Besinnliches zum Advent

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

 


Quelle: Maack, Ute (Hrsg.). Weihnachten mit Joachim Ringelnatz. Berlin: Insel Verlag, 2015.
Foto: www.pixabay.com, © jill111

Die Totgeglaubte

Guillaume Musso: Das Mädchen aus Brooklyn

Die Romane von Guillaume Musso habe ich alle verschlungen. Nacht im Central Park ist dabei immer meine Nr. 1 geblieben – doch dann habe ich sein neuestes Buch Das Mädchen aus Brooklyn gelesen, und seitdem habe ich zwei literarische Favoriten. Was für eine unglaublich gut gemachte und hochspannende Tour de Force, auf die der Autor seine Leser mit dieser unvergleichlichen Geschichte schickt! Zeit zum Luftholen bleibt da nicht, denn die packende Story entwickelt sich viel zu rasant und viel zu dramatisch, als dass man sie auch nur eine Minute aus der Hand legen könnte. Und dabei beginnt alles so romantisch – wie in einem längst aus der Mode gekommenen alten Liebesroman, bei dem die Welt noch in Ordnung ist…

Die Frau seiner Träume

Der Schriftsteller Raphaël Barthélémy verbringt ein paradiesisches Wochenende mit der Frau seiner Träume, Anna Becker, einer Kinderärztin, an der Côte d’Azur. Nach dem Scheitern seiner Ehe mit einer karriereorientierten Wissenschaftlerin ist sich der alleinerziehende Vater sicher, mit Anna nicht nur die richtige Partnerin, sondern auch eine liebevolle Ersatzmutter für Söhnchen Theo gefunden zu haben. Doch nach seiner schlechten Beziehungserfahrung ist er misstrauisch und möchte unbedingt mehr über Annas Vergangenheit erfahren, um nicht wieder eine Enttäuschung zu erleben. Bisher hat Anna auf alle seine diesbezüglichen Fragen ausweichend oder gar nicht geantwortet, was ihn stutzig macht. Hinzu kommt ihre fast panische Abneigung gegen das Fotografiert-werden und ihre absolute Ablehnung aller Social Media. Doch Raphaël ist überzeugt, dass es dafür bestimmt eine nachvollziehbare Erklärung gibt.

Ein schockierendes Geständnis

In der entspannten Wochenendstimmung wagt Raphaël einen erneuten Anlauf, der jedoch in einen handfesten Streit mündet, denn Anna reagiert genervt und äußerst feindselig. Aber Raphaël ist dieses Mal nicht bereit, das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zeigt Anna ihm schließlich ein Foto auf ihrem Handy und offenbart: „Das habe ich getan!“ Raphaël stockt der Atem, denn das Bild zeigt drei furchtbar zugerichtete verkohlte Leichen. Völlig entsetzt läuft er davon, nur um sich dann nach dem ersten Schock eines Besseren zu besinnen und zum Urlaubsapartment zurückzukehren. Doch Anna ist nicht mehr da. Hals über Kopf fährt Raphaël nach Paris zurück, doch auch dort kann er sie weder finden noch auf dem Handy erreichen. In seiner Verzweiflung bittet er seinen Freund Marc Caradec, einen ehemaligen Elitepolizisten, um Hilfe, dessen Spürsinn sofort geweckt ist. Als sie schließlich in Annas Apartment nach Hinweisen auf ihren Aufenthaltsort suchen wollen, zeigen sich Spuren eines Einbruchs. Raphaël ist außer sich vor Sorge und macht sich große Vorwürfe. Er ist sich mittlerweile sicher, dass Anna etwas zugestoßen ist, und auch sein Freund Marc ahnt nichts Gutes.

Eine ungeheuerliche Entdeckung

Nach langen, nervenaufreibenden Recherchen finden Raphaël und Marc unter Annas ganz privaten Sachen, die sie in einer gemieteten Box aufbewahrt hat, nicht nur eine Tasche mit sehr viel Geld, sondern auch zwei gefälschte Pässe. Raphaël ist fassungslos und trotz aller Sorge um Anna maßlos enttäuscht, denn für ihn sind dies alles Indizien dafür, dass seine Traumfrau in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Dennoch bittet er Marc, seine Ermittlungen fortzusetzen. Und auch ihm lässt Annas Schicksal keine Ruhe: Seine akribische Suche führt ihn schließlich bis nach New York, wo er in Harlem eine ungeheuerliche Entdeckung macht: Anna Becker ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Claire Carlyle, das totgeglaubte Opfer eines Serientäters, der sie und zwei andere Mädchen entführt und in seinem Haus monatelang gefangen hielt. Bei einem Feuer, so nahm die Polizei an, kamen alle Opfer und der Täter ums Leben. Raphaël ist völlig entsetzt und kann es nicht glauben, denn wenn all dies wirklich stimmt, wie gelang Claire die Flucht und ein Neubeginn mit einer falschen Identität? Und wer trachtet ihr jetzt nach dem Leben, wo der Täter schon seit vielen Jahren tot ist? Die Spur führt Raphaël immer tiefer in Annas altes Leben und zu einem mächtigen Gegner, der alle Hebel in Bewegung setzt, um sie zum Schweigen zu bringen…

Ein nervenaufreibender Pageturner mit fulminantem Showdown

Mussos Das Mädchen aus Brooklyn ist ein spannungsgeladener und ausgeklügelter Thriller, der mich restlos begeistert hat. In dieser raffiniert konzipierten Geschichte ist nichts vorhersehbar – es gibt viele falsche Fährten, auf die man auch als thriller-erfahrener Leser noch aufspringt, weil man überzeugt ist, dass man dieses Mal auf der richtigen Spur ist. Doch Musso belehrt uns immer wieder eines Besseren, indem er kontinuierlich neue Fallen auslegt. Dies macht denn auch den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus, der bis zur letzten Seite fesselt.

Ein weiteres Highlight sind Mussos exzellent entwickelte Hauptfiguren, Raphaël, Marc und Anna, wobei Marc meines Erachtens am besten gelungen ist. Sein Lebensdrama, das sich allmählich vor unseren Augen in Flashbacks entfaltet, ist von ganz besonderer Dramatik. Ohne zu viel zu verraten, lässt sich sagen, dass dieser fiktive Charakter neben Anna mit Abstand der vielschichtigste des ganzen Romans ist, denn er ist einer der Protagonisten, dessen Wahrheit wir erst ganz am Ende kennenlernen. Der fulminante Showdown, mit dem der Roman endet, involviert alle Akteure und hält eine weitere unvorhersehbare Wendung bereit, die den verborgenen Nukleus der Geschichte offenbart.

Mein Fazit: Ein dramatischer Thriller der Extraklasse – unbedingt lesenswert!

Guillaume Musso: Französischer Bestseller-Autor ersten Ranges

Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Als Sohn einer Bibliothekarin entdeckte er schon früh seine Leidenschaft für Literatur und verbrachte oft den Großteil seiner Ferien in der Bibliothek seiner Mutter. Als er mit 15 einen Kurzgeschichten-Wettbewerb gewann, beschloss er, Schriftsteller zu werden. Doch mit 19 zog es ihn zunächst nach New York und New Jersey, wo er mehrere Monate lebte und u.a. als Eisverkäufer arbeitete. Er studierte danach Wirtschaftswissenschaften und arbeitete nach seinem Studienabschluss als Dozent und Gymnasiallehrer. Durch einen schweren Autounfall, der mit einem Nahtoderlebnis einherging, widmete er sich dann ganz seiner Passion und veröffentlichte im Januar 2004 sein erstes Buch mit dem Titel Et Après (Ein Engel im Winter), das es direkt auf die französischen Bestsellerlisten schaffte und mit dem ihm der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Der Roman wurde 2008 mit John Malkovich und Romain Duris in den Hauptrollen verfilmt und ist wirklich sehenswert.

Musso, der abwechselnd in Paris und Antibes lebt und arbeitet, hat in der Zwischenzeit noch 13 weitere Romane (u.a. Wirst du da sein?, Das PapiermädchenSieben Jahre später, mein Favorit Nacht im Central Park, Vierundzwanzig Stunden u.v.m.) veröffentlicht, die von den Lesern begeistert aufgenommen und ebenfalls zu Bestsellern wurden. Mittlerweile haben sich seine Romane weltweit über 22 Mio. mal verkauft und werden in ca. 40 Sprachen übersetzt. Musso zählt neben Marc Levy zu den meistgelesenen französischen Schriftstellern.

Wenn Musso nicht gerade Romane schreibt, ist er ein Vielleser. In einem sehr ausführlichen Interview auf seiner unten aufgeführten Website verrät er seine Lieblingsschriftsteller und seine bevorzugten Romane, wie z.B. Die Schöne des Herrn – Albert Cohen, Der Husar auf dem Dach – Jean Giono, Misery – Stephen King, Der Vorleser – Bernhard Schlink, Gone Girl – Gilian Flynn und Abbitte – Ian McEwan. Ein wahrer Fan ist Musso von seinem französischen Schriftsteller-Kollegen Jean-Christophe Grangé, der mit Thrillern wie Schwarzes Requiem oder Lontano sein Publikum in Atem hält. Eine ausführlichere Auswahl seiner literarischen Favoriten bzw. Inspirationen findet ihr hier: http://www.guillaumemusso.com/mes-inspirations/livres/.

Mussos neuester Roman Un appartement à Paris, der im März dieses Jahres in Frankreich veröffentlicht wurde, erscheint im Juni 2018 unter dem Titel Das Atelier in Paris in Deutschland. Ich bin schon sehr gespannt.

Weitere Informationen über Guillaume Musso findet ihr auf seiner Website www.guillaumemusso.com.


Originalausgabe: Musso, Guillaume. La fille de Brooklyn. Paris: XO Éditions, 2016.
Deutsche Ausgabe: Musso, Guillaume. Das Mädchen aus Brooklyn. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge. München: Pendo Verlag/Piper Verlag GmbH, 2017.
Buchcover: www.piper.de

Besinnliches zum Advent

Lied im Advent

Immer ein Lichtlein mehr
im Kranz, den wir gewunden,
dass er leuchte uns so sehr
durch die dunklen Stunden.

Zwei und drei und dann vier!
Rund um den Kranz, welch ein Schimmer!
Und so leuchten auch wir,
und so leuchtet das Zimmer.

Und so leuchtet die Welt
langsam der Weihnacht entgegen.
Und der in Händen sie hält,
weiß um den Segen!

Hermann Claudius (1878-1980)

 


Quelle: Claudius, Hermann. Ihr habt mein Lied gesungen: Gedichte aus dem Nachlass. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses, 1998.
Foto: www.pixabay.com, © ralfor

Mein herzlicher Dank gilt der Rechteinhaberin, die mir freundlicherweise die Genehmigung zur Veröffentlichung des o.g. Gedichtes erteilt hat.

Eine sehr informative und äußerst ansprechende Seite über die Werke von Hermann Claudius findet ihr unter www.hermann-claudius.de.

Fast wie im Märchen

Amélie Nothomb: Töte mich

Es ist kaum zu glauben, aber der neue Roman von Amélie Nothomb Töte mich ist tatsächlich erst das zweite Buch, das ich von der renommierten belgischen Schriftstellerin gelesen habe. Es wird jedoch ganz bestimmt nicht das letzte sein, denn ihre Geschichten sind wirklich außergewöhnlich, und ihr Schreibstil hat eine ganz besondere Sogwirkung. Hinzu kommen ihr feiner Sinn für Ironie, eine wohl dosierte Portion Humor, aber auch ein spezielles Penchant für Tragik. Ihre ausgefeilten Dialoge, die für mich das Herzstück ihrer Werke darstellen, sind schlicht brillant. Dies alles trifft auch wieder auf ihre neueste Story zu, unter deren Titel ich mir etwas völlig anderes vorgestellt hatte. Ich erwartete ein Psychodrama, war aber bei Lektüre mehr als erstaunt, als ich eine fast märchenhaft anmutende Erzählung vorfand. Die Betonung liegt jedoch hier auf fast, denn Nothomb versteht es meisterhaft, ihre Leser in jeder Hinsicht zu überraschen.

Der glücklichste Mensch auf Erden?

Graf Henri Neville könnte eigentlich der glücklichste Mensch auf Erden sein. Er führt eine wunderbare Ehe mit seiner schönen Frau Alexandra und hat ebenso schöne und talentierte Kinder, Oreste und Électre, die er – zu mancherlei Verwunderung – nach den Protagonisten klassischer griechischer Dramen benannt hat. Er lebt mit seiner Familie in einem Schloss in den Ardennen und zählt zu den besten Gastgebern seines Standes. Jedes seiner Feste ist ein Ereignis, eine Einladung von ihm gleicht einem Ritterschlag für die Haute Volée. Doch sein Lebensmärchen bröckelt: Sein Schloss, das er in der Familientradition von seinem Vater erbte, ist baufällig und steht zum Verkauf, da Nevilles zusammengeschrumpftes Vermögen für eine Komplettrenovierung nicht ausreicht. Ihm ist bewusst, dass er nie ein abgezockter Geschäftsmann werden wird und sich somit auch seine stetigen Geldsorgen nicht in Luft auflösen, aber er kann nun mal nicht über seinen Schatten springen. Dies alles könnte Neville noch verkraften, wäre da nicht sein drittes Kind, Tochter Sérieuse (schon ihr Name fällt aus dem Tragödienrahmen), die ihm große Sorgen bereitet. Sie kapselt sich von der Familie ab, redet kaum und hängt dunklen Gedanken nach.

Eine düstere Prophezeiung

Als Sérieuse eines Tages von zuhause ausreißt und von der Wahrsagerin Madame Portenduère halb erfroren im Wald aufgefunden wird, ist Neville alarmiert. Zu seinem Verdruss liest ihm die resolute Seherin auch noch die Leviten: Seine Tochter brauche mehr Zuwendung, er müsse des Öfteren auch mal das Gespräch mit ihr suchen. Der Graf schmettert die Vorwürfe verärgert ab, denn für ihn ist klar, dass seine Tochter in der vollen Blüte der Pubertät steht und ein solches Verhalten nicht unüblich ist. Doch ein schlechtes Gewissen hat er trotzdem, was ihn nur noch wütender macht. Aber es kommt noch schlimmer: Die Wahrsagerin prophezeit ihm, dass er auf seinem opulenten Gartenfest, das demnächst wieder anstehende Highlight des Adelsstandes, einen Gast töten wird.

Das Dilemma des Grafen

Obwohl Neville eigentlich nicht abergläubisch ist, kann er an nichts anderes mehr denken. Er, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, weiß nicht mehr ein noch aus, doch schließlich überwiegt seine pragmatische Seite: Wenn es schon so kommen muss, wie es prophezeit wurde, dann will er wenigstens den Richtigen „aus dem Verkehr ziehen“. Doch wer könnte das sein? Er sucht händeringend nach einer Person, dessen Tod für alle ein Segen wäre, bis ihm seine Tochter Sérieuse mit einem abstrusen Vorschlag zuvorkommt: Er soll sie töten, weil sie keinen Sinn mehr im Leben sieht und unfähig ist, etwas zu fühlen. Der Graf traut seinen Ohren nicht und tut diese in seinen Augen völlig absurde Offerte seiner Tochter als pubertäre Dramatik ab. Während seine Tochter nicht locker lässt, läuft ihm die Zeit davon, denn das Gartenfest, zu dem die Crème de la Crème eingeladen ist, rückt immer näher. Verzweifelt versucht Neville, einen Ausweg aus seinem tragischen Dilemma zu finden, das unweigerlich jemanden das Leben kosten wird…

Ein brillanter Roman mit Esprit, Humor und einer Prise Tragik

Mit Töte mich ist Amélie Nothomb ein unterhaltsamer, geistreicher Roman gelungen, der vor allem durch seine spitzfindigen Dialoge begeistert. Wohl dosierte Ironie gepaart mit teilweise bissigem Humor stehen in keinem Gegensatz zur tragischen Komponente, die die Autorin ihrer einzigartigen Geschichte hinzufügt. Schnell lässt Nothomb ihre Leser die anheimelnde Märchenfassade als zu schön um wahr zu sein entlarven. Gleiches gilt für ihre Figuren: Der gute Graf Neville hat zwar unser volles Mitgefühl, wirkt aber ebenso wie seine attraktive Frau und seine beiden Bilderbuchkinder seltsam blutleer. Einzig Serieuse, die stets ein wenig bizarr daherkommt, erweckt Interesse. Schließlich ist sie es ja auch, die ihren Vater durch ihr rebellisches Verhalten in eine ausweglose, unweigerlich tragische Situation bugsiert, ihn aber gleichzeitig auch aus seiner Adelslethargie reißt. Und der Ausweg, den ihr Vater schließlich aus diesem Labyrinth findet, überrascht niemanden mehr als Sérieuse…

Mein Fazit: Ein – leider viel zu kurzes – Romanjuwel voller Esprit und ein Lesegenuss sondergleichen. Unbedingt lesenswert!

Amélie Nothomb: Belgische Bestseller-Autorin mit einem Faible für Champagner und Pralinen

Amélie Nothomb (alias Baronin Fabienne Claire Nothomb) wird 1967 in Kobe/Japan als Tochter eines belgischen Diplomaten geboren. Ihre Kindheit und Jugend machen aus ihr die Weltbürgerin, die sie heute ist: Sie wächst in Fernost auf und zieht im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach New York, wo sie zum ersten Mal eine Großstadt in all ihrer Opulenz und mit all ihren Entertainments erlebt. Das krasse Gegenteil erwartet sie drei Jahre später, als sie mit ihren Eltern nach Bangladesch übersiedelt. Der dortige allgegenwärtige Hunger schlägt auf ihre Psyche: Sie erkrankt an Magersucht, die sie jedoch u.a. dank ihrer Liebe zur Literatur nach vielen Jahren schließlich besiegen kann. In ihrem 2004 veröffentlichten Buch Biografie des Hungers erzählt die Autorin von ihrer schwierigen Jugend als Diplomatentochter, von ihrem Problem der Wurzellosigkeit und von ihrem ganz persönlichen Kampf gegen die tückische Krankheit.

Nothomb beginnt wie besessen zu schreiben und gleich ihr erster Roman Die Reinheit des Mörders, der 1992 erscheint, wird zu einem Überraschungserfolg und Bestseller. Fortan lässt sie die Schriftstellerei nicht mehr los – ein Roman folgt auf den nächsten, und jeder wird ein literarisches Highlight. Für ihren 1999 erschienen Roman Stupeur et tremblements wird ihr eine ganz besondere Ehre zuteil: Sie erhält den Grand Prix du Roman der Académie Française. 2007 folgt die nächste Auszeichnung:  Man verleiht ihr den renommierten Prix de Flore für ihr Buch Ni d’Ève, ni d’Adam. Nur ein Jahr später würdigt man ihr Gesamtwerk, das mittlerweile ein beträchtliches Ausmaß angenommen hat, mit dem Grand Prix Jean Giono. 2015 wird sie vom belgischen König Philippe in den Adelsstand erhoben und darf von nun an den Titel Baronin tragen.

Die Schriftstellerin mit dem exzentrisch-exquisiten Modegeschmack, die abwechselnd in Paris und Brüssel lebt und arbeitet, ist mittlerweile zum Liebling der Literaturszene avanciert, ihre Fangemeinde wächst unaufhörlich. Laut Presse ist die Autorin, die aus ihrem Faible für Champagner und Pralinen keinen Hehl macht, stets von einem Hauch des Mysteriösen umgeben. Dies hält Nothomb allerdings für absoluten Humbug, wie sie Franziska Wolffheim von der Zeitschrift Brigitte Woman jüngst in einem Interview verriet. Mysteriös hin oder her, es interessiere sie nicht, wie man sie wahrnehme, wichtig sei ihr vor allem, sich selbst zu verstehen.1 Ob ihr dies nach ihren zahlreichen Romanen gelungen ist? Man wünscht es der sympathischen Autorin von ganzem Herzen!

Weitere Informationen über Amélie Nothomb findet ihr auf ihrer Website, www.amelie-nothomb.com, der ich auch ihre biografischen Angaben entnommen habe.


Originalausgabe: Nothomb, Amélie. Le crime du comte Neville. Paris: Éditions Albin Michel, 2015.
Deutsche Ausgabe: Nothomb, Amélie. Töte mich. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Zürich: Diogenes Verlag AG, 2017.

1Quelle: Interview mit Franziska Wolffheim in Brigitte Woman: Amélie Nothomb: Hunger auf das Lebenhttps://www.brigitte.de/woman/kultur/buecher/am%C3%A9lie-nothomb–hunger-auf-das-leben-10132190.html, 2017.

Mein herzlicher Dank gilt der Diogenes Verlag AG, www.diogenes.ch, die mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.