Zeitzeugin hinter der Kamera:
Das bewegte Leben der ersten Kriegsfotografin Gerda Taro

Susana Fortes: Warten auf Robert Capa

Sie war die erste weibliche Kriegsfotografin, die ihren Platz in einer bis dato unangefochtenen Männerdomäne behauptete: Die 1910 in Stuttgart geborene Jüdin Gerta Pohorylle, die ihren Namen später in Gerda Taro – klanglich nach ihrem Idol Greta Garbo – änderte, war für viele Frauen eine unerschrockene Wegbereiterin in einem höchst risikoreichen Job, in dem Gefahr und Tod allgegenwärtig sind. Mit ihrem brillanten Roman Warten auf Robert Capa stellt die spanische Schriftstellerin Susana Fortes das bewegte Leben und tragische Schicksal dieser außergewöhnlich mutigen Frau in den Fokus und setzt ihr somit ein ihr gebührendes, eindrucksvolles Denkmal. Den Schwerpunkt legt die Autorin dabei auf die Liebesbeziehung zwischen Gerda Taro und Robert Capa, einem der weltweit renommiertesten Kriegsreporter, dessen Stern in den 30er Jahren, als die beiden sich in Paris kennenlernten und ein Paar wurden, gerade erst im Aufgehen begriffen war.

Die Idee zu ihrem o.g. Roman kam Fortes, als sie von einem Sensationsfund in Mexiko hörte: Dort man fand 3.000 unveröffentlichte Fotos von Robert Capa, Gerda Taro und David Seymour, die während des Spanischen Bürgerkriegs geschossen wurden. Darunter waren auch Fotos, die Capa von seiner Partnerin Taro gemacht hatte. Fortes begann über die Beziehung der beiden starken Persönlichkeiten zu recherchieren – insbesondere interessierte sie dabei die unkonventionelle Frau und scheinbar furchtlose Fotografin und Kriegsreporterin Taro, die trotz ihres augenscheinlichen Talents stets im Schatten des charismatischen Künstlers stand. Aus diesen Recherchen ging diese ganz besondere Geschichte hervor, die die Autorin so erstklassig konzipiert hat1.

Flucht nach Paris

Gerta wächst als Tochter eines aus Galizien eingewanderten jüdischen Kaufmanns gemeinsam mit ihren Brüdern Karl und Oskar in Stuttgart und Leipzig sehr behütet auf. Als die Nazis jedoch an die Macht kommen und ihre Schreckensherrschaft immer weiter ausbauen, wird die Lebenssituation für Gerta und ihre Familie jeden Tag gefährlicher. Als Gerta für kurze Zeit inhaftiert wird und nur dank ihrer perfekt gespielten Naivität wieder frei kommt, beschließt sie im Alter von 24 Jahren schweren Herzens, nach Paris zu flüchten und dort eine Zukunft für sich aufzubauen. Gemeinsam mit Freundin Ruth teilt sie sich eine zweckmäßige Dachwohnung im Quartier Latin und hält sich mit Teilzeitjobs (z. B. als Arztsekretärin) über Wasser. Obwohl Gerta die pulsierende Metropole schnell ans Herz wächst, vermisst sie ihre Familie und ihr Zuhause. Sie hadert mit ihrem Status als Flüchtling, fühlt sich als nicht willkommener Gast und sieht ihr Jüdisch sein als Bürde – ganz zu schweigen von ihrem Glauben, den sie angesichts der schlimmen Erfahrungen, die sie schon in ihren jungen Jahren machen musste, mehr und mehr verliert.

Eine schicksalhafte Begegnung

Über Ruth lernt sie eines Tages den ungarischen Fotografen André Friedman kennen, der als Linker verfolgt wurde und von Budapest über Berlin nach Paris geflüchtet war. Gemeinsam mit seinem besten Freund David Seymour, genannt Chim, hält er sich mit Fotojobs mehr schlecht als recht über Wasser. Gerta gefällt seine extrovertierte Art, seine Selbstsicherheit und seine zeitweilige Melancholie, die seine Verletzlichkeit offenbart. Obwohl eine Beziehung das letzte ist, was Gerta in ihrer Situation möchte, kommen sich die beiden näher und werden schließlich ein Paar. André bringt ihr alles bei, was er über das Fotografieren weiß, und Gerta lernt schnell. Sie gewinnt an Selbstvertrauen und macht ihre ersten zaghaften Versuche als Fotografin. Ihr ist zwar klar, dass sie niemals so gut sein wird wie Friedman, der einfach das Gespür für das richtige Momentum eines Fotos hat, doch sie ist entschlossen, ihren eigenen Stil zu finden.

Mit neuen Namen zum Erfolg

Als das Geld immer öfter zu knapp zum Überleben wird, nimmt Gerta die Dinge selbst in die Hand: Sie erklärt sich kurzerhand zur Managerin von André, dem jeglicher Geschäftssinn fehlt, ändert seinen Namen in Robert Capa und attribuiert ihm die erfundene Vita eines international erfolgreichen amerikanischen Fotografen. Sie tauscht seine heißgeliebte Lederjacke gegen einen weltmännischen Anzug und versucht so, ihm gewinnbringende Aufträge bei namhaften Agenturen zu verschaffen. Und ihr Plan geht auf: André gewinnt an Renommee und wird bald ein allseits gefragter Fotograf. Auch sich erfindet Gerta neu: Sie nennt sich fortan Gerda Taro und erhält ebenfalls erste Aufträge.

Capa und Taro an der Front: Die Gräuel des Spanischen Bürgerkriegs im medialen Fokus

Als General Franco 1936 einen Putsch gegen die linke spanische Regierung verübt, fahren Capa und Taro kurze Zeit später nach Spanien, um die Situation vor Ort mit der Kamera zu dokumentieren. Doch nichts kann sie darauf vorbereiten, was sie dort erwartet. Der Spanische Bürgerkrieg wird zum ersten medialen Krieg der Geschichte – die von den europäischen Zeitungen in Auftrag gegebenen Fotos spiegeln das ganze Ausmaß der Grausamkeit und Menschenverachtung der sinnlosen Gewaltakte wider. Capa und Taro, die das Geschehen hautnah an der Front mit erleben, sind erschüttert. Ihre Momentaufnahmen zeigen die Menschen in ihrer ganzen Verzweiflung und Einsamkeit – völlig verloren in einem Krieg, der ihnen nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch ihre Seele raubt.

„Im Augenblick des Todes“

Dann wird Capa mit einem einzigen Foto weltberühmt: „Tod eines Milizionärs“ bzw. „Loyalistischer Soldat im Augenblick des Todes“ geht um die Welt und macht ihn auf einen Schlag zu einer Ikone unter den Kriegsreportern. Aber wie kann er sich über den Erfolg freuen? Das Foto des Sterbenden, das er unter Lebensgefahr schoss, lässt ihn nicht mehr los. Und auch Gerda hat der Krieg verändert: An einen gerechten Gott kann sie angesichts der Toten, die sie jeden Tag umgeben, nicht mehr glauben. Immer öfter hat sie Schuldgefühle, noch am Leben zu sein. Und doch stürzt sie sich wie Robert mit der Kamera jeden Tag aufs Neue wagemutig in die nächste Schlacht.

Gegen jede Warnung

Langsam und schleichend bekommt die Beziehung der beiden erste Risse. Gerda hat genug davon, die Frau in seinem Schatten zu sein und wagt immer öfter Alleingänge, die Robert nicht gut heißt. Sie fährt wieder und wieder an die Front nahe Madrid, während Robert in Paris bleibt, und hält das Grauen des Krieges auf ihre ganz besondere Art fest. Als sie eines Tages – gegen jede Warnung – an der Front bleibt, um einen Bombenangriff der Deutschen fotografisch zu dokumentieren, kommt es zur Katastrophe, die sie im Alter von nur 27 Jahren das Leben kostet…

Brillanter Roman über das Lebensdrama einer mutigen Frau

Mit Warten auf Robert Capa ist Susana Fortes ein sehr berührender Roman über das bewegte Leben Gerda Taros gelungen. Die Autorin hat exzellent recherchiert und die politische, soziale und kulturelle Atmosphäre der damaligen Zeit mit großer Lebendigkeit eingefangen. Neben den zentralen Charakteren treffen wir auch auf viele interessante Persönlichkeiten dieser Epoche: Henri Cartier-Bresson, französischer Fotograf und – neben Capa – Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, Man Ray, amerikanischer Fotograf und Objektkünstler, Ernest Hemingway, der legendäre Schriftsteller, der ebenfalls vom Spanischen Bürgerkrieg berichtete u.v.m.

Fortes lässt die Protagonisten Gerda und Robert vor unseren Augen lebendig werden und gewährt einen aufschlussreichen Blick in die Psyche der beiden Hauptfiguren, so dass man am Ende des Buches das Gefühl hat, sie persönlich gekannt zu haben. Vor allem aber vergisst man als Leser angesichts der fesselnd geschriebenen und sehr zu Herzen gehenden Story sehr schnell, dass es sich hierbei um Fiktion handelt, auch wenn die geschichtlichen Fakten allesamt stimmig sind. Und es ist genau diese Realitätsnähe, die durchdringende und klangvolle Sprache sowie die ergreifenden Einsichten in die Conditio Humana, die diesen ausgezeichneten Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis machen. Daher mein Fazit: Ein Must Read!

Susana Fortes: Spanische Schriftstellerin und Journalistin

Susana Fortes wurde 1959 in Pontevedra (Spanien) geboren. Sie ist die Tochter des Schriftstellers Xosé Fortes Bouzán und die Schwester von Xabier Fortes, Journalist bei TVE. Fortes absolvierte ein Geschichts- und Geografie-Studium an der Universität von Santiago de Compostela und graduierte im Studienfach Amerikanische Geschichte an der Universität von Barcelona.

Sie unterrichtete zunächst Spanisch und Kunstgeschichte in Louisiana und Kalifornien. Heute arbeitet sie als Sekundarlehrerin im Instituto Sorollo in Valencia und widmet sich mit gleichem Engagement der Schriftstellerei. Ihr erster Roman Querido Corto Maltés erschien 1994 und wurde mit dem renommierten Premio Nuevos Narradores für das beste Debüt ausgezeichnet. Mit ihrem sechsten Roman, El amante albanés, der 1998 veröffentlicht wurde, gelang Fortes der Sprung auf die Finalistenliste des etablierten Literaturpreises Premio Planeta. Der 2009 erschienene Roman Warten auf Robert Capa (Esperando a Robert Capa) markierte für sie den literarischen Durchbruch – für diese einzigartige Erzählung erhielt sie den namhaften Fernando Lara Preis.

Darüber hinaus schreibt Fortes Beiträge für Zeitungen (z. B. El País oder La Voz de Galicia) sowie für Literatur- und Kinomagazine.

Fortes zählt mittlerweile zu den populärsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Spaniens. Ihre Romane werden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Leider sind davon nur zwei – Quattrocento (Im Zeichen der Madonna) und Esperando a Robert Capa (Warten auf Robert Capa ) – ins Deutsche übersetzt worden, was wirklich sehr schade ist.

Die o.g. biografischen Angaben sind den Verlagsinformationen und der englischen, spanischen und französischen Wikipedia-Seite entnommen.


Originalausgabe: Fortes, Susana. Esperando a Robert Capa. Barcelona: Editorial Planeta S.A., 2009.
Deutsche Ausgabe: Fortes, Susana. Warten auf Robert Capa. Aus dem Spanischen von Judith Petrus. Berlin: ebersbach & simon, 2016.
Buchcoverwww.ebersbach-simon.de

1 Quelle: Kulturradio vom rbb – Salli Sallmann, 14.07.2016.

Die Rückkehr der Geister

Stewart O’Nan: Halloween

Passend zum Tag der Geister habe ich eine ganz besondere Buchempfehlung für euch, die es in sich hat. Wer jetzt jedoch angesichts des Titels einen blutigen Splatter-Roman erwartet, liegt falsch, denn Stewart O’Nans brillanter Roman Halloween ist ein vielschichtiger, gespenstiger Psychothriller, der unter die Haut geht. Bedrückende Schauereffekte unterstreichen die düstere Atmosphärik des Buches, die sich auch am fulminanten Ende nicht auflöst. Der Roman spielt in Avon/Connecticut: Es ist Halloween, und die Geister von drei Teenagern – Danielle, Chris, genannt Toe, und Marco – kehren zurück in ihre Heimatstadt, wo sie vor einem Jahr bei einem Unfall auf dem Highway ums Leben kamen, den sie selbst durch viel zu schnelles Fahren verursachten.

Das Drama der Toten – das Schicksal der Lebenden

Zwei ihrer Freunde – Tim und Kyle – überlebten damals das schreckliche Unglück, doch ihr Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe: Kyle, der unkonventionelle Rebell, ist schwer entstellt und auf dem geistigen Stand eines 5-jährigen, während Tim mit seinen immer gravierender werdenden Schuldgefühlen kämpft und innerlich völlig leer und ausgebrannt ist. Beide halten sich mit einem Aushilfsjob in einem Supermarkt über Wasser, das unsichtbare Band des grauenvollen Geschehnisses schweisst sie wie Brüder zusammen. Doch während Kyle unfähig ist, sich zu erinnern und von einem Tag zum anderen lebt, bringt Halloween für Tim die schrecklichen Erinnerungen zurück.

Gleiches gilt für Johnny Brooks, der Polizist, der sich damals eine wilde Verfolgungsjagd mit den fünf Jugendlichen auf dem Highway lieferte, als er versuchte, sie zu stoppen. Für den daraus resultierenden Unfall gibt er sich die Schuld, eine Last, die er kaum tragen kann. Seine Ehe scheiterte, und auch in seinem Job geht es abwärts mit ihm, denn die Bilder von damals verfolgen ihn mit derartiger Intensität, dass er halluziniert und sich in der Realität kaum noch zurecht findet. Immer wieder fährt er zum Unfallort und begutachtet den Baum, gegen den die Teenager mit so hoher Geschwingkeit prallten, dass Danielle, die aus dem Wagen geschleudert wurde, beinahe vollständig enthauptet wurde. Eine Rückkehr in sein altes Leben ist für Johnny ausgeschlossen, er fühlt sich als lebender Toter, der nur noch dahinvegetiert.

Traurige Normalität

Dies alles nehmen die drei Geister Danielle, Chris und Marco zur Kenntnis: Um Kyle und Tim tut es ihnen leid, doch nicht um Johnny. Mit einer gewissen Genugtuung beobachten sie sein Leiden und seinen aussichtslosen Kampf mit seinen Schuldgefühlen. Sie besuchen auch ihre Eltern und die ihrer Freunde und stellen fest, dass das Leben ohne sie weitergeht bzw. weitergehen muss. Während die Eltern von Tim und Kyle froh sind, dass ihre Kinder überlebt haben, versuchen die Eltern der Toten, mit ihrer Trauer fertigzuwerden. Es hat sich ein trauriger Automatismus eingestellt, der nach dem Verlust eines geliebten Kindes die einzige Chance auf Normalität und ein Antrieb zum Weitermachen ist.

Ein schrecklicher Plan

Der Tag neigt sich dem Ende, als Danielle, Chris und Marco bemerken, dass der in sich gekehrte Tim einen furchtbaren Plan gefasst hat, der auch Kyle und – wenn auch unbeabsichtigt – Johnny mit einbezieht. Sie müssen zusehen, wie sich an dem Tag, an dem sich ihr grauenhafter Unfall jährt, eine erneute Katastrophe anbahnt, die ihre Heimatstadt ein weiteres Mal erschüttern wird…

O’Nans Halloween: Ein schauriger Blick in menschliche Abgründe

Dieser Gänsehaut-Roman des amerikanischen Meistererzählers Stewart O’Nan ist wirklich eine Klasse für sich. Ich muss gestehen, dass ich kein großer Fan von Geistergeschichten bin, aber diese hat mich in ihren Bann gezogen. Der Autor lässt die Toten lebendig werden und sie mit der Welt der Lebenden verschmelzen. Doch während die Toten verstörend lebendig sind, wirken die Lebenden innerlich erloschen. Sie alle rekapitulieren auf ihre ganz eigene Weise die Nacht, die alles veränderte und die sie zu dem gemacht hat, was sie jetzt sind. Es gibt kein Zurück, sondern nur ein Hier und Jetzt, das von den dunklen Schatten der Vergangenheit dominiert wird.

In seiner einzigartigen Geschichte thematisiert O’Nan mit seinem unnachahmlichen, soghaften Erzählstil die großen Themen Schuld und Verlust und gewährt einen schaurigen Blick in menschliche Abgründe. Die Psychogramme der Protagonisten Tim und Johnny sind dem Autor ganz besonders gelungen. Die erschreckende Intensität dieser Hauptfiguren macht den Roman zu einem unheimlichen Leseerlebnis sondergleichen, das bis zum dramatischen Ende in Atem hält.

Stewart O’Nan: Namhafter amerikanischer Schriftsteller mit einem Faible für das Obskure

Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Nach seinem ersten Studium arbeitete er zunächst als Flugzeugingenieur in New York. Anschließend studierte er an der Cornell University Literaturwissenschaften und dozierte nach seinem Abschluss an den Universitäten in Central Oklahoma, New Mexico und am Trinity College in Hartford/Connecticut. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in seiner Geburtsstadt Pittsburgh.

O’Nan hat eine Vielzahl von Romanen und Kurzgeschichten, aber auch einige Sachbücher verfasst. Für seinen zweiten Roman, Snow Angels (Engel im Schnee), erhielt er 1993 sogar den renommierten Pirate’s Alley Faulkner Prize. In Kooperation mit Stephen King, den O’Nan schon als Figur in sein rasantes Buch The Speed Queen einbaute, schrieb er die 2012 publizierte Erzählung A Face in the Crowd, bei der er sein Faible für dunkle, mysteriöse Geschichten offenbart.

Sehr erfolgreich wurde auch O’Nans Roman Westlich des Sunset aufgenommen, der die letzten Jahre des Golden Boy, wie man den amerikanischen Schriftsteller F. Scott Fitzgerald nannte, als Drehbuchautor in Hollywood in den Fokus stellt. Mit Tiefgang und Poesie rekonstruiert der Autor Fitzgeralds letztes Aufbegehren gegen seinen unausweichlichen Abstieg und stellt dabei dessen eisernen Willen, trotz widriger Umstände und trotz aller Verzweiflung niemals aufzugeben, in den Vordergrund.

O’Nans jüngstes Buch, City of Secrets, ist im April letzten Jahres in den USA erschienen und handelt vom jüdischen Untergrund-Widerstand in Jerusalem nach dem 2. Weltkrieg. Ich werde es auf jeden Fall lesen und bin gespannt, was mich erwartet.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website des Autors https://stewart-onan.com oder auf der deutschen Fansite http://www.stewart-onan.de.

Die biografischen und bibliografischen Angaben sind den o.g. Websites und den Verlagsinformationen entnommen.


Originalausgabe: O’Nan, Stewart. The Night Country. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2003.
Deutsche Ausgabe: O’Nan, Stewart. Halloween. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2004.
Buchcover: www.rowohlt.de

Mein Highlight der Frankfurter Buchmesse

Im August erhielt ich von einem meiner Lieblingsverlage, dem Atlantik Verlag in Hamburg, das kleine, aber feine Tochterunternehmen von Hoffmann und Campe, eine ganz besondere Einladung, die mir als frankophile Leserin glatt die Sprache verschlug:  Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, dessen diesjähriger Ehrengast Frankreich war, hat man für ausgewählte Bloggerinnen und Blogger ein gemeinsames Frühstück mit den französischen Bestsellerautoren Lorraine Fouchet, Antoine Laurain und Grégoire Delacourt organisiert. Diese einmalige Gelegenheit, die drei außergewöhnlichen Literaten persönlich kennenzulernen, konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, und so habe ich mit großer Freude zugesagt – und es hat sich mehr als gelohnt!!!

Da ich mir fest vorgenommen hatte, mir in diesem Jahr auf der Messe mal nicht die Füße platt zu laufen, sondern mir vor allem das Angebot der kleinen Verlage anzuschauen, kam ich relativ früh am Stand des Atlantik Verlags an und war sofort sehr angetan: Nicht nur von der brillanten Buchauswahl, sondern auch von den sehr ansprechend designten Covern, die ein wahres Fest fürs Auge sind. Meine Romanfavoriten, die ich auf jeden Fall lesen möchte, sind Thomas Montassers Roman Monsieur Jean und sein Gespür für Glück, Der Meisterkoch von Saygin Ersin, Der Fluch des Hauses Foskett, ein weiterer Fall für den glasäugigen viktorianischen Detektiv Sidney Grice, den Autor M.R.C. Kasasian so wunderbar grantig konzipiert hat, und natürlich – passend zu Weihnachten – Agatha Christies Das Geheimnis des Weihnachtspuddings.

So langsam füllte sich der Stand, und ich konnte gerade noch rechtzeitig einen Platz vor den schönen Bücherwänden ergattern. Neben mir saßen u.a. Julia Schmitz (Fräulein Julia), freie Journalistin und Bloggerin, Katja Baltruschat vom Blog literaturELLe.de und Kerstin Wiegard (www.literaturchaos.jimdo.com). Es ist wirklich schön, sich mal persönlich kennenzulernen und sich übers Bloggen u.v.m. auszutauschen. Viele Blogger-Kolleginnen sind von weit her angereist, um dabei zu sein und waren terminlich durchgetaktet. Da ich noch nicht so lange blogge, konnte ich von den dreien viele nützliche Infos erhalten. Und wie wir so angeregt plauderten, standen plötzlich Antoine Laurain und Lorraine Fouchet (Grégoire Delacourt war leider erkrankt) in unserer Mitte. Wow – das war schon ein ganz besonderer Moment, und plötzlich wurde es ganz still. Doch nicht lange, denn Laurain und Fouchet gesellten sich ganz entspannt zu uns, so dass anregende Gespräche ganz wie von selbst in Gang kamen.

Laurain stand zunächst im Vordergrund, umringt von seinen weiblichen Fans. Bestens gelaunt signierte er seinen neuesten Roman Die Melodie meines Lebens, den ich euch demnächst auf meinem Blog vorstellen werde. Ihr dürft gespannt sein, denn diese Geschichte ist wirklich etwas ganz Besonderes und unterscheidet sich deutlich von seinen vorherigen Werken, obwohl es zunächst laut Klappentext so scheint, als würde Laurain seinem literarischen roten Faden – ein Objekt verändert das Leben eines Menschen auf wundersame Weise – treu bleiben.

Mit unendlicher Geduld erfüllte Laurain die zahlreichen Fotowünsche und plauderte mit den anwesenden Gästen charmant auf Englisch und Französisch. Nachdem er auch mein Exemplar signiert hatte, wollte ich von ihm wissen, woher er die Ideen zu seinen Romanen nimmt. Er verriet mir, dass es hier kein festes Schema für ihn gibt. Die Idee zu seinem Roman Der Hut des Präsidenten kam ihm beispielsweise, als er seinen Hut und Schal in einem Restaurant vergaß und beides nicht mehr zurückerhielt. Was seine fiktiven Charaktere angeht, die er so gelungen porträtiert, ist dem Autor vor allem wichtig, dass sie Sympathie erwecken, was ihm meines Erachtens auch sehr gut gelingt. Abschließend teilte mir Laurain zudem mit, dass sein neuestes Buch noch in diesem Jahr in Frankreich erscheint. Nach Lektüre von Die Melodie meines Lebens müssen sich die deutschen Leser leider noch ein Jahr gedulden, bis sein brandneuer Roman auch bei uns publiziert wird.

Danach gesellte ich mich zu dem Interessentenkreis um Lorraine Fouchet, die wirklich außergewöhnlich natürlich und sympathisch ist. Sie signierte mir ihr wunderbares Buch Ein geschenkter Anfang auf sehr außergewöhnliche Weise, indem sie ein kleines Boot hineinmalte und schrieb:  Das ist das Boot des Lebens. Spring auf! Ich wollte von ihr wissen, wie sie ihre Charaktere, insbesondere jene in diesem Buch, kreiert hat. Sie verriet mir, dass viele der lokalen Personen wie Metzger, Bäcker etc. real existent seien, während sie die Protagonisten Lou, Jo und die weiteren Figuren frei erfunden habe. Ich war sehr überrascht zu hören, dass auch sie einen literarischen roten Faden verwendet: In jedem ihrer Bücher attribuiert sie einer Figur Eigenschaften ihres Vaters, und diese Figur muss nicht unbedingt alt sein. Dies fand ich sehr berührend. Ich war auch erstaunt zu erfahren, dass Fouchets Roman Ein geschenkter Anfang, mit der ihr hier in Deutschland der schriftstellerische Durchbruch gelang, bereits ihr 16. Buch ist. Da ich ihre Art zu schreiben sehr mag, werde ich jetzt peu à peu auch ihre anderen Bücher lesen und bin schon sehr gespannt, was mich erwartet.

Alles in allem war das Treffen mit Antoine Laurain und Lorraine Fouchet wirklich einzigartig. Es hat interessante Einblicke in die Welt der Schriftsteller gewährt und darüber hinaus auch kleine persönliche Einsichten der Autoren übermittelt. Wie im Flug verging die für ca. eine Stunde angesetzte, sehr gelungene Veranstaltung. An dieser Stelle nochmals ein ganz herzliches Dankeschön an Julia vom Atlantik-Verlag, die nicht nur alles bestens organisiert, sondern sich auch hervorragend um uns gekümmert und uns als i-Tüpfelchen mit leckeren Croissants und Orangensaft versorgt hat. Merci beaucoup et à la prochaine!!!


Bildnachweise

Foto Croissant/Frühstück:
https://pixabay.com – Urheber: fcja99

Grafik Eiffelturm mit französischer Flagge:
www.shutterstock.com – Urheber: Tribalium

Alle anderen Fotos: © amillionpages.de

#buchpassion

Die einzigartige Literatur-Onlineaktion geht in die 2. Runde

Nachdem Janine vom Bücher- und Literaturblog Kapri-ziös im letzten Jahr diese wunderbare Literatur-Onlineaktion initiiert hat, die von Autoren, Bloggern, Verlagen und natürlich auch von vielen Lesern begeistert aufgenommen wurde, findet nun in 2017 die zweite Runde der #buchpassion statt. Das primäre gemeinsame Ziel aller Beteiligten ist es, Nichtlesern Bücher näherzubringen und aufzuzeigen, wie viel Spaß Literatur macht und wie spannend und abenteuerlich es sein kann, in die Welt der Geschichten abzutauchen.

Vom 29. September bis 1. Oktober 2017 findet eine Blog- und Webseitenparade statt, bei der jeder Teilnehmer seinen ganz persönlichen Artikel zum Thema #buchpassion – Lieblingsautorinnen und -autoren auf seiner Website bzw. auf seinem Blog veröffentlicht. Wie ihr das Thema behandelt, bleibt euch überlassen: Ihr könnt frei schreiben oder euch an Janines Leitfragen orientieren, die sie auf ihrem o.g. Blog zusammengestellt hat. Darüber hinaus fand gestern bereits eine tolle Literaturparty unter dem Hashtag #buchpassion auf Twitter statt. Die entsprechende Fotochallenge auf Instagram geht noch bis zum 1. Oktober 2017. Ihr seht also: Diese außergewöhnliche Literatur-Onlineaktion lässt keine Wünsche offen. Es ist für jeden etwas dabei: Mitmachen lohnt sich auf jeden Fall.

Die Qual der Wahl

Meine Lieblingsautorinnen und -autoren herauszufiltern, war schon eine echte Herausforderung, denn es gibt so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Romane ich liebe und die mich mit jeder ihrer Geschichten stets aufs Neue in ihren Bann ziehen. Um mir die Qual der Wahl zu erleichtern, habe ich meine Bücherregale en détail inspiziert und schließlich vier Erzähler/innen ausgewählt, die zu meinen absoluten literarischen Favoriten zählen. Ihre Werke haben mich bewegt, gefesselt, zum Lachen und zum Weinen gebracht und mir die Macht der Sprache und die Schönheit der Worte immer wieder auf ganz einzigartige Weise nahe gebracht. Darüber hinaus haben sie mir auf ihre unnachahmliche Art wertvolle Einsichten ins Leben und in die Besonderheiten der menschlichen Natur vermittelt. Die vier von mir selektierten Autorinnen und Autoren treffen mit ihren Stories und außergewöhnlichen Protagonisten mitten ins Herz und haben bei mir bewegende, witzige, traurige, spannende und auch kuriose Eindrücke hinterlassen, die zu unvergesslichen Erinnerungen geworden sind.

© Basso Cannarsa/Opale/
Leemage/laif

John Irving: Großartiger Erzähler mit einem Faible für das Skurrile

Auf den amerikanischen Schriftsteller John Irving bin ich durch seinen wunderbaren Roman Garp und wie er die Welt sah aufmerksam geworden. Nach Lektüre war ich restlos begeistert: Von seinem einnehmenden Erzählstil, seinem einzigartigen Humor und Wortwitz und der gelungenen Mischung aus Tragik und Komik, die bis heute die Essenz seiner Werke ist. Während meines Studiums stieß ich dann in einem Hauptseminar über zeitgenössische amerikanische Autoren erneut auf den meisterhaften Erzähler: Seine Romane Gottes Werk und Teufels Beitrag und Owen Meany standen auf dem Leseplan. Ich fand beide Werke brillant, doch Owen Meany hat mich von der ersten Seite an gepackt: Der Roman hat mich aufgewühlt und in mir die ganze Gefühlspalette von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt hervorgerufen wie kein anderes Buch zuvor.

© Diogenes Verlag

Was macht diese Geschichte so einzigartig? Es ist nicht nur die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Protagonisten, die berührt: John Wheelwright, Mayflower-Spross und unehelicher Sohn einer exzentrischen Mutter, und Owen Meany, der liebenswerte Kleinwüchsige mit der hohen Stimme, der nicht nur aufgrund seiner Initialen sehr an Oskar Mazerath aus Grass‘ Die Blechtrommel erinnert. Die enge Bindung der beiden hat sogar dann noch Bestand, als Johns Mutter durch einen tragisch-verunglückten Baseballwurf von Owen ums Leben kommt. Der oftmals altkluge und weise Owen ist es, der dem vaterlosen John die Augen für viele Dinge öffnet und für ihn der wichtigste Mensch und Vertraute wird. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit den beiden seelenverwandten Einzelgängern, die mit ihren ganz eigenen Dämonen zu kämpfen haben, und lässt schließlich eine Tragödie über sie hereinbrechen, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Irvings eindrucksvoller Roman ist auch ein pointiertes, schonungsloses Porträt des mythisch-verklärten Selbstverständnisses der Amerikaner, das sie zu einer leichten Beute für berechnende Politiker macht, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Der Autor setzt hier zunächst in den 60er Jahren an: Als der faszinierend-mitreißende John F. Kennedy eine Wiederbelebung des unter Nixon lethargisch gewordenen Amerikas und einen glorreichen Neuanfang verspricht, jubeln ihm alle zu. Auch John und Owen sind da keine Ausnahme. Erste moralische Risse bekommt das Bild des heldenhaften Strahlepolitikers, als beide von der skandalösen Affäre JFKs mit Schauspielikone Marilyn Monroe erfahren, deren glamouröses Leben durch einen mysteriösen Tod viel zu früh endete. Für Owen ist Marilyn die Verkörperung Amerikas: Geblendet durch den äußeren Schein eines immerwährenden Jugendideals und die magnetisierende Anziehungskraft eines kalkulierendes Machtapparates, scheitert sie schließlich an der Realität, die sie desillusioniert zurücklässt. Darüber hinaus tut der in den Fokus rückende Krieg in Vietnam sein Übriges dazu, um Camelot zu demystifizieren.

Auch in den 80er Jahren, die Irving in Owen Meany ebenfalls kritisch beleuchtet, ist keine Einsicht und Reflexion zu erkennen. Mit Ronald Reagan hat man einen Präsidenten gewählt, der das Cowboy-Ethos wiederbelebt und die kritikresistente „My-country-right-or-wrong“-Maxime reaktiviert. John Wheelwright, mittlerweile Literaturdozent, bleibt nur noch eine Option: Das kanadische Exil. Doch auch dort gelingt es ihm nicht, sein Land abzuschütteln – das Dilemma, Amerikaner zu sein, wird sich für ihn nie auflösen…

Owen Meany ist ein wunderbarer, witziger, trauriger und tiefgreifender Roman, der gerade in der heutigen Zeit erschreckend aktuell ist. Er ist mit Abstand Irvings wohl politischstes Werk, in dem er viele unbequeme Wahrheiten darlegt und unverhohlen Kritik an seinen teilweise erschreckend naiven, TV-hörigen Landsleuten übt, die die ernüchternde Realität hinter dem schönen Schein schlicht nicht sehen bzw. sehen wollen.

Mittlerweile habe ich alle Romane von John Irving gelesen, und ich kann es nie erwarten, sein neuestes Werk in den Händen zu halten. Seine Geschichten und Protagonisten sind erstklassig, sein Faible für das Skurrile, das mich sehr anspricht, ist augenscheinlich. Irving gelingt mit großartiger Erzählkunst das, was nur wenige Autoren vermögen: Seine Hauptfiguren – so bizarr, schrullig und eigenbrötlerisch sie auch sein mögen –  werden vor unseren Augen lebendig, sie wachsen uns ans Herz, so dass wir am Ende das Gefühl haben, sie schon lange und gut zu kennen: Seien es der weise Dr. Wilbur Larch und der liebenswerte Homer Wells in Gottes Werk und Teufels Beitrag, der melancholische Jack Burns aus Bis ich dich finde, die widersprüchliche Ruth Cole aus Witwe für ein Jahr, der zwiegespaltene Billy aus In einer Person, Dr. Daruwalla auf der Suche nach dem Zwergen-Gen in Zirkuskind oder die Müllkippenkinder Juan Diego und Lupe aus Straße der Wunder. Eingebettet in singuläre, sehr berührende Geschichten beschert uns Irving mit seinen liebevoll gezeichneten Protagonisten unvergessliche Leseerlebnisse, die uns vor allem eines lehren: Was es heißt, ein Mensch zu sein.

© Jean-Luc Bertini – Flammarion

Antoine Laurain: Brillanter Sprachvirtuose mit poetischer Finesse

Die Romane des französischen Schriftstellers Antoine Laurain sind für mich immer ein ganz besonderer Lesegenuss, denn seine ungewöhnlichen, betörenden Geschichten, die er mit viel Charme und angenehmer Leichtigkeit erzählt, nehmen sofort gefangen und bezaubern durch Poesie, Originalität und Sinnlichkeit. Doch hinter der scheinbar heiteren Schwerelosigkeit, die dazu verleitet, Laurains Bücher zumeist in einem Zug zu lesen, und dem zauberhaft anmutenden französischen Flair werden die großen Themen des Lebens sichtbar. Und so tauchen unter der Oberfläche immer wieder auch existentielle Fragen auf, die uns die Tiefe seiner Romane offenbaren und uns vor Augen führen, wie fremdbestimmt und fragil wir oftmals in unserem Menschsein sind. Aber Laurain zeigt uns auch, wie leicht es trotz allem sein kann, diese Erstarrtheit zu durchbrechen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben und sich von Liebe berauschen zu lassen.

© Atlantik Verlag

In seinen bisher erschienenen vier Romanen ist es zumeist ein ganz spezielles Objekt, das das Leben eines in ungeliebter Alltagsmonotonie festgefahrenen Menschen auf beinahe magische Weise verändert. In Liebe mit zwei Unbekannten sind es eine lila Handtasche und ein rotes Notizbuch, die einen Buchhändler und eine Restauratorin auf schicksalhafte Weise zueinander führen. In Laurains Roman Der Hut des Präsidenten, für den er mit dem renommierten Prix Landerneau Découverte und dem Prix Relay des Voyageurs ausgezeichnet wurde, ist es der schwarze Hut des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterand, den dieser in einer Brasserie vergisst und der daraufhin das Leben verschiedener Menschen, die ihn an sich nehmen, grundlegend verändert.

Ein geheimnisvolles Porträt ist das Objekt, das die triste Existenz eines Patentanwaltes in Laurains Roman Das Bild aus meinem Traum auf wundersame Weise aus den Angeln hebt und ihn dank einer Verwechslung direkt in die Arme einer wunderschönen Frau führt. Und auch in seinem neuen Roman, Die Melodie meines Lebens, ist Laurain seiner Strategie treu geblieben: Dieses Mal ist es ein Brief, der mit 33 Jahren Verspätung einen etablierten Arzt erreicht und ihn nicht nur zurück in seine Vergangenheit führt, sondern der dem abgeklärten Mediziner auch ein unerwartetes neues Glück verspricht.

Wenn ich über meine Lieblingsautoren spreche, stelle ich zumeist immer eines oder zwei ihrer Werke heraus, die mir ganz besonders gefallen. Bei Antoine Laurain kann ich mich nicht entscheiden: Seine spritzigen, lebensklugen Romane sind alle brillant: Sie sind für mich wie ein Glas guten Rotweins, das man entspannt genießt und berauscht beendet. Der französische Autor zählt für mich daher auch zu den außergewöhnlichsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre, dessen Romane mit poetischer Finesse verzaubern und mit ihrer Feel Good Atmosphäre beflügeln.

© Circe

Anita Shreve: Renommierte Bestseller-Autorin und Journalistin mit einem Sinn für das Besondere

Die amerikanische Autorin Anita Shreve zählt ebenfalls zu meinen literarischen Favoriten. Ich habe alle ihre Romane gelesen und bin immer wieder aufs Neue angetan von ihrem einzigartigen Schreibstil und ihrer sprachlichen Ausdruckskraft. Ihre Geschichten sind ausgefallen, dramatisch, romantisch, spannend, schockierend und berührend – sie schwirren noch lange in den Gedanken, wenn man sich schon längst einer neuen Lektüre zugewandt hat. All diese Attribute machen Shreves Romane für mich zu ganz besonderen Lesehighlights, die ihresgleichen suchen.

Shreve startete ihre literarische Karriere zunächst mit Kurzgeschichten. Da sie von der Schriftstellerei allein ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, wandte sie sich parallel dem Journalismus zu. Sie arbeitete drei Jahre als Journalistin für ein afrikanisches Magazin in Nairobi/Kenia. Nach ihrer Rückkehr in die USA lehrte sie Kreatives Schreiben am Amherst College und war freiberuflich für eine Reihe von namhaften Magazinen wie The New York Times MagazineThe New York Magazine etc. tätig.

Ihr internationaler Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr mit ihrem brillanten Roman Die Frau des Piloten im Jahr 1998. Das Buch avancierte in kürzester Zeit zum Bestseller: Die berühmte amerikanische Talkmasterin Ophrah Winfrey empfahl es in ihrem namhaften Book Club als Buch des Monats, was seine Bekanntheit noch immens förderte.

© Piper Verlag

Anita Shreve habe ich durch ihr einzigartiges Roman-Drama Das Gewicht des Wassers entdeckt. Sie erzählt darin die tragische Geschichte der Fotoreporterin Jean, die für eine Zeitung die grausamen Morde an zwei norwegischen Immigrantinnen, die 1873 die kleine Insel Smuttynose vor der Küste Neuenglands erschütterten, erneut recherchieren und mit der Kamera dokumentieren soll.  Jean verbindet ihren Auftrag mit einem Segeltörn zu den Isles of Shoals gemeinsam mit ihrem Mann Thomas, einem berühmten Dichter, ihrer fünfjährigen Tochter Billie, ihrem Schwager Rich und seiner neuen Freundin Adaline. Der Ausflug endet in einer Katastrophe und lässt Jean alles verlieren, was sie liebt…

Der Roman ist Beziehungstragödie und Thriller zugleich, der darüber hinaus von der Autorin detailliert recherchierte und sehr aufschlussreiche historische Informationen über das karge und entbehrungsreiche Leben der norwegischen Fischer, die nach Amerika immigrierten, beinhaltet. Die Axtmorde auf Smuttynose im Jahre 1873 sind tatsächlich geschehen, die Stories um Jean und Maren hat die Autorin sehr klug und äußerst packend dazu erdacht. Diese gelungene Mischung aus Facts & Fiction macht das Besondere dieses brillant geschriebenen Romans aus. Für dieses Werk wurde Shreve mit dem PEN New England Award/L. L. Winship ausgezeichnet. Es wurde 2000 von Regisseurin Kathryn Bigelow mit Sean Penn, Sarah Polley und Elizabeth Hurley in den Hauptrollen sehr erfolgreich verfilmt.

Nachdem mich Das Gewicht des Wassers derart begeistert hat, habe ich nach und nach alle weiteren Romane der Autorin, die wirklich wunderbar geschrieben sind, regelrecht verschlungen. Von diesen möchte ich abschließend noch ganz kurz meine Favoriten hervorheben: Olympia – hier wird die Skandalliebe der jungen Olympia zu einem fast 30-Jahre älteren Arzt um die Jahrhundertwende thematisiert. Die Frau des Piloten erzählt von Kathryn, deren Ehemann bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz – angeblich durch gezielten Selbstmord – ums Leben kommt. Sie glaubt nicht daran und versucht, die Wahrheit aufzudecken. Was sie jedoch schließlich herausfindet, hebt ihr ganzes bisheriges Leben ein weiteres Mal aus den Angeln. Protagonistin in Das Echo der verlorenen Dinge ist die englische Krankenschwester Stella Bain, die im 1. Weltkrieg ihr Gedächtnis und alles, was sie einst liebte, verloren hat. Verzweifelt irrt sie durch London, bis sie durch nervenaufreibende Sitzungen mit einem Arzt schließlich einen Weg zurück in ihre Vergangenheit findet. Sie ahnt nicht, welche schrecklichen Erinnerungen sie heraufbeschwört…

Insgesamt hat Anita Shreve bisher 17 Romane veröffentlicht, die sich millionenfach verkauften. Ihr neuestes Buch The Stars Are Fire erschien im April dieses Jahres in den USA und ist auf dem besten Wege, ebenfalls ein Bestseller zu werden.

© Jerry Bauer

Paul Torday: Literarischer Meister leiser Töne

Paul Torday zählt schon seit langem zu meinen Lieblingsautoren. Umso betrübter war ich, als ich 2013 von seinem viel zu frühen Tod im Alter von nur 67 Jahren erfuhr. Der literarische Spätzünder, der über drei Jahrzehnte erfolgreich als Unternehmer tätig war, widmete sich erst in der Mitte seines Lebens der Schriftstellerei. 2007 gelang ihm im Alter von 61 der internationale Durchbruch mit der wunderbaren Komödie Lachsfischen im Jemen, die 2011 mit Ewan McGregor, Emily Blunt und Kristin Scott Thomas verfilmt wurde. Als bald darauf Krebs bei ihm diagnostiziert wurde, was er jedoch nicht öffentlich bekannt machte, schrieb er im Wettlauf mit der Zeit. Er veröffentlichte nach seinem o.g. Debüt noch sechs Romane, zwei Kurzgeschichten und eine Satire, die sein Sohn Piers nach seinem Tod vollendete. Leider sind nur drei seiner Romane ins Deutsche übersetzt worden (Lachsfischen im Jemen, Bordeaux und Charlie Summers), was sehr schade ist, denn meines Erachtens sollten auch die deutschen Leser unbedingt in den Genuss seines kompletten Werkes kommen.

© Piper Verlag

Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, war Bordeaux – Ein Roman in vier Jahrgängen, das für mich auch gleichzeitig seine beste und bewegendste Geschichte ist. Der tiefgründige Roman, der so still und bedachtsam erzählt wird, berührt und bedrückt auf schleichende Weise, denn er entfaltet mit schonungsloser Offenheit das Psychogramm eines Suchtkranken, der nicht nur sich, sondern auch andere ihm nahestehende Menschen mit in den Abgrund zieht. Torday erzählt die tragische Geschichte der Hauptfigur chronologisch rückwärts, eine außergewöhnliche literarische Variante, die zwar am Anfang etwas befremdet, aber den Spannungsbogen keinesfalls verringert. Ohne Pathos und Sentimentalität katapultiert uns Torday in die Gedankenwelt des Softwaregenies und Alkoholikers Francis Wilberforce – eine gewaltige Herausforderung, denn wir geraten in einen Wirbelsturm von wirren Geschichten, Lügen, Erinnerungsfragmenten, aber auch von immenser Traurigkeit, Sinnleere und Einsamkeit. Dank Tordays großartiger Erzählkunst gelingt es uns jedoch, dieses Wirrwarr zu entzerren und uns selbst ein Bild dieses verzweifelten, aber unbelehrbaren Menschen zu machen, dessen Untergang vorprogrammiert zu sein scheint.

Doch Torday urteilt nicht – er mahnt auf seine eigene, leise Weise, in dem er versucht, einen Mann greifbar zu machen, der sehenden Auges seinem Verderben entgegengeht. Dies ist dem Autor meisterhaft gelungen, denn man mag Wilberforce verachten und ihn widerwärtig finden, aber es ist unmöglich, von seinem selbst gewählten Schicksal nicht berührt zu sein. Dies liegt vor allem daran, dass Torday hinter der uneinsichtigen alkoholbenebelten Fassade den verzweifelten Menschen durchscheinen lässt, der keinen Ausweg mehr sieht. Dies mag nicht genug sein, um Mitleid zu erwecken, aber es reicht aus, um ihn – wenn auch nur für kurze aufblitzende Momente – in seinem ganzen Seelenschmerz zu verstehen.

Nach Lektüre von Bordeaux habe ich nach und nach alle seine Werke gelesen – begonnen habe ich mit seinem o.g. Erstlingswerk Lachsfischen im Jemen, eine herrlich witzige, ironische Erzählung über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem eigenbrötlerischen englischen Wissenschaftler und einem Scheich aus dem Jemen. Tordays darauffolgendes Werk, der Pageturner The Girl On the Landing, erzählt die hochspannende Geschichte eines Ehepaares, dessen Welt aus den Fugen gerät, als der Mann plötzlich eine mysteriöse, zunächst angenehme, dann angsteinflößende Wesensveränderung durchmacht.

More Than You Can Say ist ein weiteres Buchjuwel des Autors und handelt von der waghalsigen Wette eines ehemaligen Offiziers, der sich – ehe er sich versieht – in ein gefährliches Abenteuer verstrickt. In seinem beißenden Roman Charlie Summers stellt der weltfremde gleichnamige Pechvogel das Leben eines reichen Bonvivants am Vorabend der Weltwirtschaftskrise völlig auf den Kopf, während im sehr amüsanten The Legacy of Hartlepool Hall der schuldengeplagte Ed Hartlepool verzweifelt versucht, sein geerbtes Familienanwesen zu retten und die Identität der geheimnisvollen Lady Alice zu lüften.

Tordays verstörendstes Buch ist zugleich auch sein letzter fertiggestellter Roman, The Light Shining In The Forest. Es handelt von Norman Stokoe, der eine Stelle als Kinderbeauftragter antritt, wobei ihn sein Job nicht wirklich interessiert. Er ist Bürokrat durch und durch, Engagement ist ein Fremdwort für ihn. Sein Leben und sein Job plätschern entspannt dahin, bis plötzlich zwei Kinder verschwinden. Die Presse wird auf die mysteriösen Fälle aufmerksam und auch die verzweifelten Mütter lassen nicht locker, so dass Norman nunmehr zum ersten Mal in seinem Leben gezwungen ist, Stellung zu beziehen und aktiv zu werden. Was er herausfindet, lässt ihn den Glauben an alles verlieren, vor allem an das System, das er repräsentiert…Dieses Buch macht wirklich Gänsehaut und fesselt bis zum völlig überraschenden Ende.

Was mir an Tordays Werken so sehr gefällt, ist, dass sie unterschiedliche Genres bedienen, die der Autor – jedes für sich – perfekt beherrscht. An seinen komischen Geschichten gefallen mir vor allem seine Tongue-in-Cheek-Erzählweise, sein trockener Humor und seine Ironie. Bei den spannenden Werken ist es seine ganz besondere Art, den Leser schleichend in Aufregung zu versetzen, während es bei seinen dramatischen Romanen vor allem die bewegenden Stories sind, die mich noch lange nach Lektüre beschäftigen. Wie traurig, dass es keine Romane dieses großartigen Schriftstellers mehr geben wird…

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Darüber hinaus gibt es noch diverse Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ich sehr gerne lese, wie z.B. Erika Robuck (Hemingway’s Girl, Call Me Zelda, The House of Hawthorne etc.) und Valerie Martin (Im Haus des Dr. Jekyll, Property, The Confessions of Edward Day) deren Werke nur teilweise oder noch gar nicht ins Deutsche übersetzt wurden, was wirklich sehr schade ist. Ganz besonders angetan bin ich auch von den Romanen von Tracy Chevalier (Das Mädchen mit dem Perlenohrring, Zwei bemerkenswerte Frauen, Das dunkelste Blau etc.), Jón Kalman Stefánsson (Himmel und Hölle, Der Schmerz der Engel etc.), Slavenka Drakulić (Frida, Dora und der Minotaurus etc.) und der Literatururgesteine John Updike und Philip Roth. Von den Queens of Crime Charlotte Link, Elisabeth George und Camilla Läckberg kann ich ebenfalls nie genug bekommen. Gleiches gilt für die unsterblichen Klassiker Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald, Alexandre Dumas, Jane Austen, die Brontës, Arthur Conan Doyle, Agatha Christie u.v.m.

Darüber hinaus habe ich ein ganz besonderes Faible für die französische Literatur: Angefangen bei den Klassikern von Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Georges Simenon bis hin zu meinen Neuentdeckungen Camille de Peretti, Jean-Marc Ceci, Grégoire Delacourt, Olivier Bourdeaut, Aude Le Corff, Adrien Bosc und Jean-Paul Didierlaurent. Last but not least hier noch mein literarischer Favorit aus Kuba, Leonardo Padura, dessen Roman Adíos, Hemingway zu meinen ganz persönlichen Lese-Highlights zählt.

Mir hat es großen Spaß gemacht, wieder bei #buchpassion mit dabei zu sein. Ich freue mich auf die Beiträge der zahlreichen Teilnehmer und bin schon sehr gespannt, was mich erwartet…


Mein herzlicher Dank gilt den folgenden Verlagen:

Atlantik Verlag, Hamburg, www.atlantikverlag.de, der mir freundlicherweise die Buchcover von Liebe mit zwei Unbekannten, Der Hut des Präsidenten, Das Bild aus meinem Traum und Die Melodie meines Lebens sowie das Foto von Antoine Laurain zur Verfügung gestellt hat.

Diogenes Verlag, Zürich, www.diogenes.ch, der mir freundlicherweise das Buchcover von Owen Meany und das Foto von John Irving zur Verfügung gestellt hat.

Piper Verlag, München, www.piper.de, der mir freundlicherweise die Buchcover von Bordeaux und Das Gewicht des Wassers sowie die Fotos von Anita Shreve und Paul Torday zur Verfügung gestellt hat.