The Sky Is The Limit:
Absturz eines Wall Street Jongleurs

Robert Goolrick: Wenn Prinzen fallen

Die 80er Jahre – das wohl exaltierteste und schillerndste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Neben eigensinniger Mode und innovativen Musiktrends war die Ära auch und vor allem geprägt durch Extravaganz, Luxus und Dekadenz. Letztere Attribute spiegelten sich insbesondere in den schwindelerregenden Spekulationen und riskanten Geldgeschäften wider, die eine Vielzahl von ambitionierten, großspurigen Wall Street Playern jeden Tag abwickelten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Only the sky is the limit war das Motto der selbstgefälligen Prinzen von Manhattan, in deren Wortschatz Ethik und Moral nicht vorkamen. Sie flogen hoch und fielen tief – ein Absturz, den einige nicht überlebten – zu groß war die Demütigung, zu vernichtend der Gesichtsverlust und die Vorstellung, ein Verlierer zu sein.

Retrospektive eines Geläuterten

Hier setzt Robert Goolricks neuester Roman Wenn Prinzen fallen an: Sein Protagonist Rooney, 36, ist auf dem existentiellen Tiefpunkt angelangt. Nach einem exzessiven Leben als erfolgreicher Wall Street Trader und zügelloser Playboy arbeitet er nun als Verkäufer bei der Buchhandelskette Barnes & Noble. Geläutert und wehmütig blickt er auf seinen glanzvollen Aufstieg und seine einzigartige Karriere zurück, die grenzenlos schien und doch ein so abruptes, ruhmloses Ende fand. Dabei geht Rooney hart mit sich und seiner hochmütigen Who-Cares-Attitüde ins Gericht: Er verschönt nichts, aber bereut vieles, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Jetzt steht er vor den Scherben seines narzisstischen Höhenflugs – dabei war der Beginn einst so verheißungsvoll…

Kometenhafter Aufstieg

Nachdem der junge Rooney desillusioniert feststellt, dass er nicht zum Bohemian taugt und weder als Maler noch als Schriftsteller noch als Schauspieler besonders talentiert ist, beschließt er widerwillig, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und damit dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen. Es gelingt ihm schließlich, einen Job als Junior Trader bei einer Top Wall-Street-Firma zu erhalten – und dafür muss er sich noch nicht mal besonders anstrengen: Sein tougher, unkonventioneller Chef hält nichts von Bewerbungsgesprächen und noch weniger von Zeugnissen. Wenn Rooney es allerdings schafft, ihn beim Pokern zu besiegen, hat er den Job. Und ihm gelingt das Unmögliche: Innerhalb kürzester Zeit wird er eines der vielversprechendsten Trader-Talente. Obwohl ihm der Job keinerlei Spaß macht und sein arbeitsintensiver Alltag ihm alles abverlangt, liebt er den Nervenkitzel und das Jonglieren mit Unsummen, das seine reichen Mandanten noch reicher macht.

Bis zum Exzess: Leben auf der Überholspur

Doch damit kann Rooney leben, denn seine Boni sind exorbitant ebenso wie sein Lebensstil, dessen Dekadenz dem Wall Street Zeitgeist entspricht: Goldene Manschettenknöpfe mit Monogramm, maßgeschneiderte Edelanzüge und ein Haarschnitt, der so teuer ist wie eine Monatsmiete – all diese Dinge werden für ihn zur Normalität und lassen ihn in seiner unermesslichen Arroganz und Selbstverliebtheit die Nase über die langweiligen Normalo-Spießer rümpfen, die in seinen Augen keine Ahnung haben, wie man das Leben genießt. Wie gut, dass er sich wohltuend von diesen Losern unterscheidet: Jede Nacht feiern er und seine Kollegen mit den schönsten Frauen in den angesagtesten Clubs und werfen mit Geld nur so um sich – das Beste ist für die Auserwählten gerade gut genug. Auch Drogen zur Entspannung dürfen da natürlich nicht fehlen – eine Koksline nach der anderen gepaart mit Unmassen von Alkohol helfen, den Stress abzubauen und dem tagtäglichen Druck standzuhalten.

Niedergang und Neubeginn

Doch das Leben auf der Überholspur fordert schließlich seinen Tribut: Rooneys durchzechte Nächte und sein steigender Drogenkonsum wirken sich negativ auf seine Arbeit aus, er wird zunehmend aggressiv und unberechenbar. Und so kommt es, wie es kommen muss: Er gerät ins Straucheln und begeht schließlich einen fatalen Faux Pas bei einem wichtigen Mandanten, der ihn den Job kostet. Doch damit nicht genug: Sein ihm ehemals wohlgesonnener Chef sorgt dafür, dass er als Trader kein Bein mehr auf die Erde bekommt. Auch sein Privatleben geht den Bach runter: Sein große Liebe Carmelia reicht die Scheidung ein und nimmt ihm alles, was er besitzt. Aber Rooney ist längst an einem Punkt angelangt, an dem ihm auch das nichts mehr ausmacht.

Als er denkt, dass ihn nichts mehr wirklich berühren kann, rückt eine bis dato unbekannte Krankheit in den Fokus der Öffentlichkeit: AIDS. Auch in seinem nahen Umfeld erkranken und sterben viele Freunde und Bekannte. Rooney ist schockiert und kann nicht fassen, dass sein Leben von heute auf morgen zerfällt. Als er nach langer Suche endlich einen Job bei Barnes & Noble erhält, scheint ein wenig Ruhe einzukehren, doch kann er seine alte Luxus-Existenz so einfach hinter sich lassen?

Eine eindrucksvolle Zeitreise ins dekadente Wall Street Business der 80er Jahre

Mit seinem neuesten Werk Wenn Prinzen fallen ist Robert Goolrick ein einzigartiger Roman über das Schicksal eines erfolgsverwöhnten Traders im Manhattan der glorreichen 80er Jahre gelungen. Mittels Rooneys Lebensgeschichte, die im Ablauf einem griechischen Drama gleicht – Aufstieg, Hybris, Absturz und Katharsis – versetzt uns der Autor zurück in eine Ära, die zwar von Überfluss und viel Glanz und Glitter geprägt, deren Untergang aber bereits vorprogrammiert war. Der wehmütige Rückblick des geläuterten Protagonisten ist nicht ohne Scham und Reue, die jedoch für die Menschen, die er benutzt und weggeworfen hat, viel zu spät kommt. Gerne würde er um Verzeihung bitten, doch kaum jemand möchte noch etwas mit ihm zu tun haben. So bleibt ihm nur die Einsamkeit und die Erinnerung an bessere Zeiten. Selbstmitleid wäre hier allerdings fehl am Platz – das ist Rooney nur allzu bewusst.

Von seinem Prinzenleben ist ihm lediglich immens teure Bettwäsche geblieben, die er als Andenken an seine Glanzzeiten aufbewahrt. Auch seinen exklusiven Kleidungsstil hat er beibehalten, was ihn zu einem Paradiesvogel bei Barnes & Noble macht. Doch sein altes Leben lässt sich eben nicht wie eine zweite Haut abstreifen, was auch er letzten Endes schmerzlich erkennen muss. Es gibt kein Zurück, aber einen Neubeginn, der – so gewöhnungsbedürftig er auch immer sein mag – ganz banal impliziert, dass das Leben auch nach einem Höllensturz weitergeht.

Mein Fazit: Ein brillanter Roman und Must Read – überaus lesenswert!

Robert Goolrick: Grandioser Schriftsteller in der Erzähltradition der Südstaaten

© Juliet Wiebe

Robert Goolrick wurde in einer kleinen Universitätsstadt im US-Bundesstaat Virginia geboren. Er besuchte die John Hopkins Universität in Baltimore und ging nach seinem Abschluss einige Jahre nach Europa, um dort als Schauspieler bzw. Maler Karriere zu machen. Da er in beiden Metiers nicht erfolgreich war, kehrte er in die USA zurück und schrieb sein erstes Buch, eine Autobiografie mit dem Titel The End of the World As We Know It (Das Ende der Welt, wie wir sie kennen). Seine Eltern enterbten ihn nach Erscheinen des Buchs, denn Goolrick berichtet hierin schonungslos offen über seine traumatische Kindheit und seine daraus resultierende Alkoholsucht.

Goolrick bekam sein Leben aber wieder in den Griff und arbeitete erfolgreich in der Werbebranche. Als er dann aufgrund seines Alters – Anfang 50 –  gefeuert wurde, besann er sich wieder auf seine schriftstellerischen Wurzeln und schrieb den Roman A Reliable Wife (Eine verlässliche Frau), der zum New York Times Bestseller wurde und ihm den Durchbruch als Autor bescherte. Auch sein darauf folgendes Buch, Heading Out to Wonderful (Ein wildes Herz), wurde von Kritikern und Lesern begeistert angenommen.

Sein viertes Werk, das hier vorgestellte The Fall of Princes (Wenn Prinzen fallen), schaffte ebenfalls den Sprung auf die Bestsellerlisten und etabliert Goolrick verdientermaßen als einen der herausragendsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit.

Robert Goolrick lebt und arbeitet in Virginia.

Weitere Informationen und die aktuellsten News über den Autor findet ihr auf seiner Facebook-Seite https://www.facebook.com/Robert-Goolrick-197443205141/.


Originalausgabe: Goolrick, Robert. The Fall of Princes. Chapel Hill/North Carolina: Algonquin Books of Chapel Hill/Workman Publishing, 2015.
Deutsche Ausgabe: Goolrick, Robert. Wenn Prinzen fallen. Aus dem Englischen von Judith Schwaab. btb Verlag/Randomhouse, 2017.
Buchcoverwww.randomhouse.de

Autorenfoto: © Juliet Wiebe – Mein herzlicher Dank gilt der Verlagsgruppe Random House, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Lesehighlights der ganz besonderen Art:
Die Leo-Wechsler-Krimis von Susanne Goga

Wer meinen Blog des Öfteren liest, weiß, wie sehr ich die 20er Jahre und ausgeklügelte, nervenaufreibende Krimis mit vielen unerwarteten Wendungen liebe. Bei Susanne Gogas Krimireihe um Kommissar Leo Wechsler, die im Berlin der Zwanziger Jahre spielt, kommen beide Komponenten auf brillante Weise zusammen und sorgen mit spannenden Fällen, außergewöhnlichen Protagonisten und vielen interessanten historischen Informationen für exzellente Unterhaltung. Die Autorin hat ausführlich recherchiert und erweckt das Berlin der damaligen Zeit mit seinen politischen Wirren und sozialen Gegensätzen, kulturellen Attraktionen, moralischen Abgründen und ausschweifender Dekadenz mit großer Detailtreue wieder zum Leben. Sie nimmt die Leser mit auf eine erlebnisreiche und soghafte Zeitreise in die Roaring Twenties und zeigt auch die unglamouröse Seite dieser oftmals glorifizierten Ära, die von Inflation und bitterer Armut geprägt war.

Sehr gekonnt verbindet Goga fesselnde Kriminalfälle mit der persönlichen Lebensgeschichte ihres Protagonisten, Kommissar Leo Wechsler. Dieser ist nach dem tragischen Tod seiner Frau Dorothea mit seinen beiden Kindern Georg und Marie auf sich allein gestellt. Seine Schwester Ilse zieht zu ihm und kümmert sich um den Haushalt und die Kleinen, denn Leos Job wäre als alleinerziehender Vater sonst nicht machbar. Obwohl Leo und Ilse sich im Allgemeinen gut verstehen, gibt es des Öfteren Reibereien, denn Leo ist viel zu oft nicht zuhause, und Ilse hadert mit ihrem Privatleben, das auf der Strecke bleibt. Aber auch Leos Privatleben lässt zu wünschen übrig: Seine On-und-Off-Affäre mit Lebedame Marlen vermag seine innere Leere nicht zu füllen. Der einzige Lichtblick ist Clara, die eine kleine Leihbücherei betreibt und die er immer wieder gerne besucht, um ihr sein Herz auszuschütten. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.  Nur so viel: Die Auf und Abs in Leos Leben sind ebenso packend wie die rätselhaften Verbrechen, die er aufklären muss.

Band 1: Leo Berlin

Berlin 1922: Der Wunderheiler Gerhard Sartorius wird tot in seiner luxuriösen Wohnung in Charlottenburg aufgefunden – erschlagen mit einer schweren Buddha-Figur aus Jade. Ein Schock für die Haute Volée Berlins, denn Sartorius behandelte primär die Schönen und Reichen, die seine Dienste mit äußerster Diskretion untereinander weiterempfahlen. Kommissar Leo Wechsler steht vor einem Rätsel: Es gibt keinerlei Anhaltspunkt, keine Zeugen und nicht die geringste Spur des Täters, den Sartorius scheinbar gekannt haben muss, da es keinerlei Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gibt. Wechsler findet heraus, dass Sartorius seine betuchte Kundschaft nicht nur mit Händeauflegen behandelte, sondern sie ebenso mit Kokain versorgte. Doch diesbezüglich laufen seine Ermittlungen ins Leere.

Als man dann zu einem späteren Zeitpunkt die Leiche einer alternden Prostituierten im Scheunenviertel findet, die brutal erdrosselt wurde, wird Wechsler hellhörig. Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass zwischen den Morden ein mysteriöser Zusammenhang bestehen muss, obwohl es nichts gibt, was seine These stützt. Der Täter bleibt ein nicht greifbares Phantom, bis Wechsler schließlich eine entscheidende Information erhält, die ihn über Umwege auf die Spur des rachsüchtigen Killers führt…

Band 2: Tod in Blau

Der junge Carl Bremer, der als Verkäufer in einer Konfektionshandlung arbeitet, wird tot aus dem Landwehrkanal gezogen. Wechsler vermutet zunächst Selbstmord, doch es verdichten sich Hinweise, die auf Mord hindeuten. Insbesondere seine Korrespondenz mit der Asgard-Gesellschaft, einer rechtsextremen Organisation, deren Mitglieder ausschließlich ehemalige Offiziere sind, weckt Wechslers Interesse. Doch der Kommissar und sein Team können nichts Verwertbares gegen diese nationalistische Vereinigung in Erfahrung bringen. Da sich ein Mord ebenso wenig nachweisen lässt, ist Wechsler gezwungen, die Ermittlungen zunächst als abgeschlossen zu betrachten.

Als dann der skandalträchtige Maler Arnold Wegner, der das Establishment mit seinen Bildern gleichermaßen schockiert wie begeistert, verbrannt in seinem Atelier aufgefunden wird, führt die Spur ein weiteres Mal zur dubiosen Asgard-Gesellschaft. Doch dieses Mal lässt sich Wechsler nicht so einfach abwimmeln, insbesondere da sich Wegners Tod als brutaler Mord herausgestellt hat. Aber auch in diesem Fall kann der Kommissar nichts Belastendes gegen die aalglatten Vertreter der geheimnisvollen Organisation finden, bis ihn seine Ermittlungen schließlich zur Tänzerin Thea Pabst, das letzte Modell des Malers, und zum kleinen Paul führen, der – ohne es zu ahnen – das Motiv zum Mord an Wegner hütet: Der Maler hatte ihm sein letztes Bild mit dem Titel Die blaue Stunde zur Aufbewahrung anvertraut, weil er die Gefahr ahnte. Paul ist nicht bereit, sein Versprechen gegenüber Wegner zu brechen, und so beginnt für Wechsler ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Kleine gerät ins Visier des Täters, der vor nichts und niemandem zurückschreckt, um sein dunkles Geheimnis zu bewahren…

Band 3: Die Tote von Charlottenburg

Berlin 1923: Leo Wechsler und seine Freundin Clara Bleibtreu verbringen entspannte Urlaubstage auf Hiddensee, wo Clara die Ärztin und engagierte Frauenrechtlerin Henriette Strauss kennenlernt. Henriette ist Clara sofort sympathisch, ihre offene und erfrischende Art findet sie äußerst wohltuend. Als Henriette einige Monate später plötzlich verstirbt, ist Clara mehr als schockiert. Die Todesursache soll ein Herzanfall gewesen sein, doch Henriettes Neffe Adrian, der sehr an seiner Tante hing, kann und will das nicht glauben, denn Henriette erfreute sich bester Gesundheit und hatte keinerlei Herzprobleme. Leo ermittelt und kommt schließlich einem perfiden Verbrechen auf die Spur: Die Ärztin wurde mit einer seltenen Substanz vergiftet.

Der Kommissar ermittelt daraufhin in alle Richtungen: Angefangen beim Krankenhaus, in dem Henriette arbeitete, wo man von nicht genehmigten Experimenten an Patienten munkelt, die die streitbare Ärztin keinesfalls mittragen wollte, bis hin zu ihrer vehementen Ablehnung des Abtreibungsparagraphen, für dessen Abschaffung sie sich stark machte. Aber auch ihr sogenannter Frauenzirkel, dem u.a. eine Arztin, eine Rechtsanwältin und eine Journalistin angehören, gerät ins Visier der Polizei. Doch dann richtet sich zu Wechslers Entsetzen der Fokus auf eine Person, der man einen solch teuflischen Mord niemals zutrauen würde. Der Kommissar glaubt an einen Irrtum, denn es lässt sich keinerlei Motiv erkennen. Doch schließlich kommt er Henriettes dunklem Geheimnis auf die Spur, das sie selbst ihrer Familie nie offenbarte…

Band 4: Mord in Babelsberg

Berlin 1926: In Kreuzberg wird die Leiche einer Frau im Hinterhof einer luxuriösen Wohnanlage gefunden, die mit einer roten Glasscherbe erstochen wurde. Leo Wechsler stockt der Atem, als er die Tote sieht: Es handelt sich um Marlen Dornow, mit der er vor einigen Jahren nach dem Tod seiner Frau Dorothea ein Verhältnis hatte. Dornow ließ sich stets von reichen Männern, darunter auch Politiker, aushalten und machte daraus auch keinen Hehl. Wechsler gelingt es nur mit Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Er beschließt, niemanden darüber zu informieren, dass er die Tote kannte – weder seine Kollegen noch seine Frau Clara, vor der er sich schämt.

Die Ermittlungen führen zunächst ins Leere, es gibt keine Zeugen und keine Spur des Täters. Doch dann wird der berühmte Regisseur Viktor König, dessen neuestes Werk Die Insel des Magiers sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat, tot aufgefunden – ebenfalls mit einer roten Glasscherbe erstochen. Nunmehr erhält der Fall eine ganz neue, dringliche Aktualität, denn die Öffentlichkeit will den Täter so schnell wie möglich hinter Gittern sehen. Wechsler ermittelt mit Hochdruck, aber wo liegt die Verbindung zwischen Marlen Dornow und Viktor König? Bei Marlen hatte er zunächst vermutet, dass einer ihrer namhaften Sugar Daddys der Täter ist, doch dies erwies sich scheinbar als unbegründet. Als Leo dann nach detaillierten Recherchen endlich einen Hinweis auf den möglichen Täter findet, erwartet ihn ein weiterer Schock…

Band 5: Es geschah in Schöneberg

Berlin 1927: Der Modesalon Morgenstern & Fink, dessen Inhaber das Ehepaar Lotte Morgenstern und Carl Fink ist, hat für seine neueste Modenschau eine ganz besondere Location gewählt: Das Romanische Café in Berlin, in dem sich das Who is Who der Künstlerszene trifft, scheint wie geschaffen für die extravagante Mode des Fashion Hauses, zu dessen Kunden auch bekannte Filmschauspielerinnen zählen. Doch das bis ins Detail geplante Event endet in einer Katastrophe: Zwei der Kleider wurden mit einem Kontaktgift präpariert, die jeweiligen Models kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Wechsler, der mittlerweile zum Oberkommissar ernannt wurde, ermittelt zunächst bei der Konkurrenz des aufstrebenden Modesalons, der für die alteingesessenen Modehäuser durch die innovativen, kapriziös-eleganten Entwürfe von Fink mehr und mehr zu einer existentiellen Bedrohung geworden ist.

Noch bevor sich Wechsler allerdings näher mit den Wettbewerbern befassen kann, wird er zu einem weiteren Tatort gerufen: Rainer Vogt, ein Mitarbeiter von Dr. Markus Hirschfeld am Institut für Sexualwissenschaft, liegt erschlagen in seiner Wohnung. Dort findet Wechsler zu seiner Überraschung auch einen Flyer des Modesalons Morgenstern & Fink. Für den Kommissar ist offensichtlich, dass es zwischen dem Anschlag auf das Modehaus und dem brutalen Mord an Vogt eine Verbindung geben muss, doch wie hängen die Fälle zusammen? Als sich Carl Fink nach Übermittlung der Todesnachricht von Vogt völlig verzweifelt abkapselt, glaubt Wechsler, den Hintergrund zu kennen, nicht ahnend, dass er von der Lösung des Falles noch meilenweit entfernt ist…

***

Der neue Fall von Leo Wechsler und gleichzeitig der sechste Band dieser Krimireihe trägt den Titel Nachts am Askanischen Platz und erscheint am 9. Februar 2018. Ich bin schon sehr gespannt, denn dieses Mal ermittelt Leo Wechsler im „Cabaret des Bösen“…

Ich empfehle euch die o.g. Krimireihe von Susanne Goga wirklich sehr, denn ihre Romane sind nicht nur äußerst klug konzipiert und sehr gehaltvoll, sondern vermitteln darüber hinaus ein lebendiges Bild vom Berlin der Zwanziger Jahre, dessen Mythos als Sünden-Babel lediglich an der schillernden Oberfläche kratzt. Goga zeigt die Menschen im Schatten, die Schicksale der verelendeten Bevölkerung, die hungernden, herumstreunenden Kinder (z.B. der kleine Paul aus Tod in Blau), für die es nirgends einen Platz gibt. Ebenso exponiert sie die Welt der Mächtigen und Reichen der damaligen Zeit (z. B. Protagonist Viktor König aus Mord in Babelsberg) und ihr sorgloses Leben im Überfluss, das angesichts der inflationären Verarmung mehr als dekadent erscheint.

Alles in allem sind Gogas Romane spannende, erstrangige Lesehighlights der ganz besonderen Art, die sich von der Masse der historischen Kriminalromane erfolgreich abheben. Sehr lesenswert!

© Myriam Topel

Susanne Goga: Schriftstellerin und Literaturübersetzerin

Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf mit den Schwerpunkten Englisch und Französisch. Zunächst arbeitete sie hauptberuflich als Übersetzerin und hat seit 1995 ca. 100 Romane (u.a. von Gillian Flynn, Chris Cleave, Elizabeth Gilbert, Peter James u.v.m.), Kurzgeschichten und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche übersetzt.

Seit 2001 ist sie ebenfalls sehr erfolgreich als Schriftstellerin tätig. Neben der o.g. einzigartigen und äußerst spannenden Kriminalromanreihe um den Berliner Kommissar Leo Wechsler schreibt Goga auch historische Romane: Das Leonardo-Papier, Die Sprache der Schatten, Der verbotene Fluss, Der dunkle Weg, Das Haus in der Nebelgasse und ihr neuestes Werk, Die vergessene Burg, das am 10. September 2018 erscheint.

Mit ihrer Kurzgeschichte Der Sparkasten belegte Susanne Goga 2006 Platz 2 des Moerser Literaturpreises. Ein Jahr später gelang ihr mit ihrer Kurzgeschichte Zigarettenmädchen der Sprung auf Platz 1 des Moerser Literaturpreises. 2012 erhielt sie für ihren o.g. historischen Roman Die Sprache der Schatten den DeLia-Literaturpreis. Drei Jahre später wurde der Autorin eine ganz besondere Ehre zuteil: Für Band 4 ihrer Leo-Wechsler Reihe – Mord in Babelsberg – erhielt sie den Goldenen HOMER für den besten historischen Kriminalroman.

Susanne Goga ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, das zu PEN International, einem Verbund von über 140 Schriftstellerorganisationen aus 101 Ländern, gehört.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website susannegoga.de, der ich auch ihre biografischen Informationen entnommen habe.


Goga, Susanne. Leo Berlin. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2005.
Goga, Susanne. Tod in Blau. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2007.
Goga, Susanne. Die Tote von Charlottenburg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2012.
Goga, Susanne. Mord in Babelsberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2014.
Goga, Susanne. Es geschah in Schöneberg. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2016.
Goga, Susanne. Nachts am Askanischen Platz. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 9.2.2018.

Buchcover: www.dtv.de
Autorenfoto: © Myriam Topel – Mein herzlicher Dank gilt der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, die mir dieses Foto zur Verfügung gestellt hat.

Foto unter dem Artikeltitel: © Jake William Heckey, www.pixabay.com

Rowan Atkinson als Kommissar Maigret
Zwei neue spannende Verfilmungen

Nach dem großen Erfolg der ersten Staffel von Kommissar Maigret, den Rowan Atkinson, weltberühmt durch seine Rollen Mr. Bean und Johnny English, zum Erstaunen aller Kritiker und Zuschauer so brillant verkörpert, wurden nun am 1. und 2. Weihnachtstag zwei neue spannende Verfilmungen der Kriminalromanreihe von Georges Simenon – Die Nacht an der Kreuzung und Die Tänzerin und die Gräfin – im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Downton Abbey-Regisseur Ashley Pearce, der für BBC1 und ITV1 schon seit vielen Jahren hochwertige Serien realisiert, hat diese beiden Folgen erneut eindrucksvoll inszeniert und lässt das Paris der 50er Jahre mit großer Detailtreue und atmosphärischer Dichte ein weiteres Mal lebendig werden. Dies gelingt ihm meines Erachtens meisterhaft, denn die außergewöhnlichen Episoden leben gleichermaßen von eindrucksvollen Momentaufnahmen, opulenten Bildern und düsteren Szenarien, die nicht nur ein Fest fürs Auge sind, sondern auch spannende Unterhaltung garantieren.

Die Nacht an der Kreuzung

Als man die Leiche eines Mannes in der Garage des Dänen Carl Anderson findet, der in einem Landhaus nahe Paris gemeinsam mit seiner Schwester Else lebt, fällt der Verdacht sofort auf den unnahbaren, überheblichen Skandinavier, dessen Vorliebe für Waffen von der Nachbarschaft äußerst kritisch beäugt wird. Sowohl die beiden Betreiber einer Autowerkstatt als auch der Handelsvertreter Michonnet und seine Frau, die als Köchin bei den Andersons arbeitet, trauen dem undurchsichtigen Ausländer, von dem es heißt, er schließe seine Schwester jeden Tag in ihrem Zimmer ein, nicht über den Weg.

© polyband Medien GmbH – Maigret (ROWAN ATKINSON)

Der für den Fall zuständige Inspecteur Grandjean kontaktiert seinen langjährigen Freund Maigret, als sich die Hinweise verdichten, dass Anderson mit seiner Schwester nach Paris fliehen will. Maigret lässt beide bei ihrer Ankunft verhaften – und bei dieser Gelegenheit findet sich auch die Mordwaffe. Inspecteur Grandjean ist hochzufrieden, dass er den Täter so schnell dingfest machen konnte und betrachtet den Fall als abgeschlossen. Doch Maigret hegt nach einem Verhör mit dem Verdächtigen erste Zweifel. Es gibt seines Erachtens zu viele Punkte, die nicht schlüssig sind. Als die dänische Botschaft die Identität von Anderson nicht bestätigen kann und dieser versucht, sich in der Zelle zu erhängen, weiß Maigret, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, und er beschließt, auf eigene Faust weiter zu ermitteln – sehr zum Ärger von Inspecteur Grandjean.

© polyband Medien GmbH – Maigret (ROWAN ATKINSON)

Nach intensiven Recherchen findet Maigret schließlich heraus, wer der Tote ist: Es handelt sich um den Juwelier und Diamantenhändler Isaac Goldberg, der – so hat es den Anschein – auch als Hehler tätig war. Anderson behauptet, ihn nicht zu kennen, doch Maigret kann dies nur schwerlich glauben. Da Anderson weder seine wahre Identität noch für den Fall relevante Informationen preisgibt, veranlasst Maigret, ihn auf freien Fuß zu setzen und ihn Tag und Nacht zu überwachen. Inspecteur Grandjean ist fassungslos, er fühlt sich und seine Autorität untergraben und bricht einen handfesten Streit mit Maigret vom Zaun. Doch dieser lässt sich nicht beeindrucken und hält an seiner Strategie fest. Zu seinem Entsetzen muss Maigret feststellen, dass der Mord nur die Spitze des Eisbergs ist und dass die perfide Verschwörung, die er aufdeckt, in die eigenen Reihen führt – und zu Andersons fragiler Schwester Else, die ihm – insbesondere auf persönlicher Ebene – bereits viel zu nahe gekommen ist…

© polyband Medien GmbH
Else (MIA JEXEN), Grandjean (KEVIN R McNALLY) and Maigret (ROWAN ATKINSON)

Die Tänzerin und die Gräfin

Eines Nachts taucht die junge Nachtclubsängerin Arlette angetrunken auf dem Polizeirevier auf. Sie behauptet, nach ihrer Performance einen von zwei Männern geschmiedeten Mordplan mit angehört zu haben: Das Opfer soll eine Gräfin sein, ein Mann namens Oscar ist angeblich der Schlüssel zu allem. Maigret ist irritiert, schenkt ihrer Aussage aber Gehör, auch wenn ihre Informationen mehr als dürftig sind. Wer die Gräfin ist, kann Arlette nicht sagen, sie ist sich aber sicher, dass sie in höchster Gefahr schwebt. Noch bevor Maigret reagieren kann, schläft sie ein – nur um wenig später aus einem Alptraum hochzuschrecken und davonzulaufen, weil sie verzweifelt und wütend ist, dass man ihr nicht glaubt.

Maigret kann sich keinen Reim auf die wirren Ausführungen der Sängerin machen, aber es beschleicht ihn gegen seinen Willen ein ganz ungutes Gefühl. Und es soll ihn nicht trügen: Am nächsten Tag findet man Arlette erdrosselt in ihrer Wohnung. Maigret hat große Gewissensbisse und gibt sich die Schuld an ihrem Tod, weil er sie nicht beschützen ließ. Doch wie hätte er ahnen können, dass Arlette zum Opfer wird, wo doch eine Gräfin angeblich im Visier des Killers stand? Noch bevor er sich dieser Frage widmen kann, wird die Leiche einer heruntergekommenen morphiumsüchtigen Gräfin gefunden, die ebenfalls erwürgt wurde. Maigret ist sich sicher, dass es ein und derselbe Täter ist und befürchtet, dass dieser wieder zuschlagen wird, doch einen Beweis dafür hat er nicht – lediglich ein Bauchgefühl, das ihm keine Ruhe lässt.

© polyband Medien GmbH
Mme. Dussardier (SARA KESTELMAN) u. Maigret (ROWAN ATKINSON)

Von Dr. Bloch, dem Arzt der Gräfin, erfährt er, dass die Gräfin einen Stricher, Philippe, auf ihrem Speicher wohnen ließ, der nach dem Mord jedoch unauffindbar ist. Somit weiß Maigret nicht, wo er ansetzen soll. Seine Ermittlungen gehen ins Leere, denn es gibt offensichtlich keinerlei Verbindung zwischen Arlette und der alten Gräfin, die scheinbar überhaupt nichts gemeinsam haben. Maigret beschließt, sich ins sündige Montmartre zu begeben und sich in Arlettes Nachtclub umzuhören, während seine Männer mit Hochdruck nach Philippe suchen – und schließlich fündig werden.

© polyband Medien GmbH – Maigret (ROWAN ATKINSON)

Philippe erzählt ihnen, dass der Mörder der Gräfin, den er nicht sehen konnte, auch versucht hat, ihn zu töten, er jedoch nur mit viel Glück überlebte. Während Maigrets Kollegen dem Morphiumsüchtigen keinerlei Glauben schenken, ist der Kommissar überzeugt, endlich einen Ansatzpunkt gefunden zu haben – zumal er zwischenzeitlich Arlettes richtigen Namen in Erfahrung bringen konnte. Und so schmiedet er einen gefährlichen Plan, der den Killer in die Falle locken soll: Er setzt Philippe auf freien Fuß und lässt überall in Montmartre verbreiten, dass der junge Mann den Angriff des Mörders überlebt und sein Gesicht gesehen hat. Aber Maigret unterschätzt den Täter und gerät in Lebensgefahr, als er selbst zur Zielscheibe des Killers wird…

***

Ich kann euch diese 2. Staffel von Kommissar Maigret nur wärmstens empfehlen. Diese wunderbar nostalgischen Krimis sind superbe und machen Lust auf weitere spannende Fälle.

Besonders hervorzuheben ist die exzellente Besetzung, allen voran Rowan Atkinson, der seinen leisen Titelhelden gänzlich an Simenons literarische Schöpfung anlehnt und darüber hinaus zeigt, dass er nicht nur ein ausgezeichneter Comedian, sondern auch ein wahrer Charakterdarsteller ist. Gleiches gilt für die britische Schauspielerin Lucy Cohu, die Maigrets Ehefrau Louise mit viel Charme, Esprit und Bodenständigkeit verkörpert. Auch Maigrets Team, der coole Inspecteur Janvier (Shaun Dingwall) und der leicht arrogant wirkende Inspecteur LaPointe (Leo Starr), werden von den entsprechenden Akteuren sehr gut porträtiert.

Die Gaststars sind ebenfalls wieder erstklassig: In Folge 1 Die Nacht an der Kreuzung brillieren der renommierte deutsche Schauspieler Thomas „Tom“ Wlaschiha (Game of Thrones) in seiner Rolle als zwielichtiger Carl Anderson, die dänische Schauspielerin Mia Jexen, die ihrer Figur Else Anderson eine dramatische Dualität verleiht und der britische Mime Kevin R. McNally (Room at the Top), der als Inspecteur Grandjean eine schauspielerische Glanzleistung abliefert. In Folge 2 Die Tänzerin und die Gräfin geben die britische Theaterschauspielerin Olivia Vinall als Arlette, der britische Darsteller Sebastian de Souza als Philippe und die britische Mimin Lorraine Ashbourne als Rosa Alfonsi bemerkenswerte Kostproben ihres Talents.

Mein Fazit: Spannende Unterhaltung und ein filmischer Augenschmaus – sehr sehenswert!


Kommissar Maigret – Staffel 2: Die Nacht an der Kreuzung/Die Tänzerin und die Gräfin
Erscheinungsdatum: 27.12.2017
Deutscher Vertrieb: polyband Medien GmbH

Mein herzlicher Dank gilt der polyband Medien GmbH, München (www.polyband.de), die mir alle Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Ein frohes neues Jahr!

Ein neues Buch, ein neues Jahr

Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?
Wird’s werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm‘ im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

Theodor Fontane (1819 – 1898)

 


Quelle: Projekt Gutenberg: http://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9602/27
Foto: www.pixabay.com, © annca