda Kendall, ein glamouröses Society Girl, für die eine Beziehung, geschweige denn Ehe (in der anglikanischen Kirche dürfen Pfarrer heiraten), mit einem bodenständigen Geistlichen eigentlich nicht in Frage kommt. Doch trotz ihrer wechselnden Freunde und der schließlich sogar anstehenden Verlobung zieht es Amanda immer wieder zu Sidney, der Sicherheit und Stabilität in ihr unstetes Leben bringt.

Ein mysteriöser Selbstmord

Und als wäre das alles für einen Landpfarrer nicht schon aufregend genug, bittet ihn die geheimnisvolle, extravagante Pamela Morton gleich in der ersten Geschichte Der Schatten des Todes, den mysteriösen Selbstmord ihres Geliebten, den renommierten Rechtsanwalt Stephen Staunton, zu untersuchen. Obwohl Chambers in keiner Weise detektivische Ambitionen hat, nimmt er sich des Falls an, und ehe er sich versieht, erweist sich der vermeintliche Suizid als heimtückisch geplanter Mord. Doch da dies für ihn eine Nummer zu groß ist, zieht er seinen besten Freund, Inspector Geordie Keating, zu Rate, der immer ein wenig schlecht gelaunt, aber ansonsten eine Seele von Mensch ist. Er schätzt Sidneys einzigartige Gabe, seinen Mitmenschen in die Seele zu schauen und ihnen mit seiner liebenswert chevaleresken Art tief verborgene Geheimnisse zu entlocken, die sie ihm als Inspector niemals offenbaren würden. Schließlich gelingt es den beiden Freunden tatsächlich, den Fall zu lösen, und sie stellen fest, dass sie ein wirklich gutes Ermittlerteam sind.

Ein geheimnisvoller Juwelenraub

Viel Zeit, um sich wieder seiner Gemeinde zu widmen, bleibt Chambers nicht, denn sein zweiter Fall in der Geschichte Eine Frage des Vertrauens verlangt seine ganze Aufmerksamkeit. Auf der Silvesterparty seines Freundes Nigel Thompson, ein aufstrebender konservativer Politiker, bei der neben Sidneys Schwester Jennifer und ihrem neuen Freund Johnny Johnson auch seine Freundin Amanda und ihr Verlobter Guy Hopkins anwesend sind, wird der luxuriöse Verlobungsring, den Guy Amanda geschenkt hat, gestohlen. Sofort fällt der Verdacht auf Jennifers Freund Johnny, Enfant Terrible und Sohn eines berüchtigten Juwelendiebs, doch für Chambers ist diese Lösung viel zu einfach. Obwohl er eigentlich primär damit beschäftigt ist, sich einzureden, dass ihm Amandas Verlobung nichts ausmacht, ermittelt er mit Keating auch in diesem Fall und kann schließlich den Täter dank seiner guten Beobachtungs- und Kombinationsgabe entlarven.

Ein moralisches Dilemma

In der dritten Geschichte Vor allem – schade niemandem wendet sich Inspector Keating mit einem Fall an Chambers, der ihm einfach keine Ruhe lässt. Er glaubt nicht, dass die alte Mrs. Livingston, die von ihrer Tochter Isabel und ihrem Freund, dem Arzt Michael Robinson, gepflegt wurde, eines natürlichen Todes gestorben ist. Chambers vertraut auf den untrüglichen Instinkt seines Freundes und nimmt sich der Sache an, die ihn jedoch in ein moralisches Dilemma stürzt und ihm einmal mehr aufzeigt, dass das Leben kein schwarz-weiß Mosaik ist.

Mord im Jazzclub

In Geschichte Nr. 4 Alles hat seine Zeit taucht Chambers ein in die Welt des Jazz, die ihn magisch anzieht. Vor dem Nachtclub von Johnny Johnson, dem Freund von Sidneys Schwester Jennifer, wird Johnnys Schwester Claudette erdrosselt aufgefunden. Sidney und Geordie, die sich zu dem Zeitpunkt auch im Club befinden, da sie von Johnny zu einem Auftritt der berühmten Jazzsängerin Gloria Dee eingeladen wurden, stellen Nachforschungen an und stoßen bald auf dunkle Geheimnisse, die nur ein Motiv des Täters zulassen: Rache.

Ein brisanter Kunstfälscherskandal

In Story Nr. 5, Der verschwundene Holbein, wird Sidneys Freundin Amanda von Lord Teversham beauftragt, ein Gemälde zu begutachten, das von einem qualifizierten Restaurator aufgearbeitet und als Leihgabe zur Verfügung gestellt werden soll. Diese Routineaufgabe für Amanda entwickelt sich jedoch zu einem brisanten Kunstfälscherskandal, bei dem sie auf eigene Faust ermittelt und in Lebensgefahr gerät, denn sie unterschätzt den Täter, der nicht davor zurückschreckt, unliebsame Mitwisser zu beseitigen. Sidney ist außer sich vor Sorge und geht jedes Risiko ein, um Amanda zu retten…

Mord im Theater

In der letzten Geschichte Ehrenwerte Männer hat sich Sidney widerwillig breitschlagen lassen, eine kleine Rolle im Shakespeare-Drama Julius Caesar zu übernehmen, das von der Amateur-Theatertruppe der Gemeinde aufgeführt wird. Doch die Aufführung endet blutig: Der Hauptdarsteller bricht tödlich verwundet zusammen – von einem echten Dolch. Sidney ist geschockt und setzt gemeinsam mit Inspector Keating alles daran, den Killer zu stellen, der aus den eigenen Reihen zu kommen scheint…

Ein herrlich altmodischer Roman mit einem unkonventionellen Protagonisten

Wie gerne habe ich diesen herrlich altmodischen Roman gelesen! Ganz seinem Genre gemäß entfaltet er sich trotz der diversen Kriminalfälle bedächtig und transferiert eine ganz eigene angenehm ruhevolle Atmosphäre, ohne auch nur annähernd einschläfernd zu sein. Runcies Protagonist Sidney Chambers ist aber natürlich auch kein Kleriker im herkömmlichen Sinne: Er ist charmant, aber kein Charmeur – er ist moralisch, aber kein Moralapostel. Seine Fähigkeit zuzuhören, sein guter Humor und seine Galanterie (nicht zu vergessen seine Attraktivität und Eleganz) machen ihn zu einem nahezu perfekten, wenn auch unkonventionellen Exemplar eines Pfarrers. Doch beinahe unbemerkt durchbricht Runcie dieses Trugbild der augenscheinlichen Perfektion seines Protagonisten immer wieder und zeigt uns den Menschen Sidney Chambers außerhalb seiner Pfarrerrolle. Dies macht Runcie nicht selten mit dem typisch britischen „Tongue-in-Cheek“, was er meisterhaft beherrscht.

Was mir darüber hinaus besonders gut gefallen hat, ist, wie geschickt Runcie Fragen der Moral, Ethik und des Glaubens mit in den Roman verwoben hat, ohne die Leser zu langweilen oder gar zu belehren. Weitere Highlights sind für mich außerdem Gedichte und Zitate, die Runcie durch Chambers Faible für Literatur mit einfließen lässt. Und gleich drei meiner Lieblingsdichter und -dramatiker sind dabei: William Shakespeare, der wohl bedeutendste Dramatiker aller Zeiten (Auszüge aus Julius Caesar), Lord Byron, sagenumwobener Poet der englischen Romantik (Auszug aus seiner Elegie An Thyzra), und die amerikanische Lyrikerin Edna St. Vincent Millay mit einem ungewöhnlichen Liebesgedicht („What lips my lips have kissed…“).

Alles in allem ist Runcies neuestes Werk eine wunderbare Romankomposition, die sich aus vielen unterschiedlichen Themensteinen zu einem stimmigen, sehr lesens- und empfehlenswerten Literaturmosaik zusammenfügt.

James Runcie: Namhafter Autor, Theaterregisseur, Dokumentarfilmemacher und TV-Produzent

James Runcie wurde 1959 in Cambridge/England als Sohn des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury, Robert Runcie, geboren. Er ging in Oxford und Marlborough zur Schule und studierte schließlich Englisch an der renommierten University of Cambridge, an der er auch graduierte.

In den 80er Jahren war Runcie zunächst als Autor und Regisseur für BBC Scotland im Bereich Radio Drama tätig. Zu seinen Werken zählten hier u.a. Miss Julie, The White Devil, Men Should Weep und A Private Grief. Zudem produzierte Runcie auch TV-Programme für die BBC, deren Schwerpunkte auf Kunst, Musik und Geschichte lagen. Auch heute arbeitet er noch freiberuflich für die BBC, ITV und Channel 4. Darüber hinaus ist er Gastprofessor an der Bath Spa University und schreibt Rezensionen für die renommierte britische Zeitung The Independent.

Ein weiteres Feld, in dem sich Runcie einen Namen gemacht hat, sind Dokumentarfilme. Seine Dokumentation über die Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling mit dem Titel J. K. Rowling: A Year in the Life, die er von 2006 bis 2007 mit der Kamera begleiten, interviewen und bei ihrem künstlerischen Schaffensprozess „beobachten“ durfte, war sehr erfolgreich. Darüber hinaus realisierte Runcie auch einen sehr privaten Dokumentarfilm über das Leben und Wirken seines Vaters Robert mit dem Titel My Father, der zwei Wochen vor dessen Tod fertiggestellt wurde und ebenfalls sehr gute Kritiken erhielt.

2001 publizierte Runcie seinen ersten Roman The Discovery of Chocolate. Es folgten The Colour of Heaven (2003), Canvey Island (2006), East Fortune (2009) und der hier vorgestellte Roman The Grantchester Mysteries: Sidney Chambers and the Shadow of Death (2012), mit dem ihm der literarische Durchbruch gelang.  Grantchester wurde von ITV als sechsteilige Serie mit James Norton, Robson Greene, Morven Christie u.v.m. verfilmt und lief 2014 sehr erfolgreich im britischen Fernsehen.

Weitere Informationen über den Autor findet ihr auf seiner Website www.jamesruncie.comder ich auch seine biografischen Informationen entnommen habe.


Originalausgabe: Runcie, James. The Grantchester Mysteries. Sidney Chambers and The Shadow of Death. London: Bloomsbury, 2012.
Deutsche Ausgabe: Runcie, James. Der Schatten des Todes. Sidney Chambers ermittelt. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. Hamburg: Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, 2016.
Buchcover: www.atlantikverlag.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Atlantik Verlag/Hoffmann und Campe Verlag, der mir den Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Der etwas andere Fragebogen für Blogger
von Chris Popp, Booknerds – Teil 2

© Chris Popp

Wenn auch mit etwas Verspätung kommt hier Teil 2 meiner Antworten zu Chris Popps, Booknerds, unbequemen Fragen für Buchblogger:

Runde 3

Gab es schon mal einen Protagonisten in einem Buch oder eine Figur in einem Film oder einer Serie, und Du dachtest: Verflucht, kennt der Autor mich?

Ja, gleich zwei: Elizabeth Bennet aus Jane Austens Stolz und Vorteil und Maura Isles aus Tess Gerritsens Rizzoli & Isles.

Stell dir vor, Du könntest die Protagonisten oder beliebige andere Figuren aus zwei Büchern/Filmen/Serien miteinander vertauschen. Wen und warum?

Ich würde gerne Sherlock Holmes mit Miss Fisher kombinieren, obwohl dann auf der anderen Seite nur Watson und Inspector Jack Robinson übrigblieben. Für den Fall, dass ihr Miss Fisher aus der australischen Krimiserie Miss Fishers mysteriöse Mordfälle noch nicht kennt,  könnt ihr euch schon mal auf einen meiner nächsten Artikel freuen, in dem ich die Serie vorstelle.

Welches ist Dein peinlichstes Lieblingsbuch/Dein peinlichster Lieblingsfilm/Deine peinlichste Lieblingsserie?

Peinlichstes Lieblingsbuch: Ich von Helmut Berger
Peinlichster Lieblingsfilm: Flashdance
Peinlichste Lieblingsserie: Verliebt in Berlin

Welches war das frustrierendste Buchende/Filmende/Serienfinale für Dich? Wie hätte es ausgehen sollen? Warnung an die Leser der Antworten: Spoileralarm!

Das frustrierendste bzw. traurigste Buchende war für mich das Ende der tragischen Romanze Love Story von Erich Segal. Jenny hätte wieder gesund werden müssen. Im Filmbereich hat mich das Ende von American Beauty sehr frustriert: Der coole Lester hätte nicht sterben dürfen. Das enttäuschendste Serienfinale gab es für mich bei The Mentalist. Es war viel zu kitschig und unglaubwürdig für meinen Geschmack.

Wenn Dein Leben oder Deine persönliche momentane Situation als Buch oder Film veröffentlicht würden: Wie hieße das Buch/der Film?

Meeresstille

Welches Buch/welcher Film/welche Serie hat Dich derart beschäftigt und aufgewühlt, dass Du tagelang an kaum etwas anderes denken konntest?

Buch: Du bist nicht zurückgekommen von Marceline Loridan-Ivens
Film: Frankenstein von und mit Kenneth Branagh
Serie: Profiling Paris (Finale Staffel 4)

Hast Du schon einmal einer Figur aus einem Buch, einem Film oder einer Serie nachgeeifert? Oder wurdest Du hierdurch zu einer Handlung/Tat inspiriert?

Nein.

Runde 4

Drei Dinge, die

das Schreiben schreibenswert machen:

1. Inspiration
2. Fantasie
3. Kreativität

Dir bei manch anderem Blog mächtig auf die Nerven gehen

1. Unübersichtlichkeit
2. Zu viel Werbung
3. Selektives Beantworten von Kommentaren

Du Dir bei deinem eigenen Blog schon ewig vorgenommen, aber noch nicht verwirklicht hast:

Bis jetzt noch nichts, aber ich blogge ja auch noch nicht so lange.

Dir das Lesen spontan madig machen:

1. Fehlende Textstruktur
2. Ständige Wiederholungen
3. Mehr Zitate als eigener Text

Du gerne als Ausrede nutzt, nur um mehr Zeit zum Lesen zu haben:

1. Ich habe mir Arbeit mit nach Hause genommen.
2. Ich habe starke Kopfschmerzen.
3. Ich muss noch einkaufen.

Runde 5 (zum Ergänzen)

Amazon ist…manchmal nützlich.

In meinem Wohnort…gibt es eine literarische Gesellschaft und sehr viele Leseaktionen.

Ein Autor schreibt Bücher, weil…Schreiben seine Passion ist.

Marcel Reich-Ranicki fand ich…großartig, denn er war eine literarische Naturgewalt.

Hysterisierung und Pathetisierung in der Literatur…finde ich nur schwer erträglich.

Was ich im Literatur-/Film-/Serienbusiness niemals verstehen werde, sind…die schnellebigen, manchmal bizarren Trends.

Ich würde unheimlich gern eine Literatur-Diskussionsrunde mit folgenden Personen sehen: Ralf Morgenstern, Sigrid Löffler, Christine Westermann und Elke Heidenreich.

Ich fände es großartig, wenn…Henryk M. Broder auf meinem Blog einen Gastbeitrag schreiben würde.

Dieser Fragebogen…war insgesamt ganz schön lang.

Weil es schon so lange hier ist, hier auch nochmals der Link zu meinen Antworten aus den Runden 1 und 2: http://amillionpages.de/2015/12/27/der-etwas-andere-fragebogen-fuer-bloggervon-chris-popp-booknerds/

Vielleicht habt ihr ja auch Lust mitzumachen? Mir hat das Beantworten der Fragen jedenfalls sehr viel Spaß gemacht, denn dieser Bogen war wirklich mal außergewöhnlich.

Die Macht des Schicksals

Adrien Bosc: Morgen früh in New York

Dieses bemerkenswerte Erstlingswerk des französischen Schriftstellers Adrien Bosc hat mich bereits nach den ersten Seiten nicht mehr losgelassen. Dies liegt nicht nur an der tragischen, wahren Geschichte, die der Autor ausgewählt hat, sondern insbesondere auch am journalistisch geprägten Erzählstil des Jungautors, mit dem er das schicksalhafte Ereignis vor unseren Augen im Stil einer Reportage abspult, die die folgenschwere Verkettung von Zufall und Schicksal beleuchtet und die entsetzliche Katastrophe in ihrer ganzen Dimension sichtbar werden lässt. Das verheerende Unglück, dessen Verlauf Bosc hier detailgetreu und sehr behutsam im Hinblick auf die dahinterstehenden menschlichen Schicksale rekonstruiert, ist der Absturz der Air France Maschine F-BAZN, eine Lockheed Constellation, die aufgrund ihrer luxuriösen Ausstattung auch Flugzeug der Stars genannt wurde. Am 27. Oktober 1949 zerschellte der Luxusliner auf seinem Weg von Paris nach New York auf dramatische Weise am Monte Redondo auf der Azoreninsel São Miguel und riss 48 Menschen (37 Passagiere und 11 Crewmitglieder) in den Tod.

Rekonstruktion einer rätselhaften Flugzeugkatastrophe

Zur Rekonstruktion des mysteriösen Flugzeugabsturzes schildert Bosc zunächst chronologisch den Hergang des Unglücks und erzählt uns auf sehr lebendige Weise die Geschichten und Hintergründe der Passagiere. Hier rücken zunächst natürlich die Celebrities, die Berühmtheiten der damaligen Zeit, in den Vordergrund, die die Tragödie auch zu einem gefundenen Fressen für die Presse machten. Hierzu zählte u.a. Boxchampion Marcel Cerdan, dessen außereheliche Affäre mit der französischen Chansonette Édith Piaf ein offenes Geheimnis war. Cerdan, der auf dem Weg zu einem alles entscheidenen Boxkampf mit seinem Erzrivalen Jake Motta in New York war, hatte eigentlich geplant, mit dem Schiff anzureisen. Weil Piaf jedoch nicht so lange von ihm getrennt sein wollte, bat sie ihn, anstelle des Schiffs das Flugzeug zu nehmen – eine Reise ohne Wiederkehr für ihren Geliebten, dessen Tod sie als gebrochene Frau zurücklies.

Berühmte und unbekannte Opfer

Ein weiteres V.I.P. Opfer war die junge Geigenvirtuosin Ginette Neveu, das Violinenwunderkind der Nachkriegszeit, der man eine glänzende Karriere vorausgesagt hatte. Gemeinsam mit ihrem Bruder Jean war sie auf dem Weg zu ihrer bereits ausverkauften US-Tournee, die der erste Meilenstein ihres rasanten Aufstiegs sein sollte. Doch ihr Traum ging nicht in Erfüllung: Der tragische Flugzeugabsturz beendete ihr Leben und das ihres Bruders auf schreckliche Weise. Man fand ihre Leiche schließlich unter den Trümmern. Es war ein erschütterndes Bild, das sich den Rettern bot, denn selbst im Tod hielt sie ihre geliebte Stradivari noch fest umklammert.

Neben weiteren bedeutenden Persönlichkeiten, die sich an Bord der Unglücksmaschine befanden, wie z. B. Kay Kamen, der Erfinder des Merchandising, der dem Disney-Konzern einen sensationellen Erfolg bescherte oder Bernard Boutet de Monvel, Exzentriker, Dandy und Lieblingsporträtist der High Society, hat Bosc auch die zahlreichen unbekannten Passagiere aus ihrer Anonymität geholt und somit denen eine Stimme gegeben, die für die Presse uninteressant waren, aber deren Lebensgeschichten aus Sicht des Autors dennoch nicht unerwähnt bleiben sollten. Und so erzählt er uns u.a. von Amélie Ringler, einer armen Spulerin aus Mühlhausen, die in einer Textilfabrik arbeitete, bis sie nach dem Tod ihrer reichen Patentante deren lukrative Fabrik in den USA erbt. Doch auch hier verhindert das Schicksal, dass sich ihr Leben zum Guten wendet. Dies trifft ebenso auf fünf baskische Hirten zu, die sich in den USA zu Wohlstand und Reichtum emporarbeiten wollten, um dann vermögend wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Aber auch dieser Wunsch erfüllt sich nicht.

Folgenschwere Verkettung von Zufall und Schicksal

Der zweite „rote Faden“, der sich neben dem chronologischen Hergang des Flugzeugabsturzes und den Biografien und Hintergrundgeschichten der Passagiere durch Boscs Roman zieht, ist die folgenschwere Verkettung von Zufällen bzw. unglücklichen Konstellationen, die man auch als unausweichliche Macht des Schicksals bezeichnen könnte. Hier berichtet der Autor von Menschen, die eigentlich mit der Maschine fliegen wollten, aber dann durch eine glückliche Fügung doch nicht an Bord gingen, wie z.B. das frischgebackene Ehepaaar Édith und Philipp Newton, das nicht mitflog, weil es Marcel Cerdan und seiner Entourage unbedingt den Vortritt lassen wollte.

Beeindruckendes Erstlingswerk aus Facts & Fiction

All diese Aspekte sind so fesselnd und berührend miteinander verwoben, das man sich nur schwer von diesem Roman lösen kann. Boscs beeindruckende Betrachtung der Thematik Schicksalskonstellation, die er insbesondere in den letzten Kapiteln seines Romans mit einfließen lässt, wenn er von seiner investigativen Reise an den Unglücksort berichtet, ist so wunderbar poetisch, dass man sie einfach nicht mit Worten beschreiben kann. Man muss sie lesen und jede Formulierung absorbieren, um dann am Ende festzustellen, was für ein großartiges Werk dem Autor mit dieser Mischung aus Facts & Fiction gelungen ist.

Adrien Bosc: Erfolgreicher Verleger und gefeierter Debutautor

Adrien Bosc wurde 1986 in Avignon geboren. Dort besuchte er das Gymnasium Lycée Mistral und studierte anschließend an der renommierten Universität Sorbonne in Paris. Er absolvierte drei Masterstudiengänge, u.a. auch im Verlagswesen. Mit nur 25 Jahren gründete er seinen eigenen Verlag Éditions du Sous-Sol, der zwei Zeitschriften publiziert: Feuilleton (Literatur) und Desports (Sport).

Gleich mit seinem ersten Roman, dem hier vorgestellten Morgen früh in New York gelang dem jungen Debutautor ein sensationeller Erfolg. Sein Erstlingswerk erhielt nicht nur zahlreiche Lobpreisungen von den Kritikern, es wurde auch neben dem Prix Littéraire de la Vocation mit dem Grand Prix du Roman de l’Académie Française ausgezeichnet, einer der bedeutendsten Literaturpreise Frankreichs, die vor ihm schon literarische Größen wie Antoine de Saint-Exupéry und Albert Cohen erhielten.

In einem Interview1, das die Journalistin Minh Tran Huy von Le Figaro Madame mit dem Schriftsteller 2014 führte, verriet Bosc, dass seine literarischen Vorbilder Norman Mailer und Joan Didion sind, die den narrativen Journalismus nachhaltig prägten. Norman Mailer erhielt für sein Werk über die Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg, The Armies of the Night, den Pulitzer-Preis, Joan Didion erlangte mit ihrem wohl bekanntesten Buch Democracy Weltruhm.

Bosc war es wichtig, das ganze Ausmaß der Tragödie, die sich pressemäßig lediglich auf den Ausnahme-Boxer Marcel Cerdan und seine berühmte Geliebte Édith Piaf fokussierte, zu erfassen und auch die Geschichten der unbekannten Opfer zu erzählen. Die Verknüpfung, die der Autor dann zwischen den völlig unterschiedlichen Biografien und einschneidenden historischen Veränderungen generiert, ist einzigartig und ungewöhnlich zugleich, ohne konstruiert zu wirken und gibt dem Buch eine ganz eigene künstlerische Note.

Ich hoffe, dass Bosc auch für sein nächstes Buch wieder eine außergewöhnliche Geschichte aufgreift, die er dann mit seiner singulären Erzählkunst wieder zu einem ganz besonderen Leseerlebnis macht.


Originalausgabe: Bosc, Adrien. Constellation. Paris: Éditions Stock, 2014.
Deutsche Ausgabe: Bosc, Adrien. Morgen früh in New York. Aus dem Französischen von Olaf Matthias Roth. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2016.
Buchcover u. biografische Informationen: www.ullsteinbuchverlage.de

1Interview von Minh Tran Huy: L’envol d’Adrien Bosc vers la constellation de l’Académie Française. In: Le Figaro Madame vom 5.11.2014 – http://madame.lefigaro.fr/culture/adrien-bosc-lenvol-051114-82534

Das Ostermontag-Highlight:
Sherlock-Special – „Die Braut des Grauens“

© polyband Medien GmbH

Heute Abend um 21.45 h ist es endlich soweit: Die ARD zeigt das lang erwartete Sherlock-Special mit dem mysteriösen Titel Die Braut des Grauens. Diese ganz spezielle Folge strahlte die BBC bereits am 1. Januar 2016 in Großbritannien aus und – wie erwartet – brachen die Zuschauerzahlen mit über 8,4 Mio. allein am Sendetag alle Rekorde. Und da ich es mal wieder nicht abwarten konnte, bis das Special auch ins deutsche Fernsehen kommt, habe ich mir das Original direkt nach Veröffentlichung bei iTunes heruntergeladen und angeschaut. Es hat sich gelohnt, denn diese Sherlock-Folge ist meines Erachtens ganz besonders gelungen. Ihr könnt wirklich gespannt sein und euch auf einen äußerst geheimnisvollen und furiosen Fall von Sherlock und Watson freuen, der viele Highlight-Szenen beinhaltet, überraschende Wendungen bereit hält und sich teilweise so rasant entfaltet, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, sich im Kopf von Mastermind Holmes zu befinden, in dem sich seine Gedanken mit kaum fassbarer Geschwindigkeit überschlagen und wie ein fulminantes Feuerwerk immer wieder aufsteigen und verglühen.

Ein geisterhafter Mord

Gleich zu Beginn der Geschichte ahnt man schon, dass etwas ganz anders ist als sonst, denn sie spielt nicht, wie in den vormaligen Episoden, in der heutigen Zeit, sondern im viktorianischen London, wo Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Dr. John Watson (Martin Freeman) ebenfalls legendäre Persönlichkeiten sind: Holmes, wie gewohnt, als Meisterdetektiv und Ermittler, Watson als sein bodenständiges Pendant, der Storys für renommierte Zeitungen schreibt. Detective Inspector Lestrade (Rupert Graves) wendet sich mit einem bizarren Mordfall an das geniale Duo, für den er absolut keine Erklärung findet: Emelia Ricoletti, eine scheinbar wahnsinnige Frau, hat in ihrem Brautkleid von einem Balkon wahllos auf Passanten geschossen und sich danach mit einem Kopfschuss das Leben genommen. Nachdem ihr Ehemann sie eindeutig als seine Frau identifiziert hat, geschieht noch in derselben Nacht etwas Unglaubliches: Emelia soll ihrem lasterhaften Ehemann als spukhafte Erscheinung aufgelauert und ihn dann erschossen haben.

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Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Dr. John Watson (Martin Freeman)

Sherlock findet den Fall derart befremdlich und abstrus, dass er ihn übernimmt. Als er dann jedoch im Leichenschauhaus von Dr. Hooper (Louise Brealey) erfährt, dass es sich bei der Toten wohl zweifelsfrei um Emelia Ricoletti handelt, hat sich die Angelegenheit für Holmes eigentlich schon erledigt, denn er hält die Geistergeschichte für totalen Humbug und ist darüber hinaus auch nicht sonderlich motiviert, an dem Fall weiterzuarbeiten, bis die geisterhafte Braut weitere Menschen ermordet. Für Holmes ist allerdings schnell klar, dass es sich hierbei nur um Nachahmungstäter handeln kann. Und da die Angelegenheit somit für ihn keine intellektuelle Herausforderung mehr darstellt, ist er geneigt, sie ad acta zu legen.

Das Geheimnis der Orangenkerne

Doch der Fall holt Holmes und Watson wieder ein, als Sherlocks Bruder Mycroft ihm von einem merkwürdigen Vorfall berichtet. Lady Carmichael (Catherine McCormack) sorgt sich um ihren Ehemann, Sir Eustace Carmichael (Tim McInnerny), der nach Erhalt eines mysteriösen Briefumschlages gefüllt mit Orangenkernen total in Panik gerät. Lady Carmichael ist davon überzeugt, dass ihr Mann bedroht wird und sich in ernsthafter Gefahr befindet. Bedingt durch die o.g. Vorfälle wird vermutet, dass der Geist von Emelia Ricoletti, die Braut des Grauens, in Sir Carmichael sein nächstes Opfer gefunden zu haben scheint. Und so beschließen Sherlock und Watson, sich auf dem Anwesen der Carmichaels zu verstecken, um einen möglichen Mord zu verhindern und die Braut des Grauens endgültig zur Strecke zu bringen. Doch der Plan misslingt völlig, ein absolutes No-go in Sherlocks streng durchdachter Welt, und er findet eine Nachricht, die so unglaublich ist, weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

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Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch)

Im Labyrinth von Sherlocks Mind Palace

Mit dem Special Die Braut des Grauens ist den Machern von Sherlock, Mark Gatiss und Steven Moffat, wieder ein Geniestreich gelungen. Ohne hier zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass diese Folge ganz anders ist als die Episoden der Staffeln 1 – 3, die ich schon fast auswendig kenne. Macht euch auf etwas gefasst und seid hellwach, denn dieses Mal seid ihr auch als Zuschauer gefordert. Wenn ihr nicht im Labyrinth von Sherlocks Mind Palace verloren gehen wollt, müsst ihr kombinieren und um die Ecke denken – und zwar so blitzschnell wie der Meisterdetektiv selbst. Das ist eine ganz besondere Herausforderung und ein ungewöhnliches Abenteuer, das fasziniert und großen Spaß macht.

Benedict Cumberbatch: Sherlock at his best

Nachdem Benedict Cumberbatch Arthur Conan Doyles etwas verstaubter literarischer Figur des Sherlock Holmes wieder Leben eingehaucht und ihr einen neuzeitlichen Anstrich gegeben hat, ist sein Sherlock mittlerweile Kult – absolut zu Recht, denn Cumberbatch spielt diesen eigenbrötlerischen, hochintelligenten Querkopf so exzellent, dass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass dieser fiktive Charakter eigentlich im späten 19. Jahrhundert bzw. frühen 20. Jahrhundert angelegt wurde.

© polyband Medien GmbH – © Hartswood Films – Fotograf: Robert Viglasky
Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch)

Als ich damals den Trailer zur ersten Sherlock-Staffel sah, war mir Cumberbatch als Holmes nicht so ganz geheuer, weil ich Rupert Everett für unübertroffen hielt. Aber nach der ersten Episode war ich derart begeistert, dass ich es seitdem nie erwarten kann, die nächste Staffel zu sehen. Es ist den Produzenten Steven Moffat und Mark Gatiss wirklich hervorragend gelungen, die Serie in die moderne Zeit zu transferieren. Sherlock ist ein Nerd, Watson ein Blogger – eigentlich undenkbar bei den literarischen Originalen, aber es funktioniert – und man hat vor allem nie das Gefühl, dass es je anders war.

Ob es sich bei Die Braut des Grauens nunmehr um eine Rückkehr zum historischen Original handelt, werde ich euch natürlich nicht verraten. Schaut selbst, lasst euch überraschen und vor allem: Get sherlocked!!!


Sherlock – The Abominable Bride
Produktionsland: UK
Regie: Douglas Mackinnon
Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat
Produktion: Sue Vertue
Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH, München

Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, München, www.polyband.de, die mir alle o.g. Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.