Martyrium eines Freigeistes

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch

Selten hat mich ein Roman in jüngster Zeit so berührt wie Nell Leyshons stilles Meisterwerk Die Farbe von Milch. Dies liegt nicht nur an der ganz besonderen Story, die in den Jahren 1830-31 spielt, sondern vor allem an der singulären Protagonistin Mary, eine junge Bauernmagd, deren tragisches Schicksal aus ihrer Perspektive auf ungewöhnliche Weise erzählt wird. Mit viel Einfühlungsvermögen, Empathie und Imagination lässt uns die Autorin an der Gedankenwelt der 15-jährigen teilhaben, die die dramatischen Begebenheiten ihres jungen Lebens in ihren eigenen Worten schildert. Wie sie gleich zu Anfang mitteilt, ist es ihr wichtigstes Anliegen, das, was ihr widerfahren ist, aufzuschreiben. Dies fällt ihr unsagbar schwer, denn sie kann noch nicht lange lesen und schreiben, da sie nie eine Schule besucht hat. Und so finden wir eine Geschichte vor, die – bis auf Punkte und Fragezeichen am Ende jeden Satzes – keinerlei Interpunktion beinhaltet und eine ungeschliffene Sprache aufweist. Und doch ziehen uns Marys Aufzeichnungen beinahe sogartig ins Geschehen, um uns dann bis zum Ende nicht mehr loszulassen.

Ein karges Leben

Die 14-jährige Mary lebt mit ihren Eltern, ihren drei Schwestern Violet, Beatrice und Hope sowie ihrem schwerkranken Großvater auf einem Bauernhof. Ihr Leben ist geprägt von schwerer Arbeit und bitterer Armut. Sie leidet sehr unter ihrem tyrannischen Vater, der sie, ihre Mutter und ihre Schwestern wie Sklaven behandelt und auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt, um seine Position als despotischer Patriarch zu behaupten. Seine Töchter zur Schule zu schicken, fiele ihm nicht im Traum ein, zumal das Geld knapp ist und er so auf drei seiner wichtigsten Arbeitskräfte verzichten müsste, die er nach seinem Ermessen schikanieren kann. Insbesondere Mary bekommt seinen Zorn und seine Schläge des Öfteren zu spüren, denn sie ist durch ihr verkrüppeltes Bein körperlich eingeschränkt und kann nicht so hart arbeiten, wie er es gerne hätte. Zum anderen ist sie ein Freigeist, der die Natur liebt, gerne träumt und das Herz auf der Zunge trägt – ganz im Gegensatz zu ihren Schwestern, die sich stillschweigend fügen. Marys einzige Bezugsperson und ihr Seelenverwandter ist ihr kranker Großvater, den sie sehr liebt und den sie oft heimlich mit zusätzlichem Essen versorgt.

Ein neues Zuhause

Trotz all ihrer Entbehrungen ist Mary auf ihre Art glücklich und genießt ihre Momente der Stille und Harmonie in der Natur. Und so ist sie denn auch gar nicht begeistert, als ihr ihr Vater nach ihrem 15. Geburtstag verkündet, dass sie nicht mehr zuhause wohnen, sondern unter einem Dach mit Dorfpfarrer Graham und seiner Frau leben soll, die sehr krank ist und Hilfe benötigt. Am schlimmsten trifft Mary die Trennung von ihrem Großvater, doch ihre neue Aufgabe bringt sie schnell auf andere Gedanken. Während sie auf dem Bauernhof stets rund um die Uhr arbeitete, hat sie hier alle Zeit der Welt, denn die Pflege der Pfarrersfrau ist nicht sehr aufwendig. Mary weiß anfänglich nichts mit ihrer ungewohnten Freizeit anzufangen, aber nach und nach genießt sie ihre Gespräche mit der feinfühligen Pfarrersgattin, die sie nicht von oben herab behandelt, sondern wie eine Vertraute. Und auch die zumeist ans Bett gefesselte Schwerkranke blüht auf durch Mary Lebendigkeit und ihre Alltagsgeschichten vom Bauernhof, die sie frank und frei von der Seele (und mit mancherlei Kraftausdrücken) erzählt, und gewinnt neuen Lebensmut. Als der Pfarrer Mary dann auch noch erlaubt, ab und an ihre Familie zu besuchen, ist ihr Glück perfekt, denn ihren Großvater vermisst sie sehr und kann es nie erwarten, ihn wiederzusehen.

Ein dramatischer Leidensweg

Als die Pfarrersfrau plötzlich stirbt, ist Mary am Boden zerstört. Der Pfarrer bittet sie jedoch zu bleiben und verspricht, ihr nach der Arbeit Lesen und Schreiben beizubringen. Mary ist zögerlich, hat aber keine Wahl, denn sie selbst darf keine Entscheidungen treffen. Dies obliegt ihrem querulantischen Vater, der natürlich sofort einverstanden ist, denn er geifert nach jedem Cent, um sich und seine Familie durchzubringen. Und so beginnt für Mary nach kurzer Zeit ein unsagbares Martyrium, das sie – rückblickend – kaum in Worte fassen kann. Dass sie es dennoch mit den ihr gegebenen limitierten sprachlichen  Mitteln versucht, ist einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass sie allen mitteilen möchte, wie sich die Tragödie, in die ihr junges Leben mündete, anbahnte und wie sie schließlich nur einen Ausweg sah, um sich zu befreien. Für diese Freiheit und Selbstbestimmung ist Mary bereit, den höchsten Preis zu zahlen, auch wenn er ihr das Kostbarste nimmt…

Ein tiefgründiger Roman über eine unbeugsame Libertine

Mit Die Farbe von Milch ist Nell Leyshon ein tiefgründiger Roman über eine mutige, unbeugsame Libertine in einer patriarchalisch geprägten Welt gelungen, der unter die Haut geht. Das Martyrium ihrer jungen Protagonistin Mary, die trotz aller äußeren Restriktionen, die ihre Standeslosigkeit und ihre Rolle als Frau in der damaligen Zeit mit sich bringen, innerlich frei ist und bis zum Ende bleibt, erzählt sie mit viel Feingefühl, Wärme und menschlicher Anteilnahme. Sehr gekonnt versetzt sich die Autorin in die Haut der freiheitsliebenden Analphabetin, die nicht nur aufgrund ihres verkrüppelten Beins in ihrem rohen Lebensumfeld als andersartig gilt.

Für ihren gesellschaftlichen Schlüssel zur Welt, das Lesen und Schreiben, wird von ihr das größte Opfer verlangt – eines, das sie nicht bereit ist zu geben, aber zu dem sie mit absoluter Rücksichtslosigkeit gezwungen wird. Doch Mary erkennt schnell, wie viel Macht das geschriebene Wort hat und nutzt dies in einem allerletzten Akt der Verzweiflung, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, auch wenn sie ahnt, dass ihre Stimme ungehört bleibt. Die Gewissheit, die Freiheit für sich selbstbestimmt gewählt zu haben, erfüllt sie mit einem inneren Frieden, der ihr hilft, ihr Schicksal zu akzeptieren – so unbarmherzig es auch sein mag.

Mein Fazit: Ein großartiger, sehr bewegender Roman in einer schlichten, klaren und poetischen Sprache mit einer einzigartigen Protagonistin, die man nicht so schnell vergisst. Sehr lesenswert!

Nell Leyshon: Preisgekrönte Schriftstellerin und Theaterautorin

© Scott Lavene

Nell Leyshon wurde in Somerset/England geboren und wuchs in Glastonbury und Somerset Levels auf. Sie besuchte zunächst ein Kunst-College, bevor sie nach London zog und dort als Produzentin von TV-Werbespots arbeitete. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Spanien begann sie ein Studium an der Universität von Southampton.

Der Schriftstellerei widmete sich Leyshon erst 1995. Gleich ihr erster Roman Black Dirt, der 2004 erschien, wurde ein voller Erfolg und schaffte den Sprung auf die Long List des renommierten Orange Prize und auf die Short List des angesehenen Commonwealth Prize. Darüber hinaus verfasst Leyshon Hörspiele. Ihr erstes Stück Milk erhielt den Richard Imision Award als bestes Debüt-Radio-Hörspiel.

2008 erschien ihr zweiter Roman Devotion, 2012 ihr hier vorgestelltes Werk The Colour of Milk, das ein durchschlagender literarischer Erfolg wurde und mit dem namhaften Prix de l’Union Intéralliée in Frankreich ausgezeichnet wurde. In Spanien wählte man die brillante Erzählung sogar zum Libro del Ano (Buch des Jahres). 2015 erschien ihr nächster Roman Memoirs of a Dipper, der leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Parallel hierzu ist Leyshon auch als Theaterautorin sehr erfolgreich. Ihr Stück Comfort me with Apples gewann den Evening Standard Theatre Award und wurde für den Laurence Olivier Award nominiert, eine ganz besondere Ehre für die außergewöhnliche Dramatikerin. Sie adaptierte darüber hinaus sehr gelungen Daphne du Mauriers Don’t look now und erreichte mit ihrem Drama Bedlam schließlich etwas, was vor ihr noch keiner Frau gelungen ist: Ihr Stück wurde in Shakespeare’s Globe in London aufgeführt, in dem man bis dato ausschließlich Theaterstücke von männlichen Dramatikern inszenierte.

Neben der Schriftstellerei ist Nell Leyshon sozial sehr engagiert und unterstützt Organisationen, die sich um Obdachlose und Randgruppen kümmern.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website www.nellleyshon.com, der ich neben den Verlagsinformationen und der englischen Wikipedia-Seite ihre o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Leyshon, Nell. The Colour of Milk. London: Fig Tree/Penguin Books Ltd., 2013.
Deutsche Ausgabe: Leyshon, Nell. Die Farbe von Milch. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. München: Julia Eisele Verlags GmbH, 2017.
Buchcover: eisele-verlag.de

Mein herzlicher Dank gilt der Julia Eisele Verlags GmbH bzw. dem Literatur- und Pressebüro Politycki & Partner, die mir das Buchcover und das Autorenfoto (© Scott Lavene) zur Verfügung gestellt haben.

Über Bord

Ruth Ware: Woman in Cabin 10

Nachdem mich bereits ihr erster Roman Im tiefen, tiefen Wald begeistert hat, war ich sehr gespannt auf Ruth Wares neuestes Werk, Woman in Cabin 10. Und ich wurde nicht enttäuscht: Auch dieser hochdramatische Psychothriller ist wieder erstklassig und garantiert mit vielen falschen Fährten, spektakulären Wendungen und einem fulminanten Show-down Hochspannung pur. Ein weiteres Mal hat die Autorin eine erstrangige, nervenaufreibende Story erdacht, die bis zur letzten Seite in Atem hält. Dies liegt nicht nur an der gewöhnungsbedürftigen und überaus unverlässlichen Protagonistin, die eine echte Herausforderung für den Leser darstellt, sondern auch an dem klaustrophobischen Setting, das sein Übriges tut, um Thrill und Suspense zu erzeugen.

Traumauftrag zum schlechten Zeitpunkt

Als Laura „Lo“ Blacklock, Journalistin beim angesagten Reisemagazin Velocity, von ihrer Chefin gebeten wird, an ihrer Stelle die Jungfernfahrt des Luxuskreuzfahrtschiffs Aurora Borealis anzutreten und von dort exklusiv zu berichten, könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein: Lo leidet immer noch an Panikattacken, die von einem Einbruch in ihre Wohnung herrühren, bei dem sie nur mit knapper Not einem Übergriff des Täters entgangen ist. Wie gewohnt, greift Lo zum Alkohol, um ihre Angst zu betäuben, obwohl sie danach nur noch verwirrter ist als zuvor. Auch in ihrer Beziehung zu Freund Judah kriselt es, was sie in ihrer derzeitigen fragilen Verfassung nur noch mehr herunterzieht. Doch trotz aller Probleme will sich Lo den o.g. Traumauftrag auf gar keinen Fall entgehen lassen, und so bereitet sie sich in aller Eile auf ihre Schiffsreise zu den norwegischen Fjorden vor.

Mord oder Halluzination?

Das Schiff könnte nicht exklusiver sein, aber Lo fühlt sich angesichts des ganzen Luxus völlig deplatziert. Obwohl ihre Kabine keine Wünsche offenlässt, empfindet Lo eine seltsame Beengheit, die ihr Angst macht. Und wieder greift sie zum Alkohol, wenngleich ihr nur wenig Zeit bleibt, um sich für den exklusiven Empfang zu stylen, den Schiffseigner, Lord Bullmer, und seine Frau Anne, für die ausgewählten Gäste am Abend arrangiert haben. Da sich Lo mit ihrem Spiegelbild nicht anfreunden kann, klopft sie an ihre benachbarte Kabine 10, um sich Wimperntusche zu leihen. Die junge, lässige Frau mit dem Pink-Floyd-T-Shirt, die ihr öffnet, ist Lo sofort sympathisch, obwohl sie sich äußerst merkwürdig verhält. Sie schenkt Lo die Wimperntusche und schließt dann nahezu panisch die Tür. Lo denkt nicht weiter über die mysteriöse Begegnung nach und gesellt sich zum elitären Empfang. Neben den Gastgebern lernt Lo das Who is Who der Reisejournalisten, Fotografen und Investmentgrößen kennen. Zu ihrem Entsetzen ist auch Ex-Freund Ben unter den Gästen, was sie völlig aus dem Konzept bringt. Sofort greift sie wieder zu ihrem Allheilmittel Alkohol – und dieses Mal übertreibt sie es maßlos.

Als sie nachts durch ein Geräusch aus dem Schlaf schreckt, steckt ihr der Rausch noch vollends in den Knochen. Sie ist sofort hellwach, als sie zu hören meint, wie ein Körper ins Wasser geworfen wird. Als sie auch noch Blut an der Reling entdeckt, alarmiert sie das Sicherheitspersonal, doch nach erneuter Sichtung des Geländers ist der Blutfleck verschwunden. Auch die Frau in Kabine 10 scheint es laut Bordpersonal nie gegeben zu haben, denn die Nobelkajüte war angabegemäß gar nicht belegt. Lo ist sich sicher, dass sie Zeugin eines Mordes geworden ist, obwohl ihr niemand glaubt, denn ihr enormer Alkoholkonsum ist keinem an Bord verborgen geblieben.

Gegen jede Chance

Trotz allem lässt Jo nicht locker, auch wenn sie mehr und mehr an ihrem Verstand zweifelt. Als sie eines Abends auf ihrem Spiegel die Warnung „Halt dich raus“ findet, siegt ihr journalistischer Spürsinn über ihre Angst, und sie beschließt, sich Lord Bullmer anzuvertrauen. Obwohl Bullmer ihr als einziger Gehör schenkt, gelingt es ihm mit Leichtigkeit, ihre Geschichte Stück für Stück auseinander zu nehmen, so dass Lo zum ersten Mal Bedenken kommen. Aber ihr Bauchgefühl sagt ihr, dass sie Recht hat und so forscht sie weiter, bis sie schließlich einem teuflischen Komplott auf die Spur kommt, dessen Perfidität Los schlimmste Befürchtungen übersteigt…

Effektvoller Thriller par excellence

Ruth Wares neuestes Werk ist für mich bereits jetzt eines der Highlights seines Genres in diesem Jahr, denn der Roman ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Protagonistin Lo ist  der Autorin meines Erachtens ganz besonders gut gelungen, denn ihre alkoholvernebelten Wahrnehmungsstörungen und häufigen Panikreaktionen machen sie zu einer echten literarischen „Wackelfigur“, der man als Leser nicht trauen kann. Man weiß nie, ob sie Dinge wirklich erlebt oder ob sie halluziniert, aber andererseits macht dies auch den ganz besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Das undurchsichtige Puzzle aus Gedankenfragmenten und Erinnerungsstücken der Antiheldin zusammenzusetzen, ist für den Leser nicht nur ein sehr komplexes Unterfangen, sondern vor allem eine hochspannende und sehr unterhaltsame Herausforderung.

Hinzu kommt die ganz besondere Atmosphärik des Schauplatzes, ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, das wir jedoch durch Los Augen als düster-beengten Locus Terribilis, einen Ort des Schreckens, wahrnehmen. Die klaustrophobischen Schwingungen sind fühlbar und übertragen sich schleichend auf den Leser, der die mentalen Aufs und Abs der Hauptfigur mit wachsendem Argwohn zur Kenntnis nimmt. Immer wenn man sicher ist, der Auflösung ein Stück näher gekommen zu sein, belehren uns die Autorin – und ihre Protagonistin – eines Besseren. Das ist Crime & Thrill at its best. Daher mein Fazit: Ein grandioser, unbedingt lesenswerter Pageturner, der exzellent geschrieben ist.

© Paul Harmer Photography

Ruth Ware: Englische Bestseller-Autorin und Expertin für Psychothriller

Ruth Ware wurde 1977 in West Sussex geboren und wuchs in Lewes an der Südküste Englands auf. Sie studierte Englisch an der Manchester Universität, wo sie ihre Liebe zu alt- und mittelenglischen Texten entdeckte. Bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Kellnerin und Buchhändlerin. Darüber hinaus unterrichtete sie Englisch als Fremdsprache in Paris und war nach ihrer Rückkehr 14 Jahre lang als Pressereferentin für einen Verlag tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie zunächst in Teilzeit und begann dann zu schreiben.

Unter dem Pseudonym Ruth Warburton verfasste sie fünf Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich dem Genre der Psychothriller zuwandte. Mit ihrem Debütroman In a Dark, Dark Wood (Im tiefen, tiefen Wald), der 2015 erschien, gelang ihr nicht nur der Sprung auf die Bestsellerlisten in Großbritannien und den USA, sondern auch der Durchbruch als Schriftstellerin. Die Verfilmung des Buches soll von Hollywood-Star Reese Witherspoon produziert werden. Auch Wares darauf folgender Thriller, der hier vorgestellte The Woman in Cabin 10, wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es sogar auf Platz 1 der amerikanischen Top Seller. Die Rechte für die Verfilmung des Pageturners hat sich bereits CBS Films gesichert.

Ihr dritter Roman, The Lying Game, der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, erschien im Juli 2017 und wurde ebenfalls von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen. Auch dieser Thriller soll von der Gotham Group verfilmt werden. Im Sommer 2018 erscheint nunmehr ihr viertes Werk, das den Titel The Death of Mrs. Westaway trägt und mit Sicherheit wieder ein Bestseller wird.

In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Leserin. Ihre ganz private Top Five Booklist beinhaltet folgende Romane: 1. Miss Pym Disposes von Josephine Tey, 2. The Secret History von Donna Tartt, 3. Gaudy Night von Dorothy L. Sayers, 4. Murder Most Unladylike von Robin Stevens sowie 5. Note on a Scandal von Zoe Heller.

Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website www.ruthware.com, der Verlags- und der englischen Wikipedia-Seite, denen ich auch die o.g. biografischen Details entnommen habe.


Originalausgabe: Ware, Ruth. The Woman in Cabin 10. London: Harvill Secker/Vintage Publishing/Penguin Random House, 2016.
Deutsche Ausgabe: Ware, Ruth. Woman in Cabin 10. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2017.
Buchcover: www.dtv.de

Autorenfoto: ©  Paul Harmer Photography – Mein herzlicher Dank gilt der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

The Sky Is The Limit:
Absturz eines Wall Street Jongleurs

Robert Goolrick: Wenn Prinzen fallen

Die 80er Jahre – das wohl exaltierteste und schillerndste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Neben eigensinniger Mode und innovativen Musiktrends war die Ära auch und vor allem geprägt durch Extravaganz, Luxus und Dekadenz. Letztere Attribute spiegelten sich insbesondere in den schwindelerregenden Spekulationen und riskanten Geldgeschäften wider, die eine Vielzahl von ambitionierten, großspurigen Wall Street Playern jeden Tag abwickelten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Only the sky is the limit war das Motto der selbstgefälligen Prinzen von Manhattan, in deren Wortschatz Ethik und Moral nicht vorkamen. Sie flogen hoch und fielen tief – ein Absturz, den einige nicht überlebten – zu groß war die Demütigung, zu vernichtend der Gesichtsverlust und die Vorstellung, ein Verlierer zu sein.

Retrospektive eines Geläuterten

Hier setzt Robert Goolricks neuester Roman Wenn Prinzen fallen an: Sein Protagonist Rooney, 36, ist auf dem existentiellen Tiefpunkt angelangt. Nach einem exzessiven Leben als erfolgreicher Wall Street Trader und zügelloser Playboy arbeitet er nun als Verkäufer bei der Buchhandelskette Barnes & Noble. Geläutert und wehmütig blickt er auf seinen glanzvollen Aufstieg und seine einzigartige Karriere zurück, die grenzenlos schien und doch ein so abruptes, ruhmloses Ende fand. Dabei geht Rooney hart mit sich und seiner hochmütigen Who-Cares-Attitüde ins Gericht: Er verschönt nichts, aber bereut vieles, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Jetzt steht er vor den Scherben seines narzisstischen Höhenflugs – dabei war der Beginn einst so verheißungsvoll…

Kometenhafter Aufstieg

Nachdem der junge Rooney desillusioniert feststellt, dass er nicht zum Bohemian taugt und weder als Maler noch als Schriftsteller noch als Schauspieler besonders talentiert ist, beschließt er widerwillig, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und damit dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen. Es gelingt ihm schließlich, einen Job als Junior Trader bei einer Top Wall-Street-Firma zu erhalten – und dafür muss er sich noch nicht mal besonders anstrengen: Sein tougher, unkonventioneller Chef hält nichts von Bewerbungsgesprächen und noch weniger von Zeugnissen. Wenn Rooney es allerdings schafft, ihn beim Pokern zu besiegen, hat er den Job. Und ihm gelingt das Unmögliche: Innerhalb kürzester Zeit wird er eines der vielversprechendsten Trader-Talente. Obwohl ihm der Job keinerlei Spaß macht und sein arbeitsintensiver Alltag ihm alles abverlangt, liebt er den Nervenkitzel und das Jonglieren mit Unsummen, das seine reichen Mandanten noch reicher macht.

Bis zum Exzess: Leben auf der Überholspur

Doch damit kann Rooney leben, denn seine Boni sind exorbitant ebenso wie sein Lebensstil, dessen Dekadenz dem Wall Street Zeitgeist entspricht: Goldene Manschettenknöpfe mit Monogramm, maßgeschneiderte Edelanzüge und ein Haarschnitt, der so teuer ist wie eine Monatsmiete – all diese Dinge werden für ihn zur Normalität und lassen ihn in seiner unermesslichen Arroganz und Selbstverliebtheit die Nase über die langweiligen Normalo-Spießer rümpfen, die in seinen Augen keine Ahnung haben, wie man das Leben genießt. Wie gut, dass er sich wohltuend von diesen Losern unterscheidet: Jede Nacht feiern er und seine Kollegen mit den schönsten Frauen in den angesagtesten Clubs und werfen mit Geld nur so um sich – das Beste ist für die Auserwählten gerade gut genug. Auch Drogen zur Entspannung dürfen da natürlich nicht fehlen – eine Koksline nach der anderen gepaart mit Unmassen von Alkohol helfen, den Stress abzubauen und dem tagtäglichen Druck standzuhalten.

Niedergang und Neubeginn

Doch das Leben auf der Überholspur fordert schließlich seinen Tribut: Rooneys durchzechte Nächte und sein steigender Drogenkonsum wirken sich negativ auf seine Arbeit aus, er wird zunehmend aggressiv und unberechenbar. Und so kommt es, wie es kommen muss: Er gerät ins Straucheln und begeht schließlich einen fatalen Faux Pas bei einem wichtigen Mandanten, der ihn den Job kostet. Doch damit nicht genug: Sein ihm ehemals wohlgesonnener Chef sorgt dafür, dass er als Trader kein Bein mehr auf die Erde bekommt. Auch sein Privatleben geht den Bach runter: Sein große Liebe Carmelia reicht die Scheidung ein und nimmt ihm alles, was er besitzt. Aber Rooney ist längst an einem Punkt angelangt, an dem ihm auch das nichts mehr ausmacht.

Als er denkt, dass ihn nichts mehr wirklich berühren kann, rückt eine bis dato unbekannte Krankheit in den Fokus der Öffentlichkeit: AIDS. Auch in seinem nahen Umfeld erkranken und sterben viele Freunde und Bekannte. Rooney ist schockiert und kann nicht fassen, dass sein Leben von heute auf morgen zerfällt. Als er nach langer Suche endlich einen Job bei Barnes & Noble erhält, scheint ein wenig Ruhe einzukehren, doch kann er seine alte Luxus-Existenz so einfach hinter sich lassen?

Eine eindrucksvolle Zeitreise ins dekadente Wall Street Business der 80er Jahre

Mit seinem neuesten Werk Wenn Prinzen fallen ist Robert Goolrick ein einzigartiger Roman über das Schicksal eines erfolgsverwöhnten Traders im Manhattan der glorreichen 80er Jahre gelungen. Mittels Rooneys Lebensgeschichte, die im Ablauf einem griechischen Drama gleicht – Aufstieg, Hybris, Absturz und Katharsis – versetzt uns der Autor zurück in eine Ära, die zwar von Überfluss und viel Glanz und Glitter geprägt, deren Untergang aber bereits vorprogrammiert war. Der wehmütige Rückblick des geläuterten Protagonisten ist nicht ohne Scham und Reue, die jedoch für die Menschen, die er benutzt und weggeworfen hat, viel zu spät kommt. Gerne würde er um Verzeihung bitten, doch kaum jemand möchte noch etwas mit ihm zu tun haben. So bleibt ihm nur die Einsamkeit und die Erinnerung an bessere Zeiten. Selbstmitleid wäre hier allerdings fehl am Platz – das ist Rooney nur allzu bewusst.

Von seinem Prinzenleben ist ihm lediglich immens teure Bettwäsche geblieben, die er als Andenken an seine Glanzzeiten aufbewahrt. Auch seinen exklusiven Kleidungsstil hat er beibehalten, was ihn zu einem Paradiesvogel bei Barnes & Noble macht. Doch sein altes Leben lässt sich eben nicht wie eine zweite Haut abstreifen, was auch er letzten Endes schmerzlich erkennen muss. Es gibt kein Zurück, aber einen Neubeginn, der – so gewöhnungsbedürftig er auch immer sein mag – ganz banal impliziert, dass das Leben auch nach einem Höllensturz weitergeht.

Mein Fazit: Ein brillanter Roman und Must Read – überaus lesenswert!

Robert Goolrick: Grandioser Schriftsteller in der Erzähltradition der Südstaaten

© Juliet Wiebe

Robert Goolrick wurde in einer kleinen Universitätsstadt im US-Bundesstaat Virginia geboren. Er besuchte die John Hopkins Universität in Baltimore und ging nach seinem Abschluss einige Jahre nach Europa, um dort als Schauspieler bzw. Maler Karriere zu machen. Da er in beiden Metiers nicht erfolgreich war, kehrte er in die USA zurück und schrieb sein erstes Buch, eine Autobiografie mit dem Titel The End of the World As We Know It (Das Ende der Welt, wie wir sie kennen). Seine Eltern enterbten ihn nach Erscheinen des Buchs, denn Goolrick berichtet hierin schonungslos offen über seine traumatische Kindheit und seine daraus resultierende Alkoholsucht.

Goolrick bekam sein Leben aber wieder in den Griff und arbeitete erfolgreich in der Werbebranche. Als er dann aufgrund seines Alters – Anfang 50 –  gefeuert wurde, besann er sich wieder auf seine schriftstellerischen Wurzeln und schrieb den Roman A Reliable Wife (Eine verlässliche Frau), der zum New York Times Bestseller wurde und ihm den Durchbruch als Autor bescherte. Auch sein darauf folgendes Buch, Heading Out to Wonderful (Ein wildes Herz), wurde von Kritikern und Lesern begeistert angenommen.

Sein viertes Werk, das hier vorgestellte The Fall of Princes (Wenn Prinzen fallen), schaffte ebenfalls den Sprung auf die Bestsellerlisten und etabliert Goolrick verdientermaßen als einen der herausragendsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit.

Robert Goolrick lebt und arbeitet in Virginia.

Weitere Informationen und die aktuellsten News über den Autor findet ihr auf seiner Facebook-Seite https://www.facebook.com/Robert-Goolrick-197443205141/.


Originalausgabe: Goolrick, Robert. The Fall of Princes. Chapel Hill/North Carolina: Algonquin Books of Chapel Hill/Workman Publishing, 2015.
Deutsche Ausgabe: Goolrick, Robert. Wenn Prinzen fallen. Aus dem Englischen von Judith Schwaab. btb Verlag/Randomhouse, 2017.
Buchcoverwww.randomhouse.de

Autorenfoto: © Juliet Wiebe – Mein herzlicher Dank gilt der Verlagsgruppe Random House, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Lesehighlights der ganz besonderen Art:
Die Leo-Wechsler-Krimis von Susanne Goga

Wer meinen Blog des Öfteren liest, weiß, wie sehr ich die 20er Jahre und ausgeklügelte, nervenaufreibende Krimis mit vielen unerwarteten Wendungen liebe. Bei Susanne Gogas Krimireihe um Kommissar Leo Wechsler, die im Berlin der Zwanziger Jahre spielt, kommen beide Komponenten auf brillante Weise zusammen und sorgen mit spannenden Fällen, außergewöhnlichen Protagonisten und vielen interessanten historischen Informationen für exzellente Unterhaltung. Die Autorin hat ausführlich recherchiert und erweckt das Berlin der damaligen Zeit mit seinen politischen Wirren und sozialen Gegensätzen, kulturellen Attraktionen, moralischen Abgründen und ausschweifender Dekadenz mit großer Detailtreue wieder zum Leben. Sie nimmt die Leser mit auf eine erlebnisreiche und soghafte Zeitreise in die Roaring Twenties und zeigt auch die unglamouröse Seite dieser oftmals glorifizierten Ära, die von Inflation und bitterer Armut geprägt war.

Sehr gekonnt verbindet Goga fesselnde Kriminalfälle mit der persönlichen Lebensgeschichte ihres Protagonisten, Kommissar Leo Wechsler. Dieser ist nach dem tragischen Tod seiner Frau Dorothea mit seinen beiden Kindern Georg und Marie auf sich allein gestellt. Seine Schwester Ilse zieht zu ihm und kümmert sich um den Haushalt und die Kleinen, denn Leos Job wäre als alleinerziehender Vater sonst nicht machbar. Obwohl Leo und Ilse sich im Allgemeinen gut verstehen, gibt es des Öfteren Reibereien, denn Leo ist viel zu oft nicht zuhause, und Ilse hadert mit ihrem Privatleben, das auf der Strecke bleibt. Aber auch Leos Privatleben lässt zu wünschen übrig: Seine On-und-Off-Affäre mit Lebedame Marlen vermag seine innere Leere nicht zu füllen. Der einzige Lichtblick ist Clara, die eine kleine Leihbücherei betreibt und die er immer wieder gerne besucht, um ihr sein Herz auszuschütten. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.  Nur so viel: Die Auf und Abs in Leos Leben sind ebenso packend wie die rätselhaften Verbrechen, die er aufklären muss.

Band 1: Leo Berlin

Berlin 1922: Der Wunderheiler Gerhard Sartorius wird tot in seiner luxuriösen Wohnung in Charlottenburg aufgefunden – erschlagen mit einer schweren Buddha-Figur aus Jade. Ein Schock für die Haute Volée Berlins, denn Sartorius behandelte primär die Schönen und Reichen, die seine Dienste mit äußerster Diskretion untereinander weiterempfahlen. Kommissar Leo Wechsler steht vor einem Rätsel: Es gibt keinerlei Anhaltspunkt, keine Zeugen und nicht die geringste Spur des Täters, den Sartorius scheinbar gekannt haben muss, da es keinerlei Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gibt. Wechsler findet heraus, dass Sartorius seine betuchte Kundschaft nicht nur mit Händeauflegen behandelte, sondern sie ebenso mit Kokain versorgte. Doch diesbezüglich laufen seine Ermittlungen ins Leere.

Als man dann zu einem späteren Zeitpunkt die Leiche einer alternden Prostituierten im Scheunenviertel findet, die brutal erdrosselt wurde, wird Wechsler hellhörig. Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass zwischen den Morden ein mysteriöser Zusammenhang bestehen muss, obwohl es nichts gibt, was seine These stützt. Der Täter bleibt ein nicht greifbares Phantom, bis Wechsler schließlich eine entscheidende Information erhält, die ihn über Umwege auf die Spur des rachsüchtigen Killers führt…

Band 2: Tod in Blau

Der junge Carl Bremer, der als Verkäufer in einer Konfektionshandlung arbeitet, wird tot aus dem Landwehrkanal gezogen. Wechsler vermutet zunächst Selbstmord, doch es verdichten sich Hinweise, die auf Mord hindeuten. Insbesondere seine Korrespondenz mit der Asgard-Gesellschaft, einer rechtsextremen Organisation, deren Mitglieder ausschließlich ehemalige Offiziere sind, weckt Wechslers Interesse. Doch der Kommissar und sein Team können nichts Verwertbares gegen diese nationalistische Vereinigung in Erfahrung bringen. Da sich ein Mord ebenso wenig nachweisen lässt, ist Wechsler gezwungen, die Ermittlungen zunächst als abgeschlossen zu betrachten.

Als dann der skandalträchtige Maler Arnold Wegner, der das Establishment mit seinen Bildern gleichermaßen schockiert wie begeistert, verbrannt in seinem Atelier aufgefunden wird, führt die Spur ein weiteres Mal zur dubiosen Asgard-Gesellschaft. Doch dieses Mal lässt sich Wechsler nicht so einfach abwimmeln, insbesondere da sich Wegners Tod als brutaler Mord herausgestellt hat. Aber auch in diesem Fall kann der Kommissar nichts Belastendes gegen die aalglatten Vertreter der geheimnisvollen Organisation finden, bis ihn seine Ermittlungen schließlich zur Tänzerin Thea Pabst, das letzte Modell des Malers, und zum kleinen Paul führen, der – ohne es zu ahnen – das Motiv zum Mord an Wegner hütet: Der Maler hatte ihm sein letztes Bild mit dem Titel Die blaue Stunde zur Aufbewahrung anvertraut, weil er die Gefahr ahnte. Paul ist nicht bereit, sein Versprechen gegenüber Wegner zu brechen, und so beginnt für Wechsler ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Kleine gerät ins Visier des Täters, der vor nichts und niemandem zurückschreckt, um sein dunkles Geheimnis zu bewahren…

Band 3: Die Tote von Charlottenburg

Berlin 1923: Leo Wechsler und seine Freundin Clara Bleibtreu verbringen entspannte Urlaubstage auf Hiddensee, wo Clara die Ärztin und engagierte Frauenrechtlerin Henriette Strauss kennenlernt. Henriette ist Clara sofort sympathisch, ihre offene und erfrischende Art findet sie äußerst wohltuend. Als Henriette einige Monate später plötzlich verstirbt, ist Clara mehr als schockiert. Die Todesursache soll ein Herzanfall gewesen sein, doch Henriettes Neffe Adrian, der sehr an seiner Tante hing, kann und will das nicht glauben, denn Henriette erfreute sich bester Gesundheit und hatte keinerlei Herzprobleme. Leo ermittelt und kommt schließlich einem perfiden Verbrechen auf die Spur: Die Ärztin wurde mit einer seltenen Substanz vergiftet.

Der Kommissar ermittelt daraufhin in alle Richtungen: Angefangen beim Krankenhaus, in dem Henriette arbeitete, wo man von nicht genehmigten Experimenten an Patienten munkelt, die die streitbare Ärztin keinesfalls mittragen wollte, bis hin zu ihrer vehementen Ablehnung des Abtreibungsparagraphen, für dessen Abschaffung sie sich stark machte. Aber auch ihr sogenannter Frauenzirkel, dem u.a. eine Arztin, eine Rechtsanwältin und eine Journalistin angehören, gerät ins Visier der Polizei. Doch dann richtet sich zu Wechslers Entsetzen der Fokus auf eine Person, der man einen solch teuflischen Mord niemals zutrauen würde. Der Kommissar glaubt an einen Irrtum, denn es lässt sich keinerlei Motiv erkennen. Doch schließlich kommt er Henriettes dunklem Geheimnis auf die Spur, das sie selbst ihrer Familie nie offenbarte…

Band 4: Mord in Babelsberg

Berlin 1926: In Kreuzberg wird die Leiche einer Frau im Hinterhof einer luxuriösen Wohnanlage gefunden, die mit einer roten Glasscherbe erstochen wurde. Leo Wechsler stockt der Atem, als er die Tote sieht: Es handelt sich um Marlen Dornow, mit der er vor einigen Jahren nach dem Tod seiner Frau Dorothea ein Verhältnis hatte. Dornow ließ sich stets von reichen Männern, darunter auch Politiker, aushalten und machte daraus auch keinen Hehl. Wechsler gelingt es nur mit Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Er beschließt, niemanden darüber zu informieren, dass er die Tote kannte – weder seine Kollegen noch seine Frau Clara, vor der er sich schämt.

Die Ermittlungen führen zunächst ins Leere, es gibt keine Zeugen und keine Spur des Täters. Doch dann wird der berühmte Regisseur Viktor König, dessen neuestes Werk Die Insel des Magiers sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat, tot aufgefunden – ebenfalls mit einer roten Glasscherbe erstochen. Nunmehr erhält der Fall eine ganz neue, dringliche Aktualität, denn die Öffentlichkeit will den Täter so schnell wie möglich hinter Gittern sehen. Wechsler ermittelt mit Hochdruck, aber wo liegt die Verbindung zwischen Marlen Dornow und Viktor König? Bei Marlen hatte er zunächst vermutet, dass einer ihrer namhaften Sugar Daddys der Täter ist, doch dies erwies sich scheinbar als unbegründet. Als Leo dann nach detaillierten Recherchen endlich einen Hinweis auf den möglichen Täter findet, erwartet ihn ein weiterer Schock…

Band 5: Es geschah in Schöneberg

Berlin 1927: Der Modesalon Morgenstern & Fink, dessen Inhaber das Ehepaar Lotte Morgenstern und Carl Fink ist, hat für seine neueste Modenschau eine ganz besondere Location gewählt: Das Romanische Café in Berlin, in dem sich das Who is Who der Künstlerszene trifft, scheint wie geschaffen für die extravagante Mode des Fashion Hauses, zu dessen Kunden auch bekannte Filmschauspielerinnen zählen. Doch das bis ins Detail geplante Event endet in einer Katastrophe: Zwei der Kleider wurden mit einem Kontaktgift präpariert, die jeweiligen Models kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Wechsler, der mittlerweile zum Oberkommissar ernannt wurde, ermittelt zunächst bei der Konkurrenz des aufstrebenden Modesalons, der für die alteingesessenen Modehäuser durch die innovativen, kapriziös-eleganten Entwürfe von Fink mehr und mehr zu einer existentiellen Bedrohung geworden ist.

Noch bevor sich Wechsler allerdings näher mit den Wettbewerbern befassen kann, wird er zu einem weiteren Tatort gerufen: Rainer Vogt, ein Mitarbeiter von Dr. Markus Hirschfeld am Institut für Sexualwissenschaft, liegt erschlagen in seiner Wohnung. Dort findet Wechsler zu seiner Überraschung auch einen Flyer des Modesalons Morgenstern & Fink. Für den Kommissar ist offensichtlich, dass es zwischen dem Anschlag auf das Modehaus und dem brutalen Mord an Vogt eine Verbindung geben muss, doch wie hängen die Fälle zusammen? Als sich Carl Fink nach Übermittlung der Todesnachricht von Vogt völlig verzweifelt abkapselt, glaubt Wechsler, den Hintergrund zu kennen, nicht ahnend, dass er von der Lösung des Falles noch meilenweit entfernt ist…

***

Der neue Fall von Leo Wechsler und gleichzeitig der sechste Band dieser Krimireihe trägt den Titel Nachts am Askanischen Platz und erscheint am 9. Februar 2018. Ich bin schon sehr gespannt, denn dieses Mal ermittelt Leo Wechsler im „Cabaret des Bösen“…

Ich empfehle euch die o.g. Krimireihe von Susanne Goga wirklich sehr, denn ihre Romane sind nicht nur äußerst klug konzipiert und sehr gehaltvoll, sondern vermitteln darüber hinaus ein lebendiges Bild vom Berlin der Zwanziger Jahre, dessen Mythos als Sünden-Babel lediglich an der schillernden Oberfläche kratzt. Goga zeigt die Menschen im Schatten, die Schicksale der verelendeten Bevölkerung, die hungernden, herumstreunenden Kinder (z.B. der kleine Paul aus Tod in Blau), für die es nirgends einen Platz gibt. Ebenso exponiert sie die Welt der Mächtigen und Reichen der damaligen Zeit (z. B. Protagonist Viktor König aus Mord in Babelsberg) und ihr sorgloses Leben im Überfluss, das angesichts der inflationären Verarmung mehr als dekadent erscheint.

Alles in allem sind Gogas Romane spannende, erstrangige Lesehighlights der ganz besonderen Art, die sich von der Masse der historischen Kriminalromane erfolgreich abheben. Sehr lesenswert!

© Myriam Topel

Susanne Goga: Schriftstellerin und Literaturübersetzerin

Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf mit den Schwerpunkten Englisch und Französisch. Zunächst arbeitete sie hauptberuflich als Übersetzerin und hat seit 1995 ca. 100 Romane (u.a. von Gillian Flynn, Chris Cleave, Elizabeth Gilbert, Peter James u.v.m.), Kurzgeschichten und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche übersetzt.

Seit 2001 ist sie ebenfalls sehr erfolgreich als Schriftstellerin tätig. Neben der o.g. einzigartigen und äußerst spannenden Kriminalromanreihe um den Berliner Kommissar Leo Wechsler schreibt Goga auch historische Romane: Das Leonardo-Papier, Die Sprache der Schatten, Der verbotene Fluss, Der dunkle Weg, Das Haus in der Nebelgasse und ihr neuestes Werk, Die vergessene Burg, das am 10. September 2018 erscheint.

Mit ihrer Kurzgeschichte Der Sparkasten belegte Susanne Goga 2006 Platz 2 des Moerser Literaturpreises. Ein Jahr später gelang ihr mit ihrer Kurzgeschichte Zigarettenmädchen der Sprung auf Platz 1 des Moerser Literaturpreises. 2012 erhielt sie für ihren o.g. historischen Roman Die Sprache der Schatten den DeLia-Literaturpreis. Drei Jahre später wurde der Autorin eine ganz besondere Ehre zuteil: Für Band 4 ihrer Leo-Wechsler Reihe – Mord in Babelsberg – erhielt sie den Goldenen HOMER für den besten historischen Kriminalroman.

Susanne Goga ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, das zu PEN International, einem Verbund von über 140 Schriftstellerorganisationen aus 101 Ländern, gehört.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website susannegoga.de, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Goga, Susanne. Leo Berlin. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2005.
Goga, Susanne. Tod in Blau. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2007.
Goga, Susanne. Die Tote von Charlottenburg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2012.
Goga, Susanne. Mord in Babelsberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2014.
Goga, Susanne. Es geschah in Schöneberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2016.
Goga, Susanne. Nachts am Askanischen Platz. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 9.2.2018.

Buchcover: www.dtv.de
Autorenfoto: © Myriam Topel – Mein herzlicher Dank gilt der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Foto unter dem Artikeltitel: © Jake William Heckey, www.pixabay.com