Meine Lesehistorie:
10 Fragen zu 10 Büchern

bild3Auf einem meiner Lieblingsblogs, Kaffeehaussitzer (www.kaffeehaussitzer.de), bin ich auf die nachfolgende außergewöhnliche Fragenliste gestoßen, die von Sätze & Schätze (www.saetzeundschaetze.com) bereits im letzten Jahr zusammengestellt wurde. Da diese Frageaktion sehr erfolgreich war, haben Sätze & Schätze sie 2016 reaktiviert. Und da bin ich natürlich dabei, denn ich beantworte Fragen zu Büchern immer gerne – und recht schnell, doch hier bin ich ziemlich ins Grübeln geraten. Obwohl die Fragen auf den ersten Blick ziemlich einfach anmuten, sind sie alles andere als das, denn sie betreffen spezielle Bücher, die ein wichtiger Teil meines Lebens waren bzw. immer noch sind. Diese ganz besondere Auswahl zu treffen, ist mir schwergefallen, insbesondere da ich bei jeder Frage nur ein Buch nennen durfte. Aber nachdem ich meine Lesehistorie nochmals intensiv reflektiert habe, war ich überrascht, welche Schätze ans Licht kamen.

1. Das erste Buch, das ich bewusst gelesen habe

Das war gleich eine ganze Buchreihe: Professors Zwillinge von Else Ury. Ich habe jeden einzelnen der fünf Bände geliebt: Bubi und MädiIn der WaldschuleIn ItalienIm Sternenhaus und Von der Schulbank ins Leben. Mein Lieblingsroman war In Italien: Ich war von Urys pfiffigen Zwillingen, der wunderbaren Geschichte und vor allem von Italien, das mir so exotisch und lebendig erschien, so begeistert, dass ich gleich meine Koffer packen und nach Italien reisen wollte (ich war allerdings noch zu klein und musste mich daher dann leider noch etwas gedulden :-)). Es freut mich im Übrigen ganz besonders, dass alle fünf Romane als Sammelband wieder im Handel erhältlich sind, denn Urys Bücher sind auch ein Lesegenuss für die heutigen Kids.

2. Das Buch, das meine Jugend begleitete

Bei dieser Frage musste ich nicht lange überlegen. Es war definitiv Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas. Diesen Abenteuerroman habe ich verschlungen und auch heute noch zählt er für mich zu den großartigsten Klassikern, die je geschrieben wurden. Die tragische Geschichte des französischen Seemanns Edmond Dantes, der durch eine teuflische Intrige 14 Jahre unter unmenschlichen Bedingungen im Kerker von Châteu d’If verbrachte und nach seiner Flucht als vermögender, mysteriöser Graf von Monte Christo zurückkehrt, um Rache zu nehmen, ist eine Erzählung der Superlative. Liebe, Moral, Verrat und Vergeltung sind die Themen, die diesen Roman dominieren. Aber Dumas stellt auch existentielle Fragen: Was bleibt uns am Ende, wenn unser Leben allein von Rache bestimmt war? Kann Liebe diese Manie durchbrechen? Genau dieser Aspekt ist es auch, den ich an Dumas‘ Romanen (Die drei Musketiere, Die Bartholomäusnacht, Die schwarze Tulpe u.v.m.) so sehr mag. Im Übrigen habe ich auch viele Verfilmungen des Klassikers gesehen: Unübertroffen ist für mich bis heute Richard Chamberlain in der Titelrolle, da er meines Erachtens alle Facetten dieses vielschichtigen Protagonisten zutage bringt.

3. Das Buch, das mich zur Leserin machte

Das war Jane Eyre von Charlotte Brontë. Dieser viktorianische Roman, den ich zufällig in unserer Stadtbibliothek entdeckte, hat mich begeistert. Ich war berührt und gefesselt zugleich vom tragischen Lebensweg der klugen, zurückhaltenden und unbeugsamen Waise Jane Eyre, die nach dem Tod ihrer Eltern zunächst von ihrer Tante schikaniert und dann schließlich auf dem Internat Lowood die Demütigungen des sklavischen Schulleiters erdulden muss, bis man ihr schließlich eine Position als Lehrerin gewährt. Doch Jane ist rastlos, gibt ein Inserat auf und nimmt schließlich eine Stelle als Gouvernante auf Thornfield Hall, dem düsteren Landsitz von Edward Rochester, an. Arrogant, zynisch und verbittert – Janes erster Eindruck von ihrem neuen Arbeitgeber lässt sie nichts Gutes erwarten, aber trotz alledem verliebt sie sich in ihn. Doch Rochester und Thornfield Hall bergen ein schreckliches Geheimnis, das Jane zwingt, alles aufzugeben, was ihr etwas bedeutet…

Herzbewegend, romantisch und schauerlich – eine perfekte Mischung für meinen Geschmack. Die britische Autorin Charlotte Brontë, die den Roman 1847 zunächst unter ihrem männlichen Pseudonym Currer Bell veröffentlichte, zählt zu den bedeutendsten literarischen Vorreiterinnen für weibliche Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Ihre unkonventionelle Protagonistin Jane Eyre, die ihrer Zeit trotzt und für ihr Recht auf Eigenständigkeit kämpft, war in der damaligen Zeit eine kleine Sensation. Auch Janes männliches Pendant, Edward Rochester, ist ein unabhängiger Geist, der sich wenig um die rigiden gesellschaftlichen Regeln der damaligen Zeit schert und in seiner Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit der typische Byron’sche Held ist.

Dieser Klassiker ist einer meine All-Time Favourites, die ich von Zeit zu Zeit immer mal wieder gerne lese.

4. Das Buch, das ich am häufigsten gelesen habe

Owen Meany von John Irving. Dies liegt aber nicht nur daran, dass ich meine Staatsexamensarbeit über diesen großartigen amerikanischen Schriftsteller geschrieben habe. Auf Irving und seine Werke bin ich in einem Hauptseminar über zeitgenössische amerikanische Autoren gestoßen. Gottes Werk und Teufels Beitrag und Owen Meany standen auf dem Leseplan. Ich fand beide Werke brillant, doch Owen Meany hat mich von der ersten Seite an gepackt, der Roman hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht wie kein anderes Buch zuvor. Was also macht diese Geschichte so einzigartig? Es ist nicht nur die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Protagonisten, die berührt: John Wheelwright, Mayflower-Spross und unehelicher Sohn einer exzentrischen Mutter, und Owen Meany, der liebenswerte Kleinwüchsige mit der hohen Stimme, der nicht nur aufgrund seiner Initialen sehr an Oskar Mazerath aus Grass‘ Die Blechtrommel erinnert. Die enge Bindung der beiden hat sogar dann noch Bestand, als Johns Mutter durch einen tragisch-verunglückten Baseballwurf von Owen ums Leben kommt. Der oftmals altkluge und weise Owen ist es, der dem vaterlosen John die Augen für viele Dinge öffnet und für ihn der wichtigste Mensch in seinem Leben wird.

Irvings Roman ist darüber hinaus ein schonungsloses Porträt des mythisch-verklärten Selbstverständnisses der Amerikaner, das sie zu einer leichten Beute für berechnende Politiker macht, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Der Autor setzt hier zunächst in den 60er Jahren an: Als der faszinierend-mitreißende John F. Kennedy eine Wiederbelebung des unter Nixon lethargisch gewordenen Amerikas und einen glorreichen Neuanfang verspricht, jubeln ihm alle zu. Auch John und Owen sind da keine Ausnahme. Erste moralische Risse bekommt das Bild des heldenhaften Strahlepolitikers, als beide von der angeblichen Affäre JFKs mit Schauspielikone Marilyn Monroe erfahren, die später auf tragische Weise ums Leben kommt. Auch der in den Fokus rückende Krieg in Vietnam tut sein Übriges dazu. Für Owen ist Marilyn die Verkörperung Amerikas: Geblendet durch den äußeren Schein eines immerwährenden Jugendideals und die magnetisierende Anziehungskraft eines kalkulierendes Machtapparates, scheitert sie schließlich an der Realität, die sie zerstört.

Auch in den 80er Jahren ist keine Einsicht und Reflektion zu erkennen. Mit Ronald Reagan hat man einen Präsidenten gewählt, der das Cowboy-Ethos wiederbelebt und die kritikresistente „My-country-right-or-wrong“-Maxime reaktiviert. John Wheelwright, mittlerweile Literaturdozent, bleibt nur noch eine Option: Das kanadische Exil. Doch auch dort gelingt es ihm nicht, sein Land abzuschütteln – das Dilemma, Amerikaner zu sein, wird sich für ihn nie auflösen…

Owen Meany ist ein wunderbarer, witziger, trauriger und tiefgreifender Roman, der gerade in der heutigen Zeit erschreckend aktuell ist.

5. Das Buch, das mir am wichtigsten ist

Das ist mit Abstand Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald. Mit seinem Protagonisten Jay Gatsby ist Fitzgerald eine einzigartige Romanfigur gelungen, die auf den ersten Blick die Verkörperung des American Dream zu sein scheint. Jung, gut aussehend und erfolgreich hat sich Gatsby, der Junge aus ärmlichen Verhältnissen mit zweifelhafter Herkunft, einfach neu erfunden. Aber trotz seines unermesslichen Reichtums ist die innere Leere geblieben wie auch die Hoffnung auf Liebe, die er mit Daisy zu finden glaubt. Doch die Frau seiner Träume ist oberflächlich und wählt ihre Männer nach Reichtum und gesellschaftlichem Standing aus. Ein trauriges Fazit, dass er bis zum Ende nicht ziehen will, sondern sich lieber an die Traumvorstellung klammert, die er von Daisy hat. Dies markiert für Gatsby den Anfang vom Ende, denn wie der einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierende amerikanische Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde, so scheitert auch Gatsby letztlich an seiner verklärten Sicht eines Traums von Liebe, den die Wirklichkeit längst eingeholt hat.

Fitzgeralds einzigartiger Sinn für Sprache, sein außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie Fitzgerald. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Sinnleere härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

6. Das Buch, vor dem ich riesigen Respekt habe

Hamlet von William Shakespeare, denn meines Erachtens ist es das vielschichtigste der gesamten Shakespeare-Dramen. Wir haben es in der Schule und an der Uni gelesen, und jedes Mal nach Lektüre habe ich einen neuen Aspekt entdeckt, den ich vorher nicht wahrgenommen hatte. So geht es mir heute noch: Wenn ich z. B. eine weitere Verfilmung des Klassikers sehe, lese ich das Drama erneut und finde mit Sicherheit wieder eine neue Facette.

Die Tragödie um den Dänenprinz Hamlet, der den Mord an seinem Vater um jeden Preis rächen will, dabei über Leichen geht und sogar die Liebe seines Lebens zerstört, ist für mich neben Macbeth das Meisterwerk des englischen Barden. Hamlets ambige Beziehung zu seiner geliebt-gehassten Mutter, seine Verachtung gegenüber seinem Stiefvater und seine große Liebe zu Ophelia, die er seiner Rache opfert, sind nur einige Themensäulen dieses komplexen Dramas. Unter der Oberfläche gewährt uns Shakespeare aufschlussreiche Einblicke in das existentielle Dilemma eines Menschen, der an einem Wendepunkt seines Lebens angekommen ist und sich selbst verliert. Eine Tragödie derart tiefgreifend zu konzipieren, ist schon eine immense literarische Leistung Shakespeares, der ich allergrößten Respekt entgegenbringe. Hinzu kommt, dass seine Werke auch nach über 400 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren haben, denn seine Einschätzung der menschlichen Natur hat nach wie vor Bestand.

7. Das Buch, das meiner Meinung nach am meisten überschätzt wird

Das ist zweifellos Fifty Shades of Grey von E. L. James. Der Erfolg dieses völlig unspektakulären Romans ist mir absolut unverständlich. Die Protagonisten sind personifizierte Klischees, und die Geschichte ist alles andere als aufregend. Es ist mir daher völlig unerklärlich, warum man um diesen Roman einen solchen Hype veranstaltet hat. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, hat man ihn auch noch zum erotischen Roman stilisiert. Nur gut, dass Anaïs Nin und Henry Miller das nicht mehr mit erleben müssen.

8. Das Buch, das ich unbedingt noch lesen will

Death of the Black-Haired Girl, der letzte Roman des einzigartigen amerikanischen Schriftstellers Robert Stone, der leider 2013 verstorben ist. Ich habe alle seine Romane und Kurzgeschichten gelesen, sie begleiteten mich durch mein Studium. Sie haben mich schockiert, aufgerüttelt, entsetzt und mich aus der typisch amerikanischen „Alles-wird-gut“ Komfortzone herausgerissen. Stones Sicht der Conditio Humana ist nur schwer verdaulich, aber niemals ohne Hoffnung. Gerade deshalb ist die Lektüre seiner Romane wie Children of Light (Kinder des Lichts) Dog Soldiers (Unter Teufeln), Outerbridge Reach, A Flag for Sunrise, Damascus Gate (Das Jerusalem-Syndrom) u.v.m. für mich eine absolute Notwendigkeit.

Stone ist kein penetranter Mahner, sondern eher ein stiller Beobachter und leiser Erzähler, der uns den Verlust der Menschlichkeit und den kontinuierlichen Werteverfall in unserer Gesellschaft schonungslos darlegt. Manchmal ist es mehr, als wir ertragen können – und doch lesen wir weiter. Vielleicht weil wir auf den kleinen Hoffnungsschimmer warten, nach dem selbst die dunkelste Seele seiner Protagonisten unablässig sucht.

9. Das Buch, das mir am meisten Angst macht

Eigentlich machen mir Bücher keine Angst. Bei Meerjungfrau von Camilla Läckberg ist das allerdings anders. Ich hatte das Buch vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen und vorher noch nie einen Roman der schwedischen Schriftstellerin gelesen. Es ist ein hochspannender Thriller bis zur letzten Seite – das allein kann mich nicht erschüttern, denn ich bin psychothrillererprobt. Allerdings hat es Läckbergs Erzählstil der zwei Handlungsstränge in sich: Im ersten entfaltet sich die aktuelle Handlung, der zweite (in kursiver Schrift) erzählt die Geschichte und den Hintergrund des Mörders und lässt den Leser in seine komplexe Psyche eintauchen.

Und genau dieser zweite Handlungsstrang hat mir wirklich Angst gemacht. Das Schicksal der Meerjungfrau und ihrer Familie ist sehr verstörend – ich konnte teilweise gar nicht fassen, was ich da lese. Die Monstruösität und Kaltblütigkeit der Menschen, die Läckberg hier in ihrer ganzen Dimension darlegt, sind wahrhaft furchterregend. Das ist das erste Buch, nach dessen Lektüre ich nicht schlafen konnte. Es hat mich allerdings nicht davon abgehalten, nach und nach alle anderen Romane von Camilla Läckberg zu lesen und ich muss sagen, dass sie mich in ihrer ganzen Diversität sehr beeindruckt haben. Für mich zählt Läckberg mittlerweile zu den besten zeitgenössischen Psychothriller-Autorinnen.

10. Das Buch, das ich gern selbst geschrieben hätte

Es gibt viele Romane, die ich gerne geschrieben hätte. Entschieden habe ich mich für Die weite Sargassosee von Jean Rhys. Dieser Klassiker hat meine Sicht auf einen meiner Lieblingsromane des Viktorianismus – Jane Eyre von Charlotte Brontë (siehe Frage 3) – grundlegend verändert, denn bis dato zählte der düstere Protagonist mit der romantischen Seele, Edward Rochester, in den Jane Eyre sich hoffnungslos verliebt, zu meinem favorisierten Byron’schen Helden. Dass er seine wahnsinnige Frau Bertha auf dem Dachboden seines Herrenhauses Thornfield Hall vor aller Welt versteckt hält, um sie vor sich selbst zu beschützen, erscheint nur verständlich, denn Bertha wird von Brontë als völlig außer Kontrolle geratene, gewalttätige Frau beschrieben, die Rochester das Leben zur Hölle macht.

In Die weite Sargassosee gibt Jean Rhys Rochesters wahnsinniger Frau eine Stimme und erzählt ihre tragische Lebensgeschichte, die sowohl Bertha als auch Rochester in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Als ich den Roman das erste Mal las, war ich von Jean Rhys‘ literarischer Ausdruckskraft sehr angetan: Sie ist eine geniale Erzählerin, die diese Vorgeschichte von Jane Eyre so brillant konzipierte, dass man als Leser das Gefühl hat, die beiden Romane seien parallel zueinander entstanden, obwohl dies nicht der Fall ist (Jane Eyre wurde 1847 veröffentlicht, Wide Sargasso Sea 1966).

Warum ich diesen Roman gerne geschrieben hätte? Allein die Idee, eine Vorgeschichte zu Jane Eyre zu schreiben, finde ich schon außergewöhnlich. Wie Rhys dies dann letztendlich literarisch umgesetzt hat, ist beispielhaft und äußerst beneidenswert. Sie hat nicht nur ein großartiges Psychogramm einer freiheitsliebenden, unangepassten und sinnlichen Frau des 19. Jahrhunderts erstellt, sondern ebenso ein gelungenes Seelenporträt Rochesters skizziert, das ungewöhnliche Einblicke in die männliche Gedankenwelt der damaligen Zeit eröffnet und dieser tragischen Figur eine ganz andere Dimension gibt. Das muss dieser großartigen Autorin erst mal jemand nachmachen.

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Vielleicht habt ihr ja auch noch Lust, bei dieser Aktion mitzumachen? Traut euch und nennt die Bücher, die euch beeinflusst, beeindruckt und im Leben begleitet haben.


Bildnachweis: Shutterstock – © 3Dstock

Poesie zum 1. Advent

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Wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
Drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
Als ob er fromme Hirten brächte
Zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
Bestreut, erscheinen Flur und Flut,
Und in die Herzen, traumgemut,
Steigt ein kapellenloser Glaube,
Der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke


Quelle: www.rilke.de
Foto: © amillionpages.de

Kampf der Buchgenres

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Wenn auch krankheitsbedingt etwas verspätet, mache ich auch dieses Mal wieder gerne bei der wunderbaren Blogparade Kampf der Buchgenres mit, die Nicole von Smalltownadventure und Jana von Lifetime Hours ins Leben gerufen haben. Jeden Monat wird ein bestimmtes Buchgenre thematisiert – im Oktober/November sind es Kinderbücher, im November/Dezember Erotikromane und im Dezember/Januar Fremdsprachige Bücher.

Wie ihr an das Thema herangeht, bleibt euch überlassen. Ob ihr generell über das Genre schreibt oder eure Lieblingsbücher dieses speziellen Literaturbereichs vorstellt, könnt ihr selbst entscheiden. Immer am 15. eines Monats wird über das entsprechende Genre gebloggt, und ihr habt dann vier Wochen Zeit, um euren Beitrag zu veröffentlichen – natürlich mit Verlinkung zu Nicoles und Janas Blogs. Am 15. Januar 2017 ziehen die beiden Initiatorinnen dann ein Fazit und berichten u.a., welches Genre das beliebteste unter den Bloggern ist und welche genrespezifischen Bücher bzw. welche Autoren empfohlen wurden. Ich bin schon sehr gespannt auf die Auswertung.

Das Thema in diesem Monat ist, wie oben aufgeführt, Kinderbücher. Hier bin ich durch mein zauberhaftes Patenkind bestens im Bilde. Als sie noch klein war, hat sie es geliebt, wenn man ihr Geschichten vorlas. Als sie dann älter wurde und selbst lesen konnte, war ihr Zimmer immer voller Bücher und selbst gestalteter Bilder, denn Malen zählte ebenso zu ihren Hobbies. Auch heute als hipper Teenie liest sie noch sehr viel – wenn ich sie nach einem Wunsch zum Geburtstag o.ä. frage, ist immer ein Buch dabei. So bleibe ich also auch in diesem Bereich immer auf dem Laufenden. Im Rahmen der o.g. Blogparade habe ich drei Bücher ausgesucht, die ich euch wärmstens empfehlen möchte: 1. Märchen von Hans Christian Andersen, eine außergewöhnlich schöne Sammlung, die mein Lieblingsmärchen Die kleine Meerjungfrau enthält, 2. die Rita & Kroko Bilderbücher von Siri Melchior und  3. Wilde Prinzessinnen: Vorlesegeschichten von Antonia Michaelis.

© Esslinger Verlag

Märchen von Hans Christian Andersen inkl. Die kleine Meerjungfrau

Die Märchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen scheinen die Zeit zu überdauern, denn nach wie vor berühren und bezaubern sie Jung und Alt. Seine wohl bekannteste Geschichte, Die kleine Meerjungfrau, habe ich schon als Kind geliebt, und auch heute noch zählt sie für mich zu den schönsten Märchen, die je geschrieben wurden – und das obwohl sie kein Happy End hat. Das bittersüße Thema Liebe ist so alt wie die Welt, die Fragen, die Andersen aufwirft, haben nichts von ihrer Aktualität und Gültigkeit verloren: Wie weit geht man aus Liebe, wie viel opfert man für den Menschen, den man liebt und in welchem Maße stellt man das Glück des Anderen über sein eigenes? All dies vermittelt uns Andersen mit seiner wunderbaren poetischen Sprache, die ihren ganz eigenen Zauber hat. Eine einzigartige Interpretation dieses Märchens hat übrigens der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann in seinem Buch Und gäbe dir eine Seele verfasst, die sehr lesenswert ist.

Die o.g. Märchensammlung von Hans Christian Andersen, die meines Erachtens ein kleines Buchjuwel ist, wurde vom renommierten Esslinger Verlag herausgegeben und zählt für mich zu den schönsten Märchenbüchern, die ich kenne. Dies liegt auch an den wunderbaren Illustrationen der bekannten russischen Künstlerin Anastassija Archipowa, die nicht nur Die kleine Meerjungfrau mit märchenhaften Bildern lebendig gemacht hat. Des Weiteren enthält die Sammlung die Märchen Der Schweinehirt, Die Prinzessin auf der Erbse, Die Schneekönigin, Der standhafte Zinnsoldat, Des Kaisers neue Kleider, Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen und Der Tannenbaum sowie ein sehr informatives Special über den Schriftsteller Hans Christian Andersen.

Mein Fazit: Ein sehr schön gestalteter Buchschatz – nicht nur für die Kleinen!

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© Beltz & Gelberg Verlag

Rita und Kroko von Siri Melchior

Diese originelle Bilderbuchreihe für Kinder ab 3, die im Beltz & Gelberg Verlag erschienen ist, finde ich ganz zauberhaft. Das niedliche Duo bestehend aus der forschen kleinen Rita und ihrem Freund Kroko, ein gutmütiges, tollpatschiges Krokodil, wurde von der dänischen Illustratorin Siri Melchior erdacht und ganz wunderbar in Szene gesetzt. Mittlerweile sind in dieser Reihe sechs Bilderbücher erschienen (leider nur zwei in deutscher Sprache – siehe Cover) und einige kurze Animationsfilme.

Hauptthema dieser lustigen Geschichten ist die ganz besondere Freundschaft zwischen Rita und Kroko. Die beherzte, flotte Rita, die dem sanftmütigen Kroko, der sie ganz toll findet, zeigen will, wie das Leben so läuft, lernt in diesen beiden munteren Episoden, dass nicht immer alles nach ihrer Nase geht und dass sie auch von dem zurückhaltenden Kroko eine Menge lernen kann.

So verirrt sich die kühne Rita zum Beispiel gleich im ersten Band beim Kastaniensammeln im Wald. Obwohl sie Kroko eingeschärft hat, nicht vom Weg abzuweichen, vergisst sie alles um sich herum, als sie die vielen Kastanien sieht und eine nach der anderen aufsammelt, bis sie nicht mehr weiß, wo sie ist. Doch der scheinbar orientierungslose Kroko hat so seine ganz eigene Methode, um Rita wiederzufinden…

Auch im zweiten Band gehen Rita und Kroko wieder auf Tour – dieses Mal zum Angeln. Da Kroko für sein Leben gerne isst und daher mal wieder nichts Essbares im Haus ist, beschließt Rita, mit Kroko ans Meer zu fahren. Dort will sie ihm zeigen, wie man Fische fängt. Doch während Rita keinen einzigen Fisch an die Angel bekommt, macht Kroko einen beträchtlichen Fang. Aber anstatt sich zu freuen, dass Kroko so erfolgreich war, ist Rita sauer, dass sie kein Glück hatte. Doch Ritas Wut über ihr Pech hält nicht lange an, denn sie kann dem fürsorglichen Kroko nie lange böse sein. Sie weiß nämlich ganz genau, was für ein guter und verlässlicher Freund er ist. Und so bereiten die beiden gemeinsam alles für ein köstliches Abendessen vor…

Mein Fazit: Eine ganz süße und lustige Bilderbuchreihe, die darüber hinaus sehr lehrreich ist.

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© FISCHER Taschenbuch Verlag

Die wilden Prinzessinnen: Vorlesegeschichten von Antonia Michaelis

Dieses Buch für Kinder ab 4 ist eine kleine Sensation. Die 22 Vorlesegeschichten von Antonia Michaelis über 12 wilde Prinzessinnen und ihren turbulenten Alltag in ihrer ganz speziellen Königsfamilie sind so witzig, dass man beim Vorlesen einfach losprusten muss. Die herrlichen Illustrationen von Eva Czerwenka verleihen den Erzählungen darüber hinaus noch eine ganz besonders cool-charmante Note.

Wer jetzt 12 feenhafte, liebliche Mädchen in rosa Rüschenkleidern mit langen goldenen Haaren erwartet, liegt absolut falsch, denn diese pfiffigen royalen Sprösslinge haben mit den herkömmlichen Klischees wenig gemeinsam. Sie sind selbstbewusst, abenteuerlustig und legen sich, wenn es sein muss, auch schon mal gerne mit aggressiven Feen, Monstern und Drachen an. Ansonsten geht es bei Königs oftmals genauso chaotisch zu wie bei normalen Familien, denn die Prinzessinnen werden nicht verhätschelt und zu Höherem erzogen, sondern müssen ebenso zur Schule gehen wie alle Kinder.

Jede einzelne Prinzessin hat Michaelis ganz wunderbar erdacht. Mit viel Gespür für witzige Feinheiten macht sie aus allen kleinen Hauptfiguren ganz besondere liebenswerte Persönlichkeiten: Das royale Baby mit dem bezeichnenden Namen Klein-Irmgard, das eifersüchtige Ex-Nesthäkchen Prinzessin Emma, Prinzessin Mia mit den Abstehohren, die verträumt-verpeilte Prinzessin Anna-Maria, die tennisbegeisterte Prinzessin Anna-Lisa, die mathematische Prinzessin Anna-Lena, die Zwillingsprinzessinnen Fina und Stina, die Trägerhosen liebende Prinzessin Maia, Prinzessin Orangerie, die so gerne Gärtner würde oder die schon großen Prinzessinnen Lotta und Lucy – sie alle werden in Michaelis‘ einzigartigen Geschichten so herrlich lebendig beschrieben, dass es eine wahre Freude ist. Auch Mama und Papa König sind im Übrigen hervorragend gelungen. Während Mama König die ganze Truppe managt, ist Papa König ziemlich aufgeschmissen, wenn seine Frau mal nicht da ist, was in der unvergleichlich lustigen Geschichte König allein zu Haus der Fall ist.

Mein Fazit: Es gibt keine besseren Vorlesegeschichten als diese. Beim Lesen ernst zu bleiben, ist einfach unmöglich – ganz wunderbar!


Andersen, Hans Christian. Märchen von Hans Christian Andersen. Esslingen: Esslinger Verlag J. F. Schreiber (www.esslinger-verlag.de), 2013.

Melchior, Siri. Rita und Kroko suchen Kastanien. Aus dem Dänischen von Maike Dörries. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg/Verlagsgruppe Beltz (www.beltz.de), 2015.

Melchior, Siri. Rita und Kroko gehen angeln. Aus dem Dänischen von Maike Dörries. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg/Verlagsgruppe Beltz (www.beltz.de), 2016.

Michaelis, Antonia. Die wilden Prinzessinnen: Vorlesegeschichten. Frankfurt am Main: FISCHER Taschenbuch Verlag (www.fischerverlage.de), 4. Auflage – Mai 2015.

Abgründe eines Traumpaars

Lauren Groff: Licht und Zorn

Lauren Groffs Roman Licht und Zorn zählte 2015 zu den meist diskutierten literarischen Werken in den Vereinigten Staaten – und das nicht nur, weil US-Präsident Obama ihn als sein Lieblingsbuch des Jahres bezeichnete. Dabei ist die Thematik auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich: In zwei separaten Teilen skizziert die Autorin das Porträt einer 24-jährigen Ehe – zum einen aus Sicht des Mannes, zum anderen aus Sicht der Frau. Wie Groff dies allerdings schriftstellerisch umsetzt, ist großartig: Ihr einzigartiges Gespür für Sprache, ihr Spiel mit antiken Mythen und ihr evidentes Verständnis von klassischer Tragödie (und Komödie) machen den Roman zu einem Leseerlebnis der besonderen Art. Denn die Geschichte hat viel mehr zu bieten als nur eine Aneinanderreihung von Eheszenen mit glücklichen, zornigen und traurigen Momenten: Die detaillierten Psychogramme der Ehepartner lassen tief blicken, doch trauen können wir ihnen nicht. Und so müssen wir als Leser selbst ergründen, wie die Wahrheit hinter der Fassade des Traumpaars ausgesehen haben könnte. Aber dies ist alles andere als einfach, denn ehe wir uns versehen, finden wir uns im zweiten Teil des Romans mitten in einem Ehethriller wieder, der uns in Atem hält und uns alles in Frage stellen lässt, was wir bisher über die Protagonisten zu wissen glaubten.

Die charismatische Lichtgestalt

Teil 1 wird aus Sicht des Ehemannes, Lancelot „Lotto“ Satterwhite, erzählt. Gutaussehend, charmant und mit einem von seiner Mutter stets geförderten künstlerischen Talent ist der nach einem sagenumwobenen Ritter benannte Sohn eines reichen Mineralwasserindustriellen aus Florida nicht nur für seine Eltern eine wahre Lichtgestalt. Dem „Golden Boy“, der zu Höherem berufen zu sein scheint, darf es an nichts fehlen, ihm stehen alle Türen offen. Doch nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, der Lotto völlig verstört zurücklässt, gerät er auf die schiefe Bahn. Dies ändert sich erst, als seine Mutter ihn auf ein College in New Hampshire schickt und er dort die Schauspielerei für sich entdeckt. Sein Talent hält sich zwar in Grenzen, doch seine Aura überstrahlt alles. Schnell avanciert er zum Star der Truppe und spielt zur Überraschung seiner Lehrer sogar die klassischen Rollen.

Vor diesem Hintergrund nimmt auch die Zahl seiner weiblichen Verehrerinnen stetig zu, und Lotto kann keiner widerstehen: Er wechselt seine Freundinnen schneller als seine Hemden, bis er die kühle, unnahbar-schöne Mathilde Yoder nach einem seiner gefeierten Auftritte kennenlernt. Sie ist für ihn der Inbegriff einer Frau: Die perfekte Inkarnation von Schönheit und Reinheit, eine Heilige, die er anbetet. Als er dann nach der ersten Nacht festzustellen glaubt, dass er ihr erster Mann war, ist sein Glück perfekt. Nichts kann sein Bild von Mathilde trüben, für ihre passive Aggression und ihren unter der Oberfläche gefährlich leise brodelnden Zorn ist er blind. Mit nur 22 heiratet er sie – gegen den Willen seiner Mutter, die Mathilde von vornherein misstraut und ihm daraufhin jegliche finanzielle Unterstützung verweigert.

Doch Scheitern ist in Lottos Leben nicht vorgesehen. Als ihm der Durchbruch als Schauspieler nicht gelingt, wird er mit einer eines Nachts aus schierer Verzweiflung verfassten Tragödie zum gefeierten Dramatiker. Und was noch viel wichtiger ist: Seine Ehe mit Mathilde hat allen Widrigkeiten zum Trotz standgehalten, denn sie ist stark, getragen von gegenseitiger Liebe. Er bereut keine Sekunde, den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen zu haben, da sie Mathilde von Beginn an feindlich gegenüberstand. Außerdem scheint Mathilde zufrieden mit ihrer Rolle als Frau im Hintergrund, die in finanziell schwierigen Zeiten Geld für beide verdient, sein Leben bestens managt und sich nie beklagt. Doch dann erfährt er durch Zufall etwas Unglaubliches über Mathilde, das seine Welt und sein Bild von ihr völlig ins Wanken bringt…

Die zornige „Eiskönigin“

In Teil 2 erzählt uns Lottos Frau, Mathilde Yoder, ihre Geschichte. Und was wir über sie erfahren, schockiert und erschüttert uns, denn die wahre Mathilde hat so gar nichts gemeinsam mit dem verklärten Bild, das uns ihr Gatte in Teil 1 von seiner Frau übermittelt. Wir erfahren, wie sie durch eine Tragödie zu der Frau geworden ist, die sie ist: Eine reservierte Einzelgängerin ohne Freunde, die niemanden an sich herankommen lässt und die man hinter ihrem Rücken Eiskönigin nennt, weil sie kalt und unnahbar auf ihre Umgebung wirkt. Obwohl Mathilde gefühlsmäßig abgestumpft ist, gelingt es Lotto, zu ihr durchzudringen, auch wenn sie ihn anfänglich aus schierer Berechnung geheiratet hat. Lotto allein vermag von Beginn an, sie als den guten Menschen zu sehen, der sie so gerne geworden wäre. Dies gibt ihr nicht nur die Kraft, um weiterzumachen, sondern auch die Fähigkeit, einen Menschen zu lieben.

Doch zu groß ist ihr Zorn auf die Welt und ihr Selbsthass, als dass sie ihr Leben genießen könnte. Mehr und mehr entdeckt sie – patriarchalische – Facetten an ihrem Mann, die ihr übel aufstoßen. Zudem missfällt ihr seine enge Beziehung zu einem jungen Künstler, die sie zwar nicht einordnen kann, aber um jeden Preis torpedieren möchte. Auch Lottos Verhalten ihr gegenüber hat sich aus ihrer Sicht seltsam verändert. Er zieht sich immer mehr von ihr zurück und ist äußerst schweigsam. Verlustängste steigen in ihr auf, denn sie vermutet, dass er sie verlassen will. Doch noch bevor sie agieren kann, schlägt das Schicksal ein weiteres Mal zu…

Ein einzigartiges Ehedrama mit fesselndem Perspektivenspiel

Mit Licht und Zorn ist Lauren Groff ein beispielloses Ehedrama gelungen, das zugleich berührt und verstört. In ihre Geschichte webt die Autorin viele Elemente der klassischen griechischen Tragödie mit ein – so ist z.B. der scheinbar allwissende Erzähler, dessen Kommentare in eckigen Klammern zu finden sind, durchaus mit dem antiken Chor vergleichbar. Nachdem ihr Protagonist Lotto sich als Dramatiker etabliert hat, erzählt Groff sein weiteres Leben anhand seiner Werke, die oftmals Bezug zu großen antiken Tragödien bzw. mythischen Hintergrund haben. Das ist nicht nur ungewöhnlich und aufschlussreich, sondern zeigt auch, wie versiert die Autorin auf diesem Gebiet ist und wie klug sie die Dramen im Hinblick auf den weiteren Verlauf des Romans konzipiert hat.

Sehr beeindruckt hat mich Groffs Perspektivenspiel und ihr singulärer Erzählstil, der uns – so scheint es zunächst – tief unter die Oberfläche ihrer Protagonisten katapultiert. Während Lotto immer ein wenig seicht, überschwenglich und manchmal auch lethargisch daherkommt, verlangt uns Mathilde einiges ab. Doch am Ende sind wir uns nicht wirklich sicher, welcher Wahrheit wir trauen können. Die einzige Erkenntnis, die wir nach Lektüre dieses Lehrstücks zwischenmenschlicher Beziehungen gewinnen können, ist, wie wenig wir manchmal vom anderen wissen, wie viel wir ausblenden bzw. nicht sehen wollen und wie sehr wir uns oftmals in das Bild verlieben, das wir uns von unserem Partner gemacht haben, auch wenn es vielleicht nicht der Realität entspricht. Doch gerade aus diesem Unwissen heraus, dessen wir uns ja gar nicht bewusst sind, kann, so zeigt uns Groff, eine tiefe Liebe entstehen, die Bestand hat und beflügelt. Ein kleiner Trost, der uns am Ende des Ehedramas dann doch nicht ganz ohne Hoffnung zurücklässt. Mein Fazit: Einer der besten Romane des Jahres  – absolut lesenswert!

Lauren Groff: Mit nur drei Romanen zur Bestseller-Autorin

Lauren Groff wurde 1978 in Cooperstown/New York geboren. Ihr Studium absolvierte sie zunächst am Amherst College und dann später an der Universität Wisconsin-Madison, wo sie ihren Abschluss zum MFA (Master of Fine Arts) machte.

Ihr erster Roman Die Monster von Templeton, eine außergewöhnliche Familiensaga, bei der Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen, erschien 2008 in den USA und landete sofort auf der New York Times Bestsellerliste, eine kleine Sensation für die bis dato unbekannte Schriftstellerin. Und als wäre dies nicht schon Erfolg genug, verfasste auch noch der renommierte Autor Stephen King eine sehr positive Rezension in Entertainment Weekly – eine ganz besondere Wertschätzung der Newcomerin. Darüber hinaus wählten der San Francisco Chronicle und amazon.com den Roman zu einem der besten Bücher des Jahres.

2012 wurde ihr zweiter Roman Arcadia in den Vereinigten Staaten veröffentlicht, der in einer Kommune in den 60er Jahren spielt. Auch dieses Buch erhielt sehr gute Kritiken, u.a. von der namhaften New York Times und der Washington Post, und wurde ebenfalls von diesen Zeitungen und dem VOGUE-Magazin zu einem der besten Bücher des Jahres ernannt.

Groffs drittes Werk, der hier vorgestellte Roman Licht und Zorn, erschien im letzten Jahr in den USA. Es wurde für den National Book Award nominiert und – in keiner Weise überraschend – wieder zu einem der besten Romane des Jahres gekürt. Mit diesem Buch gelang ihr abermals der Sprung in die Bestsellerlisten. Es wurde außerdem mit dem American Booksellers‘ Association Indies Choice Award for Fiction ausgezeichnet.

Darüber hinaus verfasst die Autorin auch Kurzgeschichten, die in etablierten Magazinen wie The New Yorker, Harper’s, Atlantic Monthly, Ploughshares, Tin House u.v.m. veröffentlicht werden und in amerikanischen Anthologien wie z.B. 100 Years of the Best American Short Stories zu finden sind.

Lauren Groff lebt in Gainesville/Florida mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website laurengroff.com, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Groff, Lauren. Fates and Furies. New York: Riverhead Books, 2015.
Deutsche Ausgabe: Groff, Lauren. Licht und Zorn. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. München/Berlin: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2016.
Buchcover: www.hanser-literaturverlage.de