Zeit für Poesie

Vormittag am Strand

Es war ein solcher Vormittag,
wo man die Fische singen hörte;
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte
.
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.

Nur sie, die Fische, brachen leis‘
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis‘
dicht unter dem durchsonnten Spiegel.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

 


Quelle: Christian Morgenstern Archiv: www.christian-morgenstern.de
Foto© Ana – https://instagram.com/ana_thira/

Zeit für Poesie

Meeresstille

Ich seh von des Schiffes Rande
Tief in die Flut hinein:
Gebirge und grüne Lande
Und Trümmer im falben Schein.
Und zackige Türme im Grunde,
Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,
Wie dämmert alles da unten
Als wie eine prächtige Nacht.

Seekönig auf seiner Warte
Sitzt in der Dämmerung tief,
Als ob er mit langem Barte
Über seiner Harfe schlief‘;
Da kommen und gehen die Schiffe
Darüber, er merkt es kaum,
Von seinem Korallenriffe
Grüßt er sie wie im Traum.

Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)


Quelle: Wüstner, Andrea (Hrsg.). Das Meer – Gedichte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., S. 55.

Foto: www.fotolia.de – © Andrey Kuzmin

Machtspiele: Das Polit-Drama Marseille

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Es gibt nur wenige Polit-Dramen, die mich von Anfang an in ihren Bann ziehen. Die Netflix-Produktion Marseille mit Frankreichs Schauspieler-Urgestein Gérard Depardieu in der Hauptrolle ist eine solche Serie, denn sie ist – en tout – brillant konzipiert. Die Scripts für alle acht Episoden der ersten Staffel schrieb der französische Schriftsteller und Drehbuchautor Dan Franck, der mit renommierten Serien wie Carlos – Der Schakal und Spin – Paris im Schatten der Macht bereits sein Talent unter Beweis stellte. Als Regisseure konnten Florent-Emilio Siri und Samuel Benchetrit gewonnen werden, die die einzigartige Story, die ausschließlich in der südfranzösischen Hafenstadt spielt, gekonnt in Szene setzten. Im letzten Jahr feierte Marseille Premiere und wurde von den Zuschauern so gut angenommen, dass man bereits eine 2. Staffel in Auftrag gegeben hat. Eine weise Entscheidung, denn Marseille hat meines Erachtens enormes Entwicklungspotential, sowohl auf inhaltlicher als auch auf Figuren-Ebene, das unbedingt ausgeschöpft werden sollte.

Letzte Amtshandlung

Robert Taro (Gérard Depardieu), seit 20 Jahren Bürgermeister von Marseille, ist amtsmüde und will sich zurückziehen. Er hat das ganze Polittheater und vor allem die Presse satt und will sich nunmehr endlich wieder Zeit für seine Familie, Ehefrau Rachel (Géraldine Pailhas), eine berühmte Cellistin, und Tochter Julia (Stéphanie Caillard), eine engagierte Journalistin, nehmen. Als seinen Nachfolger hat er den charismatischen Lucas Barrès (Benoît Magimel), seinen Protégé und politischen Ziehsohn, auserkoren, der in seine Fußstapfen treten und das Amt in seinem Sinne fortführen soll. Als letzte Profilierung will Taro ein Prestige-Projekt realisieren: Der Umbau der Marina zu einem exklusiven Yachthafen mit einem Casino, Hotels und Restaurants soll Marseille – angelehnt an Marbella – zur mondänen Hauptstadt Südeuropas machen. Doch im Stadtrat wird dieses Vorhaben kontrovers diskutiert: Seine Gegner werfen Taro vor, dass dieses Projekt unweigerlich kriminelle Organisationen anlocke, um dort Geld im großen Stil zu waschen, doch der Bürgermeister schmettert jegliche Kritik ab. Gemeinsam mit Barrès setzt er alles daran, um seinen ehrgeizigen Plan zu verwirklichen.

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Robert Taro (Gérard Depardieu)

Der Verrat

Als eine Mehrheit im Stadtrat für ihn stimmt, sieht sich Taro am Ziel, doch ihm ist klar, dass es noch eine wichtige Hürde zu überwinden gilt: Der Hafen-Aufsichtsrat muss dem Verkauf des Grundstücks zustimmen. Alles in allem ist er jedoch zuversichtlich: Mit einer namhaften Richterin, ebenfalls Mitglied des Stadtrats, die ihren Einfluss beim Hafen-Aufsichtsrat für Taros Projekt geltend machen will, und einem engagierten, ihm wohlgesonnenen Bauunternehmer auf seiner Seite fühlt er sich siegesgewiss. Doch dann wendet sich das Blatt: Die Richterin kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben, und sein Hoffnungsträger Barrès stimmt ohne mit der Wimper zu zucken gegen ihn. Taro ist fassungslos und kann nicht glauben, dass sein Protégé ihm in den Rücken fällt. Was für ihn jedoch noch viel schwerer wiegt, ist Barrès offene Verachtung, mit der er ihm plötzlich ohne ersichtlichen Grund entgegentritt.

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Lucas Barrès (Benoît Magimel) und Robert Taro (Gérard Depardieu)

Erbitterte Schlacht

Als dann auch noch der befreundete Bauunternehmer bei einem Autounfall ums Leben kommt, steht für Taro zweifelsfrei fest, dass es Mord war. Auch den mysteriösen Unglücksfall, der die Richterin das Leben kostete, sieht er plötzlich in einem ganz anderen Licht. Er beschließt, wider den Rat seiner Entourage erneut als Bürgermeister zu kandidieren und trotz aller Widrigkeiten gegen seinen Ziehsohn anzutreten. Aus den beiden Freunden werden erbitterte Feinde, und Barrès lässt nichts unversucht, um Taro zu diskreditieren. Als wäre das nicht schon Ärger genug, erhält Taro anonyme E-Mails, die auf einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit hinweisen und die er nicht einordnen kann. Auch Taros Kokain-Konsum, der in der Zwischenzeit beängstigende Ausmaße angenommen hat, schlachtet Barrès medial aus. Doch schnell muss er feststellen, dass Taro das Spiel um die Macht besser beherrscht als er und selbst den größten Skandal zu seinen Gunsten wenden kann.

Und das Krokodil, wie Taro sich selbst bezeichnet, schlägt zurück. Mit aller Härte – und mit Tochter Julia, die angesichts ihrer maßlosen Enttäuschung über Barrès hinterhältige Vorgehensweise in dessen Vergangenheit recherchiert und dabei herausfindet, dass seine rührselige Geschichte der armen Vollwaise, mit der er die Presse und seine Anhänger eingelullt hat, vollständig erlogen ist. Zum anderen unterhält er gefährliche Kontakte zur Unterwelt, die sich von ihm im Gegenzug eine wohlwollende Politik erhofft. Auch auf der menschlichen Seite ist Barrès nicht untätig: Er erschläft sich einen Gefallen nach dem anderen und macht dabei auch vor Vanessa d’Abrantes (Nadia Farès), Präsidentin des Regionalrats, keinen Halt, die ihn für ihre Zwecke einbinden will. Sie ahnt nicht, dass sie für den teuflisch berechnenden Barrès nur Mittel zum Zweck ist, um seine eigenen ehrgeizigen Ziele in die Tat umzusetzen.

© polyband Medien GmbH – Vanessa d’Abrantes (Nadia Farès)

Als über Taro eine familiäre Katastrophe hineinbricht, scheint die Schlacht für ihn verloren. Barrès sonnt sich im Blitzlichtgewitter und genießt die Aufmerksamkeit, die man ihm, dem Kronprinzen, der die Zukunft von Marseille in den Händen zu halten scheint, entgegenbringt. Doch das Krokodil bäumt sich ein letztes Mal auf, und es gelingt das Undenkbare – bis Julia auf ein Geheimnis der beiden Kontrahenten stößt, das ihre Welt und ihre gesamte Familie ins Wanken bringt und nachdem nichts mehr so ist wie vorher…

Marseille: Polit-Serie der Extraklasse

Marseille ist für mich eine der besten Polit-Serien, die ich bisher gesehen habe. Was mir neben der spannenden Story besonders gefällt, ist, dass sich das Drama nicht nur mit den Geschehnissen auf den Korridoren der Macht beschäftigt, sondern darüber hinaus auch eine beängstigend realitätsnahe Milieustudie der Cités, der Armenviertel und sozialen Brennpunkte der Stadt, ohne jegliche Sozialromantik präsentiert. Aus der Perspektive von Julia, die dort im kriminellen Milieu recherchiert, werden wir auf die Probleme aufmerksam gemacht, die nicht kameratauglich sind: Hohe Arbeitslosigkeit, Drogen und ein großes Gewaltpotential unter den Jugendlichen, die sich angesichts ihrer aussichtslosen Lage schon längst aufgegeben haben und vor nichts zurückschrecken, um aus dem täglichen Überlebenskampf nicht als Verlierer hervorzugehen.

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Was Marseille überdies so sehenswert macht, ist die schauspielerische Glanzleistung der beiden Hauptdarsteller Gérard Depardieu und Benoît Magimel, die in ihren Rollen brillieren. Depardieu gibt dem amts- und machtmüden Taro ein sympathisches, leicht überhebliches Flair, das jedoch von seiner aus langjähriger politischer Erfahrung resultierenden Kaltschnäuzigkeit relativiert wird. Er weiß genau, wie er sich den Medien zu präsentieren hat und spielt mit ihnen; seine Abscheu vor dem Pressezirkus verbirgt er hinter einem charmanten Lächeln, auf das auch nach 20 Jahren noch immer alle reinfallen.

Nur innerhalb der Familie lässt Depardieu die menschlichen Züge seiner Hauptfigur aufblitzen: Beim Frühstück mit Tochter Julia, die er vergöttert, oder im zärtlichen Tête-à-tête mit Gattin Rachel, um die er ständig besorgt ist. Außerhalb der Familie ist Depardieus Taro jedoch ein Kämpfer, der sich in jede noch so aussichtslose Schlacht stürzt, um seine Ziele zu erreichen und dabei nicht zimperlich ist, auch wenn er stets wie ein gutmütiger Tanzbär wirkt. Depardieu versteht es exzellent, Taros Dualität herauszustellen und ihn so zu einem schwer einschätzbaren Charakter zu machen.

Die eigentliche schauspielerische Entdeckung dieser Serie ist für mich allerdings César-Preisträger Benoît Magimel, der in Filmen wie Die Klavierspielerin, La Tête Haute oder My Way – Ein Leben für das Chanson bereits bewiesen hat, dass er zu den besten französischen Schauspielern seiner Generation zählt. Sein Porträt von Lucas Barrès ist herausragend: Er spielt den emphatie-und rücksichtslosen Emporkömmling mit abstoßender Berechnung. Seine absolute Geringschätzung von Frauen tut sein Übriges dazu, um ihn als Bad Guy der Serie zu klassifizieren.

Als Zuschauer haben wir uns über Barrès schnell ein vernichtendes Urteil gebildet. Doch was, wenn wir falsch liegen? Magimel hält uns in seiner Rolle schonungslos den Spiegel vor und sät mehr und mehr Zweifel an der abgrundtiefen Verdorbenheit seiner Figur. Und nach einiger Zeit bemerken wir es auch – an Gesten, an Blicken -, doch wir können es uns nicht erklären. Immer wenn wir denken, ihn endgültig einordnen zu können, zeigt er eine komplett andere Seite seines Charakters. Dies macht Magimels Barrès und Depardieus Taro gleichermaßen undurchschaubar. Das Zusammenspiel der beiden Schauspiel-Giganten stellt den ganz speziellen Reiz dieser Serie dar und katapultiert sie in die erste Riege der Polit-Dramen, die ganz besonders sehenswert sind.


Marseille
Produktionsland: Frankreich
Regie: Florent-Emilio Siri und Samuel Benchetrit
Drehbuch: Dan Franck
Produktion: Sue Vertue

Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH, München

Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, München, www.polyband.de, die mir alle o.g. Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Liebe und Verrat

Carla Guelfenbein: Stumme Herzen

Die lateinamerikanische Literatur hat mich schon immer begeistert. Die außergewöhnlichen Romane von Autoren und Autorinnen wie Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Paulo Coelho und vor allem Antonio Skármeta haben für mich einen ganz besonderen Stellenwert. Nun ist noch eine weitere Schriftstellerin hinzugekommen, deren Werke mich sehr ansprechen: Die Chilenin Carla Guelfenbein berührt durch einen einzigartigen, sehr poetischen Schreibstil, der die Leser mit ihren Geschichten verschmelzen lässt. Worte – so mächtig und doch so federleicht – schleichen sich in die Gedanken und hallen noch lange nach, wenn das Buch beendet ist. Lebensklug und mit tiefgreifenden Einsichten in die Befindlichkeiten der Menschen erzählt Guelfenbein von großen Gefühlen, verpassten Chancen und stetem Neubeginn, der Bestandteil unserer Natur ist. Dabei bedient sich die Sprachvirtuosin einer klaren, melodisch-harmonischen Ausdrucksweise, die ihre Romane zu einem Lesegenuß ersten Ranges macht.

Ein verhängnisvoller Sturz

Die betagte Schriftstellerin Vera Sigall hat sich von der Welt zurückgezogen und lebt allein mit ihren beiden Hunden in ihrem Haus in Santiago de Chile. Nur ihr Nachbar, der junge Architekt Daniel Estévez, schafft es, Kontakt zu ihr aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen – sehr zum Missfallen seiner Karriere-Gattin Gracia, die die beinahe familiäre Bindung der beiden mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt. Als er Vera eines Tages bewusstlos am Fuße ihrer Treppe auffindet, ist Daniel schockiert: Er kann nicht fassen, dass die agile Dame ohne ersichtlichen Grund so schwer gestürzt ist. Er glaubt nicht an einen Unfall oder ein Mißgeschick, doch das behält er zunächst für sich.

Er hat genügend eigene Probleme, die sich nicht so einfach in Luft auflösen: Seine Ehe mit Gracia ist in einer Krise. Als sie ein Paar wurden, hatte Daniel mit seinem Entwurf eines Museums einen hart umkämpften Wettbewerb gewonnen und war zum aufsteigenden Stern der Architektenbranche avanciert. Doch als das prestigeträchtige Projekt auf Eis gelegt wurde, geriet auch seine vielversprechende Karriere ins Stocken, ein absolutes No-Go für Gracia, für die Erfolg das Wichtigste im Leben ist. Als Daniel ihr von seinem Traum erzählt, ein Restaurant auf den Klippen zu entwerfen und zu betreiben, ist sie mehr als entsetzt, denn in ihren Augen ist das kein Job für einen richtigen Mann.

Sterne und Planeten

Zeitgleich ist Emilia Husson, eine französische Studentin mit chilenischen Wurzeln, nach Santiago de Chile gekommen, um dort mittels Stipendium das Gesamtwerk von Vera Sigall zu erforschen. Der berühmte Dichter Horacio Infante, der als Gastdozent an ihrer Universität lehrt, hatte sie überzeugt, ihre Abschlussarbeit über Sigall zu schreiben und ihr darüber hinaus die Erlaubnis verschafft, in der Bibliothek Bombal Zugang zu all ihren Romanen zu erhalten. Als Tochter zweier Astronomen ist Emilia besonders an der Bedeutung der Sterne und Planeten in Sigalls Erzählungen interessiert, doch das hält sie zunächst geheim, da es ihres Erachtens selbst für Literaturwissenschaftler zu abgehoben sein könnte.

Als Infante Emilia zu einem gemeinsamen Lunch mit seiner Tochter einlädt, lernt sie dort zu ihrer Überraschung auch Vera Sigall kennen. Emilia bemerkt sofort, dass zwischen Sigall und Infante etwas Unausgesprochenes liegt, ein inniges, unsichtbares Band, das die beiden verbindet. Umso erstaunter ist sie, als sie wenig später unabsichtlich Zeugin eines lauten und zornigen Streits der beiden wird, den sie nicht einordnen kann.

Eine schicksalhafte Begegnung

Für Emilia bricht eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass Vera nach einem folgenschweren Sturz im Koma liegt. Sie schafft es nicht mehr, sich auf ihre Recherchen zu konzentrieren und fährt ins Krankenhaus, um Vera nahe zu sein. Sie verbringt Stunde um Stunde im Wartesaal, weil sie keinen Zugang zum Krankenzimmer erhält. Dort sitzt Daniel, der alles versucht, um die schwer verletzte Schriftstellerin durch Vorlesen und Erzählen wieder ins Leben zurückzuholen.

Bald wird er auf Emilia aufmerksam, die auf ihn einen seltsam verlorenen Eindruck macht. Sie wirkt wie ein Wesen aus einer anderen Welt, das ganz in sich versunken ist. Und sein Eindruck täuscht ihn nicht: Die scheue Emilia hat ein Problem im Umgang mit Menschen, jeglicher körperlicher Kontakt ist ihr zuwider. Und trotz alledem verlieben sich die beiden und vertrauen sich einander an: Emilia erzählt Daniel, dass sie bei ihren Recherchen auf etwas äußerst Mysteriöses zwischen Sigall und Infante gestoßen ist, das bisher noch niemandem aufgefallen ist. Im Gegenzug berichtet Daniel Emilia, dass er nicht glaubt, dass Sigalls Sturz ein Unfall war und er daher die Polizei eingeschaltet hat.

Beide recherchieren schließlich gemeinsam und finden heraus, dass ein Obdachloser kurz vor Veras Sturz in der Nähe ihres Hauses gesehen wurde. Auch Infante soll Vera kurz vor ihrem angeblichen Unfall noch besucht haben. Als Daniel jedoch zu seinem Entsetzen entdeckt, wer Vera tatsächlich an dem Unglückstag besucht hat, kann er es nicht fassen und glaubt an einen Irrtum. Währenddessen macht Emilia eine weitere Entdeckung und erhält schließlich private, nur für ihre Augen bestimmte Aufzeichnungen von Infante, die die ganze Tragik seiner und Veras Geschichte enthüllen und den berühmten Dichter und die Schriftstellerin in ein völlig anderes Licht rücken…

Ein großartiger Roman über Liebe, Verrat und Vergebung

Mit Stumme Herzen ist Carla Guelfenbein ein erstklassiger, ausdrucksstarker Roman gelungen, der nachdenklich stimmt. Die aus drei Teilen bestehende Geschichte, deren Kapital jeweils abwechselnd aus der Perspektive von Daniel, Emilia und Horatio Infante erzählt werden, thematisiert zum einen die tragische Liebe des berühmten Dichters und der legendären Schriftstellerin in all ihren Facetten – leidenschaftlich, alltagsabsorbiert und schließlich zerstört durch einen Verrat, der unverzeihlich scheint. Doch was, wenn der sogenannte Verrat aus Liebe geschah? Die Frage klingt wie ein Paradoxum, doch in dieser Geschichte ist sie mehr als berechtigt. Haben nicht Stolz und ein übergroßes Ego zu einem existentiellen Dilemma geführt, von dem sich einer der Protagonisten (mehr sei an dieser Stelle nicht offenbart) erst im hohen Alter durch Einsicht und Vergebung befreien kann? Am Ende wird dieser Figur schmerzlich bewusst, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt – was bleibt sind Erinnerungen an eine Liebe, die zu fragil war für die Ewigkeit.

Zum anderen erzählt Guelfenbein die ungewöhnliche Liebesgeschichte der beiden Außenseiter Daniel und Emilia. Die behutsame Annäherung der beiden liebenswert verschrobenen Charaktere, die ihren ganz eigenen Charme hat, ist das genaue Gegenteil der ungezügelten Love Story von Horatio und Vera. Daniel und Emilia versuchen, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, in der Individualität und Andersartigkeit keine Chance haben und begegnen einander in einem Moment, in dem alles düster scheint. Wie sie zueinander finden, erzählt Guelfenbein auf wunderbare Weise, wie es mit den Liebenden weitergeht, lässt sie offen. Am Ende findet sich alles zusammen, nur um dann wieder auseinander zu driften. Schicksal? Nein. Nur der Lauf des Lebens.

Carla Guelfenbein: Chilenische Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin

Carla Guelfenbein wurde 1959 in Santiago de Chile geboren. Angesichts der imminenten Bedrohung durch die Militärdiktatur Pinochets verließ sie ihre Heimat im Alter von 17 Jahren gemeinsam mit ihrer Familie, um sich in England eine Existenz aufzubauen. In Essex studierte sie dann Biologie und Design. Doch es zog sie wieder nach Chile zurück, wo sie zunächst für die Zeitschrift ELLE tätig wurde und dort in der Werbung für die Bereiche Kunst und Mode zuständig war.

Danach wandte sich Guelfenbein der Schriftstellerei zu und veröffentlichte 2003 ihren ersten Roman El revés del alma. Der Durchbruch als Autorin gelang ihr mit ihrem zweiten Werk La mujer de mi vida (Die Frau unseres Lebens), der 2005 erschien, zum Bestseller avancierte und in Chile zum Buch des Jahres gewählt wurde. Danach hat sie noch drei weitere Romane veröffentlicht – El resto es silencio, 2008 (Der Rest ist Schweigen, 2010), Nadar desnudas, 2012 (Nackt schwimmen, 2012) und nunmehr Contigo en la distancia, 2015 (Stumme Herzen, 2017), der mit dem namhaften Premio Alfaguara ausgezeichnet wurde.

Carla Guelfenbein zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen Lateinamerikas. Ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Die o.g. biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen und der entsprechenden Wikipedia-Seite entnommen.


Originalausgabe: Guelfenbein, Carla. Contigo en la distancia. Penguin Random House Grupo Editorial, S. A. U. Chile, 2015.
Deutsche Ausgabe: Guelfenbein, Carla. Stumme Herzen. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, 2017.
Buchcoverwww.fischerverlage.de

Mein herzlicher Dank gilt der S. Fischer Verlag GmbH, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.