Doppelleben

Maggie Mitchell: The Other Girl – Du kannst niemals ganz entkommen

Dieses Romandebüt der amerikanischen Schriftstellerin Maggie Mitchell zählt meines Erachtens zu den besten Erstlingswerken dieses Jahres. Es wäre vermessen, das Buch lediglich in die Sparte Psychothriller einzuordnen, denn The Other Girl fällt nur allzu leicht aus diesem Rahmen, da es mit den heute so populären reißerisch-blutrünstigen Schockern nichts gemein hat. Es ist vielmehr ein leises Buch, dessen ungewöhnliche, äußerst spannende  Story um zwei zentrale Fragen kreist: Was tun wir, wenn unser schlimmster Albtraum wahrgeworden ist, und wie machen wir weiter, wenn wir ihn überlebt haben?

Eine seltsame Entführung

Als die beiden Protagonistinnen des Romans, Lois Lonsdale und Carly May Smith, im Alter von 12 von einem Unbekannten entführt und zwei Monate lang in einer einsamen Waldhütte gefangen gehalten werden, betrachten sie es zunächst als großes Abenteuer. Carly May ist froh, ihrem lethargischen Vater und ihrer ehrgeizigen Stiefmutter zu entkommen, die sie von Schönheitswettbewerb zu Schönheitsbewerb zerrt, Lois leidet unter der Lieblosigkeit ihrer exzentrischen Eltern, die nur damit beschäftigt sind, das von ihnen geleitete exklusive Landhotel zu einem Erfolg zu machen. Und so hat der Entführer, der sich Zed nennt, denn auch leichtes Spiel, als er beiden Mädchen zeitversetzt anbietet, sie ein Stück mitzunehmen, sie dann jedoch in eine abgelegene Hütte bringt. Völlig unbedarft gehen die schüchterne, kluge Lois und die hübsche, eigensinnige Carly May zunächst mit der Situation um, zumal ihr gutaussehender Entführer die Mädchen wie Prinzessinnen behandelt und es ihnen an nichts fehlt. Doch aus der anfänglichen Erlebnislaune wird schnell Angst, denn die Mädchen werden aus Zeds Verhalten immer weniger schlau – sie rechnen täglich mit dem Schlimmsten, obwohl ihr Entführer sie weder belästigt noch gewalttätig ist. Nach einer großangelegten Suchaktion gelingt es der Polizei schließlich, die Mädchen unversehrt zu befreien, Zed endet mit einer Kugel im Kopf – ein Trauma für Lois und Carly May, die unfähig sind zu verstehen, was mit ihnen geschehen ist, warum gerade sie ausgewählt wurden und warum der Entführer sie entgegen aller Vermutungen gut behandelt hat.

Der Albtraum kehrt zurück…

Zwanzig Jahre später: Lois Lonsdale ist als Anglistikdozentin auf einem ländlichen College tätig, Carly May fristet ein einsames Dasein als erfolglose Schauspielerin. Trotz des gemeinsam Erlebten haben sie keinen Kontakt mehr zueinander. Was sie jedoch verbindet, ist die Tatsache, dass sie ihr traumatisches Erlebnis vor ihrer Umwelt geheimhalten und sich ein neues Leben aufgebaut haben, in dem kein Platz mehr für Vergangenes zu sein scheint. Das Trauma ihrer Kindheit lässt sie jedoch nicht los: Während Lois unter dem Pseudonym Lucy Ledger versucht, mit dem von ihr verfassten Thriller Der Wald so still das Geschehene aufzuarbeiten, ertränkt Carly May, die ihren Namen zwischenzeitlich in Chloe Savage geändert hat, ihre Ängste im Alkohol. Als Lois‘ Roman verfilmt werden soll, erhält Carly May eine der Hauptrollen. Doch nach Studium des Drehbuchs ist sie schockiert, und ihr ist sofort klar, das nur Lois hinter Lucy Ledger stecken kann.

Je näher die Dreharbeiten rücken, umso häufiger und vehementer kehren die Erinnerungen und Albträume bei Lois und Carly May zurück. Doch insbesondere Lois, deren Unbehagen und Zweifel angesichts des Filmprojektes täglich zunehmen, hat kaum Zeit zum Durchatmen, denn Sean McDougal, ein angsteinflößender, undurchsichtiger Student, behauptet, ihre wahre Identität zu kennen und sie der Öffentlichkeit preiszugeben, wenn sie ihm nicht alles über die damalige Entführung und insbesondere über Zed erzählt. Aber all das ist nichts gegen den Schock, den Lois und Carly May erleiden, als während der Dreharbeiten die beiden kleinen Schauspielerinnen, die sie darstellen sollen, plötzlich spurlos im Wald verschwinden…

Exzellenter Thriller und psychologische Tour de Force

Der Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite absolut gefesselt. Dies liegt nicht nur an dem langsam ansteigenden Spannungsbogen, den Mitchell so klug konzipiert hat, sondern vor allem an den Psychogrammen, die die Autorin von ihren Protagonistinnen zeichnet. Der Leser kann sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein, welchen Erinnerungsfragmenten er trauen kann, er weiß nie, was Lois und Carly May von ihrem Kindheitstrauma behalten, ausgelassen, dazugedichtet oder verdrängt haben. Mitchells außergewöhnlicher Schreibstil katapultiert uns in die verworrene Gedanken- und Erinnerungswelt ihrer Hauptfiguren und hält uns somit an, uns selbst ein Bild zu machen. Dies trifft ebenso auf Zed zu, der in keiner Weise dem Bild eines Entführers entspricht, wenn wir den Aussagen der Mädchen Glauben schenken können. Alles in allem ist Mitchell mit ihrem Debütroman eine psychologische Tour de Force gelungen, die auf eindrucksvolle Weise nicht nur zeigt, was tief im Verborgenen liegt, sondern auch wie Vergangenheit und Gegenwart trotz Verdrängung stets interagieren. Fazit: Sehr lesenswert!

Maggie Mitchell: Schriftstellerin und Dozentin mit einem Faible für das Unheimliche

Über die in New York geborene amerikanische Schriftstellerin Maggie Mitchell ist noch nicht sehr viel bekannt. Bevor ihr erster, hier vorgestellter Roman publiziert wurde, schrieb sie zahlreiche Kurzgeschichten, die in diversen Literaturmagazinen wie New Ohio Review, American Literary Review and Green Mountains Review veröffentlicht wurden. Ihre Kurzgeschichte It Would Be Different If ist in der Bedford Introduction to Literature enthalten. Sie ist Dozentin an der Universität in West Georgia, wo sie mit ihrem Mann auch lebt.

Wie Mitchell der New York Times/USA Today Bestseller-Autorin und Bloggerin Caroline Lea Vittville in einem Interview1 verriet, kam ihr die Idee zu ihrem Erstlingswerk, als sie sich an einen Zeitungsartikel aus den 90er Jahren erinnerte, der über das gleichzeitige Verschwinden zweier Mädchen berichtete. Obwohl sie sich nicht mehr an Details erinnern konnte, ließ sie diese Geschichte nicht mehr los, und so bettete sie ihre Protagonistinnen in dieses Storygerüst und entwickelte ein fiktives Szenario, das nicht besser hätte gelingen können.

Wie Mitchell im o.g. Interview weiter ausführte, spielt sie derzeit mit dem Gedanken, einen Roman über Geister zu schreiben – auch wenn sie in keiner Weise an sie glaubt. Das Phänomen der Geister, wenn man die gängigen Clichés mal beiseite lässt, spiegelt in ihren Augen primär die trügerische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart wider. Der neue Roman, der ihr vorschwebt, soll von psychiatrischen Anstalten, Geistern und Geschichte handeln. Das klingt sehr mysteriös und vielversprechend, so dass ich schon mehr als gespannt bin, was die Autorin aus diesen Fragmenten generieren wird.


Originalausgabe: Mitchell, Maggie. Pretty Is. New York: Henry Holt, 2015.
Deutsche Ausgabe: Mitchell, Maggie. The Other Girl. Du kannst niemals ganz entkommen. Aus dem amerikanischen Englisch von Sybille Uplegger. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2016.
Buchcover: www.ullsteinbuchverlage.de

1Interview von Caroline Lea Vittville vom 2. Juli 2015 – http://carolineleavittville.blogspot.de/2015/07/maggie-mitchell-talks-about-pretty-is.html

Kampf der Buchgenres – Fokus: Biografien

Erneut hat mich Bee auf eine außergewöhnliche Blogparade aufmerksam gemacht: Unter dem Motto Kampf der Buchgenres widmen sich Nicole von Smalltownadventure und Jana von Lifetime Hours jeden Monat einem bestimmten Buchgenre. Hier die entsprechende Übersicht bis zum Jahresende:

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Wie ihr an das Thema herangeht, bleibt euch überlassen. Ob ihr generell über das Genre schreibt oder eure Lieblingsbücher dieses speziellen Literaturbereichs vorstellt, könnt ihr selbst entscheiden. Immer am 15. eines Monats wird über das entsprechende Genre gebloggt, und ihr habt dann vier Wochen Zeit, um euren Beitrag zu veröffentlichen – natürlich mit Verlinkung zu Nicoles und Janas Blogs. Am 15. Januar 2017 ziehen die beiden Initiatorinnen dann ein Fazit und berichten u.a., welches Genre das beliebteste unter den Bloggern ist und welche genrespezifischen Bücher bzw. welche Autoren empfohlen wurden. Ich bin schon sehr gespannt auf die Auswertung.

Das Thema im Juli ist, wie oben aufgeführt, Sachbücher/Biografien. Sachbücher lese ich nur selten, Biografien dafür aber umso mehr. Am liebsten lese ich Künstler-Biografien bzw. Autobiografien – egal ob Schauspieler/in, Schriftsteller/in, Maler/in, Sänger/in etc. – Hauptsache, die Künstler sind nach meinem Ermessen einzigartig oder schillernd. Vor diesem Hintergrund habe ich fünf meiner Lieblingsbiografien ausgewählt, die ich euch gerne vorstellen möchte.

© Simon & Schuster UK

Grace Jones: I’ll Never Write My Memoirs

Noch bevor Madonna und Lady Gaga zu Pop- und Stilikonen wurden, mischte bereits Grace Jones als Model, Sängerin und Schauspielerin die Künstlerszene der 70er und 80er Jahre auf. Nachdem die jamaikanische Pfarrerstochter zunächst als Tänzerin und Model erfolgreich in Erscheinung trat (sie schaffte es sogar auf die Titelseiten von VOGUE und ELLE), gelang ihr dank ihrer prägnanten dunklen Stimme auch der Durchbruch als Sängerin. Mit ihrer einzigartigen Neuinterpretation von La vie en rose und Songs wie I’ve seen that face before (Libertango), I’m not perfect oder My Jamaican guy, die sie mit ihrem coolem Sprechgesang prägte, stürmte sie die Charts und avancierte zur Clubbing Queen – insbesondere im legendären New Yorker Nachtclub Studio 54, wo sie mit exzentrischen Künstlergrößen wie Andy Warhol, Truman Capote, Keith Haring und Debbie Harry feierte und ihre Songs performte. Nach ihrer Disco-Zeit kreierte sie Anfang der 80er Jahre gemeinsam mit Jean-Paul Goude, ein französischer Illustrator und Vater ihres Sohns Paul, ihre für den Grammy nominierte One-Man-Show, in der sie das Spiel mit ihrer Androgynität thematisierte und selbstbewusst-provokant mit der Männer- und Frauenrolle in extravaganten Outfits experimentierte. Auch ihre Musik ging fortan in eine andere Richtung: Coversongs wie Love is the drug von Roxy Music dominierten und kamen beim Publikum ebenfalls sehr gut an.

1985 gelang ihr der internationale Durchbruch als Sängerin mit dem Album Island Life – der Song Slave to the rhythm wurde ein Riesenhit. Parallel dazu wurde man auch als Schauspielerin auf sie aufmerksam: So spielte sie beispielsweise neben Arnold Schwarzenegger in Conan, der Zerstörer, an der Seite von Roger Moore in James Bond 007 – Der Hauch des Todes und mit Eddie Murphy in Boomerang.

2008/2009 gelang Grace Jones ein vielbeachtetes Comeback mit ihrer Hurricane Tour, die sie u.a. auch nach Deutschland führte. Hurricane aus dem gleichnamigen Album zählt für mich im Übrigen neben den oben aufgeführten Hits ebenso wie The Devil in my Life zu ihren stärksten Songs. Eine exzellente Performance bot Jones auch beim Diamond Jubilee Concert anlässlich des 60. Thronjubiläums der englischen Königin Elisabeth II, als sie ihren Klassiker Slave to the rhythm sang und während des gesamten Auftritts einen Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen ließ.

Die o.g. Autobiografie der avangardistischen Ausnahmekünstlerin mit dem bezeichnenden Titel I’ll Never Write My Memoirs, die in Zusammenarbeit mit Schriftsteller und Kulturkritiker Paul Morley entstand und viele außergewöhnliche Fotos enthält, die so noch nicht veröffentlicht wurden, ist eine Klasse für sich. Mit Humor und erfrischender Selbstironie berichtet Jones über ihr Leben und gewährt so persönliche Einblicke in ihre spektakuläre Karriere und ihr turbulentes Leben. Unangepasst, unberechenbar und oftmals schrill, ließ und lässt sie sich in keine Schublade zwängen und bezeichnet sich stets als „kreative Nomadin“, die vor wie nach ihrem großen Erfolg immer unbeirrt ihren Weg ging und rigide Konventionen für sich einfach aushebelte. Sehr lesenswert!

© Heyne Verlag/Random House

Sam Kashner/Nancy Schoenberger: Furious Love – Elizabeth Taylor und Richard Burton – Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts

Als sich Elizabeth Taylor und Richard Burton 1962 bei den Dreharbeiten zum Monumentalfilm Cleopatra in Rom kennenlernten, war es Liebe auf den ersten Blick, obwohl die beiden nicht gegensätzlicher hätten sein können: Taylor, erfolgsverwöhnter Kinderstar aus gutsituierter Familie, und Burton, Sohn eines walisischen Bergarbeiters und renommierter Theaterschauspieler mit Oxfordstudium. Ihre leidenschaftliche Affäre blieb nicht lange geheim und rief die Paparazzi auf den Plan: Denn beide waren noch verheiratet und machten trotz allem gar keine Anstalten, ihre Liebe zu verstecken. Ein Foto des Paares, das sie küssend auf einem Boot zeigte, ging um die Welt und sorgte für einen handfesten Skandal, bei dem sich sogar der Vatikan zu Wort meldete und beide öffentlich rügte. Taylor und Burton ließen sich schließlich von ihren jeweiligen Ehepartnern scheiden und heirateten 1964. So begann die Geschichte des schillerndsten Skandalpaares der 60er Jahre, das zu den bestbezahlten Schauspielern seiner Generation zählte.

Taylors und Burtons extravaganter Lebensstil gepaart mit leidenschaftlichen – oftmals handgreiflichen – Auseinandersetzungen und ihr exzessiver Alkoholkonsum waren ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Sie wurden entweder hochgelobt oder gnadenlos zerrissen. Doch schließlich forderte ihr unstetes, skandalgeprägtes Leben seinen Tribut: Ihre Ehe scheiterte und ließ beide ins Bodenlose fallen. Sie heirateten ein zweites Mal, doch auch diese Ehe hielt nicht lange. Längst waren beide – und hier vor allem Burton – ausgebrannt und des Streitens müde.

Doch bis zum frühen Tod Richard Burtons im Jahr 1984 hielten sie stets Kontakt. Burton schrieb Taylor immer noch Liebesbriefe, obwohl beide längst neu verheiratet waren. 1973 drehten sie sogar noch einen letzten gemeinsamen Film: Seine Scheidung, ihre Scheidung. Als Burton dann plötzlich an einer Hirnblutung starb, verbot seine Witwe Elizabeth Taylor angeblich sogar, zur Beerdigung zu kommen. Doch sie ließ es sich nicht nehmen, sich von ihrer großen Liebe zu verabschieden und besuchte Burtons Grab in der Nacht. Ein privater Abschied war ihr jedoch nicht vergönnt: Zahlreiche Paparazzi, die seit Tagen auf dem Friedhof ausgeharrt hatten, warteten nur darauf, ein Foto der trauernden Taylor zu schießen und waren so penetrant, dass ihre Freunde sie abschirmen mussten.

Was diese Biografie so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass die Autoren Sam Kashner und Nancy Schoenberger die Lebens- und Liebesgeschichte der beiden Akteure mit Respekt und Wertschätzung und nicht im Stil von Sensationsjournalisten verfasst haben. Natürlich berichten die Autoren auch über die diversen Skandale des Glamour-Paars, doch sie halten dabei immer eine unsichtbare Diskretionslinie ein, die für Glaubwürdigkeit und Seriosität unabdingbar ist. Die Autoren zählen zu den wenigen, denen Elizabeth Taylor neue und exklusive Details über ihre Beziehung zu Burton offenbarte und denen sie darüber hinaus Zugang zu Burtons privaten Briefen gewährte. Viele außergewöhnliche Fotos des Paares sind ebenfalls inkludiert. Diese Biografie ist der beste Beweis dafür, dass Taylor mit Kashner und Schoenberger eine ausgezeichnete Wahl getroffen hat.

© Verlag Herder

Armin Strohmeyr: George Sand – Glauben Sie nicht zu sehr an mein satanisches Wesen

Die 1804 in Paris geborene George Sand, eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, war meines Erachtens die wohl außergewöhnlichste französische Schriftstellerin ihrer Zeit. An der zigarrenrauchenden Femme Fatale, die rein aus praktischen Gründen Männerkleidung bevorzugte und nach der Trennung von ihrem Ehemann künstlerische Größen wie Dichter und Dandy Alfred de Musset, den polnischen Pianisten Frédéric Chopin sowie den österreichisch-ungarischen Komponisten Franz Liszt zu ihren Liebhabern zählte, schieden sich ihre Zeitgenossen. In ihren Romanen (z.B. Indiana – 1832, Lélia – 1833), die sie unter dem männlichen Pseudonym George Sand (George nach Georgeon, eine regionale Bezeichnung für den Teufel, und Sand nach dem Nachnamen ihres Geliebten, Jules Sand) veröffentlichte, thematisierte sie als leidenschaftliche Romantikern nicht nur Liebe in ihren verschiedensten Formen, sondern auch Sinnlichkeit und Lust aus Sicht der Frau – ein absolutes No-go in der damaligen Zeit, in der man weit davon entfernt war, Frauen Eigenständigkeit und Selbstbestimmung zuzubilligen.

Doch die freiheitsliebende Sand lebte nach ihren eigenen Regeln und etablierte sich – nachdem ihre wahre Identität herausgekommen war – als eine der einzigartigsten Literatinnen ihres Landes, die trotz aller Kritik zu den meistgelesenen und höchstbezahltesten ihrer Zeit zählte. In ihrem Landsitz in Nohant, der heute ein Museum ist, und in ihrer Wohnung in Paris, „die blaue Mansarde“ genannt, traf sich die künstlerische Créme de la crème des 19. Jahrhunderts – Honoré de Balzac, Prosper Mérimée, Gustave Flaubert, Heinrich Heine, Eugène Delacroix, Alfred de Musset, Frédéric Chopin u.v.m. -, die den anregenden Gedankenaustausch mit der geistreichen und streitbaren Autorin sehr schätzten.

Als sie sich jedoch politisch zu sozialen Problemen in Frankreich äußerte und darüber hinaus in ihrem Roman La Daniella 1857 und später auch in Mademoiselle la Quintinie 1863 offen Kritik an den in ihren Augen viel zu starren Dogmen der Kirche und an der uneingeschränkten Macht des Papstes übte, wiesen sie sowohl die Politik als auch der Klerus gnadenlos in ihre Schranken: Man exkommunizierte sie und setzte ihre Bücher auf den Index. Aber Sand ließ sich nicht mundtot machen. Und auch ihre langjährigen Schriftsteller-Kollegen und Freunde standen nach wie vor zu ihr und bewunderten ihren Mut. Schließlich gerieten die Skandale nach und nach in Vergessenheit und Sand blieb auch weiterhin produktiv. Ihre letzten Jahre waren geprägt von der tiefen Freundschaft zu dem berühmten französischen Schriftsteller Gustave Flaubert, dessen Romane Madame Bovary und Salammbo wegen angeblich loser Moral ebenfalls für handfeste Skandale sorgten.

Armin Strohmeyrs äußerst empfehlenswerte Biografie über George Sand ist exzellent und ein wahres Lesevergnügen – nicht zuletzt dank seines brillanten, fesselnden Erzählstils. Der Literaturwissenschaftler, Autor und Publizist lässt Sands bewegtes Leben so gekonnt Revue passieren, dass man als Leser das Gefühl hat, in die damalige Zeit zurückversetzt und selbst ein Teil von Sands Literatursalon zu sein. Angereichert mit Zitaten, Briefauszügen und ausgewählten Bildern, gewährt uns Strohmeyrs gelungenes Werk aufschlussreiche Einblicke in das nonkonforme Leben einer emanzipierten Schriftstellerin, die ihrer Zeit weit voraus und mutig genug war, sich als Frau in einer Welt zu behaupten, in der nur Männern Esprit und Kreativität attribuiert wurden. Darüber hinaus zeichnet Strohmeyr ein bemerkenswertes Bild des 19. Jahrhunderts mit all seinen literarischen, politischen und religiösen Strömungen, das George Sand und ihr Werk stimmig in den Kontext ihrer Zeit einbettet. Mein Fazit: Ein absolutes Must read!

© btb Verlag/Random House

Michaela Karl: „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“ Dorothy Parker – Eine Biografie

Auf Dorothy Parker wurde ich durch ihre einzigartigen New Yorker Geschichten aufmerksam, die ich von Zeit zu Zeit immer wieder sehr gerne lese. Da ich darüber hinaus auch mehr über die exzentrische Autorin erfahren wollte, bin ich auf Michaela Karls hier vorgestellte Biografie gestoßen, die mich begeistert hat und die ich euch wirklich sehr empfehlen möchte. Dorothy Parker ist heute leider nur noch wenigen ein Begriff, obwohl sie für mich zu den außergewöhnlichsten Frauen der 20er Jahre zählt. Die renommierte US-amerikanische Schriftstellerin, deren Herz auf ewig für New York schlug und deren Kurzgeschichten u.a. über den Big Apple heute Kult sind, war darüber hinaus auch eine geschätzte und gefürchtete Theater- und Literaturkritikerin, deren entweder bissig-zynische oder wohlwollend-herzliche Besprechungen gleichermaßen gehasst wie geliebt wurden.

Obwohl sie Mode nicht sehr interessierte und sie die reichen und oberflächlichen Upper Class Damen verachtete, begann ihre Karriere bei der glamourösen VOGUE, wo sie zumeist spöttische Bildunterschriften für die neuesten Fashionfotos verfasste. So war es denn auch nicht verwunderlich, dass sie zu Vanity Fair wechselte und dort als erste weibliche Theaterkritikerin in New York tätig wurde. Im weiteren Verlauf ihres Lebens arbeitete sie darüber hinaus für etablierte Magazine wie Ainslee’sNew Yorker, LIFE und Esquire und avancierte mit ihren ungewöhnlichen und unterhaltsamen Kurzgeschichten, ihren Gedichten, Theaterstücken und Kurzversen zu einer bemerkenswerten Schriftstellerin und Dichterin ihrer Zeit, deren kapriziöser Schreibstil gepaart mit einzigartigem Humor und Sarkasmus sie unverwechselbar machten. Und auch der erlesenen Tafelrunde (Round Table) der Intellektuellen, die im angesagten Hotel Algonquin in Manhattan regelmäßig stattfand, drückte sie ihren ganz speziellen Stempel auf und machte sie zu einem Event.

Doch damals wie heute schien das stürmische und exaltierte Privatleben der Ausnahmekünstlerin viel interessanter zu sein als ihr literarisches Output. Parkers Alkoholexzesse, ihre ausschweifenden Parties mit den Glitterati der 20er Jahre, ihre zahlreichen Affären – u.a. auch mit F. Scott Fitzgerald, Autor von The Great Gatsby -, ihre Selbstmordversuche und immer wiederkehrenden Depressionen machten sie zu einer willkommenen Zielscheibe für die Presse. Aber Parker ließ sich nicht beirren und schrieb trotz aller Probleme weiter – wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. 1967 starb sie an einem Herzinfarkt und vermachte ihren Nachlass Martin Luther King und der NAACP (National Association for the Advancement of Coloured People).

Michaela Karls Biografie über Dorothy Parker gehört für mich zu den besten Biografien, die ich je gelesen habe. Dies liegt nicht nur an ihrem erfrischenden Erzählstil, sondern auch an der Tatsache, dass es ihr meisterhaft gelingt, ihre Begeisterung für die Königin der Kritikerinnen auf die Leser zu übertragen. Zitate, Bonmots, Briefauszüge und eine Selektion besonderer Fotos machen Lust darauf, die Werke des New Yorker Darlings der 20er Jahre zu lesen und in ihre himmelhoch jauchzende und zu Tode betrübte Welt einzutauchen. Michaela Karl schaut hinter die Fassade der einzigartigen Künstlerin, die die Tragödien ihres Lebens in Alkohol ertränkte und sie mit Humor, Spott und Selbstironie in Komödien zu verwandeln versuchte – vor allem dann, wenn sie wieder einmal erkennen musste, dass Desillusionierung und Liebe unvereinbar sind. Dorothy Parker war ein Unikum, das in Extremen lebte. Michaela Karl hat dieser singulären Frau mit ihrer wunderbaren Biografie ein Denkmal gesetzt, das ihr auf jede nur denkbare Art und Weise gerecht wird. Sehr, sehr lesenswert!

© Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

Thorsten Wortmann: Benedict Cumberbatch – Die illustrierte Biografie

Als ich Benedict Cumberbatch zum ersten Mal als Sherlock sah, war er mir nicht ganz geheuer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet er die Rolle des in die heutige Zeit katapultierten Meisterdetektivs verkörpern sollte. Doch schon nach Ende der ersten Folge konnte ich mir nicht mehr vorstellen, dass diese Rolle jemals wieder von jemand anderem porträtiert werden könnte, denn Cumberbatch spielt diesen eigenbrötlerischen, hochintelligenten Querkopf so exzellent, dass man vergisst, dass dieser fiktive Charakter eigentlich im späten 19. Jahrhundert bzw. frühen 20. Jahrhundert angelegt wurde. Scheinbar mühelos hauchte er Arthur Conan Doyles etwas verstaubter literarischer Figur wieder Leben ein und gab ihr so einen neuzeitlichen Anstrich mit dem Resultat, dass sein Sherlock mittlerweile Kult ist – und dies absolut zu Recht.

Mit der Auswahl seiner Filmrollen vor und nach Sherlock hat Cumberbatch nicht nur ein gutes Gespür bewiesen, sondern auch deutlich gemacht, dass es für Kritiker sehr unklug wäre, ihn in eine bestimmte Schublade zu stecken. Die ganze Bandbreite seines schauspielerischen Könnens hat er bereits unter Beweis gestellt – so z.B. als Sklavenhalter in 12 Years a Slave, als undurchsichtiger Lehrer in Wreckers, als desillusionierter Ex-Soldat in Small Island, als cooler Bad Guy in Star Trek: Into Darkness, als letzter Gentleman in Parade’s End oder als Geheimdienstmitarbeiter in Dame, König, As, Spion, um nur einige wenige seiner Rollen zu nennen.

Und auch das Theater hat Cumberbatch nie vernachlässigt. Hier brillierte er insbesondere in zwei Aufführungen, die auch die letzten Skeptiker überzeugten: Zunächst spielte er unter der Regie von Danny Boyle an der Seite von Johnny Lee Miller (u.a. bekannt als Sherlock aus der TV-Serie Elementary) in Frankenstein in einer spektakulären Inszenierung. Das Kuriose daran war die Rollenteilung mit seinem Schauspielerkollegen – einmal spielte Cumberbatch die Kreatur und Miller war Frankenstein, ein anderes Mal war es umgekehrt. Danach wählte er die wohl schwierigste Rolle, für die sich ein Schauspieler entscheiden kann: William Shakespeares Hamlet. Und auch hier enttäuschte er nicht und drückte dem tragischen Helden seinen ganz eigenen Stempel auf.

Auf die hier vorgestellte hervorragende Benedict Cumberbatch Biografie von Thorsten Wortmann bin ich im letzten Jahr gestoßen und war begeistert. Der Autor hat einen sehr gewinnenden, lockeren Erzählstil, so dass man das Buch gar nicht mehr aus Hand legen möchte. Darüber hinaus hat er jedes noch so kleine Detail recherchiert und macht aus den vielen gesammelten Mosaikstücken ein sehr lesenswertes Ganzes, das viele Hintergrundinformationen über Cumberbatch und sein künstlerisches Schaffen beinhaltet, aber auch private Einblicke in das Leben des britischen Schauspielers gewährt. Das Buch ist in größere Sektionen wie z.B. Hawking, Abbitte, Sherlock, Star Trek, Inside Wikileaks und The Imitation Game etc. unterteilt, enthält aber darüber hinaus auch viele Informationen über nicht so bekannte Filme und Theaterstücke, in denen Cumberbatch mitwirkte. Angereichert mit großartigen Fotos und Zitaten von ihm, seinen Kollegen und Freunden, zeichnet diese Biografie ein rundum gelungenes Porträt des smarten Briten, dessen Erfolg neben seinem eindrucksvollen Schauspieltalent auf zwei Attributen basiert: Wandlungsfähigkeit und Charisma.

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Es hat sehr viel Spaß gemacht, bei dieser speziellen Blogparade mitzumachen. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, euren Beitrag zum Thema Sachbücher/Biografien beizusteuern.


Jones, Grace/Morley, Paul. I’ll Never Write My Memoirs. London: Simon & Schuster UK Ltd., www.simonandschuster.com, 2015.

Kashner, Sam/Schoenberger, Nancy. Furious Love. Elizabeth Taylor und Richard Burton – Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts. München: Heyne Verlag/Verlagsgruppe Random House, www.randomhouse.de, 2012.

Strohmeyr, Armin: George Sand – Glauben Sie nicht zu sehr an mein satanisches Wesen. Freiburg: Verlag Herder GmbH, www.herder.de, 1. Aufl. 2016.

Karl, Michaela. „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“. Dorothy Parker. Eine Biografie. München: btb Verlag/Verlagsgruppe Random House, www.randomhouse.de, 2012.

Wortmann, Thorsten. Benedict Cumberbatch. Die illustrierte Biografie. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag GmbH, www.schwarzkopf-verlag.net, 2015.

Serientipp: Miss Fishers mysteriöse Mordfälle

© polyband Medien GmbH

Dass mich die Roaring Twenties begeistern, habt ihr sicherlich schon bemerkt, wenn ihr des Öfteren meinen Blog lest. Diese schillernde Ära mit all ihrem Glamour und exzentrischen Persönlichkeiten fasziniert mich, seit ich Fitzgeralds Der große Gatsby gelesen habe. So war ich natürlich auch sehr euphorisch, als ich bei einsfestival durch Zufall auf die außergewöhnliche australische Serie Miss Fishers mysteriöse Mordfälle gestoßen bin, die in den Zwanzigern in Melbourne spielt und auf der Romanreihe Phryne Fisher Mysteries von Kerry Greenwood basiert. Sie zählt zu den teuersten Serien Australiens und war 2012 ein absoluter Überraschungserfolg. Im Laufe der bis dato veröffentlichten drei Staffeln ist Miss Fishers Fangemeinde – auch international – stetig gewachsen, so dass die von Deb Cox und Fiona Eagger produzierte Serie mittlerweile in mehr als 120 Länder verkauft wurde. Dank der hohen Zuschauerzahlen und exzellenten Einschaltquoten hat man eine vierte Staffel in Auftrag gegeben, die bereits abgedreht wurde.

Doch was genau ist das Besondere an dieser Serie? Zum einen sind es sicherlich die brillanten Hauptdarsteller, Essie Davis als Miss Phryne Fisher und Nathan Page als Detective Inspector Jack Robinson, aber auch die bis in die kleinsten Rollen perfekt besetzten Nebenakteure, die diese Krimireihe so sehenswert machen. Zum anderen sind es die ausgesprochene Liebe zum Detail, das perfekte Setting und die prachtvolle Ausstattung, die wunderbaren Kostüme und die herrlich nostalgische Musik, mit denen man die goldenen Zwanziger wieder zum Leben erweckt hat und die dieser Produktion ihren ganz besonderen Charme verleihen. Hinzu kommen noch Spannung, Romantik und Humor, die dem Ganzen das i-Tüpfelchen aufsetzen.

© polyband Medien GmbH – Miss Phryne Fisher (Essie Davis)

Die Protagonistin dieser süchtig machenden Krimiserie ist die äußerst wohlhabende, glamouröse und für ihre Zeit sehr emanzipierte Miss Phryne Fisher (Essie Davis), die nach Mithilfe bei der Aufklärung eines mysteriösen Mordfalls als erster selbsternannter weiblicher Private Detective tätig wird. Die unabhängige Femme Fatale, die entgegen dem damaligen Rollenverständnis ohne Mann durchs Leben geht und dabei selten eine Party oder einen angesagten Jazz-Club auslässt, schert sich wenig um Konventionen oder das Gerede der Leute. Scheinbar furchtlos stürzt sie sich in jedes noch so gefährliche Abenteuer, auch wenn es für Frauen in den 20er Jahren wenig schicklich ist, und löst mit Scharfsinn und Wagemut auch die kniffligsten Fälle. Dies allerdings sehr zum Leidwesen des bodenständigen, introvertierten Detective Inspector John „Jack“ Robinson (Nathan Page), der mit Miss Fishers rasantem Tempo kaum Schritt halten kann, sie aber dennoch oftmals aus bedrohlichen Situationen rettet.

© polyband Medien GmbH – Detective Inspector Jack Robinson (Nathan Page)

Obwohl er sich jede Einmischung in seine Polizeiarbeit verbietet, macht Miss Fisher ihm fast immer einen Strich durch die Rechnung und ist oftmals sogar eher am Tatort als er, was ihn schier wahnsinnig macht. Doch ihm ist schnell klar, dass sie dank ihres Spürsinns und scharfen Verstands bei seinen Ermittlungen sehr hilfreich ist und oftmals Details erkennt bzw. Verbindungen herstellt, die er ohne sie nicht wahrgenommen hätte. Auf der anderen Seite „erdet“ seine ruhige und besonnene Art Miss Fisher, die im Eifer des Gefechts schon mal über das Ziel hinausschießt. Darüber hinaus ist der geschiedene Jack für die damalige Zeit ein fast emanzipierter Mann, für den eine Frau nicht unbedingt in die Küche gehört. Jack und Phryne raufen sich immer wieder zusammen und müssen feststellen, dass sie ein gutes Team sind, auch wenn sie unterschiedlichen sozialen Klassen angehören und in ihren Lebensauffassungen grundverschieden sind.

© polyband Medien GmbH
Dot (Ashleigh Cummings) und
Hugh (Hugo Johnstone-Burt)

Natürlich braucht jeder weiblicher Private Detective auch ein gut funktionierendes Team. Und was läge da für Miss Fisher näher, als ihre Bediensteten, die für sie wie eine Familie sind, einzuspannen? Zum einen wäre da das schüchterne katholische Hausmädchen Dorothy „Dot“ Williams (Ashleigh Cummings), die dank Miss Fisher aufblüht und gerade bei riskanten Nachforschungen zu ihrer eigenen Überraschung über sich hinaus wächst. Dot ist in Constable Hugh Collins (Hugo Johnstone-Burt), den stets überforderten Assistenten des Inspectors, verliebt, den sie oftmals geschickt nach dem Stand von Ermittlungen ausfragt, wenn Jack mal wieder genug von Miss Fishers Alleingängen hat und zu keiner Auskunft bereit ist.

Zum anderen ist auch Mr. Butler (Richard Bligh), der, wie passend, den Namen seines Berufs trägt, stets in Miss Fishers Vorhaben eingeweiht und unterstützend tätig. Dies gilt ebenso für Bert (Travis McMahon) und Cec (Anthony Sharpe), die für Miss Fisher auch schon mal „das Grobe“ erledigen. Zu guter Letzt sei noch die Pathologin Dr. Elizabeth „Mac“ Macmillan (Tammy MacIntosh), die Herrenkleidung bevorzugt, zu erwähnen, eine enge Freundin von Miss Fisher, auf die sie immer zählen kann und die ihr auch schon mal Einblicke in einen Obduktionsbericht gewährt – ganz inoffiziell natürlich.

© polyband Medien GmbH – Miss Phryne Fisher (Essie Davis)

Die Serie lebt vom fantastischen Zusammenspiel aller Charaktere: Hier stimmt einfach die Chemie. Die wunderbar coole Essie Davis, die für die Rolle der Miss Fisher einfach prädestiniert zu sein scheint, wird von ihrem männlichen Pendant, Nathan Page als Jack Robinson, perfekt ergänzt. Die beiden Hauptakteure porträtieren ihre Figuren jenseits von Stereotypen und geben ihnen so die notwendige Tiefe, die sie glaubwürdig macht. Die romantische Annäherung von Phryne und Jack übermitteln sie mit sehr viel Gefühl, aber ohne Pathos, und mit altmodisch-sentimentalen Szenen, die im Gedächtnis bleiben, z. B. wenn sie gemeinsam am Klavier sitzen und den Cole Porter Klassiker Let’s Misbehave singen.

In jeder Folge erfahren die Zuschauer ein wenig mehr über Miss Fisher, deren tragische Vergangenheit sie unter all dem Glamour nur zu gern begraben möchte. Doch sie wird von einem weit zurückliegenden dramatischen Ereignis immer wieder eingeholt, bis sie sich schließlich Jack anvertraut – doch da ist es schon fast zu spät…

Auch Paar Nr. 2 – Dot und Hugh – harmoniert perfekt mit der „Erstbesetzung“ Fisher/Robinson. Ashleigh Cummings brilliert als kluges, zurückhaltendes Hausmädchen Dot, die sich unter dem positiven Einfluss von Miss Fisher mehr und mehr emanzipiert. Hugo Johnstone-Burt spielt den unerfahrenen, naiven, oftmals halsbrecherisch-tolpatschigen Assistenten des Inspectors mit Charme und Witz, ohne ihn dabei zu überzeichnen.

© polyband Medien GmbH
Miss Phryne Fisher (Essie Davis) und Jack Robinson (Nathan Page)
Dot (Ashleigh Cummings) und Hugh (Hugo Johnstone-Burt)

Miss Fishers mysteriöse Mordfälle hat mich von Anfang an begeistert. Ich habe mittlerweile Staffel 1 und Staffel 2 gesehen und kann es gar nicht erwarten, bis endlich auch Staffel 3 erscheint – im September ist es endlich soweit). Schaut doch mal rein und macht euch selbst ein Bild. Es lohnt sich!!!


Miss Fishers mysteriöse Mordfälle (Miss Fisher’s Murder Mysteries)
Produktionsland: Australien
Start: 2012
Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH

Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, München (www.polyband.de), die mir alle o.g. Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Skurriles aus dem Paradies

Paul Theroux: Hotel Honolulu

Hotel Honolulu, der erste Roman, den ich von Paul Theroux gelesen habe, ist ein skurriles literarisches Werk, wie ich bisher keines gelesen habe. Es lässt sich in kein Genre packen, schwankt zwischen klangvoller und derber Sprache und beinhaltet eine kapriziöse Mischung aus Humor, Tragik, Erotik und Lebensklugheit. Ein stringentes Plot sucht man hier vergebens – aber man vermisst es auch nicht. Wenn man sich erst einmal auf Theroux‘ unkonventionelle Erzählform eingelassen hat, ist es allerdings schwer, sich wieder davon zu lösen, denn schon nach kurzer Zeit taucht man ein in die Welt der oftmals sonderbaren Protagonisten und ihre nicht selten verstörenden Lebensgeschichten, die berühren – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Und immer wieder trifft den Leser die ganze Wucht des Ausdrucks von Theroux, denn der Autor macht selten Schnörkel – nichts wird beschönigt oder durch die Blume mitgeteilt – alles entfaltet sich mit absoluter Klarheit und Abgeklärtheit. Aber ab und an findet man auch wunderbar poetische Passagen, die so gar nicht zum Gesamtbild passen wollen und sich doch mühelos und vor allem stimmig einfügen. Dies alles macht das Besondere des Romans aus, der im wahrsten Sinne des Wortes ungewöhnlich ist.

Vom Schriftsteller zum Hoteldirektor

Als der namenlose 57-jährige Protagonist des Romans, ein schreibblockierter Autor, sich entschließt, den ihm angebotenen Job als Direktor des heruntergekommenen Hotels Honolulu auf Hawaii anzunehmen, ahnt er nicht im geringsten, worauf er sich einlässt. Zumal ihm klar ist, dass Hotelbesitzer Buddy Hamstra ihm nur deshalb die Leitung seines Hotels anvertraut hat, weil er Schriftsteller ist. Er hat keinerlei Erfahrung im Hotelbusiness und verlässt sich daher zunächst auf seine Angestellten, eine muntere, bunt gemischte Truppe, die ihn, den haole (hawaiianisch: weißer Mann),  wie einen Exoten bestaunen. Und auch sein Chef Buddy ist mehr als gewöhnungsbedürftig: Laut bis zum Exzess und ohne jegliches Gefühl für Peinlichkeiten sprüht er vor Lebenslust und ist somit das krasse Gegenteil des Autors, der leise Momente mit einem guten Buch am Strand bevorzugt. Ehe er sich versieht, beginnt für ihn ein völlig neues Leben: Er verliebt sich in die Hotelangestellte Sweetie und wird Vater einer Tochter, Rose, die sich zu einem seltsam anmutenden, sehr belesenen Mädchen entwickelt.

Ein neues Leben: Kuriose Gäste und unkonventionelle Freunde

Nichts kann den neuen Hoteldirektor allerdings auf die Gäste und ihre Eigenarten vorbereiten, die das Hotel Honolulu tagtäglich frequentieren. Ihre Hintergründe und Geschichten scheinen wie gemacht für einen Roman, zu dem ihm aber immer noch der Antrieb fehlt. Außerdem ist er als wichtigste Ansprechperson des Hotels wohl oder übel gezwungen, sich mit den Alltags- und Privatproblemen seiner Gäste zu beschäftigen – eine Aufgabe, an die er sich erst gewöhnen muss, denn er taucht lieber in fiktionale Welten ab, als sich mit dem allzu Menschlichen auseinanderzusetzen. Aber zu seiner Überraschung wächst er an seiner neuen Herausforderung und die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, ihr Glück und ihre Tragödien, prägen ihn und lassen eine Seite von ihm zum Vorschein kommen, die er bisher nicht kannte.

Und auch seine unkonventionellen Freundschaften mit seinem übersprudelnden Chef Buddy Hamstra, mit dem er rein gar nichts gemein hat, dem introvertierten Henry-James Biographen Leon Edel, der seine Passion für die Schriftstellerei teilt oder dem megareichen Einsiedler Royce Lionberg, den er für den „glücklichsten Mann auf Hawaii“ hält, bis etwas Undenkbares geschieht, schärfen seinen Sinn für das Wesentliche, der ihm als verschlossener Schriftsteller abhanden gekommen war. Doch gerade als er sich in seinem paradiesischen Zuhause so richtig heimisch fühlt, passiert etwas, das ihm eine weitere Entscheidung abverlangt: Hat er den Mut, seinem Leben eine erneute Wendung zu geben oder wählt er den leichten Weg zurück in seine vertraute, alte Welt?

Ein ungewöhnlicher Roman mit existenzieller Tiefe

In 80 Geschichten, die mit den 80 Zimmern des Hotels korrespondieren, entwirft Theroux ein kurioses Mosaik aus exzentrischen Charakteren, deren tragikomische Lebensbeschreibungen nicht immer leicht verdaulich sind. Die Abgründe, die sich hinter vielen Fassaden auftuen, gehen oftmals ins Bodenlose und schockieren. Doch nach jeder Erschütterung gewährt der Autor seinen Lesern eine kurze Atempause, in der guter Humor und Poesie aufblitzen, bevor erneut dunkle Wolken aufziehen. Diese Auf und Abs bzw. dieser ganz besondere Mix, der mit viel Lebensklugheit serviert wird, hat mich sehr beeindruckt. Ich muss wirklich sagen, dass ich noch nie ein Buch gelesen habe, das so ungewöhnlich ist wie dieses. Es verlangt den Lesern zwar einiges ab, gibt ihnen aber im Gegenzug auch vieles zurück. Hotel Honolulu ist ein sehr beachtenswerter Roman, der mit kunstvoller Metaphorik vom Suchen und Finden des Glücks in einer Welt erzählt, in der kein Paradies mehr Bestand hat.

Paul Theroux: Provokanter amerikanischer Autor und Reiseschriftsteller

Paul Theroux wurde 1941 in Medford/Massachusetts, USA, geboren. Er studierte an der University of Maine, der University of Massachusetts und an der Syracuse University. Nach seinem Abschluss, dem Bachelor of Arts, arbeitete er zunächst als Lehrer und lebte in Italien, Malawi und  Uganda. Zudem hatte er für einige Zeit einen Lehrstuhl an der Universität von Singapur inne. Heute lebt er mit seiner Familie abwechselnd auf Hawaii und Cape Cod.

Theroux verfasste zunächst Kurzgeschichten, Zeitungsartikel und Romane. Zu seinen bekanntesten Werken zählen u.a. The Mosquito Coast, der mit Harrison Ford, Helen Mirren und River Phoenix verfilmt wurde sowie Half Moon Street, dessen Verfilmung mit Sigourney Weaver und Michael Caine sehr sehenswert ist. Vor allem aber machte sich Theroux auch als Reiseschriftsteller mit sehr eigenwilligem Stil einen Namen und erlangte so ein internationales Renommee. Leider wurde von seinen insgesamt mehr als 30 Büchern nur ein geringer Teil ins Deutsche übersetzt.

Hotel Honolulu zählt ebenso wie Mein geheimes Leben zu den halbbiografischen Werken des Schriftstellers.

Seit 2013 ist Paul Theroux Mitglied der American Academy of Science and Arts.

Weitere Informationen zum Autor findet ihr auf seiner Website www.paultheroux.com, der ich ebenso wie der amerikanischen Wikipedia Site seine biografischen Informationen entnommen habe.


Originalausgabe: Theroux, Paul. Hotel Honolulu. New York: Houghton Mifflin, 2001.
Deutsche Ausgabe: Theroux, Paul. Hotel Honolulu. Aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2016.
Buchcover: www.hoffmann-und-campe.de

Mein herzlicher Dank gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.