Kunst und Besessenheit

Elizabeth Macneal: The Doll Factory

Dieser Post ist laut DSGVO 2018 als unbeauftragte Werbung zu kennzeichnen.

Mit ihrem Debütroman The Doll Factory ist Elizabeth Macneal ein erstklassiger, sehr spannender viktorianischer Thriller im Dickensschen Stil gelungen, der mich gleich zu Beginn in seinen Bann gezogen und bis zum nervenaufreibenden Ende nicht mehr losgelassen hat. Äußerst realitätsnah erweckt die Autorin das London des Jahres 1850 mit all seinen Facetten wieder zum Leben: Düster, schmutzig, voller Armut, aber auch pulsierend und aufregend mit innovativen Künstlern wie der avantgardistischen Bruderschaft der Präraffaeliten, die alles daran setzte, um mit ihren Werken auf der Great Exhibition, der 1. Weltausstellung, vertreten zu sein.

Das Besondere des Buches liegt nicht nur in der ausgefallenen, soghaften Geschichte, sondern auch in der gelungenen Weise, wie die Autorin Elemente diverser Genres vereint: Ihre detailliert recherchierte Geschichte über Kunst und gefährliche Obsession ist historischer, psychologischer, Liebes- und Schauerroman in einem. Die bedrohliche Atmosphäre tut ihr Übriges dazu, um dem Leser kaum Zeit zum Luftholen zu lassen. Dies liegt primär an dem brillant gezeichneten und zum Fürchten realistischen Antagonisten, dessen psychopathische Persönlichkeit und Stalker-Naturell das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Ein falsches Leben

Die 21-jährige Iris arbeitet mit ihrer Zwillingsschwester Rose von früh bis spät in der schäbigen Puppenmanufaktur der herrischen Mrs. Salter. Ihre Arbeit ist mühsam, der Lohn reicht kaum zum Leben. In ihrem kargen Zimmer, das sie sich mit ihrer Schwester teilt, träumt sie davon, ihrer Leidenschaft, der Kunst, nachgehen zu können. Sie spart jeden Cent und besorgt sich heimlich Papier und Malutensilien, die sie im Keller versteckt. Dort zeichnet sie, wenn sie mal wieder nicht schlafen kann und sich gefangen und einsam fühlt. Immer stärker wird ihr Wunsch nach Unabhängigkeit, ihr Verlangen, auszubrechen und ihrer Bestimmung zu folgen. Doch wie soll sie das schaffen – ohne Geld und mit einer Schwester, die sie rücksichtslos vereinnahmt?

Eine inspirierende Begegnung

Iris‘ Lage scheint aussichtslos, doch dann lernt sie durch einen Zufall den Maler Louis Frost kennen, ein Mitglied der Bruderschaft der Präraffaeliten. Er erkennt ihr Talent und bietet ihr an, sie zu unterrichten, wenn sie ihm für ein Gemälde Modell steht. Iris lehnt zunächst empört ab, da sie schändliche Absichten hinter Frosts Angebot vermutet. Als sich die Situation mit Mrs. Salter und ihrer Schwester jedoch zuspitzt, nimmt sie allen Mut zusammen, bricht aus und nimmt Frosts Vorschlag an. Fortan ist sie in den Augen ihrer Familie persona non grata und wird auf die gleiche Stufe mit einer Prostituierten gestellt. Iris verletzt dies sehr, doch sie lässt sich nicht beirren und geht weiter ihren Weg, wie unsicher er auch sein mag. Jede ihrer Kunststunden ist für sie ein Erlebnis, und ihr Talent kommt Tag für Tag mehr zum Vorschein. Längst empfindet sie mehr als Bewunderung für Frost, der sich von dem willensstarken Freigeist ebenfalls sehr angezogen fühlt.

Ein unheimlicher Bewunderer

Als Iris am Rande der Londoner Weltausstellung gemeinsam mit Straßenkind Albie, das ihr sehr ans Herz gewachsen ist, auf Silas Reed, einen Sammler und Präparator von Tierkörpern trifft, überkommt sie sogleich ein ungutes Gefühl, dem sie jedoch keine weitere Beachtung schenkt. Angesichts ihrer aufkeimenden Liebe zu Louis hat sie die seltsame Begegnung schnell wieder vergessen. Silas hingegen ist hingerissen von Iris und malt sich in seiner bizarren Gedankenwelt eine romantische Beziehung zu ihr aus. Doch als alle seine manischen Versuche, Iris für sich zu gewinnen, fehlschlagen, schmiedet er einen teuflichen Plan, um sie für immer und ewig zu einem Teil seiner absonderlichen Welt zu machen…

Viktorianischer Thriller der Extraklasse

The Doll Factory ist ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art, denn die absorbierende Story und die singulären Protagonisten bleiben noch lange im Gedächtnis. Mit Hauptfigur Iris hat Macneal eine starke weibliche Heldin geschaffen, die vor dem Hintergrund des damaligen rigiden Rollenverständnisses ihren Platz in der patriarchalischen Gesellschaft und der ebenfalls männerdominierten Kunst sucht. Genauso gelungen ist der psychopathische Silas, der wesentlich dazu beiträgt, dass man als Leser auf jeder Seite mit dem Schlimmsten rechnet. Geschickt katapultiert uns die Autorin in seinen wirren Gefühls- und Gedankenkosmos, der einen mit Schaudern erfüllt.

Besonders ins Herz geschlossen habe ich Straßenkind Albie, das Macneal so wunderbar gezeichnet hat. Das Schicksal des kleinen Jungen berührt aufs Tiefste – nicht nur, weil er Iris, die ihn wie einen kleinen Bruder liebt, unbedingt vor dem „bösen Mann“ beschützen möchte, sondern weil es in seinem Leben neben Hunger und Armut so wenige Glücksmomente gibt und sein trauriges Los schon vorprogrammiert ist.

Mein Fazit: The Doll Factory zählt für mich zu den besten historischen Romanen/Thrillern des Jahres. Unbedingt lesenswert!!!

Elizabeth Macneal: Mit einem Roman zur Bestseller-Autorin

Elizabeth Macneal wurde 1988 in Edinburgh/Schottland geboren. Sie studierte Englische Literatur am Somerville College in Oxford und machte nach ihrem erfolgreichen Abschluss noch ihren MBA an der University of Rreast Anglia, wo sie u.a. von Schriftsteller-Legende Malcolm Bradbury unterrichtet wurde.

Mit ihrem Debütroman The Doll Factory gelang ihr ein absoluter Überraschungserfolg, denn er schaffte sofort den Sprung auf Platz 1 der britischen Bestsellerliste. Mittlerweile wurde er in 29 Sprachen übersetzt, die Filmrechte gingen an Buccaneer Media.

Darüber hinaus ist Macneal eine sehr erfolgreiche Töpferin, deren außergewöhnliche Produkte man in ihrem Onlineshop bewundern und zu zivilen Preisen kaufen kann.

Die schottische Autorin lebt und arbeitet in London.


Originalausgabe: Macneal, Elizabeth. The Doll Factory. London: Picador, 2018.
Deutsche Ausgabe: Macneal, Elizabeth. The Doll Factory. Aus dem Englischen von von Eva Bonné. Köln: Eichborn Verlag/Bastei Lübbe AG, 2020.
Buchcover:  © Eichborn Verlag/Bastei Lübbe AG
Bildnachweis: © Kaz (pixabay)

Hexenjagd

Kiran Millwood Hargrave: Vardø – Nach dem Sturm

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Nachdem der englische Schriftstellerin Kiran Millwood Hargrave mit ihren außergewöhnlichen Kinder- und Young Adult-Büchern bereits der Sprung auf die Bestsellerlisten gelang, hat sie nun mit Vardø – Nach dem Sturm ihren ersten Roman in der Erwachsenen-Belletristik veröffentlicht, der von den Kritikern der renommiertesten Zeitungen hervorragend rezensiert wurde. Dieser Meinung kann ich mich nur vollumfänglich anschließen, denn die bewegende Story, eine Mischung aus Facts & Fiction, ist meisterhaft geschrieben und fesselnd bis zum hochdramatischen Ende. Was also macht die Geschichte so aufwühlend, dass man sich nur schwer von ihr lösen kann und auch nach Lektüre noch darüber nachdenkt?

Zum einen ist es sicherlich die düstere Epoche des 17. Jahrhunderts, als Hexenjagden an der Tagesordnung waren. Hier rückten insbesondere kräuterkundige, pragmatische Frauen in den Fokus, deren magische Kräfte das Patriarchat, d.h. Politik und Kirche, fürchtete und ihnen deshalb als Teufelsanbeterinnen den Prozess machte. Zum anderen sind es die Protagonistinnen des Romans, Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, die – nach einer schlimmen Tragödie – der Wunsch nach Unabhängigkeit und einem selbstbestimmten Leben eint. Doch dies kommt in der damaligen Zeit einer Verfehlung gegen Gott gleich, die nicht ungesühnt bleiben darf. Die Einzelschicksale der mutigen Frauen gehen zu Herzen, denn die Autorin macht ihr Leid und ihre Verzweiflung so intensiv spürbar, dass es den Lesern den Atem nimmt.

Eine schreckliche Katastrophe

Als 1617 ein schrecklicher Sturm über die entlegene norwegische Insel Vardø hereinbricht, kommen 40 Fischer ums Leben. Eine Tragödie für die zurückgebliebenen Frauen, die ihre Ehemänner und Brüder bei dem fürchterlichen Unglück verloren haben und nun völlig auf sich allein gestellt sind. Zu ihnen zählt auch Maren, die mit ihrer Mutter und ihrer schwangeren Schwägerin Diina vor den Scherben ihrer Existenz steht. Es herrscht völlige Lethargie, die sich nach Bergung der vielen Leichen in maßlose Trauer verwandelt. Man sucht Trost in der Kirche, denn niemand weiß, wie es weitergehen soll, jetzt wo die Ernährer der Familien tot sind.

Zurück ins Leben

Nach anfänglicher Schockstarre versuchen die Frauen, sich so gut es geht zu organisieren. Hier ist es insbesondere Kirsten, die viele mit ihrer Tatkraft und Stärke mitreißt. Sie hält nicht nur ihren Haushalt stoisch aufrecht, sondern hat von ihrem Mann auch sehr viele Dinge übers Schlachten und den Fischfang gelernt. Kirsten versucht, den Frauen klarzumachen, dass es wichtig ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Maren und einige andere schließen sich ihr an und wagen es sogar, mit den Booten ihrer Männer auf Fischfang zu gehen, von dem sie mit stolzer Beute zurückkehren. Doch ihr wachsender Erfolg stößt nicht bei allen auf Akzeptanz: Inbesondere den Kirchendamen unter Anführerin Toril ist dieses Verhalten ein Dorn im Auge, da es ihres Erachtens gegen die von Gott angedachte Stellung der Frau verstößt. Kirsten und die anderen lassen sich jedoch nicht beirren und freuen sich über jeden Fortschritt, den sie gemeinsam erzielen.

Das Ende der Freiheit

Aber ihre Freiheit währt nicht lange. Absalom Cornet, Gesandter des Lensmannes Cunningham und schottischer Hexenjäger, soll die natürliche Ordnung auf Vardø wieder herstellen und „das Weibervolk, das sich selbst überlassen wurde“1 zur Raison rufen. Begleitet wird er dabei von Gattin Ursa, die mit ihm auf Wunsch ihres Vaters zwangsverheiratet wurde. Cornet verliert keine Zeit und beginnt unverzüglich mit seinem gnadenlosen Feldzug gegen die nicht-konformen Frauen: Wer nicht in die Kirche geht, ist verdächtig. Wer, wie Marens Schwägerin Diina, eine Lappin ist und andere Gebräuche und Sitten hat, steht ganz oben auf seiner schwarzen Liste. Aber weder Diina noch Kirsten, die aufgrund ihrer Eigenständigkeit ebenfalls in Cornets Visier gerät, lassen sich etwas sagen.

Die scheue Maren freundet sich unterdessen mit Ursa an und hilft ihr, ihren Haushalt auf der kargen Insel zu bewältigen. Sie nimmt sie mit zu den regelmäßigen Frauentreffen, wo sie von den Einheimischen misstrauisch beäugt wird. Maren erkennt schnell, wie sehr sich Ursa vor ihrem Mann fürchtet, doch sie hält sich zurück, weil Cornet ihr ebenfalls Angst einjagt. Maren und Ursa werden unzertrennlich und verbringen mehr und mehr Zeit miteinander – sehr zum Unverständnis und Mißfallen einiger Inselbewohnerinnen.

Tödlicher Abgesang

Als eine Frau von Cornet schließlich wegen Hexerei verhaftet wird, gerät die Inselgemeinschaft in Aufruhr. Dies trifft jedoch nicht auf Toril und die restlichen Kirchdamen zu, die mit großer Genugtuung zusehen, wie die in ihren Augen schändliche Hexe ihrer gerechten Strafe zugeführt wird. Entsetzen und Panik machen sich breit, und jeder beobachtet jeden: Denunzieren heißt das Zauberwort, um bloß nicht selbst an den Pranger gestellt zu werden. Ursa versucht mit allen Mitteln, Maren zu schützen, die wiederum große Angst um Kirsten und Diinna hat. Als Kirsten verhaftet wird, weiß Maren, dass es nur einen Ausweg geben kann, um dieser Hölle zu entkommen – auch wenn sie dafür den höchsten Preis zahlen muss…

Großartiger, sehr dramatischer Roman mit starken Protagonistinnen

Mit Vardø – Nach dem Sturm ist Kiran Millwood Hargrave ein großartiger Roman gelungen, der bis zum schockierenden Ende in Atem hält. Die Autorin versteht es perfekt, die düstere Atmosphäre der Epoche zu reproduzieren und die sich langsam aufbauende Angststimmung auf den Leser zu übertragen. Mit einer klaren, eindrucksvollen Sprache versetzt sie uns in eine Zeit zurück, in der alleinstehende Frauen keinen Wert hatten und ihnen jedes Recht auf Selbstständigkeit abgesprochen wurde. Die Hexenjagd als Ausdruck der Dominanz der Männer über Frauen verbarg auch, so macht es Millwood Hargrave zwischen den Zeilen deutlich, eine tiefsitzende Angst vor Machtverlust und insbesondere vor der weiblichen Stärke, die man als Bedrohung empfand und sie daher als teuflisch verschmähte.

Der Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht, ist aber ebenso eine Allegorie auf den Mut, den Überlebenswillen und die Anpassungsfähigkeit von Frauen, die jeden Tag aufs Neue – oftmals leise und unbeachtet – ihren ganz eigenen existentiellen Kampf kämpfen und nicht aufgeben – wie groß die Widrigkeiten auch immer sein mögen. Millwood Hargrave verdeutlicht dies auf singuläre Weise – ein essentieller Aspekt, der ihr einzigartiges Buch noch bemerkenswerter macht.

Mein Fazit: Für mich einer der besten Romane des Jahres. Sehr lesenswert!

Kiran Millwood Hargrave: Englische Schriftstellerin, Lyrikerin und Dramatikerin

Kiran Millwood Hargrave wurde 1990 in Surrey geboren. Bereits auf der Universität schrieb sie Lyrik und verfasste drei Gedichtbände und ein Theaterstück, bevor sie sich der Fiktion (Genre: Kinderbücher) zuwandte. Gleich mit ihrem Erstlingswerk The Girl of Ink & Stars gelang ihr ein Beststeller, der mit dem Waterstones Children’s Book Prize 2017 und dem British Book Award als Kinderbuch des Jahres ausgezeichnet wurde. 

Ihr zweiter Roman, The Island at the End of Everything, schaffte es auf die Short List des Blue Peter Book Awards und des Costa Children’s Book Awards. Ihr darauffolgendes Werk The Way Past Winter, wurde zum Blackwell’s Children’s Book of the Year 2018 gewählt. 2019 erschien ihr erster Young Adult Roman mit dem Titel The Deathless Girls, der von den Lesern ebenfalls sehr gut angenommen wurde. Das hier vorgestellte Vardø – Nach dem Sturm ist ihr erster Erwachsenenroman, der u.a. von den Kritikern der Times, The Guardian, The Telegraph und der New York Times exzellente Besprechungen erhielt.

Kiran Millwood Hargrave lebt mit ihrem Mann, dem Künstler Tom de Freston, und Katze Luna in Oxford.

(Quelle: Verlagsinformationen und Website von Kiran Millwood Hargrave)


Originalausgabe: Millwood Hargrave, Kiran. The Mercies. London: Picador, 2020.
Deutsche Ausgabe: Millwood Hargrave, Kiran. Vardo – Nach dem Sturm. Aus dem Englischen von Carola Fischer. München: Diana Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2020.
Buchcover:  © Diana Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH
Bildnachweis: © Free-Photos (pixabay)
Zitat: S. 45 des Romans

Selbstverleugnung

James Baldwin: Giovannis Zimmer

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James Baldwin war eine der bedeutendsten Stimmen für ein offenes, tolerantes Amerika und kämpfte Zeit seines Lebens – u.a. gemeinsam mit der Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren – gegen Rassismus und Diskrimierung. Doch er ließ sich nicht in eine Schublade pressen und schon gar nicht vor einen Karren spannen: Er wollte weder eine Leitfigur der erniedrigten Schwarzen noch der entwürdigten Homosexuellen sein. In Raoul Pecks brillantem Dokumentarfilm über den Autor mit dem bezeichnenden Titel I Am Not Your Negro wird deutlich, dass Baldwin sich stets für Individualismus und ein selbstbestimmtes Leben einsetzte. Und so zentrieren sich denn auch seine Romane nicht ausschließlich um Ausgrenzung, Stigmatisierung und gleichgeschlechtliche Liebe, sondern thematisieren in erster Linie existentielle Dilemmata, die einen Menschen in seinen Grundfesten erschüttern und oftmals in einer Tragödie enden.

Dies gilt auch für einen seiner berühmtesten Romane Giovannis Zimmer, mit dem Baldwin sein Renommee als Schriftsteller manifestierte, obwohl er von der tragischen Liebe zweier Männer handelt – ein Skandal und Tabubruch in der damaligen Zeit, denn der Autor erzählt in aller Offenheit von Leidenschaft, Lust und sexueller Obsession in einer Gesellschaft, in der Prüderie zum Lebensalltag gehörte und jede Form des Andersseins als krankhaft betrachtet wurde. Selbstverleugnung und Selbsthass waren die Folgen, die nicht selten in einen Identitätskonflikt und Sinnverlust mündeten. Schonungslos zeigt Baldwin auf, wie eine solch bigotte Gesellschaft ein Individuum zerstören kann, wie sie ihm jegliche Würde und Selbstachtung nimmt, bis am Ende nichts mehr übrig ist, außer dem Ekel vor der eigenen Persönlichkeit.

„Ich vermute, einer der Gründe, warum Menschen so hartnäckig an ihrem Hass festhalten, ist, weil sie spüren: Wenn der Hass einmal verschwunden ist, werden sie gezwungen sein, sich mit Schmerz zu beschäftigen.“ – so versuchte Baldwin, die verabscheuungswürdigen Auswüchse einer rigiden, menschenfeindlichen Gesellschaft zu erklären. Zum damaligen Zeitpunkt konnte er nicht ahnen, wie wahrhaftig sein Statement gerade in der heutigen Zeit noch sein würde…

Schicksalhafte Begegnung

Der junge Amerikaner David hat seiner Heimat den Rücken gekehrt, um in Paris einen Neuanfang zu wagen. Nach dem Tod seiner Mutter war das Zusammenleben mit seinem trinkfreudigen Vater und seiner engstirnigen Tante so unerträglich für ihn, dass er sein altes Leben nur noch hinter sich lassen wollte. Eine sexuelle Erfahrung mit einem Jungen warf ihn dann völlig aus der Bahn, so dass er – völlig schockiert über sich selbst – die Flucht in die französische Hauptstadt antrat.

Doch auch dort gestaltet sich das Leben alles andere als einfach. Das Geld, das ihm sein Vater gegeben hatte, reicht vorn und hinten nicht, und so wendet sich David an seinen homosexuellen Bekannten Jacques, um sich etwas zu leihen. Als sich die beiden in Guillaumes Gay Bar auf einen Drink treffen, lernen sie den attraktiven neuen Barmann Giovanni kennen. Der ältere Jacques ist sofort Feuer und Flamme, doch David geht zunächst auf Distanz. Giovanni lässt jedoch nicht locker und buhlt um Davids Gunst. Er gibt nicht auf und zeigt sich sogar ungerührt, als David ihm von seiner Verlobten Hella erzählt, die in Spanien verweilt. Schließlich freunden sich beide an und beginnen eine stürmische Affäre, die David nur noch mehr verstört.

Zerstörerische Leidenschaft

Während Giovanni ganz in der Beziehung aufgeht und versucht, das Zusammenleben der beiden in seinem kleinen schäbigen Zimmer so normal es zur damaligen Zeit eben geht zu gestalten, hadert David mit der Beziehung. Er kann sich nicht einbringen und verleugnet sein wahres Ich, indem er sich einredet, dass alles anders wird, sobald Hella wieder zurückgekehrt ist. Giovanni bemerkt Davids Reserviertheit und Kälte und wirft ihm wütend vor, nicht lieben zu können. Dies trifft David ins Mark, aber trotz alledem bringt er es nicht über sich, zu seinen Gefühlen zu stehen. Im Gegenteil: Davids anfängliche Zuneigung schlägt in Verachtung um, bis er schließlich kaum noch Zeit mit Giovanni verbringt, der sehr darunter leidet.

Schreckliche Tragödie

Als Hella aus Spanien zurückkehrt, glaubt David, dass alles wieder so wird wie vorher. Aber er bemerkt schnell, wie sehr er sich getäuscht hat. Auch zu ihr kann er keine wirkliche Beziehung aufbauen, er ist hin- und hergerissen zwischen einem konventionellen Leben mit Ehefrau und Kindern, das ihn an Hellas Seite erwarten würde, und seinen leidenschaftlichen Gefühlen für Giovanni. Hella erkennt, wie sehr sich David verändert hat und ist irritiert, als David ihr Giovanni als „einen Freund“ vorstellt, denn sie spürt, dass zwischen den beiden etwas Ungreifbares schwebt.

Als David den Wirrwarr in seinem Kopf nicht mehr ertragen kann, flüchtet er sich in eine Affäre mit einem Unbekannten und setzt damit eine tragische Abwärtsspirale in Gang, die den Menschen, der ihm am meisten bedeutet, in den Abgrund reisst…

Tragische Liebesgeschichte mit existentiellem Hintergrund

Giovannis Zimmer ist nicht nur eine berührende tragische Liebesgeschichte, sondern beschreibt auch das existentielle und moralische Dilemma von David, ein zutiefst zerrissener Mensch, der sich nicht zu dem bekennen kann, was er ist. Zum einen, weil er seine verworrenen Gefühle nicht einordnen kann – zum anderen, weil es in seinen Augen keinen Platz für ihn in einer Welt voller festgefahrener Rollenbilder zu geben scheint. Er bleibt ein Außenseiter, der nirgendwo Fuß fasst, ein Outcast, dessen ständige Begleiter Scham, Schuldgefühle und Reue sind, weil er dem Männerbild der damaligen Zeit nicht entspricht.

Und so bleibt ihm nicht anderes als Distanz zu den Menschen zu halten und mit lieblosen Affären seiner Einsamkeit zu entfliehen. Nachdem seine Beziehung mit Giovanni in einer Katastrophe geendet hat, macht er sich große Vorwürfe, aber ihm ist auch bewusst, dass er sich niemals aus seinem inneren Gefängnis befreien kann. Eine traurige Einsicht, die ihn am Ende weiterziehen lässt, wohl wissend, dass er ein weiteres Mal die Flucht ergreift – nicht nur vor den schrecklichen Erinnerungen, sondern in erster Linie vor sich selbst.

James Baldwin: Bedeutender US-Schriftsteller, Dramatiker, Essayist und Poet

James Baldwin wurde 1924 in Harlem/New York geboren. Seine Mutter trennte sich von seinem biologischen drogensüchtigen Vater und heiratete den Baptistenprediger David Baldwin. Die Familie war arm, lebte im Ghetto, und James geriet ständig mit seinem strengen, von religiösem Fanatismus geprägten Stiefvater aneinander, der ihn schlecht behandelte. Um jegliches Konfliktpotential zu vermeiden, verbrachte er den größten Teil seiner Zeit allein in der Bibliothek. Schon früh entdeckte Baldwin seine Leidenschaft fürs Schreiben und verfasste im Alter von nur 13 Jahren den Artikel „Harlem – Then and Now“, der prompt in der Schulzeitung veröffentlicht wurde.

Um die Spannungen zwischen ihm und seinem Stiefvater zu mildern, war Baldwin bis zu seinem 17. Lebensjahr als Nachwuchsprediger in der gleichen Gemeinde tätig, nur um sich danach desillusioniert vom Christentum abzuwenden, das in seinen fatalistischen Auswüchsen ebenfalls Diskriminierung proklamierte. Und davon hatte er mehr als genug, denn bereits in seiner Jugend machte Baldwin existentielle Erfahrungen mit Rassismus, der ihm aufgrund seiner Hautfarbe unverhohlen entgegenschlug.

Nachdem er die Schule in der Bronx erfolgreich abgeschlossen hatte und dort erste Schreib-Erfahrungen mit der Herausgabe einer Schülerzeitung sammeln konnte, verließ er zunächst seine Familie, um Autor zu werden, kehrte aber nach dem Tod seines Stiefvaters zurück. Dank seines schriftstellerischen Mentors Richard Wright erhielt er schließlich ein Stipendium. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus, und auch sein Verhältnis zu Wright wurde bald durch dessen puritanischen Ansichten getrübt, die Baldwin nicht akzeptieren konnte.

Baldwin verließ die USA und zog nach Paris. Aber auch hier kam er nicht zu Ruhe und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Nach seiner Rückkehr in die USA schrieb er 1953 seinen ersten Roman Go tell it on the mountain, mit dem ihm endlich der langersehnte schriftstellerische Durchbruch gelang. Sein zweites Werk, Giovannis Zimmer, das 1956 erschien, sorgte für einen Eklat, denn niemand hatte sich zuvor derart offen mit dem Thema Homosexualität auseinandergesetzt. Und so wurde es zunächst in England veröffentlicht, weil Baldwins amerikanische Verleger den Roman aus Angst vor der öffentlichen  Reaktion ablehnten.

Für Baldwin ging es karrieremäßig weiter bergauf. Er engagierte sich für die Bürgerrechtsbewegung, verließ aber angesichts des Attentats auf Martin Luther King sein Land erneut, um ins Exil nach Frankreich zu gehen – dieses Mal kehrte er nicht zurück. Der glorreiche amerikanische Traum, Leitbild so vieler Amerikaner, hatte für ihn seinen Glanz und vor allem seine Realisierbarkeit verloren. Baldwins letzter Roman Just above my head erschien 1981. Er starb am 1. Dezember 1987 in Saint-Paul-de-Vence, Provence-Alpes-Côte d’Azur, an Krebs.


Originalausgabe: Baldwin, James. Giovanni’s Room. New York: Dial Press, 1956.
Deutsche Ausgabe: Baldwin, James. Giovannis Zimmer. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2020.
Buchcover:  © dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
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